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8.223235 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 35
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

"Živio!", Marsch, op. 456

 

Aus dem Melodienvorrat seiner Operette "Jabuka", die am 12. Oktober 1894 im Theater an der Wien uraufgeführt worden ist, hat Johann Strauß sechs Tanzkompositionen arrangiert, darunter den Marsch " Živio!". Die Premiere der Operette bildete den Auftakt zu einer ganzen Serie großangelegter Feiern und Huldigungen anläßlich der 50. Wiederkehr jenes Tages, an dem Johann Strauß-Sohn als Kapellmeister und Komponist im Casino Dommayer debütiert hatte. Johann Strauß und mit ihm buchstäblich ganz Wien feierten also das 50jährige Berufsjubiläum des Walzerkönigs und Operettenkomponisten. Aber die Jubiläums-Operette, zu der Max Kalbeck und Gustav David das Libretto geliefert hatten, gehörte, wie sich schon am Premierenabend zeigte, nicht zu den erfolgreichsten Bühnenwerken des Komponisten. Der Verleger Gustav Lewy, bekanntlich ein Jugendfreund des Walzerkönigs, hatte diesmal neben dem Vertrieb des Bühnenwerkes auch die Herausgabe der Tanzkompositionen übernommen. Aber es stellte sich heraus, daß er seine Möglichkeiten in diesem Falle überschätzt hatte. Johann Strauß wieder weigerte sich, ohne Honorar mehrzu instrumentieren, als den vertraglich zugesagten Walzer ("Ich bin Dir gut!", op. 455, Vol. 32). Daher sind von den übrigen Piecen aus "Jabuka" nur die von Kapellmeister Roth arrangierten, von Strauß überprüften und korrigierten Klavierausgaben im Druck erschienen. Auch der Marsch "Živio!" [= Trinkspruch, entspricht dem in Wien üblichen "Prost!", "Lebe hoch!"], dessen Titel und zweites Thema des Trios aus dem Sextett "Wir trinken Živio!" stammt, wurde nur für Klavier zu zwei Händen herausgegeben. Es konnte daher auch keine Erstaufführung etwa durch das Strauß-Orchester erfolgen. Für diese Aufnahme wurde der Marsch von Prof. Gustav Fischer (Stadtmusikkapellmeister in Wien) instrumentiert.

 

"Architecten-Ball-Tänze", Walzer, op. 36

 

Im Fasching 1847 leitete Johann Strauß-Sohn die Tanzmusik bei den Bällen in Dommayers Casino in Hietzing und im Etablissement "Zum goldenen Strauß" in der Josefstadt. Er war daher auch für die Musik zuständig, als die Architekten Wiens am 27. Januar 1847 im "Goldenen Strauß" ihren repräsentativen Ball veranstalteten. Strauß-Sohn stellte sich denn auch, wie es der Brauch geworden war, mit einer Ballwidmung ein, mit seinen "Architecten-Ball-Tänzen". Es war dies seine erste Widmung füreinen Gesellschaftsball in der Kaiserstadt, der noch sehr zahlreiche Dedikationen bis hinzum Marsch "Auf¡¦s Korn", dem Opus 478 aus dem Jahre 1898, folgen sollten. Stolz ließ derjunge Musikdirektor auf das Titelblatt der am 2. September 1847 im Verlag H.F. Müller erschienenen Komposition vermerken: "Den Hörern der Baukunst an der k.k. Akademie der bildenden Künste zugeeignet." Diese Widmung hatte insofern ein besonderes Gewicht, als diese Hörer der Baukunst und ihre Lehrer in der Folge eine ganze Serie wichtigster Bauten gestalten sollten, die der Donaumetropole z.B. im Bereich der späteren Ringstraße ein weltweit beachtetes Aussehen gegeben haben.

 

Überdie vergleichsweise bescheidene Ballveranstaltung der ausübenden und angehenden Architekten Wiens in den engen "Strauß-Sälen" im Komplex des Theaters in der Josefstadt finden sich in den zeitgenössischen Publikationen keine Hinweise. Auch die "Architecten-Ball-Tänze" des jungen Musikdirektors wurden damals nicht gewürdigt. Aber dieses Werk wurde nicht vergessen: es wurde in der Folge immer wieder in der Originalgestalt oder in veränderten Bearbeitungen aufgeführt und mehrfach zitiert.

 

"Jäger-Polka" française, op. 229

 

Die amüsante Tonmalerei im Rhythmus einer Polka française, die Johann Strauß im Sommer 1859 während seines Aufenthaltes in Pawlowsk bei St. Petersburg komponiert hat und bei seinen Konzerten im Vauxhall aufgespielt hat, erhielt den Titel "Tirailleur-Polka". Unter dieser Bezeichnung, die ausgezeichnet zu der Art und Weise der Gestaltung der verschiedenen Motive des Werkes paßt, stand sie in Pawlowsk zum ersten Male am 14. Juli (d.i. der 2. Juli nach russischem Kalender) 1859 auf dem Programm eines Benefizkonzerts und ist in St. Petersburg auch veröffentlicht worden. In den Ankündigungen des Werkes in Wien - z.B. im "Zwischenakt" vom 15. September 1859 - findet sich ebenfalls der Titel "Tirailleur-Polka". Dabei wurde noch vermerkt: "Die 'Tirailleur-Polka' ist das Lieblingsstück der diesjährigen Petersburger Saison." Doch als Johann Strauß das Werk nach seiner Rückkehr aus Rußland dem Wiener Publikum am 20. November 1859 im Volksgarten zum ersten Male vorführte, wurde es unter dem Titel "Jäger-Polka" angekündigt. Nun ist aber die richtige Übersetzung für Jäger [lt. Lexikon]: Chasseur, während das Wort Tirailleur mit dem Begriff Schütze ins Deutsche zu übertragen wäre. Geht man davon aus, daß Johann Strauß eine "Schützen-Polka" komponiert hat, so paßt der Titel exakt zum Charakter des Werkes. Gewiß macht ein Pistolenknall noch keinen Schützen, aber das Trompetensignal im Finale gehört nun einmal nicht zu den traditionellen Jagd-Signalen (für die üblicherweise die Hörner zuständig sind). Aber - wie immer man diese amüsante Polka auch nennt: sie zählt jedenfalls zu den Gustostücken für jeden Strauß-Freund, der sich immer auf¡¦s Neue für die Vielseitigkeit und den Erfindungsreichtum des Komponisten begeistert.

 

N.B.: Laut Programmzettel der Erstaufführung wurde das Werk dem Offizierskorps des Jägerbataillons der Garde von Zarskoje Selo gewidmet.

 

"Accelerationen", Walzer, op. 234

 

Zu den zahlreichen Kompositionen, mit denen die Mitgliederder Familie Strauß den technischen Fortschritt im Verlauf des 19. Jahrhunderts begleitet haben, gehört der Walzer "Accelerationen". Johann Strauß hat das Werk für den Technikerball am 14. Februar 1860 im Sofiensaal geschrieben und an diesem Abend auch persönlich aufgespielt. In den Strauß-Anekdoten ist überliefert worden, der Komponist habe das Werk nach einer Ballnacht auf der Rückseite einer Speisekarte notiert, weil er von den Mitgliedern des Komitees des bevorstehenden Technikerballes nach der für diesen Anlaß bestimmten Widmung gefragt worden sei, die Arbeit aber noch nicht in Angriff genommen hatte.

 

Aber diese Geschichte hat Johann Strauß, als sie ihm in den neunziger Jahren zu Ohren kam, eiligst dementiert. Er meinte sinngemäß: es kann schon sein, daß ich den Grundeinfall des Werkes irgendwo notiert habe, also vielleicht auch auf der Rückseite einer Speisekarte, aber auch ich konnte nicht im Handumdrehen einen Walzer niederschreiben.

 

Mit dieser Darstellung hat Johann Strauß wohl die richtige Erklärung für den Walzer "Accelerationen" gegeben. Denn wie der Komponist in der Introduktion das Stampfen der Maschinen mit den Mitteln der Musik (entwickelt aus dem Motiv-Material von Walzer Nr. 2) darstellt, und wie er dann in genialer Weise zu Beginn der Walzerpartie die Tänzer beschleunigend (accelerando) ins richtige Tempo hineinzieht, das gehört zu den besten, offenkundig spontanen Einfällen des Komponisten. Doch das Werk ist auch sehr sorgfältig durchgestaltet: die einzelnen Teile sind ideal aufeinander abgestimmt und beflügeln einander gegenseitig zu hinreißender Wirkung. In einem Brief an Marie Gärtner erwähnte der im Jahre 1861 in Wien lebende und arbeitende Komponist Peter Cornelius u.a. den Walzer "Accelerationen" undschrieb dazu: "Ich liebediese Dingesehr."

 

Der "den Hörern der Technik an der Hochschule in Wien" gewidmete Walzer gehörte in der Folge zum Standardrepertoire der Strauß-Kapelle und erklingtauch in unseren Tagen in immer neuen Aufführungen.

 

Quadrille nach "Der Liebesbrunnen", op. 10

 

Das erste Bühnenwerk des irischen Komponisten Michael William Balfe (1808-1870), das Wien erreichte, war die Oper "Die vier Haimonskinder". Das Theater in der Josefstadt setzte es am 14. Dezember 1844 auf seinen Spielplan und konnte mit einer sorgfältigen Aufführung einen geradezu sensationellen Erfolg erzielen. Am 24. September 1845 erschien das Stück auf der Bühne des Theaters an der Wien und drei Tage später wurde es auch (unter dem abgeänderten Titel "Die vier Haimonssöhne") im k.k. Hoftheater nächst dem Kärntnerthor gespielt.

 

Johann Strauß-Vater nützte diesen Erfolg geschickt aus und stellte aus den Motiven der Oper eine Quadrille (op. 169) zusammen und spielte diese beim Ball der Gesellschaft der Musikfreunde am 19. Januar 1845 in den k.k. Redoutensälen zum ersten Male auf. Bereits vier Tage später kündigte der Verlag Tobias Haslingers Witwe und Sohn das Erscheinen der Klavierausgabe der Quadrille an. Bald wurde eine weitere Auflage fällig.

 

Im September 1845 meldete die Zeitung "Der Sammler", daß im Theater an der Wien ein weiteres Bühnenwerk von M.W. Balfe einstudiert werde. Es handelte sich um die von J. Kupelwieser nach dem französischen Original "Le puits d'amour" (Uraufführung am 20. April 1843 in Paris) verfaßte komische Oper in drei Akten "Der Liebesbrunnen".

 

Wiens Musikfreunde warteten mit größtem Interesse auf die Erstaufführung im Theater an der Wien. Diesmal beeilte sich Johann Strauß-Sohn, den erwarteten Erfolg dieses Werkes auszunützen und begann bereits während der Probenzeit damit, eine "Liebesbrunnen-Quadrille" zu arrangieren. Doch als die Oper am 4. November 1845 im Theater an der Wien dem Publikum der Kaiserstadt vorgeführt wurde, enttäuschten sowohl die Vorstellung als auch die Primadonna Jetty Treffz. In der "Theaterzeitung" vom 6. November 1845 faßte der Rezensent sein Urteil in dem Satz zusammen: "Ein geistreicher Mensch hat auch seine schwachen Stunden, und solche waren es sicher, in welchen Balfe diese Oper komponierte." Nach nur drei Vorstellungen wurde Balfes Oper aus dem Spielplan genommen. Trotzdem beeilte sich Johann Strauß-Sohn, seine indessen fertiggestellte "Liebesbrunnen-Quadrille" dem Publikum zu präsentieren.

 

Er wählte für die Uraufführung sein für den 9. November 1845 anberaumtes Konzert in Wagners Kaffeehaus im Wiener Prater. Die Zeitung "Der Wanderer" veröffentlichte am 12. November einen sehr ausführlichen Bericht über "Strauß-Sohn's Conversation in Wagners Kaffeehaus". Darin heißt es u.a.: "Sie, d.h. die 'Liebesbrunnen-Quadrille' wurde nun gespielt und zwar Sonntag, den 9.d. beim Wagner von Strauß-Sohn. Ich möchte diese Quadrille die Quintessenz der Balfe'schen Oper nennen, denn alle lieblichen und gefälligen Motive finden sich darin vereint. Bei dem großen Publikum mag diese Quadrille als Ehrenrettung der Oper zu betrachten sein." Ein weiterer Bericht über die Uraufführung der "Liebesbrunnen-Quadrille" von Johann Strauß-Sohn erschien am 13. November 1845 im "Sammler". Darin wird die effektvolle Instrumentierung des Werkes besonders hervorgehoben. Leider ist die Original-Orchesterfassung später verloren gegangen, sodaß Ludwig Babinski nach dem Klavierauszug eine neue Partitur verfassen mußte.

 

"Die Zeitlose", Polka française, op. 302

 

Wie die "Jäger-Polka" (op. 229 aus dem Jahre 1859) hat auch die Polka "Die Zeitlose" auf dem Weg von Pawlowsk bei St. Petersburg nach Wien ihren Titel auf seltsame Art und Weise verändert. Als Johann Strauß am 1. Oktober 1865 (d.i. der 19. September nach dem russischen Kalender) dem Publikum seiner Konzerte im Vauxhall von Pawlowsk eine Novität präsentierte, hieß das Werk in den Programmen "Reconnaisance-Polka". [Reconnaisance = Wiedererkennung, Anerkennung, aber auch: militärische Erkundung.] Als der Komponist dasselbe Werk dann am 12. November 1865 dem Wiener Publikum im Volksgarten vorstellte, wurde es unter dem Titel "Die Zeitlose" aufgespielt. Diese Bezeichnung hat Prof. Max Schönherr an eine Blume erinnert, an ein Liliengewächs, dessen Zwiebeln im Herbst zartlila-rosa Blüten treiben, und zwar ohne Laub und Blätter: diese bilden sich erst nach der Winterruhe im Frühling, sodaß die Pflanze gleichsam außerhalb des sonst in der Natur üblichen Jahresrhythmus lebt. Diese vor allem für feuchte Wiesen typische Blume heißt mit dem wissenschaftlichen Namen Colchicum autumnale, im deutschen Sprachraum Herbstzeitlose. Der Zeichner der Klaviererstausgabe im Verlag C.A. Spina hat auf der Titelseite lieber eine geflügelte Mädchengestalt in einem großen Zifferblattais Genia (Schutzgöttin) der Zeitlosigkeit dargestellt.

 

Aber - wie immer man die verschiedenen Bezeichnungen auch deutet (ein Bezug auf eine militärische Erkundung ist auszuschließen!) - die zarte Polka française ist jedenfalls von zeitloser Schönheit.

 

"Königslieder", Walzer, op. 334

 

Ehe die Brüder Johann und Joseph Strauß im Frühling 1869 nach Pawlowsk bei St. Petersburg abreisten, um dort - diesmal gemeinsam - während der Sommersaison zu konzertieren, veranstalteten sie am 4. April in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft ein Festkonzert. Dabei spielte jeder der Brüder einen neuen Walzer auf, der dann mit einer Widmung an König Ludwig Philipp von Portugal im Druck erschien: Johann nannte seinen Walzer "Königslieder", Joseph gab seiner Komposition den Titel "Huldigungslieder" (op. 255). Den Anlaß für diese Dedikationen nannten die Brüder allerdings nicht: der im Jahre 1838 geborene Ludwig Philipp feierte zumindest keinen runden Geburtstag (ein Geburts- fest wäre möglich!); eine Anfrage bei der Kulturabteilung des portugiesischen Außenministeriums konnte zur Klärung des Sachverhaltes auch nichts beitragen. Sicher ist jedenfalls, daß König Ludwig in die Gruppe der Regenten gehörte, die mit dem Haus Coburg in Verbindung standen, und für die verschiedenen Mitglieder dieses "weitverzweigten" Hauses haben die Mitglieder der Familie Strauß - beginnend mit den Dedikationen von Johann Strauß-Vater für die englische Königin Victoria bis hin zum "Fest-Marsch", op. 452, von Johann Strauß für den Coburger Prinzen Ferdinand, der zum Zaren des Königreichs Bulgarien erwählt werden sollte - eifrig komponiert. In der langen Kette dieser Widmungen bildet der Walzer "Königslieder" ein besonders apartes und wertvolles Glied.

 

PS: In den Aufzeichnungen von Joseph Strauß und Franz Sabay wird der Ostermontag, also der 29. März 1869, als Tag des Abschiedskonzerts und der Uraufführung der Walzer "Königslieder" und "Huldigungslieder" genannt. Aus den Zeitungsberichten vom 6. April 1869 ("Fremden-Blatt", "Neues Wiener Tagblatt") geht aber hervor, daß das Konzert der Brüder Johann und Joseph Strauß vor ihrer Reise nach Rußland am 4. April in den Blumensälen stattgefunden hat und daß bei dieser Gelegenheit die beiden (auch in der Annonce im "Fremden-Blatt" vom 4. April angekündigten) Novitäten uraufgeführt worden sind.

 

"Im Sturmschritt", Polka schnell, op. 348

 

Im Sommer 1870 ging Johann Strauß auf Drängen seiner Gattin Jetty endgültig ins Lager der Operettenkomponisten über. Er legte sogar sein Ehrenamt als Hofball-Musikdirektor zurück, weil er nicht mehr zum Tanz aufgeigen wollte, und unterzeichnete seinen ersten Vertrag mit der Direktion des Theaters an der Wien. Geplant war die Fertigstellung und Aufführung einer Operette nach französischem Vorbild, die schließlich nach vielem Hin und Her den Titel "Indigo und die 40 Räuber" erhielt. Der Wiener Walzerkönig hat bei diesem Werk den Wettstreit mit dem Wahlpariser Jacques Offenbach angetreten, der damals praktisch Alleinherrscher auf dem Gebiet der Operette sowohl in Europa als auch in der Neuen Welt war und diese Monopolstellung auch weidlich zu seinem Vorteil ausnützte. (Die Uraufführung der Operette "Indigo und die 40 Räuber" fand am 10. Februar 1871 im Theater an der Wien statt.) Zu einer Offenbachiade aber gehörte - ein Cancan! Daher hat Johann Strauß sich alle Mühe gegeben, auch noch eine Schnellpolka zu schreiben, die es mit einem Offenbach-Cancan aufnehmen konnte. Sie ist im Stück mehrfach zu hören gewesen: einmal gleich im Vorspiel und nochmals in der Ballettmusik. Als Strauß daran ging, die Melodien seiner Operette "Indigo und die 40 Raüber" auch als Tanzmusik aufzubereiten, gab er diese Schnellpolka unter dem Titel "Im Sturmschritt" heraus. Ihre Verwandtschaft mit dem Cancan ist nicht Zufall, sondern Absicht. Doch sie kann im Wettstreit mit Offenbach ausgezeichnet mithalten! Die erste Aufführung der Schnellpolka "Im Sturmschritt" erfolgte bei einem Festkonzert am 19. Mai 1871 im Wiener Volksgarten durch die Strauß-Kapelle unter der Leitung von Eduard Strauß. Kurz vorher war das Werk im Verlag Spina in allen Ausgaben erschienen.

 

Quadrille nach "Der Blitz", op. 59

 

Nach der Niederwerfung der Revolution in Wien brachen im Spätherbst des Jahres 1848 für die Bewohner der Reichshaupt- und Residenzstadt schwere Zeiten an. Über die Metropole der Habsburgermonarchie wurde der Belagerungszustand verhängt, der das gesellschaftliche Leben fast völlig lahmlegte. Vor allem die Theaterdirektoren und die Leiter der Tanz- und Unterhaltungskapellen litten unter diesen mißlichen Umständen, und in der Zeitung "Der Wanderer" vertrat ein Journalist sogar die Ansicht, die Zeit der Walzer und Polkatänze sei nun vorüber und die Herren Musikdirektoren sollten sich um eine andere Beschäftigung umsehen. Besonders schwer hatte es Johann Strauß-Sohn: er hatte sich auf die Seite der revolutionären Studenten gestellt und mußte nun mit vermehrter Anstrengung um seine weitere Beschäftigung kämpfen. Nur ein Etablissement stand ihm im Spätherbst 1848 für seine Konzerte regelmäßig zur Verfügung: das Casino Dommayer in Hietzing. Aus den Programmen der Kapelle hatten selbstverständlich alle "revolutionären Kompositionen" aus dem Sommer zu verschwinden. Der junge Strauß benützte daher den Anlaß der ersten Opernpremiere der ohnedies schlecht besuchten Theater Wiens - es war die Erstaufführung der Oper "Der Blitz" von Jacques François Fromental Elie Halevy am 23. November 1848 im Theater in der Josefstadt - sofort zur Niederschrift einer Quadrille. Er verwendete sehr geschickt die gefälligen Motive des wenig bedeutenden Werkes - es war bereits am 16. Dezember 1835 unter dem Titel "L'Eclair" in Paris uraufgeführt worden - und präsentierte seine "Blitz-Quadrille" sehr bald nach der Wiederaufnahme seiner Tätigkeit als Musikdirektor bei Dommayer, wahrscheinlich bei der Konversation am 3. oder 8. Dezember 1848. Diese Quadrille war zusammen mit den "Neuen Steirischen Tänzen" (op. 61) lange Zeit hindurch die einzige Novität, die Strauß-Sohn damals ankündigen ließ. Von diesem Werk ist nur die Klavierausgabe erhalten geblieben; die Orchesterfassung dieser Aufnahme stammt von Ludwig Babinski.

 

"Heut' ist heut'", Walzer, op. 471

 

An seiner - wie sich zeigen sollte - letzten Operette mit dem seltsamen Titel "Die Göttin der Vernunft" hat Johann Strauß nur mit Widerwillen gearbeitet. Der Text, den ihm der damals bereits durch frühe Erfolge verwöhnte Autor Dr. A.M. Willner vorlegte, gefiel ihm ganz und gar nicht, und so stellte er das Werk nur fertig, weil er sich vertraglich zu dieser Komposition verpflichtet hatte. Das heißt aber nicht, daß Johann Strauß nicht bereit war, an den einzelnen Nummern der Operette bis zum Premierenabend (das Werk ging am 13. März 1897 zum ersten Male über die Bretter des Theatersan der Wien) zu feilen und zu verbessern. Dabei stand ihm Kapellmeister Adolf Müller mit bewährtem Geschick zur Seite. Die Ouvertüre zur Operette "Die Göttin der Vernunft" hat Johann Strauß, der übrigens bei der Uraufführung des Werkes gar nicht im Theater anwesend war, erst für die 25. Vorstellung nachgeliefert. Ob sich Johann Strauß dann bereit gefunden hat, die zur Tradition gewordenen Tanzstücke nach Motiven der Operette auch diesmal selbst zu arrangieren, kann zur Zeit noch nicht schlüssig beurteilt werden. Der Verlag Emil Berté & Cie, der die Herausgabe dieser Werke übernommen hatte, war mit dieser Aufgabe offensichtlich überfordert. Er entwickelte wenig Initiative und erlahmte völlig, als sich herausstellte, daß die Operette nach einer kurzen Serie von nur 36 Aufführungen wieder von der Bühne verschwand. So dürfte vom Walzer "Heut' ist heut'", dessen wichtigste Motive (Nr. 1 = "Schöne, wilde Jugendzeit") aus den erfolgreichsten Nummern der Operette stammen, nur in der Klavierausgabe (die dem Maler Leopold Horowitz, dem Schöpfer eines der besten Porträts des Komponisten, gewidmet ist) erschienen sein. Anläßlich der Uraufführung des Walzers am 28. März 1897 beim letzten Saisonkonzert der Strauß-Kapelle im Musikverein wurde in den Programmen vermerkt: "'Heut' ist heut', Walzer aus Joh. Strauß' Operette 'Die Göttin der Vernunft', Orchester-Arrangement von Eduard Strauß." Leider dürfte Eduard Strauß diese, seine Fassung vernichtet haben, als er im Jahre 1907 das gesamte Archiv der Strauß-Kapelle verbrennen ließ. Für die vorliegende Aufnahme wurde das Werk von Ludwig Babinski neu instrumentiert.

 

"Die Wahrsagerin", Polka Mazur, op. 420

 

Zu den sechs Tanzweisen, dieJohann Strauß nach Motiven der Operette "Der Zigeunerbaron" arrangiert bzw. neu gestaltet hat, gehört die Polka Mazur "Die Wahrsagerin". Der Titel bezieht sich auf die Zigeunerin Czipra, der ja eine Schlüsselrolle in der Handlung der Operette zukommt. Durch den Text zum Kopfthema der Polka Mazur, "Verloren hast Du einen Schatz", prophezeit sie dem königlichen Kommissär Conte Carnero, daß er seinen ehemals "so mageren" Schatz, "so rund wie ein Zehneimerfaß", wieder finden wird (Nr. 3 des Klavierauszuges). Schließlich sagt Czipra im Terzett (Nr. 9) voraus, daß ein "funkelnder, prächtiger Schatz" zu entdecken sein wird, was im Laufe der Handlung auch tatsächlich eintritt.

 

Den Humor der erstgenannten Prophezeiung hat Johann Strauß sehr treffend und geschickt in seine pointierte Komposition eingebracht und damit auch der Polka Mazur, die dann als Opus 420 im Druck erschienen ist, einen besonderen Reizverliehen.

 

Johann Strauß hat die Uraufführung der "Wahrsagerin" am 26. Dezember 1885 bei einem Konzert seines Bruders Eduard im Goldenen Saal der Gesellschaft der Musikfreunde selbst präsentiert. Der Beifall des Publikums war ihm gewiß und hat sich auch prompt eingestellt.


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