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8.223236 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 36
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

"Matador-Marsch", op. 406

 

Die Operette "Das Spitzentuch der Königin", Libretto von Bohrmann-Riegen und Richard Genée, Musik von Johann Strauß, wurde zum ersten Male am 1. Oktober 1880 im Theater an der Wien aufgeführt. Auf dem Theaterzettel war vermerkt: "Lissabon, 1580", aber dem Publikum kam die Handlung, und zwar nicht nur wegen des verwirrenden Textbuches, "spanisch" vor. Im Premierenbericht des "Fremden-Blattes" wurde auf einen schwungvollen spanischen Walzer und auf einen effektvollen Marsch zum Stiergefecht im dritten Akt verwiesen. Im Personal des Stückes fanden sich Picadores, Banderilleros, Espados und natürlich auch ein Torero. Doch wenn es sich um einen Stierkampf handelt, dürfen natürlich auch Matadores nicht fehlen. Sie waren allerdings nicht ausdrücklich vermerkt. Als die nicht allzu erfolgreiche Operette, die Strauß mit einer Fülle kostbarer Musik ausgestattet hatte, längst von der Bühne verschwunden war und die aus der Operettenpartitur arrangierten Tanzstücke, darunter der Walzer "Rosen aus dem Süden", op. 388, die Runde durch die Tanzsäle und die Konzertlokale gemacht hatten, gab der Verlag Cranz im Jahre 1883 als Nachzügler noch einen Marsch heraus, dem man den Titel "Matador-Marsch" gegeben hatte.

 

Natürlich war es verständlich, daß man auch den effektvollen Marsch zum Stiergefecht (Nr. 18 im Klavierauszug) verwerten wollte, den die Rezensenten der Premiere der Operette so sehr gelobt hatten: er klingt im Trio der unter der späten Opuszahl 406 erschienenen Komposition auf. Ein anderes Motiv erwies sich als Reminiszenz aus der Polka "Burschenwanderung", op. 389, die bereits am 7. Dezember 1880 uraufgeführt und im Jahre 1881 veröffentlicht worden war. Der Verlagsanzeige ist zu entnehmen, daß offenbar nur eine Ausgabe für Klavier des "Matador-Marsches" in den Handel gekommen ist. Ob es eine Original-Orchesterfassung des Werkes gegeben hat, ist derzeit nicht zu ermitteln. In der Wiener Stadt- und Landesbibliothek findet sich ein interessantes Autograph ("Marsch vor dem Couplet [Stiergefecht] / III. Akt"), das aber mit der Klavierausgabe nicht identisch ist. Im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde ist eine Bearbeitung des "Matador-Marsches"für Salonorchester aufbewahrt. Klavierausgabe, Fassung für Salonorchester und Autograph waren die Grundlage des Arrangements des "Matador-Marsches", das Gustav Fischer für diese Aufnahme hergestellt hat.

 

"Kreuzfidel", Polka françise, op. 301

 

Im Sommer 1865 reiste Johann Strauß erst im Juli zu seinen Konzerten in Pawlowsk bei St. Petersburg an. Aus Rücksicht auf seine Gesundheit hatte er zwischen der Karnevals- und der Sommersaison einen Badeurlaub eingeschoben. In Pawlowsk wurde Jean indessen von seinem Bruder Eduard vertreten. Die Direktion der Eisenbahngesellschaft war über dieses Vorgehen des "Petersburger Liebling" Johann Strauß nicht begeistert. Überdies hatte Jean, als er dann den zweiten Teil der Saison über das Orchester leitete, immer noch mit den Folgen seiner Erkrankung fertig zu werden; da ihm dies manchmal nicht gelungen ist, mußte er sich durch den Orchesterdirektor vertreten lassen. Natürlich blieb es Johann Strauß und seiner Gattin Jetty nicht verborgen, daß die Eisenbahndirektion bereits mit einem Nachfolger verhandelte - mit dem Musikdirektor Fürstnow aus Hamburg-Altona - sodaß die Serie seiner Gastspiele in Pawlowsk wohl im Jahre 1866 nicht fortgesetzt werden konnte. Aber Strauß ließ kein Anzeichen einer Resignation erkennen: dazu gehörte auch, daß er jener Polka, die er bei seinem Benefiz am 5. September 1865 (d.i. der 24. Augustnach dem russischen Kalender) zum ersten Male vortrug, justament den Titel "Kreuzfidel" gegeben hat. Fidel heißt lustig, kreuzfidel ist eine wienerische Steigerung, also etwa besonders lustig. In Wien ist das Werk am 19. November 1865 im Volksgarten vom Komponisten vorgeführt worden, und zwar bei einem Konzert, bei dem alle drei Brüder Strauß vor dem Orchester erschienen.

 

"D' Woaldbuama", Walzer im Ländlerstil, op. 66

 

Die Walzerpartie im Ländlerstil mit dem etwa im niederösterreichischen Dialekt möglichen Titel "D' Woaldbuama" (= "Die Waldbuben") ist im Sommer 1849 entstanden. Der junge Musikdirektor Johann Strauß befand sich in einer besonders mißlichen Lage: da Wien unter dem Belagerungszustand litt, gab es nur wenige Bälle und Konzerte, und die wenigen Veranstaltungen waren schlecht besucht. Strauß mußte daher, um mit seiner Kapelle einigermaßen zu überleben, auch Engagements in der Umgebung der Donaumetropole annehmen. Daß die Komposition im Ländlerstil für einen solchen Anlaß bestimmt war, unterliegt eigentlich keinem Zweifel. In den Zeitungen findet sich nur die Ankündigung einer Veranstaltung, für die Johann Strauß eine Novität vorbereitet haben könnte: ein "Großes ländliches Wohltätigkeitsfest mit Ball", dessen Reinertrag "verwundeten Kriegern im hiesigen Garnisonsspital" zugute kommen sollte. Ort derVeranstaltung war das Restaurant "Zum goldenen Löwen" in Untersievering, einem damals von der Stadtmitte gar nicht leicht zu erreichenden Etablissement am Rande des Wienerwaldes. Wie aus der Ankündigung hervorgeht, war das Wohltätigkeitsfest für den 30. Juli 1849 angesagt. Einen Bericht, daß es auch tatsächlich stattgefunden hat, scheint es nicht gegeben zu haben. Die Komposition dieses Walzers im (breiten) Ländlerstil ist vielleicht auch aus dem Bedürfnis des Komponisten zu verstehen, dem tristen Alltag des täglichen Lebens in Wien durch eine Flucht in die Idylle zu entrinnen. Ein von den Schikanen der Militärbehörden (und von der drückenden Not, die Strauß zur Aufnahme eines Darlehens gezwungen hat) geplagter Städter mochte sich wünschen, unter den "Woaldbuama" zu sein. So unbeschwert fröhlich, wie es die gemütlichen Melodien dieser Komposition schilderten, wollte man leben, draußen in der Natur.

 

Strauß hat die Walzerpartie am 17. September 1849 auch bei einem Fest am Wasserglacis vor den Toren Wiens aufgespielt. Im Druck erschienen ist nur die Klavierausgabe (im Oktober 1849). Der Verlag Pietro Mechetti ließ von den Orchesterstimmen korrekte Abschriften anbieten, doch hat sich bisher kein Exemplar dieser Ausgabe gefunden. Ludwig Babinski hat daher den Klavierauszug instrumentiert.

 

"Proceß-Polka" (schnell), op. 294

 

Für den Juristenball des Jahres 1865, der am 31. Januar im Sofiensaal abgehalten worden ist, stellte Johann Strauß eine flotte Schnellpolka zur Verfügung, die unter dem Titel "Proceß-Polka" aufgespielt worden ist. Jean war offenkundig bei der Niederschrift des Werkes in bester Laune: schließlich war ja damals nicht er in ein Gerichtsverfahren verstrickt, sondern sein Bruder Eduard. Der Redakteur der "Vorstadt-Zeitung", Eduard Hügel, hatte den "schönen Edi" geklagt, weil dieser ihn "in seiner Ehre verletzt" habe. Zuvor aber hatte Hügel seinerseits dem jungen Musikdirektor Eduard Strauß jegliches Talent zum Komponieren und sogar die Befähigung zum Orchesterleiter abgesprochen. Nun - Eduard hat den Prozeß schließlich gewonnen - und so stand der Produktion dieser Polka schnell nichts im Weg. Sie gefiel den Juristen, wurde mit Schmiß und Schwung getanzt und fand guten Absatz, als sie ab 6. Februar 1865 an die Musikalienhandlungen ausgeliefert wurde. Die Orchesterausgabe, die dieser Aufnahme zugrunde liegt, erschien - zusammen mit der Polka française "Episode", op. 296 - am 23. Juni 1865.

 

PS: Joseph Strauß hat für den Juristenball 1865 den Walzer "Actionen", op. 174, beigesteuert.

 

"Elfen-Quadrille", op. 16

 

Am 15. Oktober 1844 begann der junge Musikdirektor Johann Strauß mit seiner "Soiree dansante" in Dommayers Casino in Hietzing seine Laufbahn. Am 22. Januar 1845 hatte er im seiben Lokal seinen ersten Benefiz-Ball, dessen Reinertrag ihm und seinen Musikern ausgefolgt wurde. Strauß-Sohn strengte sich mächtig an, um den Besuchern seines Balles ein abwechslungsreiches Programm zu bieten. Er versprach vier neue Werke, darunter zwei Kompositionen, die eigens für diese Nacht komponiert worden waren: es handelte sich um die Walzerpartie "Die jungen Wiener", erschienen als Opus 7 (Vol. 2), und um eine Quadrille, die möglicherweise an die jungen Wienerinnen adressiert war und den Titel "Elfen-Quadrille" erhalten hatte. Das Werk war sorgfältig vorbereitet worden: die wichtigsten Motive sind bereits im Skizzenbuch des jungen Musikdirektors enthalten.

 

Über den Benefizball am 22. Januar 1845 haben mehrere Zeitungen berichtet und dabei auch den Vortrag der Quadrille bestätigt: es gab die damals üblichen höflich-anerkennenden Wertungen ("... allgemeiner Anklang - öftere Wiederholungen ..."). Den Besucherinnen des Balles wurden als Damenspende nicht etwa druckfrische Ausgaben dieser Quadrille überreicht - die Klavierausgabe erschien erst am 22. Juni 1846! - sondern Exemplare des Opus 1 von Strauß-Sohn, also der Walzerpartie "Sinngedichte". Das Orchestermaterial der Quadrille scheint überhaupt nicht gedruckt worden zu sein. Daher wurde der Klavierauszug für diese Aufnahme von Arthur Kulling instrumentiert.

 

"Mephistos Höllenrufe", Walzer, op. 101

 

Der 12. Oktober 1851 war ein wunderschöner, warmer Herbsttag. Die Bevölkerung der Donaumetropole nützte diese Gelegenheit zu Ausflügen in die Umgebung Wiens, mehr als dreitausend Personen stellten sich aber auch im Volksgarten ein, da in diesem Lokal um 16 Uhr ein großes Promenadenfest begann, das Johann Strauß arrangiert hatte. Der junge Musikdirektor, der damals immer noch tief im Schatten seines im September 1849 verstorbenen Vaters stand, gab sich alle Mühe, dieses Fest im Stil seines Vorbilds zu gestalten: er hatte daher für eine sensationelle Devise und für eine entsprechende Dekoration und Beleuchtung gesorgt. "Die Wanderung inden Feuerozean" wurde den Gästen versprochen, und dementsprechend erhielt der für den Anlaß komponierte Walzerden Titel "Mephistos Höllenrufe"! Das Publikum stellte wohl spontan fest, daß dieser schwungvolle, glänzend gegliederte und mit souveränem Können instrumentierte Walzer ein Meisterwerk darstellte, das den besten Kompositionen von Strauß-Vater an die Seite gestellt werden konnte. Im Bericht der "Theaterzeitung" vom 14. Oktober 1851 hieß es daher, daß die Walzerpartie "Mephistos Höllenrufe" wegen ihrer effektvollen und originellen Weisen und wegen der brillanten Instrumentierung eine so günstige Aufnahme fand, daß Strauß sie dreimal wiederholen mußte. Der Verleger Carl Haslinger ließ sich mit den Druckausgaben des Werkes zwar bis zum 5. Februar 1852 Zeit, doch präsentierte er dann sowohl die Orchesterstimmen als auch die damals üblichen Arrangierungen für Klavier und für Geige und Klavier. In der Folge erlebte das Werk zahlreiche Auflagen und Neuausgaben: "Mephistos Höllenrufe" verhallten also nicht ungehört in den Archiven!

 

"Bitte schön!", Polka française, op. 372

 

Auf dem Titelblatt der Klavierausgabe der anmutigen Polka française "Bitte schön!" ist vermerkt, daß dieses Werk nach Motiven der Operette "Cagliostro in Wien" arrangiert worden sei. Das trifft insofern zu, als daß Titel und Melodie des ersten Teiles der Polka aus Nr. 9 der Operettenpartitur entnommen worden sind, "Bitte schön, bitte schön, o mach' uns jung, mach' uns schön, wir bitten schön" (6 Frauen und Cagliostro). In der Operette, die am 27. Februar 1875 zum ersten Male auf der Bühne des Theaters an der Wien erschienen ist, scheint der Wundermann Cagliostro den Wunschtraum der Frauen auch erfüllen zu können, und das wäre auch verständlich, denn der bezaubernden Melodie, die zu diesem Text erklingt, kann man nur schwer widerstehen. Cagliostro ist eben ein Magier, der es versteht, Wunschträume der Menschen als erfüllbar hinzustellen. Moderne Psychologen haben daher angeregt, man sollte die Operette mal so inszenieren, daß dieser Aspekt der Handlung (also auch die Möglichkeiten der Autosuggestion!) herausgearbeitet wird.

 

Das Motiv des Trios der Polka "Bitte schön!" dürfte Strauß nicht der bei der Uraufführung verwendeten Operettenpartitur, sondern seinem Melodienvorrat entnommen haben. Es rundet das Werk in idealer Weise ab.

 

Das Datum der Uraufführung der Polka "Bitte schön!" konnte bisher nicht ermittelt werden; es ist anzunehmen, daß die Strauß-Kapelle das Werk bereits bei ihren Sommerkonzerten in die Programme aufgenommen hat. Die Militärmusikkapellen haben sich der anmutigen, sofort populären Polka ebenfalls so rasch wie möglich angenommen: Joseph Hellmesberger junior, der damals Dirigent der aus Theatermusikern bestehenden Tonkünstlerkapelle gewesen ist, spielte "Bitte schön!" am 8. September 1875 in Elterleins Casino (früher: Ungers Casino) in Hernals. Die Druckausgaben des Verlages Friedrich Schreiber dürften damals bereits erhältlich gewesen sein, obwohl sie erst im November 1875 annonciert worden sind. In der Folge ist "Bitte schön!" nie mehr aus den Programmen der Strauß-Kapelle verschwunden; das Werk ist populär geblieben bis in unsere Zeit.

 

"Die Extravaganten", Walzer, op. 205

 

Der Walzer "Die Extravaganten" hat sofort nach der Uraufführung des Werkes beim Juristenball am 26. Januar 1858 durch den Komponisten ein extravagantes Interesse gefunden. Natürlich wußte der etwa 33jährige Musikdirektor genau, daß er mit dieser Arbeit die traditionelle Walzerform erweitert hatte und drückte das auch ganz deutlich bei der Titelwahl aus. Selbstverständlich waren nicht etwa die "Hörer der Rechte an der Universität Wien", denen das Werk gewidmet worden ist, mit den "Extravaganten" gemeint, sondern die Teile der Walzerpartie (extravagant = ausgefallen, überspannt, außerhalb der Norm). Aber gerade das Ungewöhnliche scheint den Ballbesuchern und den Ballreportern sofort gefallen oder doch imponiert zu haben, denn im "Fremden-Blatt" vom 28. Januar 1858 hieß es: "Die von Strauß für diesen Ball componirten Walzer 'Die Extravaganten', welche sehr hübsche Motive enthalten, erfreuten sich des allgemeinen Beifalls und zählen ohne Zweifel zu den besten Tanz-Compositionen dieser Saison."

 

Besonders eingehend beschäftigte sich der Kritiker Eduard Hanslick in einer "Musikalischen Plauderei" mit den "Extravaganten". Der geistreiche Rezensent war kein Freund der damals "neuen Musik"; er war stets bereit, alles zu verteufeln, was seinem konservativen Verständnis nicht entsprach. Im Falle der neuen Walzer von Strauß holte Eduard Hanslick zu einer musikhistorischen Betrachtung aus, die ihn bis ins 18. Jahrhundert zurückführte. Er schrieb: "Strauß-Sohn hat sich offenbar einen Act großartiger historischer Vergeltung zum Ziele gesetzt. Als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Orchestermusik durch systematische Verflachung des [Joseph] Haydn'schen Styles populär gemacht wurde, gingen manche 'Philister' so weit, die fidelsten Ländler zu Motiven ihrer Symphonien und Quartette zu machen. Johann Strauß scheint diese Schmach seiner Wiener Vorfahren durch Compensation tilgen zu wollen und schmückt seine Walzer mit Motiven, deren Ehrenplatz von rechtswegen die Symphonien neuester Schule wären. Deshalb contrapunktirt, sich selbstverleugnend, unser Walzerkönig, deshalb streicht er mit dem Bogen der Gelehrsamkeit die Saiten der Schwermut. Ein Feuilletonist äußerte jüngst: Strauß scheine seine neuesten Walzer mehr für den Musenhof zu Weimar als für Wien berechnet zu haben. [Anm.: Franz Liszt lebte damals in Weimar!]. In der Tat bemerke auch ich in Strauß' Novitäten jenen scharf prickelnden Duft, den Wildpret ausströmt, wenn es nach Vergangenheit, und Musik, wenn sie nach Zukunft riecht. Diejenigen seiner Walzer, welche ohne hervorstechende Originalität wenigstens frisch und natürlich klingen, sind immer noch weit bessere Tanzmusik als jene gespreizten Themen, deren endlose Perioden sich mit der gesuchtesten Harmonisierung verbinden, um Ohren und Füße in Verwirrung zu bringen. So ist der Anfang der neuesten Walzerpartie 'Die Extravaganten' zwar eine altstraußische Reminiszenz [!], aber durch ihren glänzenden Schwung das Beste aus dem ganzen Heft. Sogleich folgt ein langgestreckter, diatonisch aufsteigender Cantus firmus und andere gelehrte Seltenheiten, welche lächelnd zu sagen scheinen: 'Wir meinen's gut, da wir zum Balle gehen, doch ist es Unverstand.'"

 

Eduard Hanslick hat also viel Gelehrsamkeit für den Nachweis verschwendet, daß er die "Extravaganten" nicht verstanden hat. Gerade die Kühnheit dieses Werkes, seine Extravaganz aber hat dem Publikum imponiert. Strauß hat diese Walzerpartie daher auch in Rußland mit größtem Effekt aufgeführt, und als er nach der Konzertsaison 1858 in Pawlowsk bei St. Petersburg wieder nach Wien zurückgekehrt war, hat er bei seinem Auftreten am 22. November 1858 im Volksgarten seinen musikalischen Bericht über seine neuesten Kompositionen während der Sommersaison ausgerechnet mit der Walzerpartie "Die Extravaganten" eingeleitet. Strauß war also - mit Recht! - stolz auf dieses Werk, auf dessen abwechslungsreiche Gliederung und die damals neuartigen Harmonien!

 

"Fledermaus-Quadrille", op. 363

 

Mit genialer Unbekümmertheit hat Johann Strauß die Partitur seiner Meisteroperette für das Arrangement der "Fledermaus-Quadrille" ausgewertet. Die Melodien werden exakt so aneinandergereiht, wie die strenge Quadrillenform es verlangt, ohne Rücksicht darauf, welche Aufgabe diese Motive in der Operette zu erfüllen haben. Daß das Couplet des Fürsten Orlofsky, "Ich lade gern mir Gäste ein", am Anfang der Quadrille steht, ist gewiß selbstverständlich, aber dann kommt ein kurzer Einwurf aus dem dritten Akt, "Nur ruhig Blut", und ein Zitat aus dem Couplet der Adele, ebenfalls aus dem dritten Akt, "Spiel ich 'ne Dame von Paris". Die zweite Nummer der Quadrille (Ete) springt wieder auf Orlofskys Couplet zurück, "S' ist mal bei mir so Sitte", und bringt nun die Ariette der Rosalinde, "Mein Herr, was dächten Sie von mir" (aus dem 1. Akt), als Kontrast. So geht es lustig weiter, quer durch die Partitur, wobei der Einsatz des Ständchens "Sehnsuchtsvoll gedenk' ich Dein, holde Rosalinde" im letzten Teil der Poule besonders amüsant ist. Für den schwungvollen Abschluß sind die Zitate "O je, o je, wie rührt mich dies" und "Mein schönes großes Vogelhaus" (aus dem Finale des 1. Aktes) aufgeboten. Die in vielen Strauß-Büchern enthaltene Behauptung, die Operette "Die Fledermaus" habe bei ihrer Uraufführung am Ostersonntag, dem 5. April 1874, keinen vollen Erfolg erzielt, ist indessen richtiggestellt worden: es mag schon sein, daß der besondere Rang der Operette "Die Fledermaus", die heute als bestes Werk der gesamten Gattung Operette gilt, nicht sofort erkannt worden ist, aber der Beifall und das Interesse des Publikums waren dem Werk vom Premierenabend an gewiß. Johann Strauß hat sein Meisterwerk kurz nach der Uraufführung im Stich gelassen und ist zu einer Italientournee aufgebrochen. Es ist daher auch nicht exakt festzustellen, wann die "Fledermaus-Quadrille" zum ersten Male erklungen ist. Da das Werk aber bereits im Mai 1874 im Verlag Friedrich Schreiber im Druck erschienen ist, dürfte es etwa im Juni zur Uraufführung der Quadrille gekommen sein. In der Folge haben Generationen von Tänzerinnen und Tänzer nach ihren Klängen gelernt, wie man auf dem Tanzparkett eine Quadrille gestaltet, wie sich die Paare zu dem einst so beliebten, sechsteiligen Figurentanz zu bewegen haben, und haben das Erlernte dann bei ungezählten Bällen vorgeführt und ausgekostet. Wenn man die "Fledermaus" als "Operette der Operetten" bezeichnet, muß man eigentlich auch die aus ihren Motiven gestaltete Quadrille als beste aller Quadrillen anerkennen!

 

"Der Klügere gibt nach", Polka Mazurka, op. 401

 

Aus den Motiven seiner erfolgreichen Operette "Der lustige Krieg", die am 25. November 1881 im Theater an der Wien uraufgeführt worden ist, hat Johann Strauß zehn Tanzstücke arrangiert. Die Polka Mazurka "Der Klügere gibt nach" wurde nach dem Couplet des Marchese Sebastiani (Nr. 1, Introduktion im Klavierauszug des Werkes) benannt, die entsprechende Melodie erklingt im Trio der Polka Mazurka. Die Uraufführung erfolgte erst am 19. März 1882 in einem Sonntagskonzert der Strauß-Kapelle im Musikverein unter der Leitung von Eduard Strauß, obwohl die Klavierausgabe bereits am 5. Januar 1882 annonciert worden war. Es ist frappierend, wenn man das persönliche Schicksal des Komponisten - während der Arbeit an der Operette "Der lustige Krieg" begann ja die Affäre seiner Gattin Lili mit dem Direktor des Theaters an der Wien, Franz Steiner - mit den Titeln der aus Motiven dieser Operette arrangierten Werke in Beziehung setzt, welche Parallelen sich dabei ergeben: "Was sich liebt, neckt sich", Polka française, op. 399, "Entweder - oder!", Schnellpolka, op. 403, und eben "Der Klügere gibt nach". Aber solche Überlegungen sind wohl nur ein Gedankenspiel: die Melodien ("Was ist an einem Kuß gelegen" und "Der Klügere gibt nach") sind jenseits aller (vielleicht nur scheinbarer) Realität im gar nicht lustigen Krieg rings um die Lili-Affäre von zeitloser Anmut und Schönheit.

 

"Neu-Wien", Walzer, op. 342

 

Nach dem triumphalen Erfolg der Uraufführung des Chorwalzers "Wein, Weib und Gesang", op. 333, beim Narrenabend des Jahres 1869 drängte der Wiener Männergesangverein den Komponisten, ein weiteres Werk dieser Art dem Publikum zu präsentieren. Anlaß dazu sollte die Stadterweiterung Wiens bieten, die im Jahre 1870 die Grenzen der Reichshaupt- und Residenzstadt durch Einbeziehung einstiger Vororte bis zum Linienwall (heute: Gürtel) vorschob. Dadurch entstanden die Wiener Gemeindebezirke zwei bis neun. Diesem Thema widmete sich der Text, den wieder der Jugendfreund des Komponisten, Joseph Weyl, beisteuerte; auch der Titel des Walzers, "Neu-Wien", weist auf den Zusammenhang mit der Stadterweiterung hin.

 

Die Uraufführung des neuen Chorwalzers, der ebenso wie "Wein, Weib und Gesang" für Männerstimmen und Orchester konzipiert worden ist und daher keine Coda aufweist, fand beim Narrenabend des Wiener Männergesangvereins am 13. Februar 1870 im Dianabad-Saal statt. Strauß konnte der Wiedergabe des Werkes durch die Sängerschar und die Musiker des Infanterie-Regiments Nr. 49, Baron Hess, nicht beiwohnen, da er an diesem Abend Dienst beim Fürsten Hohenlohe zu versehen hatte.

 

Die Aufführung wurde vom zweiten Chormeister des Vereins, dem neu engagierten Eduard Kremser, vortrefflich geleitet und endete mit dem nun schon gewohnten stürmischen Erfolg. Das Werk mußte wiederholt werden.

 

Der Walzer, der am 6. März 1870 mit einer Widmung an den Mäzen Nikolaus Dumba (1830-1900) im Druck erschienen ist, setzte sich auch in der Instrumentalfassung rasch beim Publikum durch. Dumba selbst, dessen Verdienste um das kulturelle Leben Wiens nicht hoch genug einzuschätzen sind, war über die Widmung des Walzers zeitlebens stolz und gehörte in der Folge zu den treuesten Förderern des Walzerkönigs.

 

Die Melodien des Walzers "Neu-Wien" klingen übrigens auch bei den Aufführungen der Operette "Wiener Blut" und des Balletts "Graduation Ball" von Antal Dorati weiter.

 

"Diplomaten-Polka", op. 448

 

Im Februar des jahres 1892, bald nach der für Strauß schmerzlichen Enttäuschung über den geringen Erfolg seiner Oper "Ritter Pasman" begann der längst ins Lager der Operetten- und nun auch Opernkomponisten übergegangene Walzerkönig mit der Komposition der Verse, die ihm die Librettisten julius Bauer (1853-1941) und Hugo Wittmann (1839-1923) für die geplante Operette "Fürstin Ninetta" ins Palais in der Igelgasse schickten. Mit der Ausrede, die Handlung des Werkes solle der Konkurrenz nicht zu früh bekannt werden, verschwiegen die beiden Literaten dem Komponisten den Inhalt des Stückes. Johann Strauß stellte sich mit seiner Musik zwar auf die für die Operettenbühne geltenden Bedingungen (nur nicht zu anspruchsvoll) ein, blieb aber doch in der Sphäre der noblen komischen Oper. Als Strauß dann im Dezember 1892 bei den letzten Proben erkannte, für welches Libretto er seine Melodien zur Verfügung gestellt hatte, war er ganz erschrocken und verärgert. In einem Brief an Paul Lindau (1839-1919) bekannte Strauß: "Es handelt sich um einen Schwank und eine Ansammlung von Witzen des Librettisten Bauer. Ich habe daher manches zu edel aufgefaßt. Die Musik paßt gar nicht zu diesem tollen, kunstlosen Zeug." Die Nachwelt freilich muß dem Komponisten für dieses Mißverständnis dankbar sein. Insbesonders die "Diplomaten-Polka" läßt die Noblesse erkennen, die Strauß auch diesem Werk hatte zuteil werden lassen. Der Titelbezug ist aus einem Zitat der Inhaltsangabe der Operette zu erkennen, die in Julius Bauers Zeitung, dem "Extrablatt", vom 11. Januar 1893 erschienen ist: "Die Ninetta der Operette ist eine junge fasczinirend schöne Dame, die Tochter eines russischen Grafen und einer Italienerin von niederer Herkunft. Sie mußte mit ihren russischen Sippen arge Fehden wegen der Verlassenschaft auskämpfen und wäre im Streit unterlegen, wenn nicht Baron Mörsburg, ein Diplomat entre deux âges, den Nachweis der Legitimität ihrer Abstammung erbracht hätte."

 

Er hatte also keine Hauptrolle in der Operette inne, der Darsteller des Barons Mörsburg; aber diese Rolle wurde durch die Polka von Strauß hervorgehoben und ausgezeichnet. Der Uraufführung der Operette am 10. Januar 1893 im Theater an der Wien folgte die Uraufführung der "Diplomaten-Polka" im Abstand von etwa sechs Wochen: Eduard Strauß führte das aparte Werk am 26. Februar 1893 im Musikverein zum ersten Male auf.


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