About this Recording
8.223238 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 38
English  German 

Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

"Wiener Garnison-Marsch", op. 77

 

Im Sommer 1850 dauerte der Belagerungszustand, der über die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien nach der Niederschlagung der Revolution des Jahres 1848 verhängt worden war, immer noch an. Obwohl indessen wieder Ruhe in den Gassen der Metropole des Habsburgerreiches eingekehrt war und es den kaiserlichen Truppen - mit der Hilfe eines russischen Korps - auch gelungen war, die Lage in Ungarn zu stabilisieren, wurde der Druck auf die Bevölkerung Wiens keineswegs gelockert. Man mußte sich mit den Befehlshabern der das öffentliche Leben kontrollierenden Militäreinheiten gut stellen, wenn man wieder zur Lebensfreude zurückfinden und für eine friedliche Zukunft wirken wollte. Auch Johann Strauß, der für das Kriegswesen gewiß keinerlei Sympathie empfunden hat, konnte sich den Notwendigkeiten des Eingehens auf die damals aktuelle Situation nicht entziehen. Daher schrieb er für ein Sommerfest, das am 25. Juni 1850 im k.k. Volksgarten stattgefunden hat, einen Marsch, den er "dem löblichen Officierscorps der Wiener Garnison" widmete.

 

Johann Strauß hat diesen "Wiener Garnison-Marsch" selbst mit seiner Kapelle am 25. Juni 1850 im Volksgarten zum ersten Male aufgespielt. Da an diesem Fest auch die Banda des 2. Feld-Artillerie-Regiments mitgewirkt hat, wäre auch eine gemeinsame Aufführung durch beide Ensembles denkbar gewesen. Im Druck ist allerdings nur eine Ausgabe für Militärmusik erschienen, die zusammen mit der Klavierfassung im Verlag Pietro Mechetti hergestellt worden ist. Erhalten blieb freilich nur die Klavierausgabe. Daher mußte Ludwig Babinski für diese Aufnahme des Marsches eine neue Orchesterfassung (nach dem Muster ähnlicher Kompositionen von Johann Strauß) herstellen.

 

"Damenspende", Polka française, op. 305

 

Im Fasching 1866 spielten alle drei Strauß-Brüder den Wienern zum Tanze auf. Eine fröhliche Karnevalsstimmung wollte in der Metropole der Donaumonarchie in diesem Jahr nicht aufkommen: man fürchtete allgemein die bevorstehende, kriegerische Auseinandersetzung des Kaisertums Österreich mit dem Königreich Preußen. Da gelang es auch den in diesem Fasching besonders zahlreichen, neuen Kompositionen von Johann, Joseph und Eduard Strauß nicht, das Publikum zu begeistern. Der nun bereits traditionelle Studentenball fand diesmal am 6. Februar in den Redoutensälen der Hofburg statt, die der Kaiser den Protektorinnen des Festes zur Verfügung gestellt hatte. Bei der Leitung der Tanzmusik waren Johann und Joseph Strauß im Einsatz. Die beiden hatten je eine Widmungskomposition mitgebracht: Joseph den Walzer "Vereinslieder", op. 198, Johann die aparte Polka française "Damenspende", die selbstverständlich an die Protektorinnen des Balles adressiert war.

 

Wenn man dem etwas oberflächlichen Bericht des Ballreporters im "Fremden-Blatt" (erschienen am 8. Februar 1866) Glauben schenken kann, war das Fest nicht allzu gut besucht; es war von den Damen die Rede, die durch "sehr viele jugendliche Gestalten vertreten waren, welche mehr durch Persönlichkeit als durch ihre Toiletten glänzten". Weiter hieß es in dem Bericht: "Diese ungesuchte, ansprechende Einfachheit gab dem Feste den Anstrich eines erweiterten Hausballes, dessen erstes und wichtigstes Gebot 'Tanzen' ist. Und diesem Gebote kamen die Damen und Herren mit der größten Pietät [!] nach; es wurde von neun Uhr abends bis sechs Uhr morgens mit Lust und Eifer zu den Klängen der Strauß'schen Kapelle getanzt." Nach Ansicht des Ballreporters hat Johann Strauß an diesem Abend die Polka Mazur [!] "Damenspende" aufgespielt. Der Journalist hat zwar Rhythmus und Schwung der Komposition bewundert, aber nicht bemerkt, daß es sich bei diesem Werk um eine aparte Polka française gehandelt hatte.

 

Klüger war sein Kollege, der über das Festkonzert des Wiener Männergesangvereins am 21. Juni 1866 im Wiener Volksgarten berichtet hat. Er schrieb u.a.: "Eine neue französische Polka 'Damenspende' von Johann Strauß ist voll prickelnden Lebens." Das Werk, das am 12. Februar 1866 in der Klavier- und am 13. April in der Orchesterfassung veröffentlicht worden ist, blieb auch in der Folge stets im Repertoire der Strauß-Kapelle.

 

"Faschings-lieder", Walzer, op. 11

 

Das Debüt des jungen Komponisten und Musikdirektors Johann Strauß (Sohn) im Oktober 1844 bei Dommayer in Hietzing endete mit einem Triumph: das Publikum im übervollen Saal war von den Produktionen begeistert, das Presseecho mußte als sensationell bezeichnet werden. Aber im Fasching 1845 zeigte sich, daß nach wie vor Johann Strauß-Vater das Wiener Walzergeschäft souverän beherrschte. In so gut wie allen repräsentativen Etablissements konzertierte seine mehrfach geteilte Kapelle, dem Sohn blieben - von einzelnen Engagements abgesehen - nur das vergleichsweise kleine Casino Dommayer und die etwas heruntergewirtschafteten Sträußl-Säle im Gebäudekomplex des Theaters in der Josephstadt. In Hietzing und in der Josephstadt war Strauß-Sohn also Karnevalsregent und hatte daher auch das Recht, je einen Ball zu seinem Benefiz abzuhalten. Natürlich bemühte sich der junge Künstler, diese Anlässe zu möglichst publikumswirksamen Veranstaltungen auszunützen. In den Sträußl-Sälen konnte er den erfahrungsgemäß günstigen Faschingmontag für seinen Ball zugeteilt erhalten: er versprach erwartungsvoll einen Festabend bei besonderer Beleuchtung und Dekorierung der Säle und bereitete eine Walzerwidmung für die Besucher vor. Das Werk erhielt den Titel "Faschings-Lieder".

 

Die Berichte über diesen Benefizball des jungen Strauß, der am 3. Februar 1845 in den Sträußl-Sälen abgehalten worden ist, sind allerdings nicht gerade aufregend. Die "Allgemeine Wiener Musikzeitung" registrierte sachlich und kühl, der Ball habe stattgefunden und die neuen Walzer "Faschings-Lieder" seien dabei zum ersten Male produziert worden. Erst am 8. Februar erschien ein etwas ausführlicherer, auffällig wohlwollender Bericht im "Sammler". Darin wurde beteuert, daß die Ballfeste und Benefize des jungen Strauß ihr Eigentümliches und Originelles zu bieten hätten: bei ihnen herrsche Lust, Freude und ungezwungene Heiterkeit, die gemütliche Laune und Jovalität der Wiener zeige sich immer in sehr hohem Grade. Das anwesende Publikum erfreue sich stets an dem Aufstreben des jugendlichen, kräftigen und feurigen Talents und an dessen neckischen [!], tanzauffordernden und pikanten Melodien, welche sich jedesmal als originell, als Kinder eines heiteren, echten Humors erwiesen. Dann hieß es wörtlich: "Sollen wir nun melden, wie seine heutigen Walzer waren, so dürfen wir nur sagen, daß Strauß (Sohn) sie spielte und der Erfolg ist gewiß." Im letzten Satz des Artikels hieß es dann, der Besuch sei sehr zahlreich, die Dekorierung brillant und die Freude allgemein gewesen. Mehr Begeisterung brachte auch der wohlwollende Berichterstatter offenbar nicht auf.

 

Der Verleger Mechetti hatte es nicht eilig, die Walzerpartie "Faschings-Lieder" als 11. Werk zu publizieren. Der Klavierauszug erschien erst im Januar 1846, die Orchesterstimmen dürften überhaupt nicht gedruckt worden sein. Für diese Aufnahme wurde der Walzer von Arthur Kulling instrumentiert.

 

"Serben-Quadrille", op. 14

 

Unter den Kompositionen, die Johann Strauß-Sohn in den ersten Jahren seines Wirkens den in der Reichshaupt- und Residenzstadt lebenden Repräsentanten der Völker der Donaumonarchie gewidmet hat, nimmt die "Serben-Quadrille" eine Sonderstellung ein. Das Werk wurde im Auftrag des Fürsten Milos Obrénovits (1780-1860) geschrieben. Der damals in Wien im Exil lebende Fürst, der im Jahre 1839 als Regent in Belgrad hatte abdanken müssen und im Jahre 1842 zusammen mit seinem Sohn Mihailo vetrieben worden war, gab sich alle Mühe, möglichst viele Parteigänger um sich zu versammeln, um die Herrschaft in Serbien zurückzugewinnen. (Tatsächlich konnten Fürst Milos und sein Sohn Mihailo im Jahre 1859 wieder nach Belgrad zurückkehren.) Eines der Mittel, mit denen der reiche Fürst Milos seine Pläne zu fördern trachtete, war die Veranstaltung von Slawenbällen in Wien. Für das Ballfest im Jahre 1846, das in den Graziensälen im Bezirk Wien-Landstraße (das Etablissement war vordem unter dem Namen "Zur goldenen Birne" bekannt und berühmt) am 28. Januar 1846 stattfand und bei dem beide Fürsten Obrénovits anwesend waren, schrieb Johann Strauß die "Serben-Quadrille" und führte das Werk mit seinem Orchester auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte Fürst Mihailo Obrénovits (1823-1868) nicht nur die Dedikation der Quadrille angenommen, sondern beim Verleger Mechetti 4000 Abdrücke der höchst elegant auszustattenden Quadrille bestellt, um sie unter seinen Parteigängern zu verteilen und auch nach Serbien zu schicken. ("Theaterzeitung", 15. Januar 1846) Am 3. Februar 1846 berichtete die damals neu erschienene Zeitung "Gegenwart" über den geschlossenen Gesellschaftsball der Serben am 28. Januar in den Graziensälen. Darin hieß es: "Die Gesellschaft bestand aus den hier anwesenden Serben und den bedeutendsten befreundeten Nationalitäten. - Strauß's Quadrille wurde mit ungeheurem Beifall (keine Hyberbel!) aufgenommen. Die Heiterkeit war allgemein und niemand verließ den Saal, ohne auf das Höchste zufriedengestellt worden zu sein."

 

Auch die erste öffentliche Aufführung des Werkes, die am 2. Februar ebenfalls in den Graziensälen stattgefunden hat, führte zu einem großen Erfolg. Johann Strauß hat sich später, viel später (in einem Brief an Gustav Davis) daran erinnert, daß er in seiner Jugend eine Vorliebe für die serbische Musik gehabt habe; er führte ausdrücklich die "Serben-Quadrille", op. 14, als Beispiel an. Fürst Obrénovits dürfte nur die Klavierausgaben der "Serben-Quadrille" bestellt und angekauft haben, denn von einer Orchesterausgabe findet sich keine Spur. Für diese Aufnahme wurde das Werk von Ludwig Babinski instrumentiert.

 

"Nimm sie hin", Parka française, op. 358

 

Mit seiner zweiten Operette, die unter dem Titel "Carneval in Rom" am 1. März 1873 zum ersten Male auf der Bühne des Theaters an der Wien erschienen ist, wollte Johann Strauß dem Publikum - und vor allem den Kritikern der Zeitungen in der Donaumonarchie - beweisen, daß er nicht auf die Faszinationskraft seiner Walzermelodien angewiesen war, um Erfolge zu erzielen. Er verwendete daher in diesem Werk sparsamer denn je den Dreivierteltakt. "Carneval in Rom" wurde denn auch als die "Polka-Oper des Walzerkönigs" bezeichnet. Da Richard Genée - wie schon beim Erstlingswerk für das Theater an der Wien, bei der Operette "Indigo und die 40 Räuber" - dem Komponisten als Berater zur Seite stand, läßt die Partitur eine kluge Ökonomie erkennen: es wurden nicht mehr Melodien aufgeboten, als für die drei Akte der Operette notwendig waren. Aber so gut wie alle Motive dieser interessanten Partitur waren (und sind) kostbar.

 

Das gilt auch für die Polka française, die nach Motiven der Operette "Carneval in Rom" etwa 4 Monate nach der Premiere veröffentlicht worden ist. Indessen hatte am 1. Mai im Wiener Prater die große internationale Ausstellung (Wiener Weltausstellung 1873) ihre Pforten geöffnet. Der erhoffte Besucherstrom war allerdings zunächst ausgeblieben; hartnäckiger Dauerregen bei ungewohnt tiefen Temperaturen ließ keine Begeisterung für die Attraktionen der Leistungsschau zahlreicher Nationen aufkommen. Erst Anfang Juli hörte es allmählich zu regnen auf; eine solche Regenpause benützte Strauß, um mit der von ihm nach Wien geholten "Weltausstellungs-Kapelle" (es handelte sich um die Kapelle Julius Langenbach!) in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft ein Promenadekonzert zu veranstalten. Bei diesem Anlaß stellte Johann Strauß dem Publikum die Polka française mit dem seltsamen Titel "Nimm sie hin" an der Spitze des Ensembles vor. Für die Kenner der Operette war dieser Titel allein schon deshalb verwunderlich, weil es ja in der Operette (Lied des Arthur, Nr. 7, Trio) hieß: "Nimm ihn hin, er sei Dein, und mein Segen obendrein".

 

Aber um solche Dinge kümmerte Streuß sich wenig, und es kam auch tatsächlich nicht auf den Titel an: das ziarliche, graziöse Werk gefiel dem Publikum des Konzerts am 9. Juli 1873 und mußte wiederholt werden. Einen festen Platz im Repertoire der späteren Strauß-Konzerte konnte es nicht erringen.

 

"Leitartikel", Walzer, op. 273

 

Nach dem Ende des Metternich-Systems in der Donaumonarchie im März 1848, das mit Hilfe von Polizei und Zensur die Meinungsfreiheit praktisch unmöglich gemacht hatte, blühte das Pressewesen in den Zentren Österreichs allmählich auf. Selbstbewußt gründeten die Schriftsteller und Journalisten im Jahre 1859 ihre Standesorganisation, die "Concordia". Es dauerte dann noch bis zum Jahre 1863, ehe sich die Journalisten- und Schriftstellervereinigung dazu aufraffte, eigene Ballfeste zu veranstalten, zu denen die Repräsentanten aller Berufsstände eingeladen wurden und auch prompt erschienen. Denn nun wollte es sich keine und keiner mit der Presse verderben.

 

Mit dem ersten Ballfest der "Concordia", das am 19 Januar 1863 im Sofiensaal in Wien-Landstraße stattfand, wurde eine Tradition begründet, die fortdauert bis in unsere Zeit. Selbstverständlich war der Walzerkönig Johann Strauß aufgefordert worden, die Musik am Ballabend zu dirigieren und auch eine Widmungskomposition beizusteuern. Nun war zwar dem 38jährigen Maestro, der im Sommer 1862 geheiratet hatte, wegen angeblicher oder tatsächlicher Überanstrengung (man hörte sogar von der Gefahr einer Gehirnlähmung!) mit Jahresbeginn 1863 das Komponieren verboten worden; weil aber der Concordiabail das erste repräsentative Tanzvergnügen im Fasching 1863 war, hatte Strauß den Widmungswalzer bereits fertiggestellt ehe ihm die Ärzte jede anstrengende, geistige Tätigkeit untersagten. Dirigieren durfte Strauß - und so konnte er auch am 19 Januar 1863 den Widmungswalzer für die "Concordia" persönlich aufspielen. Das Werk erhielt den Titel "Leitartikel", huldigte also gleichsam jenem Teil der Zeitungen, auf den die Journalisten besonders stolz waren, weil sich darin die "Blattlinie" ausprägte. Strauß - der die Komposition aller übrigen Ballwidmungen für den Karneval 1863 seinem Bruder Joseph überließ - zeigte sich der Aufgabe gewachsen: die Walzerpartie "Leitartikel" hat die indessen unübersehbar große Anzahl der "Concordia"-Widmungen vieler Komponisten würdig eröffnet

 

Quadrille nach Motiven der komischen Oper "Eine Nacht in Venedig", op. 416

 

An der Fertigstellung der Partitur für seine Operette "Eine Nacht in Venedig" hat Johann Strauß verhältnismäßig lange gearbeitet. Das Werk war unmittelbar nach der sehr erfolgreichen Premiere der Operette "Der lustige Krieg", die am 25 November 1881 im Theater an der Wien stattgefunden hatte, in Zusammenarbeit mit den bewährten Librettisten F. Zell und Richard Genée in Angriff genommen worden. Das Sujet war von der Gattin des Komponisten, Angelika, ausgewähit worden; sie hatte sogar Venedig als Schauplatz der Handlung festgelegt. Aber noch während der Fertigstellung "ihrer Operette" hatte Lili ihren Gatten verlassen; das hat u.a. zur Unterbrechung der Arbeit an der Operette "Eine Nacht in Venedig" geführt. Die Premiere dieses Werkes fand daher erst am 3. Oktober 1883 in Berlin statt, da Johann Strauß sich zunächst weigerte, das Theater an der Wien, in dem nun Lili Strauß an der Seite des Direktors Franz Steiner "amtierte", noch einmal zu betreten. Er konnte seine Ablehnung aber nicht aufrecht erhalten: das Werk war nun einmal für die Darsteller des Wiedner Theaters (u.a. Alexander Girardi und Felix Schweighofer) berechnet worden. Am 9. Oktober 1883 folgte daher die Wiener Erstaufführung, und zwar nun doch im Theater an der Wien.

 

Aus dem reichen Meiodienvorrat des Werkes hat Johann Strauß - vielleicht, weil ihm die "Lili-Operette" gründiich verleidet worden war - nur sechs Tanzstücke herausgegeben, zuletzt die Quadrille als Opus 416. Aber gerade diese Quadrille ist souverän gestaltet worden: sehr geschickt (und ein wenig skrupellos) hat Strauß die Motive der Quadrille aus den relativ umfangreichen, vielgliedrigen Nummern der Partitur herausgeholt. An der Spitze steht ein Motiv aus Nummer 4 ("Hoch Cammello"), dann folgt - ebenfalls aus Nr. 4 - dia Stelle "Ich mag mich selbst nicht loben"; der letzte Teil des Pantalon stammt aus dem Quanett Nr. 6.

 

Beim zweiten Teil (Ete) kehne Strauß zur Nummer 4 zurück (Tempo I, "Ewiva Caramello") und fügte daran ein Motiv aus Nummer 10 (Duett, Piú vivo, 'Von der guten Barbara"). Relativ geschlossen ist Teil 3 (Poule) konzipiert worden: es handelt sich um das Allegretto aus Nummer 4, "Eine neue Tarantella", daran schileßt sich - ebenfalls aus dieser Nummer - die Stelle "Ja Caramello". Der vierte Teil (Trenis) beginnt mit einem Zitat aus Nummer 8a, "Hereinspaziert", und bringt dann aus Nummer11 (Tempo primo)die Stelle "Mit Vorsicht". Die Pastourelle beginnt mit dem Poco piú vivo der Introduktion (Nr. 1) und setzt fort mit dem Piú meno aus dem Finaie II (Nr. 13) der Operette. Für einen effektvollen Ausklang des Quadrillen-Finales sorgt das Marschmotiv zu dem Text "Man steckt ein" (Ensemble Nr. 11), das auch im Trio des "Aufzugsmarsches" (III. Akt, Nr. 17a) verwendet wird. (Alle Zitate erfolgen nach der Ausgabe der Originalfassung des Werkes im Rahmen der Johann Strauß-Gesamtausgabe.)

 

Die Uraufführung der Quadrille nach Motiven der Operette "Eine Nacht in Venedig" erfolgte eher unauffällig. Sie erschien zum ersten Male im Tanzrepertoire des Hofballes am 4. Februar 1884. Die ersten öffentlichen Aufführungen erfolgten beim Strauß-Konzert am 17. Februar und bel der Karnevalsrevue am 2 März 18841m Musikverein, Dirigent war Eduard Strauß.

 

"Lagerlust", Polka Mazur, op. 431

 

Nach der Uraufführung der Operette "Simplicius", die am 17. Dezember 1887 unter der Leitung des Komponisten Johann Strauß im Theater an der Wien stattgefunden hatte, erschien eine Karrikatur des Walzerkönigs, die sehr drastisch darstellt, wie Strauß nun zahlreiche Skizzenblätter für das Werk in den Abfallkorb warf. Der Melodienvorrat, den Strauß im Frühling und Sommer 1887 zuerst in Wien und Schönau, dann in Coburg und Karlsbad angehäuft hatte, war keineswegs zur Gänze ausgenützt worden. Es fiel dem Komponisten daher auch nicht schwer, nach der Premiere der Operette ingesamt sechs Tanzkompositionen nach "Simplicius"-Motiven herauszugeben, von denen der Walzer "Donauweibchen", op. 427, der "Reiter-Marsch", op. 428, und die Schnellpolka "Muthig voran", op. 432, sofort die Gunst der Musikfreunde erringen konnten. Etwas in den Schatten dieser Erfolge geriet die Polka Mazur "Lagerlust", die erst geraume Zeit später im Druck erschienen ist. Da Johann Strauß über den geringen Erfolg der Operette "Simplicius" sehr enttäuscht war, kümmerte er sich auch wenig um die Präsentation der Polka Mazur "Lagerlust" in den Konzerten; es wird wohl eine Militärmusikkapelle gewesen sein, die das im Verlag Cranz erschienene Werk zum ersten Male aufs Programm gesetzt hat, vielleicht noch im Winter, spätestens aber im Frühjahr 1888. Das in straffem Rhythmus auftrumpfende Werk hat freilich die offenkundige Zurücksetzung hinter Walzer und Marsch nicht verdient; sein Wert ist unbestritten. Es mag wohl nur die Enttäuschung des Komponisten über das Schicksal seines "Simplicius" auf der Bühne - kein anderes Werk hat Strauß so hartnäckig zu retten versucht wie diese Operette! - dazu geführt haben, daß er die Polka Mazur "Lagerlust" nicht selbst dem Publikum präsentiert hat. Den Titel des Stückes entnahm Strauß einem Zitat des Simplicius im Finale (Nr. 10): "Im Lager umher, die Kreuz und die Quer, um alles zu seh'n, wollt' ich mich ergeh'n." Dieses Zitat ist nicht als Kopfthema der Polka Mazur eingesetzt.

 

"An der Elbe", Walzer, op. 477

 

Warum der letzte Walzer, den der Wiener Walzerkönig komponiert und selbst im Musikverein dem Publikum vorgestellt hat, ausgerechnet den Titel "An der Elbe" erhalten hat und im Verlag J.G. Seeling in Dresden erschienen ist, konnte bisher noch nicht in Erfahrung gebracht werden. Die Beziehungen des Komponisten zur Metropole des Königreiches Sachsen waren stets ganz ausgezeichnet, seit Johann Strauß im Jahre 1852 auf seiner Kunstreise nach Berlin und Hamburg zweimal in Dresden Station gemacht hatte. Als Erinnerung an eine "aus zehn Personen bestehende Gesellschaft in Dresden" hat Strauß damals seine "Zehner-Polka", op. 121, komponiert. Seitdem war Strauß wiederholt in der freundlichen Stadt am Ufer der Elbe zu Gast gewesen und wußte, daß er in Sachsen treue Freunde hatte. Und doch - derzeit liegt noch ein Geheimnis über der Entstehungsgeschichte des Walzers "An der Elbe", der überdies auch noch mit dem ausdrücklichen Hinweis, "nach Originalmotiven", dem Publikum vorgestellt worden ist.

 

Für die Präsentation des Werkes wählte Johann Strauß das Benefizkonzert seines Bruders Eduard, das am 28. November 1897 irn Musikverein stattgefunden hat. Unmittelbar vor der Pause des Konzerts erschien Johann Strauß an der Spitze der Kapelle und dirigierte mit dem Taktstock den Walzer "An der Elbe". Das Werk gefiel und mußte sogleich wiederholt werden.

 

Am 30. November 1897 berichtete das "Fremden-Blatt": "Im Benefizkonzert seines Bruders Eduard erschien vergangenen Sonntag Johann Strauß, um seinen neuesten Walzer 'An der Elbe' persönlich zu dirigieren. Wie immer, wurde der Meister auch diesmal vom Publikum, welches den Saal bis auf das letzte Plätzchen füllte, mit Beifalls-Salven begrüßt. Der neue Walzer hat sich durch seine reizenden Melodien, den echt Strauß'schen Rhythmus und die originelle Introduktion sogleich die Hörer erobert; er wird unter den Strauß'schen Walzern einen hervorragenden Platz einnehmen."

 

Diese Vorhersage des "Fremden-Blattes" hat sich zunächst nicht bewahrheitet. Das Werk verschwand zwar nicht im Archiv, sondern wurde z.B. beim "Ball bei Hof" am 19. Januar 1898 als erster Walzer an der Spitze des Tanzrepertoires aufgespielt. Aber allmählich geriet "An der Elbe" auch an der Elbe in Vergessenheit und war nur noch selten zu hören. Nun - der Walzer ist frisch wie vor nahezu 100 Jahren; er wird auch in Zukunft wieder seine begeisterten Zuhörer finden.

 

"Ninetta-Galopp", op. 450

 

Nach dem Versagen der komischen Oper "Ritter Pasman", die am 1. Januar 1892 zum ersten Male über die Bühne des k.k. Hofoperntheaters an der Wiener Ringstraße gegangen war und nur neun Aufführungen erlebt hatte, kehrte Johann Strauß enttäuscht und verdrossen ins Lagerder Operettenkomponisten zurück; er akzeptierte ohne weitere Überlegung ein Textbuch, das ihm die routinierten Schriftsteller Hugo Wittmann und Julius Bauer zu liefern versprachen. Aber sein Elan war ungebrochen - die Melodien strömten Strauß zu wie in seiner Jugend. Er stattete also ein Libretto, das er noch gar nicht kannte, mit einer Fülle schwungvoller Melodien aus. Nach der Uraufführung der Operette, die "Fürstin Ninetta" benannt worden war, fand er kein freundliches Wort für die Arbeit seiner Librettisten; aber seine Musik ließ er immerhin gelten und entnahm der Partitur sechs Tanzkompositionen, die allesamt sofort in den Konzertsälen der Donaumonarchie heimisch wurden. Der als Opus 450 veröffentlichte "Ninetta-Galopp" wurde bereits vier Wochen nach der Operettenpremiere, die am 10. Januar 1893 stattgefunden hatte, von der Kapelle des Infanterie-Regiments Nr. 46 unter der Leitung des populären Kapellmeisters Johann Müller beim Ball des Akademischen Schulvereins am 3. Februar 1893 im Sofiensaal zum ersten Male aufgeführt. Wenig später erschien der Galopp auf den Programmen zahlreicher anderer Kapellen.

 

"Zehner-Polka", op. 121

 

Zu Beginn des Oktobers 1852 unternahm Johann Strauß mit seiner Kapelle eine Tournee über mehrere Stationen bis nach Berlin und Hamburg. Anläßlich seiner Konzerte in Dresden machte Strauß die Bekanntschaft mit dem, damals in der sächsischen Residenz tätigen, Kapellmeister Hugo Hünerfürst und wurde von diesem in seinen Freundeskreis eingeführt. Auf der Rückreise machte Strauß nochmals in Dresden Station und bekräftigte die rasch geschlossene Freundschaft. Ob es sich bei diesem Kreis um eine fröhliche Stammtisch-Runde gehandelt hat oder ob die Vermutung zutrifft, daß dieser Circle sich mit spiritistischen und parapsychologischen Experimenten befaßt hat, wie sie damals überall in Europa in Mode waren, ist nicht überliefert. Strauß hat seine neue, möglicherweise bereits in Dresden skizzierte, Polka in Wien zum ersten Male am 24. November 1852 vorgetragen, und zwar vor einer gewiß ebenfalls fröhlichen Gesellschaft beim Katharinenball im Etablissement "Sperl" in der Leopoldstadt. Als dann das Werk im Druck erschienen war, stand auf dem Titelblatt die Aufschrift: "Zehner-Polka, komponiert zu Ehren einer Gesellschaft von 10 Leuten in Dresden, und ihnen in Freundschaft gewidmet."

 

"Maskenzug-Polka" française, op. 240

 

Am 25. November 1860 gab es in Wien zwei Möglichkeiten, die neue "Maskenzug-Polka" in einer Aufführung der Strauß-Kapelle unter der Leitung des Komponisten Johann Strauß zu hören und zu sehen, wie elegant und schwungvoll der Herr Musikdirektor dabei den Geigenbogen führte: am Nachmittag bereicherte das Werk das Programm des Konzerts im Volksgarten-Salon, am Abend erlebten es die Gäste der traditionellen Katharinen-Redoute im eleganten Redoutensaal der Hofburg. Sie "erlebten" die Polka insofern, als der Verleger Carl Haslinger im Verlauf der Redoute einen Maskenzug der bildenden Künstler arrangierte, für den sich die Maler und Bildhauer, aber auch ihre Freunde, etwa die Schauspieler und Musiker, in grotesker Weise verkleidet hatten. Und zu diesem Maskenzug spielte "Jean" Strauß übermütig seine neue Polka auf. Neu war dieses Werk damals allerdings nur für Wien. Strauß war kurz zuvor von seiner fünften Konzertsaison in Pawlowsk bei St. Petersburg in die Heimatstadt zurückgekehrt und hatte die Polka aus Rußland mitgebracht: sie hatte ihre Premiere im Vauxhall von Pawlowsk erlebt und war dabei dem russischen Publikum derart in die Beine gefahren, daß die Männer mit ihren Stiefeln den Takt trampelten. So ergab sich der in Rußland für das Werk üblich gewordene Titel gleichsam von selbst, "Trapp-Polka". Aber Haslinger war so stolz auf seinen Maskenzug im Redoutensaal, daß das Werk in seinem Verlag den endgültigen Namen "Maskenzug-Polka" erhalten hat.

 

© 1994 Professor Franz Mailer


Close the window