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8.223234 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 34
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

"Russischer Marsch", op. 426

 

Im Frühjahr 1886 reiste Johann Strauß, diesmal in Begleitung von Adèle Strauß, zum letzten Male in die russische Metropole St. Petersburg, um auf Einladung der Damen vom Roten Kreuz bei einigen Konzerten seine neuesten Kompositionen, aber auch seine unvergessenen Werke aus den Jahren 1856-1865, in denen er jeweils den Sommer über im benachbarten Pawlowsk dirigiert hatte, zu präsentieren. Im Gegensatz zum Jahre 1856 mußte Strauß nicht eine Schiffsreise von Rostock her antreten und den Eisgang auf der Newa abwarten, um St. Petersburg zu erreichen, diesmal kam er bequem mit dem Blitzzug aus Berlin. Strauß fand eine veränderte Gesellschaft vor: um den neuen Zaren Alexander III. (1845-1894) hatte sich eine Hofgesellschaft etabliert, die nicht mehr allzuviel von den Ereignissen der "damaligen Zeit" wußte; nurdas eine war unvergessen, daß Strauß damals der Liebling des Publikums (und auch der Zarenfamilie) gewesen war. Nun kehrte der Herr Hofball-Musikdirektor aus Wien als weltweit gefeierter Komponist und Dirigent an die Newa zurück und wurde erst recht begeistert empfangen und gefeiert.

 

Johann Strauß begann seine Konzerttätigkeit in der großen Manege der Leibgarde des Zaren (Garde à Cheval) mit den Huldigungen an das Publikum: "Mon salut" (= "An derWolga"), op. 425, und "Lesdames de St. Petersbourgh" (= "Wiener Frauen"), Walzer, op. 423 (Vol. 12), und ließ diesen vielbejubelten Novitäten beim Konzert am 29. April (d.i. der 17. April nach dem russischen Kalender) den Marsch "Garde à Cheval" folgen, ein ganz und gar unkriegerisches Charakterstück im russischen Stil, das Strauß dem Zaren Alexander III. zueignete. Das in der Folge in die internationale Konzertliteratur übernommene Werk ist im Druck unter dem Titel "Russischer Marsch" erschienen.

 

"Slaven-Potpourri", op. 39

 

Johann Strauß, der zu Beginn seiner Laufbahn der bevorzugte Musikdirektor bei den Veranstaltungen und Festen der in der Residenz des Habsburgerreiches lebenden slawischen Minderheiten gewesen ist, hat für die musikalische Abendunterhaltung aller in Wien lebenden Slawen (Slawische Soiree) am 27. März 1847 ein Potpourri aus den damals bekannten Volksweisen aus dem weiten Bereich der slawischen Musik (von Rußland und Böhmen bis zu den Regionen der Südslawen) zusammengestellt und sein Werk, das später als "Slaven-Potpourri" auch im Druck erschienen ist, bei der beim "Sperl" in der Leopoldstadt abgehaltenen Soiree mit seiner damals noch kleinen Kapelle zum ersten Male vorgeführt. Es gab viel Jubel um das geschicktarrangierte Werk, das u.a. etliche Motive enthält, die sich auch in der späteren "Nikolai-Quadrille", op. 65, finden, sowie ein Zitat der Melodie aus der Oper "Fidlovacka" von Frantisek Jan Skroup (Nr. 8), die zur Nationalhymne der Tschechoslowakei geworden ist. Am 28. April 1847 konstatierte die "Theaterzeitung": "Das Potpourri der slawischen Melodien , das in allen Soireen von Strauß-Sohn jetzt ungemeinen Beifall erregt, ist aus Weisen aller slawischen Nationen zusammengestellt und höchst hörenswert. Jedes Nationallied ist schön, um wieviel angenehmer klingt das slavische, die ewig süße Wehmut!"

 

Auch während seiner Balkantournee im Spätherbst 1847 hatte Strauß-Sohn mit diesem Potpourri viel Erfolg! Im Dezember 1848 aber war die Stimmung in Wien gerade diesem Werk gegenüber völlig verwandelt: Als Strauß nun sein Potpourri beim "Grünen Thor" spielte, erhob sich im Publikum vehemente Opposition, die - wie die "Theaterzeitung" meldete - "auf stürmische Weise die Production des 'Deutschen Vaterlands-Liedes' verlangte." Damals gelang es einem Beamten der Stadthauptmannschaft, im "Grünen Thor" die Ruhe wieder herzustellen. Aber die Kräfte hatten sich gezeigt, die in der Folge den Vielvölkerstaat Österreich zersprengen sollten. Die Aufführung bietet die in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek aufbewahrte Originalfassung des Werkes, nur der verloren gegangene Schluß-Marsch mußte von Gustav Fischer neu instrumentiert werden.

 

"Fünf Paragraphe aus dem Walzer-Codex", Walzer, op. 105

 

Im Karneval 1852 kam zum ersten Mal, seit nach den revolutionären Ereignissen des Jahres 1848 und deren Niederschlagung durch die Armee der Belagerungszustand über die Reichshaupt- und Residenzstadt verhängt worden war, wieder Schwung ins Wiener Leben. Die noch aus dem Vormärz stammenden Strukturen in der Gesellschaft der Donaumetropole wurden wiederhergestellt - und damit kam es auch zur Weiterführung der traditionellen Bälle der Ärzte, der Juristen, der Techniker und - der Wiener Bürgerschaft. Vor allem der Juristenball, der am 3. Februar 1852 im Sofiensaal abgehalten wurde, war überraschend gut besucht. Im Ballbericht, der am 5. Februar in der "Presse" erschienen ist, wurde die Anwesenheit sämtlicher Herren Minister, mehrerer Gesandter - darunter befand sich der britische Gesandte Graf Westmoreland - und des Fürsten Alois von Liechtenstein hervorgehoben. Beachtenswert ist, daß auch der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha diesen Ball besucht hat: Ernst II. hat spätestens bei dieser Gelegenheit den jungen Musikdirektor Johann Strauß kennen gelernt, der selbstverständlich auch bei diesem Ball zum Tanz aufspielte. Ob Strauß damals dem Regenten aus Coburg vorgestellt worden ist, wurde nicht überliefert - jedenfalls ahnte Strauß damals noch nicht, welche wichtige Rolle gerade dieser Herzog 35 Jahre später in seinem Leben spielen sollte. (Herzog Ernst hat Strauß die Hochzeit mit seiner dritten Frau Adèle im Sommer 1887 ermöglicht.) Wie dem auch gewesen sein mag - jedenfalls hat der Walzer, den Strauß im Fasching 1852 unter dem Titel "Fünf Paragraphe aus dem Walzer-Codex" gewidmet hat, großen Beifall gefunden, und zwar mit Recht: denn die fünf Teile des Werkes (hier also "Paragraphe" genannt) überboten einander geradezu an Schmiß und Schwung. In der "Presse" wurde vermerkt, das Werk habe "elektrisch" auf die tanzlustige Menge gewirkt. Wer geglaubt hatte, das "brausende Wiener Leben" der Ära des Biedermeier sei unter dem Belagerungszustand erstickt, mußte seine Meinung revidieren: eine neue Glanzzeit der wienerischen Musik kündigte sich in Novitäten wie diesem Strauß-Walzer bereits deutlich an.

 

"La Favorite", Polka française, op. 217

 

Im Sommer 1858 fügte Johann Strauß seinen bereits recht zahlreichen Kompositionen im russischen Stil eine weitere Polka hinzu, in der der Wiener Walzerkönig besonders auf das Musikverständnis und die Vorliebe seines Publikums in Pawlowskbei St. Petersburg einging: er nannte das Werk denn auch "Reussen-Polka" (Reussen = Russen). Unter diesem Titel ist es auch im Verlag Büttner in St. Petersburg erschienen. Die erste Aufführung der "Reussen-Polka" erfolgte am 30. September 1858 (d.i. der 18. September nach dem russischen Kalender) in Pawlowsk. Das Werk erschien dann als Novität auf dem Programm des Konzerts, das am 6. Oktober 1858 (d.i. der 24. September nach dem russischen Kalender) zum Besten der Witwe des knapp vorher verstorbenen Konzertmeisters, Josef Szokoll, des Pawlowsker Orchester veranstaltet wurde. (Auf diesem Programm stand übrigens auch eine Romanze von Mlle. Olga Smirnitzkaja, für Orchester arrangiert von Johann Strauß. Diese Fassung ist leider verloren gegangen.)

 

Der Wiener Verleger Haslinger hatte mit einer "Reussen-Polka" wenig Freude. Er veröffentlichte das Werk unter dem Titel "La Favorite" im Fasching 1859. Das war für Strauß der Anlaß, die "La Favorite"-Polka unter die Novitäten der Karnevalsrevue zu mischen, die am 13. März im k.k. Volksgarten stattfand. Bei der Karnevalsrevue, bei der also die Strauß-Freunde die "La Favorite"-Polka kennen gelernt haben, scheint das Werk wenig Anklang gefunden zu haben. Denn es geriet in Wien bald wieder in Vergessenheit.

 

"Nikolai-Quadrille", op. 65

 

Im Jahre 1849 konnte der Aufstand gegen das Haus Habsburg in Ungarn erst niedergeschlagen werden, als Zar Nikolaus den Truppen des jungen Kaisers Franz Joseph durch die Entsendung eines Expeditionskorps zu Hilfe kam: gemeinsam besiegten die beiden Monarchen am 13. August 1849 die kleine, aber tapfere Streitmacht der Magyaren. In der Zeit dieser Zusammenarbeit entsandte der Zar seinen Thronfolger, Alexander Nikolajewitsch, nach Wien; dieser hielt sich vom 19. bis 22. August am Hof des Gastgebers auf und wohnte im Schloß Schönbrunn. Johann Strauß-Sohn nahm diese Gelegenheit wahr, um mit seiner Kapelle eine eiligst zusammengestellte "Nikolai-Quadrille" nach russischen Themen aufzuspielen, selbstverständlich in Dommayers Casino in unmittelbarer Nachbarschaft von Schloß Schönbrunn und bei zahlreichen anderen Anlässen. Er wollte ja beweisen, daß er nun die "offizielle Linie" des Kaiserhofes unterstützte. Sehr viel wußte der junge Musikdirektor damals noch nicht von der russischen Musik, daher verwendete er so bekannte Lieder, wie die Volksweise vom "Roten Sarafran" sowohl in der "Nikolai-Quadrille" als auch im früheren "Slaven-Potpourri". Im Finale der Quadrille wurde die Zarenhymne zitiert. Vondiesem Werk dürfte nur die Klavierausgabe (und zwar bereits am 21. August 1849) im Druck erschienen sein. Die nur in Abschrift erhältlichen Orchesterstimmen sind verloren gegangen. Ludwig Babinski mußte die Quadrille daher neu instrumentieren.

 

"Abschied von St. Petersburg", Walzer, op. 210

 

Im Sommer 1856 gab Johann Strauß als Kapellmeister der russischen Eisenbahngesellschaft Konzerte im Vauxhall von Pawlowsk bei St. Petersburg. Die Saison verlief so erfolgreich, daß ihm die Gesellschaft einen zweijährigen Vertrag anbot, den Strauß im November 1856 unterschrieben hat. Im Spätsommer 1858 lief dieser Vertrag aus und Strauß nahm bei seinem letzten Benefizkonzert am 5. September 1858 (d.i. der 24. August nach dem russischen Kalender) mit einem Walzer "Abschied von St. Petersburg". Zwar hatte der Zar dem Wiener Musikdirektor das Bolschoi-Theater in Moskau für drei Konzerte zur Verfügung gestellt, die Strauß nach Saisonschluß zu absolvieren gedachte (es blieb dann allerdings nur bei einem Auftreten an der Moskwa), aber dann war das "russische Abenteuer" ganz offenkundig zunächst einmal zu Ende. Im Herbst 1858 hatte bereits die Romanze mit der kapriziösen Russin Olga Smirnitzkaja begonnen und der Gedanke, seine "romantische Liebe" - wie Strauß selbst es genannt hatte - nicht mehr wiederzusehen, stimmte den etwa 33jährigen Walzerkönig auch nicht gerade fröhlich.

 

In dieser Stimmung schrieb Strauß den Walzer "Abschied von St. Petersburg"; man spürt immer wieder und ganz deutlich, wie schwer dem Wiener Musikdirektor der Abschied von Pawlowsk und St. Petersburg, von seiner Olga und seinem Publikum gefallen ist, wie sehr ihn der Gedanke an diese Trennung bedrückt hat. Gleich die erste Cello-Melodie des Vorspiels, die wohl eine Aufmerksamkeit gegenüber dem Großfürsten Konstantin gewesen ist, der mitunter im Strauß'schen Orchester als Cello-Spieler mitgewirkt hat, ist elegisch und verhalten; auch der Walzer setzt mit einem Abschiedsmotiv ein, dessen Melodiebogen sich abwärts wölbt. Gewiß - Strauß setzt in den fünf Walzerteilen immer wieder zu den gewohnten aufmunternden Motiven an; aber sehr bald schon klingt die Trompete auf, die den Abschied signalisiert. Wehmütige Melodien klingen auf, die einfach nicht zu bannen sind, und in der Coda finden sich jene getragene Motive (Cello!) zu den Achtelschlägen der Oboe, die dann auch - rund 30 Jahre später - in der Coda des "Kaiser-Walzers" zu hören waren. Mit dem verwehenden Trompetensignal endet der Walzer, Strauß war es ernst mit Abschied, Trennung und wehmütiger Trauer um etwas Schönes, das vorüber war .

 

Auf der Rückreise sollte Strauß in Berlin erfahren, daß sein Vertrag doch noch verlängert worden sei. Aber da war sein Walzer "Abschied von St. Petersburg" schon vollendet und in Pawlowsk bejubelt worden. Der Erfolg blieb dem Werk auch bei der Erstaufführung am 21. November 1858 im Wiener Volksgarten treu. Die Kritik erkannte die besondere Qualität des Werkes mehrfach an, und doch hielt es sich nicht im Repertoire der Kapelle. Wollte Strauß nicht an Wehmut und Abschied erinnert werden? Uns ist der Walzer kostbar, weil er den "ganzen Strauß" enthält, weil er nicht nur den übermütig fröhlichen, sondern auch den verhalten trauernden Komponisten erkennen läßt.

 

"Der Kobold", Polka Mazur, op. 226

 

Im Sommer 1859 erlebte Johann Strauß eine romantische, aber auch durchaus leidenschaftliche Liebesaffäre mit der kapriziösen Russin Olga Smirnitzkaja (von Strauß allerdings Smirnitzky genannt). Schon im Spätherbst 1858 hatte er eine von Olga komponierte Romanze ins Programm seiner Konzerte in Pawlowsk aufgenommen. Nach dem Saisonbeginn im Frühjahr 1859 ergab sich für Strauß eine heikle Situation. Da Glgas Eltern von vornherein gegen eine Verbindung des Mädchens mit dem ihnen als nicht gerade seriös erscheinenden Wiener Musiker eingestellt waren, mußten sich die Liebenden heimlich treffen und Botendienste vertrauter Freunde in Anspruch nehmen. Überdies war das Mädchen recht launenhaft: das veranlaßte Strauß, "seiner" Giga - die schließlich dem Wunsch der Eltern nachgeben und Strauß preisgeben sollte - den Spitznamen "Kobold" zu geben. "Der Kobold" ("L'espiègle") nannte er auch die Polka Mazur, die er Olga zuliebe in Pawlowsk komponiert hat. Es wurde ein ebenso drastisch-selbstbewußtes wie amüsant-witziges Werk: einem straff gegliederten ersten Teil folgte ein Trio mit wechselhafter Stimmung, in dem der Spuk des Kobolds durch Stakkatodurchgänge im Fagott sowie in den Pizzikato-Noten für Viola und Cello hörbar gemacht wurde. Die Uraufführung des Werkes, das ohne ausdrückliche Zueignung an Olga Smirnitzkaja im Druck erschienen ist, erfolgte beim Benefizkonzert des Musikdirektors Strauß am 13. August 1859 (d.i.der 1. August nach dem russischen Kalender) in Pawlowsk. Im Wiener Volksgarten war das Werk am 20. November 1859 zum ersten Male zu hören. Johann Strauß selbst führte die Novität zusammen mit anderen Kompositionen aus dem Sommer 1859 dem begeistert applaudierenden Publikum vor.

 

"Im russischen Dorfe", Fantasie, op. 355

 

Johann Strauß hatte einen Vertrag mit der russischen Eisenbahngesellschaft abgeschlossen, der ihn verpflichtete, im Frühjahr 1872 die Konzertsaison im Vauxhall von Pawlowsk mit einer Reihe von Veranstaltungen zu eröffnen. Der Wiener Walzerkönig, der in den Jahren 1856 bis 1865 und dann noch einmal im Sommer 1869 in Pawlowsk Konzerte gegeben hat und dabei zum Publikumsliebling geworden war, hatte in dieser langen Zeit genügend Gelegenheit, russische Volkmusik kennen zu lernen. Er bereitete daher für die geplanten Konzerte in der Saison 1872 zwei Charakterstücke im russischen Stil vor: die "Russische Marsch-Fantasie", op. 353 (Vol. 5), und die Fantasie "Im russischen Dorfe". Als Strauß im Frühjahr 1872 seine Fahrt nach St. Petersburg und Pawlowsk antreten sollte, überlegte er sich aber die Sache: er konnte einer anderen Einladung nicht widerstehen und reiste zusammen mit seiner Gattin Jetty in die Vereinigten Staaten, um am Musikfest in Boston teilzunehmen. Leichtsinnig hatte er darauf vertraut, man werde ihm, dem langjährigen Publikumsliebling, den Vertragsbruch verzeihen. In diesem Falle hatte er sich geirrt: nach einem langjährigen Verfahren wurde Strauß zu einer Geldstrafe verurteilt. Da sich die Direktion der Eisenbahngesellschaft von vornherein wenig einsichtig zeigte, suchte Strauß nach anderen Gelegenheiten für die Uraufführung seiner neuen Kompositionen. Die Fantasie "Im russischen Dorfe", eine Tondichtung mit Stimmungsmalerei und rasanten Tanzweisen, wurde daher in der Kurstadt Baden-Baden uraufgeführt, die Johann Strauß nach seiner Rückkehr aus Amerika aufsuchte. Das Werk erklang zum ersten Male am 17. September 1872 im Großen Saal des Konversationshauses Baden-Baden. Auch die Widmung an Madame la Baronne de Gase hängt mit dieser Uraufführung zusammen: die Adressatin war Kurgast im noblen Erholungszentrum am Rande des Schwarzwaldes.

 

In Wien ist die Fantasie "Im russischen Dorfe" am 1. Januar 1873 durch Eduard Strauß im Konzert des "schönen Edi" im Musikverein zum ersten Male präsentiert worden. Nach der Original-Orchesterfassung dieser interessanten, weitab von der wienerischen Sphäre angesiedelten Fantasie wird noch gesucht; sie scheint aber verschollen zu sein. Daher liegt dieser Wiedergabe die Orchesterfassung Max Schönherrs zugrunde.

 

"Dolci pianti", Lied (Romanze), ohne op.

 

Im Sommer 1863 begleitete Jetty Treffz, die sich im August 1862 mit Johann Strauß vermählt hatte, ihren Gatten nach Rußland. Die weltgewandte Künstlerin fand sich im Kreis der Gesellschalt von St. Petersburg und Pawlowsk rasch zurecht; sie konnte sich als erfolgverwöhnte Sängerin u.a. am Zarenhof bewähren. Für diese Konzerte komponierte Johann Strauß das bereits mehrfach vertonte Lied von den "Süssen Tränen" noch einmal und schuf damit einen Schlager für Jettys Aultreten. In einem seiner übermütig-fröhlichen Schreiben kündigte Johann Strauß seinem Verleger Garl Haslinger (etwa im Juni 1863) an: "Bekommsta Liedl von mir, das im Verdi'schen Style gehalten a Schand ist." Das Lied von den "Süssen Tränen", das Strauß in diesem Postskriptum erwähnt hat, und das Jett y - wie gesagt - auch in Rußland gesungen hat, ist leider in jüngster Zeit abhanden gekommen. Erhalten ist nur ein Arrangement des Stückes für Cello und Klavier in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek. Es stammt aus dem Strauß-Nachlaß. Die Uraufführung des Werkes in der Fassung für Cello und Harfe (mit Begleitung eines kleinen Orchesters?) erfolgte am 18./6. August 1863 in Pawlowsk. Zur Wiener Erstaufführung kam es am 10. Januar 1864 im Volksgarten; diesmal wurde das in eine Romanze verwandelte Lied von Cello und Physharmonika ausgeführt: den Part des harmoniumähnlichen Begleitinstruments spielte Johann Strauß selbst. Von einem langjährigen Mitglied der Strauß-Kapelle stammt jene Fassung für Cello, Harfe und kleines Orchester, die bei dieser Aufnahme verwendet worden ist.

 

"Niko-Polka", op. 228

 

Die wohl amüsanteste aller Polkas im russischen Stil, die Johann Strauß während seiner Tätigkeit in Pawlowsk bei St. Petersburg komponiert hat, ist im Sommer 1859 entstanden und hat den Titel "Niko-Polka" erhalten, weil der flotte Jean sie dem Fürsten Nikolaus Dadiani gewidmet hat. Gleich zu Beginn des Werkes wird ein russisches Volkslied (vorgetragen von Fagott und Cello) mit derart souveräner Kunstfertigkeit der lustigen Geigenmelodie gegenübergestellt, daß trotz der elegischen Moll-Tonart sofort eine Sphäre mitreißender Fröhlichkeit geschaffen wird. Ebenso grandios ist die Aufeinanderfolge der Kontraste im Finale: die Polka scheint gleichsam zu versickern, Harfenklänge lassen die Melodien sanft verwehen - doch dann bekräftigt der harte Schlußakkord, daß die scheinbare Melancholie nur ein Jux des Komponisten gewesen ist. Dazwischen erklingt ein tändelndes Trio - alles zusammen ergibt ein Meisterwerk im russischen Stil!

 

Man kann sich die fröhliche Gesellschaft in der russischen Metropole des Zarenreiches gut vorstellen, die Strauß zu dieser Polka angeregt hat. Die Widmung des Werkes an den Fürsten Nikolaus Dadiani, einem gern gesehenen Gast am Zarenhof, der aus Mingrelien, dem "Land der tausend Quellen" in der Kaukasusregion, stammte, weist ebenfalls darauf hin, daß die gerade durch die "Exoten" (also Repräsentanten der vielen Völkerschaften zu beiden Seiten des Kaukasus und in den Regionen der Turkvölker) so sehr belebte Gesellschaft in St. Petersburg die Impressionen ausgelöst hat, die Strauß in dieser Polka so effektvoll und witzig hat zu Musik werden lassen.

 

Wie eng die Bindung des Komponisten zur Fürstenfamilie Dadiani gewesen sein muß, geht auch daraus hervor, daß Strauß der Mutter des Fürsten, Katharina, die "Romanze", op. 243 (Vol. 14), zugeeignet hat.

 

Die Uraufführung der "Niko-Polka" fand beim Strauß-Benefiz am 14. Juli (d.i. der 2. Juli nach russischem Kalender) 1859 statt. In Wien war das Werk nach der Rückkehr des Komponisten im November 1859 zum ersten Male zu hören und ist am 18. Dezember im Verlag Haslinger im Druck erschienen.


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