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8.223237 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 37
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

"Triumph-Marsch", op. 69

Der zu Beginn des Jahres 1850 in der Klavierfassung zum ersten Male veröffentlichte "Triumph-Marsch" von Johann Strauß-Sohn gehört zu den seltsamsten Arbeiten des jungen Musikdirektors. Auffällig ist allein schon der Umstand, daß die Komposition im Verlag Carl Haslinger, quondam Tobias erschienen ist, denn es war ja der Verlag seines Vaters Johann Strauß, in dem - noch dazu als Nummer 1 im "Musikalischen Telegraf", Wochenblatt für das Jahr 1850, enthaltend interessante Musikstücke von verschiedenen Komponisten - die Publikation erfolgte.

Welchen Anlaß hatte Johann Strauß-Sohn für die Niederschrift eines "Triumph-Marsches"? Sein Platz war im Revolutionsjahr 1848 auf der Seite der für Freiheit und Recht eintretenden Studenten und Nationalgardisten. Gewiß - Strauß hatte indessen gleichsam die Position gewechselt und war bereits im Jahre 1849 mehrfach bestrebt gewesen, seine Loyalität mit der wiederhergestellten Ordnung (im Sinne des alten Kaisertums Österreich) in der Monarchie und einer Huldigung an den jungen Kaiser Franz Joseph zu dokumentieren. Aber mußte ausgerechnet er die Niederwerfung der Revolution in Ungarn, die mit einem gnadenlosen Rachefeldzug der kaiserlichen Truppen verbunden war, zum Anlaß eines "Triumph-Marsches" nehmen? Was mochte den jungen Verleger Carl Haslinger dazu bestimmt haben, diesen Marsch in so demonstrativer Form zu veröffentlichen? Nun - auch der Verlag Haslinger hatte etliche "revolutionäre Kompositionen" herausgegeben, die nun aus dem Sortiment genommen werden mußten.

Johann Strauß-Sohn und Carl Haslinger hatten offenkundig das gemeinsame Interesse, gleich zu Beginn des Jahres 1850 in der kaiserlichen Residenz, die ja nun unter dem Belagerungszustand litt und vom Militär beherrscht wurde, ihre Loyalität zu dokumentieren. Bei welchem Anlaß der "Triumph-Marsch" des jungen Strauß zum allerersten Male erklungen ist, kann nicht nachgewiesen werden. Zum ersten Male erwähnt wurde das Werke anläßlich eines Konzerts im Volksgarten, das als "Festsoiree in Folge des von Sr. Excellenz, dem Herrn Militär- und Zivilgouvemeur General-Feldzeugmeister von Weiden erlassenen menschenfreundlichen Aufrufes an die Bewohner Wiens zu milden Gaben für ihre nothleidenden Mitbürger" angekündigt wurde und am 17. Januar 1850 auch tatsächlich stattgefunden hat. Auf dem Programm, das Strauß-Sohn für diesen Anlaß zusammengestellt hat, findet sich neben Kompositionen von Strauß-Vater auch der als "neu" bezeichnete "Triumph-Marsch" (übrigens zusammen mit dem "Kaiser Franz Joseph-Marsch")!

Diese Ankündigung des Werkes ist auch der einzige Beleg dafür, daß es neben der bei Haslinger publizierten Klavierausgabe im Jahre 1850 auch eine Orchesterfassung gegeben haben muß. Sie ist jedoch nicht erhalten. Die bei dieser Aufnahme verwendete Orchesterfassung des "Triumph-Marsches" stammt vom Wiener Stadtkapellmeister Gustav Fischer.

"Jugend-Träume", Walzer, op. 12

Nach seinem sensationellen Debüt als Musikdirektor und als Komponist am 15. Oktober 1844 in Ferdinand Dommayers Casino in Hietzing gab es in Wien zahlreiche Anhänger seines Vaters, die dem jungen, erst 19jährigen Musiker nur ein bescheidenes Talent zubilligen wollten. Aber in der Sommersaison 1845 wurde Johann Strauß-Sohn (so wurde er damals allgemein genannt) mit der Musik im Stammlokal seines Vaters, im "Sperl" in der Leopoldstadt, betraut. Nun hatte er sich auch vor diesem Publikum - den "alten Spertianern" - zu bewähren. Strauß-Sohn agierte im Stil seines Vaters: er arrangierte für den 5. Juli 1845 eine außerordentliche Sommernachts-Fest-Soiree mit der imposanten Ansicht von Neapel und dem Vesuv und komponierte eigens für dieses Fest eine neue Walzerpartie mit dem Titel "Jugend- Träume".

Am 8. Juli 1845 berichtete die Zeitung "Der Wanderer": "Ehevorgestern fand das Fest beim Sperl statt. Musik von Strauß-Sohn und zum ersten Male ganz neue Walzer von Strauß-Sohn! Was braucht es für die Wiener mehr, um ein Aufruf zu sein, sich in großen Mengen einzufinden? Und die Wiener kamen, hörten und applaudierten, applaudierten von Piece zu Piece, spendeten Beifall von Nummer zu Nummer. Und erst bei den neuen 'Jugend-Träumen'! Das ist nicht mehr Beifall, das ist schon Jubel, das ist Entzückung zu nennen. Sechsmal mußten die Walzer gespielt werden und noch hatte das Publikum sie nicht satt gehört. Sind Strauß-Sohns frühere Kompositionen schon ausgezeichnet, diese Partie überbietet aber alle. Diese Kompositionen tragen den Stempel der Genialität in sich. Strauß und Lanner waren stets die heterogenen Elemente der Tanzkompositionen, hinreißende Glut und Feuer bei einem, Gemüthlichkeit, Laune und Weichheit bei dem anderen. Strauß-Sohn, als Dritter im Bunde, steht hier in der Mitte und versöhnt und vereint die beiden Elemente. Überrascht er uns anfangs durch eine feurigsprudelnde Melodie, welche die Füsse in Bewegung bringt, so legt sich uns gleich wieder eine zart schmeichelnde ans Herz, und bald hören wir ein Jubel- und bald wieder ein echt gemüthliches Lied, gerade wie der Österreicher ist, wie es seine Natur bedingt." Der Bericht im "Sammler" vom 8. Juli 1845 merkte an, daß diese Komposition "eine der schönsten in diesem Genre ist und Strauß-Sohn alle Ehre macht". Noch größeres Gewicht hatte das Urteil des angesehenen Kritikers Ferdinand Ritter von Seyfried - der als Chronist der Aufführung des Wiener Hof-Operntheaters in die Wiener Musikgeschichte eingegangen ist: er hörte die "Jugend-Träume" im Theater und ließ sich bei dieser Gelegenheit vom Genie des jungen Strauß überzeugen.

Fast 50 Jahre später, als Eduard Strauß im Oktober 1894 zu Ehren seines Bruders Johann die Fantasie "Blüthenkranz Johann Strauß'scher Walzer" arrangierte, hatten darin die ersten Takteder "Jugend-Träume" selbstverständlich ihren Platz. Leider ist die Originalfassung dieses Werkes nicht erhalten geblieben: nur eine mit Sicherheit grob veränderte, spätere Ausgabe für reduziertes Orchester hat sich gefunden. Christian Pollack hat sich daher bemüht, die offenkundigen Mängel des späteren Arrangements zu beseitigen und die Originalfassung wieder herzustellen. In dieser Form hat er das Werk auch eingespielt.

"Das Comitat geht in die Höh"', Polka schnell, op. 457

"Tanze mit dem Besenstiel!", Polka française, op. 458

"Sonnenblume", Polka Mazur, op. 459

Als Johann Strauß mit Gustav Lewy einen Vertrag schloß und seinem Jugendfreund darin nicht nur den Vertrieb der geplanten Operette "Jabuka", sondern auch die Herausgabe nach Motiven des Werkes zu arrangierenden Tanzstücke überließ, verpflichtete sich Strauß zunächst nur zur Lieferung der Operettenpartitur und eines Walzers. Dieses Abkommen hat der Komponist auch eingehalten: die Operette "Jabuka" und der Walzer "Ich bin Dir gut" ist im Verlag Lewy, der damals bereits von Gustav Lewys Sohn Richard geführt worden ist, auch prompt erschienen, und zwar sowohl in der Klavierausgabe als auch in der Orchesterfassung. Um die Tanz-Arrangements aber entspann sich eine vielfältige - und hoch interessante! - Auseinandersetzung. An einem Sonntag (der Brief ist nicht exakt datiert) des Jahres 1894 schrieb Strauß:

"Lieber Gustl! Habe heute die Themen, die sich für Tanzmusik eignen durchgegangen. Es sind daraus zwei excellente Schnellpolkas, eine ebenso vortreffliche Polka française und eine höchst wirksame Quadrille zu machen. Vielleicht bringe ich auch noch eine Polka Mazurka heraus. Jedoch kann ich diese Arbeit nicht für nichts und wieder nichts machen. - Um zwei Schnellpolkas, eine Polka française und eine Quadrille für den Tanz einzurichten, zu instrumentieren, sind zwei Monate Zeit nothwendig. Du kannst es nicht unbillig finden, wenn ich für die nach dem Walzer vorkommenden Arrangements für Orchester dieselbe Summe, welche ich seit Spina (d.i. 1863!) stets erhalte, als Bedingung stelle."

Am 2. September 1894 schrieb Strauß seinern Verleger in einem weiteren Brief, daß vorgesehen sei, daß ein Anderer (und zwar Kpm. Louis Roth) die Instrumentierung der Tänze besorgen solle. Dagegen aber verwahrte sich Johann Strauß auf das entschiedenste. "Jeder Tanz", so formulierte Johann Strauß, "kann nur der Öffentlichkeit übergeben werden, wenn auf dem Titelblatt der Name des Arrangeurs bekannt gegeben wird. Obzwar für mich das Orchesterarrangement der Tänze aus 'Jabuka' eine Qual wäre, so würde ich dennoch bereit sein, Dir in Bezug auf das immer gehabte Honorar eine Konzession zu machen, um unseren beiderseitigen Interessen Rechnung zu tragen. Solltest Du anders gesonnen sein, so bitte ich Dich, mich hievon zu avisiren."

Seltsamerweise wollte Strauß aber - in wieder einem anderen Brief - zulassen, daß die "Jabuka-Quadrille" von seinem Bruder Eduard arrangiert werden sollte.

Aus alledem wurde nichts: der Verlag Lewy gab - wohl auch als Folge des mässigen Erfolges der Operette "Jabuka", die am 12. Oktober 1894 auf der Bühne des Theaters an der Wien in Szene ging - keines der Tanzstücke nach Motiven dieses Werkes in der Orchesterfassung heraus. Die Klavierausgaben der schließlich arrangierten Tänze: Marsch "Zivio!", op. 456, Polka schnell "Das Comitat geht in die Höh'", Polka française "Tanze mit dem Besenstiel!", Polka Mazur "Sonnenblume" und schließlich "Jabuka-Quadrille", op. 460, wurden von Kapellmeister Roth hergestellt (und dann doch von Strauß in aller Eile verbessert!). Daher mußten die Tanzweisen aus "Jabuka" für diese Aufnahmen von Kapellmeister Christian Pollack arrangiert werden.

Die Schnellpolka "Das Cornitat geht in die Höh'" entspricht der Nummer 15 der Operette, dem Couplet Joschkos aus dem dritten Akt, die Polka française bezieht ihren Titel aus dem Spottchor (Nr. 16). Die Polka Mazur "Sonnenblume" beginnt mit den berührenden Motiven des Vorspiels zum dritten Akt, und von der Sonnenblume ist in der Operette irn schönsten Duett (Nr. 10) die Rede, in dem sich auch das Zitat findet: "O blüh' für mich, o sei mir gut", das Johann Strauß seiner Gattin Adèle auf ein verliebtes Billett geschrieben hat. Das Motiv

im Vorspiel zum dritten Akt ist eine Vorwegnahme der ersten Melodie des Quartetts (Nr. 17) aus dem dritten Akt (Andante con moto, "Siehe die Sonne verglüh'n in Prachr'), daran schließt sich ein Zitat aus dem Finale des ersten Aktes (Andantino con moto, "Wohlan, wohlan, ihr Schwestern und Brüder"). Im Trio erklingt zunächst der Refrain aus dem Auftrittslied des Joschko ("Ja, tief empfand ich meine Sendung") und dann folgt als Höhepunkt aus dem Sonnenblumen-Duett (Nr. 10) die Stelle "Ich blüh' für Dich, ich bin Dir gut".

Die Polka "Tanze mit dem Besenstiel!" beginnt mit dem Spottchor aus dem dritten Akt {Nr. 16, Allegro moderato, "Sag doch, so sag doch"), dann folgt ein Zitat aus dem ersten Akt; das Trio wird gekrönt von Ausschnitten aus dem Terzett mit Chor (Nr. 2, "Mag an der Scholle kleben" - "Herr Bruder, hurtig angespannt").

Quadrille nach Motiven der Oper "Die Königin von Leon", op. 40

Die "Theaterzeitung" meldete am 18. Juli 1847: "Der Kapellmeister Strauß-Sohn ist ein wahrer Quadrillen-Döbler. [Anm.: Der Artist Döbler verblüffte damals das Publikum dadurch, daß er bei seinen Produktionen immer neue Blumensträußchen aus seinem Hut und seinen Taschen hervorzauberte.] Kaum hat sich die 'Königin von Leon' im Theater an der Wien zum ersten Male präsentiert, so hat Herr Strauß-Sohn bereits eine neue, recht pikante Quadrille über Motive dieser Oper komponiert, die allgemeinen Beifall findet."

An dieser Meldung ist richtig, daß Johann Strauß-Sohn, der sich damals nach Kräften bemühte, jede Gelegenheit zu einem wenn auch bescheidenen Verdienst wahrzunehmen, unmittelbar nach der ersten Aufführung der Oper "Die Königin von Leon" am 15. Juli 1847 im Theater an der Wien eine Quadrille nach Motiven dieses Werkes schrieb. Bereits am 18. Juli stellte er die neue Quadrille dem Publikum seines Konzerts bei Dommayer in Hietzing vor. Es mag sein, daß ihm der Klavierauszug der Oper "Ne touchez pas à la Reine", Text von Scribe und Vaez, Musik von Xavier Boisselot, bereits bekannt war, ehe dieses Stück unter dem Titel "Die Königin von Leon" auch in Wien gespielt wurde (die Pariser Premiere hatte ja bereits am 16. Januar 1847 stattgefunden) und daß er daher so rasch eine Quadrille "herbeizaubern" konnte. Viel Erfolg hatte seine Quadrille freilich ebensowenig wie Boisselots Oper in Wien, denn diese verschwand nach 10 Aufführungen wieder von der Bühne. Auch der Versuch, diese Quadrille im August 1847 für eine Balletteinlage bei den Aufführungen des Schauspiels "Der verkaufte Schlaf" von Karl Haffner im Theater in der Josephstadt zu verwenden, war nicht gerade erfolgreich. Im 'Wanderer" vom 2. August 1847 war in die Premierenkritik, die Haffners Stück lobte, der Satz eingeflochten: "Nicht so gut gefiel uns die Quadrille im zweiten Akt trotz der Musik von Strauß-Sohn nach Motiven aus der 'Königin von Leon'."

Die Orchesterfassung der Quadrille, die übrigens gar nicht im Druck erschienen ist, blieb nicht erhalten. Christian Pollack hat das Werk für diese Aufnahme nach dem Klavierauszug und der Musik von Boisselot instrumentiert.

"Neue Steierische Tänze", op. 61

Als Johann Strauß im Dezember 1848 nach der Niederwerfung der revolutionären Kräfte Wiens seine Konzerttätigkeit behutsam wieder aufnahm, ließ Ferdinand Dommayer, in dessen Casino die Strauß-Kapelle gleichsam Zuflucht gefunden hatte, wochenlang nur zwei Werke des jungen Komponisten anbieten: die "Blitz-Quadrille", op. 59, und die "Neuen Steierischen Tänze", also zwei Werke, die in keinerlei Beziehung zu den politischen Ereignissen dieser tragischen Epoche in der Chronik der Kaiserstadt standen. Warum der junge Strauß damals dem Beispiel Joseph Lanners folgte und "steierische Motive" - dem Ohr des damaligen Publikums wohlvertraut - und selbsterfundene Melodien im bunten Wechsel miteinander verband, ist nicht leicht zu erklären. Man kann sich eventuell an die Tatsache erinnern, daß in der Biographie des jungen Musikdirektors zur Zeit noch unbekannt ist, wo er sich zwischen der Abreise seiner Kapelle aus Bukarest im März 1848 und seinem ersten Auftreten in Wien (Juni 1848) aufgehalten hat. Es könnte sein, daß er die Rückreise in die Heimatstadt über die Steiermark angetreten hat und daß ihm dieser Umstand als Anregung für die Niederschrift einer Partie "Steierischer" diente.

Das Werk ist in zwei Versionen erhalten: die Klavierausgabe enthält vier Tänze, eine möglicherweise unvollständige Abschrift von Orchesterstimmen endet mit dem dritten Tanz und beinhaltet einige Abweichungen zur Klavierausgabe.

Kapellmeister Christian Pollack, der die bei der vorliegenden Aufnahme verwendete Fassung ausgearbeitet hat, gehtdavon aus, daß die Orchestrierung der überlieferten (handschriftlichen) Stimmen vollständig ist. Er hat also keine Ergänzung bei den Stimmen vorgenommen; hingegen hat er den vierten Tanz im Stil der im Original erhaltenen drei ersten Tänze hinzugefügt. Daß er dabei ein harmonisches Ergebnis erzielt hat, ist seiner genauen Kenntnis der Strauß-Musik zuzuschreiben.

"Spitzentuch-Ouadrille", op. 392

Johann Strauß hat den Sommer 1880 über fleißig gearbeitet, um seine neue Operette am 1. Oktober für die erste Vorstellung der Direktion Franz Steiner im Theater an der Wien zur Verfügung stellen zu können. Der Komponist wurde auch pünktlich fertig und erschien bereitwillig am Dirigentenpult, um sein Werk "Das Spitzentuch der Königin" selbst zu präsentieren. Das Publikum applaudierte eifrig, aber die rechte Premierenstimmung wollte nicht aufkommen. Sogar Johannes Brahms schrieb ein paar Tage später seinem Verleger Fritz Simrock, die neue Operette sei recht langweilig. Eduard Strauß war gerade in Bremen, aber nach seiner Rückkehr spielte er gleich im ersten Konzert im Musikverein sowohl die Ouvertüre der Operette als auch den Walzer "Rosen aus dem Süden", der sofort jenen Erfolg hatte, den sich Strauß für die Operette gewünscht hätte. Daß der Walzer bereits eifrig gespielt wurde, beweist Eduards Hinweis in der Programmankündigung, er werde "Rosen aus dem Süden" in der Original-Instrumentation seines Bruders vortragen lassen.

Etwas später ging Johann Strauß auf Reisen und gastierte in Berlin und in Hamburg. Indessen erschienen die Tanzweisen nach Motiven der Operette "Das Spitzentuch der Königin" der Reihe nach in den Konzertprogrammen. Die Quadrille, op. 392, hat Eduard Strauß am 23. Januar 1881 bei seinem Nachmittagskonzert im Musikverein präsentiert. Wenig später wurde das Werk auch in den Druckausgaben veröffentlicht. Der Verleger Cranz hatte Strauß daran erinnert, daß er mit der Lieferung von Tanzweisen in Rückstand geraten sei; dabei konstatierte er, zu welchen Preisen er die einzelnen Werke übemehmen wolle. Für die Quadrille war ein Honorar von 300 Gulden österreichischer Währung vorgesehen.

Mit der Zusammenstellung der Motive für die "Spitzentuch-Quadrille" hat sich der Komponist offenkundig einige Mühe gegeben. Geschickt splitterte er z.B. die Szene Nr. 18 auf: den ersten Teil (Tempo di marcia, "Singt dem König Heil") verwendete er für den ersten Teil der Quadrille, den zweiten Teil aber für den zweiten Teil des Finales ("Eilt in buntem Gedränge")!

"Schwungräder", Walzer, op. 223

Der Walzer "Schwungräder" ist beim Ingenieur-Ball in den k.k. Redoutensälen der Wiener Hofburg am 27. Februar 1859 zum ersten Male aufgespielt worden, Johann Strauß leitete selbst sein Orchester. Das Werk ist nicht bloß eine der relativ zahlreichen Reverenzen, die Johann Strauß dem technischen Fortschritt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwiesen hat, es unterstreicht wie kein anderes die Entwicklung des Eisenbahnbetriebes in der Donaumonarchie. Die Herren Ingenieure, die den Festball in der kaiserlichen Burg veranstalteten, hatten sich aus dem weiten Feld der Techniker herausgehoben, weil sie so stolz waren auf ihre Leistungen beim Bau und dem Betrieb der Bahnlinien. Im Jahre 1858 war neben der Kaiser Ferdinand-Nordbahn, der Raaber-Bahn und der nun bereits über die Paßhöhe des Semmering führenden Südbahn auch die Errichtung der Kaiserin Elisabeth-Westbahn in Angriff genommen worden, sodaß von der Metropole der Donaumonarchie aus Bahnverbindungen in alle Richtungen führten. Dazu kamen die großen Leistungen der selbstbewußten Ingenieure bei der Errichtung und dem Betrieb der zahlreichen Fabriken, die damals im Großraum um die Kaiserstadt gegründet worden waren.

Schwungräder sorgen in der Physik durch ihren massiven Radkranz und dessen Schwergewicht für einen ständigen, beharrlichen Ablauf einer Drehbewegung; haben sie in technischen Betrieb einmal eine gewisse Geschwindigkeit erreicht, dann wirken sie stabilisierend, halten die Bewegung eben in Schwung.

Johann Strauß sorgte dafür, daß sein Walzer sehr rasch und effektvoll, wie es die Herren Ingenieure in der Praxis des Bahnbetriebes oder des Betriebes in den Fabriken vorgegeben hatten, auch im Tanzsaal eine beschwingte und doch gleichmäßig dahingleitende Bewegung in Gang setzen konnte; so vielfältig und kontrastreich sich die Walzermotive auch aneinanderreihen und dem Ohr daher willkommene Abwechslung bieten, der Schwung bleibt vom ersten bis zum letzten Takt des Werkes stetig erhalten.

Im Ballbericht der 'Wiener Theaterzeitung" vom 2. März 1859 wurde zwar angemerkt, daß "Johann Strauß neueste Kompositionen wieder alle die Melodienfrische und den pikanten Rhythmus" aufwiesen, also die Eigenschaften, die man an seinen Werken nun bereits zu schätzen wußte; der besondere Reiz gerade des Walzers "Schwungräder" blieb aber zunächst unbemerkt. Das muß sich später geändert haben, denn die Walzerpartie "Schwungräder" gehörte in den folgenden Jahrzehnten zum ständigen Repertoire der Strauß-Kapelle.

"Romanze Nr. 2 in g-Moll", op. 255

Bei der Erstellung der Programme für seine Sommerkonzerte in Pawlowsk bei St. Petersburg hatte Johann Strauß auf den Geschmack des russischen Publikums Rücksicht zu nehmen. Daher schrieb er auch einige "Romanzen", und zwar im Laufe seiner Gastspiele in den Jahren 1856 bis 1865 ingesamt sechs. Die beiden ersten "Romanzen" (in d-Moll bzw. in g-Moll) stammen wahrscheinlich aus dem Sommer 1860 und sind in der Klavierfassung zuerst im Verlag Büttner in St. Petersburg im Druck erschienen.

In Wien präsentierte Johann Strauß die beiden "Romanzen" zum ersten Male am 21. November 1860 bei seinem ersten Konzert im k.k. Volksgarten. Der Verleger Carl Haslinger hat die "Romanze in g-Moll" mit einiger Verspätung erst im Jahre 1861 als Opus 255 herausgegeben, wobei er offenbar übersehen hatte, daß unter dieser Opuszahl auch das Werk "St. Petersburg, Quadrille nach russischen Motiven" in seinem Verlag erschienen war. Die Klavierausgabe der "Romanze" reihte Haslinger in die Sammlung "Neuigkeiten für Pianoforte", Nr. 141, ein. Eine Orchesterfassung ließ Haslinger nicht drucken: daher wurde für diese Aufnahme die Bearbeitung der "Romanze" für Cello, Harfe und Orchester von Max Schönherr verwendet. Indessen hat Thomas Aigner, wie er in der Zeitschrift "Fledermaus" berichtet hat, eine Partitur-Reinschrift und Stimmenabschriften in St. Petersburg entdeckt. Diese standen aber für die vorliegende Aufnahme noch nicht zur Verfügung.

Ein genaues Datum für die erste Aufführung der (zweiten) "Romanze" in Rußland ist bisher nicht ermittelt worden.

"Traumbild 2", ohne op.

Unter den zahlreichen, musikalischen Skizzen, die Johann Strauß bei seinem Tod im Jahre 1899 hinterlassen hat, befanden sich auch zwei Charakterstücke, über denen als Titel "Traumbilder" stand. Der Komponist selbst hat seinem Bruder Eduard über diese Arbeiten geschrieben: "Wie ich mir jetzt die Zeit vertreibe, ist sehr komisch. Ich begann ein zwischen Ernst und Humor gehaltenes Orchesterstück, mich an keine Form bindend. Der Ernst zum Scherz bildet einen großen Sprung, demnach ich es der freien Phantasie überlassen muß, wie die Sprünge geschehen. Die erste dieser musikalischen Verirrungen ist mehr leidenschaftlich, die zweite ist ein Porträt Adèles."

Bei einer anderen Gelegenheit bat Johann Strauß seinen Bruderdie Skizzen bei einer Probe durchspielen zu können, um den Orchesterklang zu kontrollieren und die Fehler zu verbessern. Er wollte die Arbeiten selbst herausgeben. Dazu ist es nicht gekommen. Doch am 8. Dezember 1899 ließ der Verlag Josef Weinberger in den Zeitungen annoncieren:

"!Novität! Sensationelles musikalisches Weihnachtsgeschenk. Soeben erschien das nachgelassene Werk von Johann Strauß, 'Traumbilder'. Zwei Phantasiestücke für Klavier zu zwei Händen." Diese Ausgabe ist erhalten, jedoch wurde dabei die Reihenfolge vertauscht: "mehr leidenschaftlich" war nun das "Traumbild 2". Eine Orchesterfassung aber hat der Verlag Weinberger offenbar lediglich vom "Traumbild 1" veröffentlicht, das - nach dem Hinweis des Komponisten - als "Porträt seiner Gattin Adèle" zu verstehen ist. Das "Traumbild 2" hat Kapellmeister Christian Pollack nach dem schwer lesbaren Autograph ausgeschrieben. Auf dem Titelblatt des Autgraphes steht überdies: "Traumbilder, meinem innigst geliebten Weib Adele gewidmet".

Die "Traumbilder" erschienen zum ersten Male auf dem Programm eines außerordentlichen Gesellschaftskonzerts, das die Gesellschaft der Musikfreunde um die Mittagszeit des 21. Januar 1900 veranstaltete, und zwar als "Johann Strauß-Gedächtniskonzert". Es gab allerlei Merkwürdigkeiten rings um diese Veranstaltung, und eine seltsame Angelegenheit betraf auch das Programm. Es wurden zwei Uraufführungen angekündigt: "Entre'act aus 'Aschenbrödel'" und "Traumbilder". Es dürfte aber nur "Traumbild 1 "vorgetragen worden sein. In der Rezension dieser Veranstaltung, die am 22. Januar 1900 im "Fremden-Blatt" erschienen ist, hieß es nämlich: "Das Orchester brachte zwei interessante Stücke aus dem Nachlaß des Meisters; ein 'Entre'act' aus dem Ballett 'Aschenbrödel', dessen anheimelnde Walzerweise ausnehmend gefiel und wiederholt werden mußte, und ein [!] elegisches Tonbild 'Traumbilder', das bei minder breiter Ausspinnung vermöge seines Klangreizes gleichfalls gewirkt hätte." Als "elegisches Tonbild" aber kann man wohl nur "Traumbild 1" bezeichnen, das gefühlvolle "Porträt Adèles". - "Traumbild 2" wurde damals daher mit großer Wahrscheinlichkeit nur in der Klavierausgabe bekannt.

© 1994 Professor Franz Mailer


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