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8.223242 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 42
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

[1] "Piccolo-Marsch" aus der Musik zum Ballett "Aschenbrödel"

 

Im Alter von 73 Jahren ließ sich Johann Strauß für das Projekt gewinnen, die Musik zu einem Ballett zu komponieren, das in der Wiener Hofoper aufgeführt werden sollte. Die Zeitschrift "Die Waage" veranstaltete ein Preisausschreiben, um ein möglichst effektvolles Libretto für den Meister zu ermitteln. Ausgewählt wurde schließlich eine für damalige Verhältnisse moderne Version des "Aschenbrödel"-Sujets. Johann Strauß machte sich an die Arbeit. Aber er konnte die breit angelegte Partitur nicht vollenden: am 3. Juni 1899 nahm ihm der Tod beinahe buchstäblich - wie es im Sprichwort heißt - "die Feder aus der Hand". Seine Witwe Adèle sorgte dann dafür, daß das Ballett "Aschenbrödel" nach den Skizzen und Entwürfen des Verstorbenen fertiggestellt wurde, und zwar gewann sie den erfahrenen und sehr erfolgreichen Ballettkomponisten Josef Bayer (1852-1913) für diese Aufgabe. Obwohl sich Bayer sofort an die Arbeit machte und das Werk ebenso prompt wie geschickt gestaltete, lehnte Hofoperndirektor Gustav Mahler die ursprünglich fest vereinbarte Aufführung des Werkes in Wien ab. "Aschenbrödel" ging daher in Berlin zum ersten Male über die Bühne; die Premiere fand in Anwesenheit von Adèle Strauß am 2. Mai 1901 im kgl. Opernhaus statt. In Wien konnte das Ballett "Aschenbrödel" erst zur Zeit der Direktion Felix von Weingartners, der selbst dirigierte, am 4. Oktober 1908 in der Hofoper aufgeführt werden.

 

Etwa gleichzeitig mit der Berliner Premiere gab der Musikverlag Josef Weinberger etliche Tanzstücke nach Motiven des Balletts "Aschenbrödel" heraus. sie wurden sofort von den Militärkapellen dem Wiener Publikum präsentiert. Darunter erwies sich der "Piccolo-Marsch" als besonders erfolgreich.

 

[2] "Auroraball-Polka", op. 219

 

Die Künstlervereinigung "Aurora", benannt nach der römischen Göttin der Morgenröte, hatte den Stürmen der Verfolgung unter dem Regime des Staatskanzlers Fürst Metternich tapfer widerstanden. Seit ihrer Gründung im Jahre 1824 bot sie Dichtern und Malern, Architekten und selbstverständlich auch Musikern Gelegenheit zu geselligen Zusammenkünften, die zwar von den Geheimpolizisten des Regimes aufmerksam überwacht, aber niemals gestört oder verboten wurden. Der Dichter Franz Grillparzer gehörte ihr ebenso an wie seine Kollegen I.F. Castelli oder Franz Stelzhamer; die Maler Carl Rahl oder J.A. Mahlknecht und die Musiker J. Hoven und Johann Herbeck nahmen an den Zusammenkünften regen Anteil. Doch als der Druck der Obrigkeit in den Jahren nach 1848 nachließ, verminderte sich allmählich das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Vereinigung verlor an Bedeutung. Im Jahre 1859 konnte zwar noch einmal ein Auroraball abgehalten werden, aber die Organisatoren begnügten sich mit dem bereits vergleichsweise bescheidenen Rahmen des Etablissements "Sperl", dessen Blütezeit ja damals bereits vorüber war. Johann Strauß ließ es sich dennoch nicht nehmen, beim Auroraball am 22. Februar 1859 im "Sperl" zu erscheinen und seine Widmungskomposition vorzutragen: das Werk erhielt den schlichten Titel "Auroraball-Polka" und ist bereits am 6. März 1859 unter der Opuszahl 219 vom Verleger Carl Haslinger veröffentlicht worden. Das Werk gefiel bei der Uraufführung im "Sperl" - es mußte dreimal gespielt werden - ebenso wie bei den Volksgartenkonzerten im Frühling und im Sommer 1859 in Pawlowsk bei St. Petersburg.

 

[3] "Hirten-Spiele", Walzer, op. 89

 

Am 31. Dezember 1850 erschien im "Fremden-Blatt" (Nr. 310) eine Meldung, die der Nachwelt einige Rätsel aufgibt:

 

"Bei der heutigen Sylvester-Abendfeier in den Lokalitäten zum 'Sperl' wird Kapellmeister Strauß neben anderen passenden Musikstücken ein für diesen Abend von ihm neu komponirtes, ganz eigentliches Tonbildchen jugendlicher Freuden, unter dem Titel 'Kinderspiele', Tändeleien im Dreivierteltakt, als Christbaumbescherung zum ersten Male zur Aufführung bringen."

 

Was der 25jährige Musikdirektor Strauß am Sylvesterabend 1850 im "Sperl" tatsächlich aufgeführt hat, wissen wir nicht: ein Bericht über diese Abendfeier ist nicht gefunden worden. Den Titel "Kinderspiele" hat Johann Strauß fünfzehn Jahre später für eine Polka francaise verwendet, die er zuerst in Pawlowsk bei St. Petersburg und anschließend bei einem Kinderball in der Wiener Hofburg aufgeführt hat. Das Werk ist als Opus 304 im Druck erschienen.

 

"Tändeleien im Dreivierteltakt" - war das ein richtiggehender Walzer? Was bedeuten die Worte "als Christbaumbescherung"? Im Fasching 1851, der ja nicht sehr attraktiv gewesen ist, weil Wien noch unter dem Belagerungszustand lag, wurde kein Walzer mit diesem oder einem ähnlichen Titel angekündigt bzw. aufgeführt. Erst im Herbst 1851 erschien in der "Wiener Zeitung" der Hinweis auf einen Walzer mit dem Titel "Hirten-Spiele", der irgendwann im Sommer 1851 in den Musikalienhandlungen vorrätig gewesen sein dürfte.

 

Hat Strauß mit den "Hirten-Spielen" einen Weihnachtswalzer geschrieben? Die Hirten gehören ja - wenn man so sagen will - zum Personal jeder Krippendarstellung im Gebiet der Donaumonarchie Österreich. Die Motive des Vorspiels und des ersten Teils der Walzerpartie kann man als Hirten-Melodien deuten, eventuell eine bukolische Stimmung konstatieren. Es ist vielleicht gewagt, aber es ist durchaus möglich, daß die "Hirten-Spiele" von Johann Strauß am 31. Dezember 1850 beim "Sperl" als "ganz eigentliches Tonbild", als "Tändelei im Dreivierteltakt" aufgeführt worden sind. Vielleicht noch nicht in der endgültigen Walzerform, aber eben als Tonbild. Eine interessante und noch dazu sehr wirkungsvolle Komposition stellen diese "Hirten-Spiele" aufjeden Fall dar.

 

PS: Johann Strauß hat diese Komposition in Erinnerung behalten: der Walzer "Hirten-Spiele" tauchte, eigentlich unerwartet, beim Orchesterbenefiz am 10./22. September 1858 in Pawlowsk bei St. Petersburg auf dem Novitätenprogramm wieder auf.

 

[4] "Sängerslust", Polka, op. 328

 

Im Herbst 1868 feierte der Wiener Männergesangverein das Jubiläum seines 25jährigen Bestehens mit Konzerten und einer Liedertafel im Sofienbad-Saal. Johann Strauß, der aus diesem Anlaß gemeinsam mit einer Reihe anderer berühmter Musiker wie Franz Liszt, Richard Wagner und Anton Rubinstein zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt wurde, stellte sich bei der Liedertafel mit einer neuen Polka ein, die er "Sängerslust" genannt hatte. Die Leitung der Uraufführung des Werkes übernahm Chormeister Rudolf Weinwurm, die Begleitung der Sänger wurde von Johann and Joseph Strauß gemeinsam am Flügel und vom Vereinsmitglied Adolf Lorenz am Harmonium besorgt. Die Originalfassung dieser Aufführung vom 12. Oktober 1868 ist durch die im Archiv des Vereins erhaltenen Noten dokumentiert. Später wurde das Werk mit Orchesterbegleitung gesungen.

 

Die erste Aufführung der "Sängerslust"-Polka in der Orchesterfassung fand am 15. Oktober 1868 im Kursalon des Wiener Stadtparks statt. Das vornehme Lokal war an diesem Abend überfüllt. Das Publikum applaudierte dem Komponisten begeistert zu, als er das Werk an der Spitze der Strauß-Kapelle aufgespielt hatte. Das Ereignis war insofern für die Stadtchronik bedeutsam, als die Mitglieder des Wiener Gemeinderates ursprünglich beschlossen hatten, im Kursalon keine Konzerte abhalten zu lassen; er sollte ausschließlich für den Kurgebrauch bestimmt sein. Aber das war dem Publikum entschieden zu wenig und so hatte der Besuch des Kursalons nicht jene Frequenz erreicht, die dem Pächter ein Überleben ermöglicht hätte. Im Bericht über das Konzert am 15. Oktober 1868 wurde daher besonders hervorgehoben, daß an diesem Abend nicht nur der Konzertsaal, sondern auch die Nebenräume uberfüllt gewesen seien. Der Bericht im "Fremden-Blatt" vom 16. Oktober schloß mit dem Satz: "Das Publikum war mit dem ersten Konzert und nicht minder mit jenen Stadtvätern zufrieden, denen es zu verdanken war, daß der Kursalon endlich seinen Zweck erfüllt."

 

Heute erhebt sich im Wiener Stadtpark, in der Sichtweite des Kursalons, das berühmte Johann Strauß-Denkmal. Es steht also an einem Platz, an dem Johann Strauß einmal als Vorgeiger aufgetreten ist. Die Strauß-Kapelle war oftmals im Kursalon zu hören, Johann Strauß aber nur dieses einzige Mal. Seine künstlerische Heimat war weit eher der Volksgarten im Vorfeld der Hofburg. Man hätte also eigentlich in dieser Region einen Platz für das Denkmal suchen sollen. Aber - das Johann Strauß-Denkmal steht eben dort, wo der Walzerkönig einmal - mit dem Vortrag der Polka "Sängerslust" - aufgetreten ist. Doch auch im Stadtpark ist es an schönen Tagen stets von Besuchern umlagert und wurde wohl bereits millionenmal fotografiert.

 

[5] "Sentenzen", Walzer, op. 233

 

Am 19. Januar 1860 meldete die "Theaterzeitung" unter anderem, Johann Strauß habe für den bevorstehenden Juristenball im Sofiensaal einen Walzer mit dem Titel "Rigorosenseufzer" komponiert. Aber die Studierenden der Rechtswissenschaft wollten offenkundig nicht auch noch im Ballsaal an ihre Prüfungsängste erinnert werden und setzten sich dafür ein, daß die ihnen zugedachte Widmung "Sentenzen" genannt werden sollte. Das hörte sich besser an: unter "Sentenzen" verstand man ja nicht nur das richterliche Urteil etwa in einem Strafprozeß, sondern auch einen Denkspruch. Dem Komponisten war das alles ziemlich gleichgültig: er hatte einen schwungvollen Walzer vorbereitet, zu dessen aparten Klängen und federnden Rhythmen die Ballgäste nach Herzenslust tanzen konnten. Im "Fremden-Blatt" vom 2. Februar 1860 wurde denn auch über den Verlauf der Veranstaltung am 31. Januar 1860 im Sofiensaal berichtet:

 

"Der Gesellschaftsball der Juristen war sehr zahlreich besucht. Die neue, für diesen Abend komponierte Walzerpartie 'Sentenzen' fand lebhaften Beifall."

 

Etwa vierzehn Tage später wurden die "Sentenzen" auch ins umfangreiche Repertoire des Strauß-Balles am 13. Februar 1860 im Sofiensaal aufgenommen. Das Werk trug auch an diesem Abend zu dem grandiosen Erfolg bei, den der Ball beim Publikum und bei den Ballreportern gefunden hat: in der "Theaterzeitung" hieß es, der große Saal sei noch in keinem Jahr so überfüllt gewesen wie diesmal; die Beliebtheit der Brüder Johann und Joseph Strauß - sie dirigierten abwechselnd das Orchester und präsentierten ihre Novitäten - haben den glänzendsten Beleg durch den ungeheuren Andrang erhalten. "Strauß hieß die Parole - und sie wird noch lange so heißen."

 

[6] "Gruß aus Österreich", Polka Mazur, op. 359

 

Die zweite Operette des Walzerkönigs Johann Strauß mit dem Titel "Carneval in Rom" hatte am 1. März 1873 im Theater an der Wien unter der Leitung des Komponisten Premiere. Zwei Monate später wurde die internationale Weltausstellung im Wiener Prater feierlich eröffnet. Die Donaumonarchie und vor allem natürlich die Behörden der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien erhofften einen Besucherstrom aus der ganzen Welt bei diesem tatsächlich spektakulären Ereignis. Aber diese Hoffnung erfüllte sich zunächst ganz und gar nicht. Der Zusammenbruch der Wiener Börse kurz nach Eröffnung der Ausstellung und eine außergewöhnlich ungünstige Witterung hielten die Gäste fern und drückten auf die Stimmung sowohl der Aussteller als auch der Wirtschaftstreibenden der Donaumetropole. Johann Strauß hatte überdies dadurch Ärgernis erregt, daß er die Kapelle Julius Langenbach aus Elberfeld nach Wien geholt und als "Weltausstellungs-Kapelle" etabliert hatte. Um das Publikum zu versöhnen und den Musikfreunden die Leistungsfähigkeit der Kapelle zu demonstrieren, veranstaltete Johann Strauß etliche Konzerte in den Etablissements an der Ringstraße; darunter befand sich am 9. Juli 1873 ein Wohltätigkeitskonzert in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft für die Kaiser Franz Joseph-Stiftung zu Gunsten des Kleingewerbes, das von der Wirtschaftskrise besonders betroffen war. Auf dem Programm standen die Walzer "Wiener Blut" und "Carnevalsbilder", letzterer nach Motiven aus "Carneval in Rom", sowie, als weitere Tänze nach Motiven dieser Operette, die Polka francaise "Nimm sie hin" und die Polka Mazur "Gruß aus Österreich".

 

Eine Verbindung zwischen der Handlung der Operette und dem Titel "Gruß aus Österreich" gab es nicht: Johann Strauß verstand diese Bezeichnung wohl als eine Verneigung vor den Gästen der Kaiserstadt, die sich zu Beginn des Monats Juli 1873 endlich eingestellt hatten. Johann Strauß konnte mit seinen Novitäten einen durchschlagenden Erfolg erreichen. Das "Fremden-Blatt" konstatierte am 11. Juli 1873:

 

"Das massenhaft versammelte Publikum zollte den unvergleichlichen Kompositionen des Herrn Strauß enthusiastischen Beifall; zahlreiche Wiederholungen derselben waren bei der Vehemenz des Beifallsturmes unvermeidlich. Auch der humane Zweck des genialen Hofball-Musikdirektors Johann Strauß, der wie ein echter Künstler das Herz auf dem rechten Fleck hat, muß vollständig erreicht worden sein, denn die Gartenbau-Lokalitäten waren nahezu überfüllt."

 

Die Gäste der Kaiserstadt konnten den "Gruß aus Österreich" von Johann Strauß übrigens nach dem Konzert bereits mit nach Hause nehmen: das Werk war am 2. Juli 1873 im Druck erschienen.

 

[7] "Hommage au public Russe", Potopourri

 

Johann Strauß hat bei seinen Konzerten in Pawlowsk bei St. Petersburg neben den wienerischen Weisen stets auch russische Musik in den Programmen berücksichtigt. Das verlangte sein Vertrag mit der Eisenbahngesellschaft in St. Petersburg, die den Wiener Walzerkönig nach Rußland engagiert hatte, das entsprach aber wohl auch der Neigung des Komponisten, sich mit der Musik der slawischen Völker zu beschäftigen. In den Jahren 1864 und 1865 war der Anteil der russischen Kompositionen in seinen Programmen besonders groß. Das was u.a. eine folge der politischen Ereignisse nach der von zahlreichen Regierungen Europas verurteilten Intervention russischer Truppen 1863 in Polen, die im Zarenreich eine Welle nationaler Begeisterung ausgelöst haben. Im Sommer 1864 sah Johann Strauß sich veranlaßt, für sein Benefizkonzert am 25. Juli/6. August im Vauxhall von Pawlowsk ein Potpourri unter dem Titel "Hommage au public Russe" zu arrangieren, das zahlreiche Melodien aus dem russischen Repertoire der Kapelle zusammenfaßte, etwa Themen aus den Opern "Ein Leben für den Zaren" und "Ruslan und Ludmilla" von Michail Iwanowitsch Glinka (1804-1857) oder russische Lieder und Tänze. Die Klavierausgabe des Werkes ist im Jahre 1864 bei Büttner in St. Petersburg erschienen, nicht aber in Wien. Im Sommer 1869 griff Johann Strauß abermals bei einern Benefiz-festkonzert am 17./29. August das Potpourri wieder auf. Vor einigen Jahren wurde es in St. Petersburg (damals: Leningrad) neu entdeckt und unter der Leitung des Dirigenten Gennadij Nikolajewitsch Roschdeswenski (geb. 1931) auch auf einer Plattenaufnahme festgehalten. Kürzlich hat Dr. Thomas Aigner vom Wiener Institut für Strauß-forschung die Original-Orchesterfassung entdeckt. Sie wurde bei dieser Aufnahme von Christian Pollack berücksichtigt.

 

[8] "An der Moldau", Polka francaise, op. 366

 

Aus den Melodien seiner Operette "Die Fledermaus" hat Johann Strauß sechs Tanzkommpositionen arrangiert. Schon vor der Uraufführung des Werkes am 5. April 1874 präsentierte er beim Concordiaball seine "Fledermaus-Polka", op. 362. Die weiteren Stücke wurden nach der Premiere im Theater an der Wien nach und nach in die Konzertprogramme der Strauß-Kapelle und anderer Orchester eingegliedert. Johann Strauß selbst hat sich um die Tanzweisen nach Motiven aus der "Fledermaus"-Partitur nicht allzu sehr gekümmert: er unternahm im Frühling 1874 lieber eine Italientournee und zog sich anschließend nach Graz zurück.

 

Die erst am 6. Septembewr 1874 im Druck erschienene Polka" An der Moldau" verwendete vor allem das hübsche Polkamotivaus dem ersten Teil der Ballettmusik, die Strauß für den großen Ball beim Fürsten Orlofsky im zweiten Akt der Operette komponiert hatte (und die heute leider bei allzuvielen Aufführungen des Werkes weggelassen bzw. durch eine "Einlage" ersetzt wird): zwei Choristinnen singen zu dieser Melodie einen nationalen Text, der mit den Worten beginnt: "Marianka, komm' und tanz' me hier". Mit souveränem Stilgefühl gliedert Strauß aber auch andere Motive im Zweivierteltakt in die Polka ein (ein weiteres Zitat aus der Ballettmusik, "To je heski Musitschku", und aus dem dritten Akt: "Ein selltsam Abenteuer" und "O Fledermaus, o Fledermaus, laß endlich doch dein Opfer aus").

 

Das Trällerliedchen von Marianka rechtfertigt den Titel, den Strauß seinem Opus 366 gegeben hat, "An der Moldau". Denn an den Ufern der Moldau lag ja die Wiege des böhmischen Nationaltanzes, der Polka.

 

Die Uraufführung des Werkes dürfte nach dem Erscheinen der Noten im Herbst 1874 durch die Militärkapellen erfolgt sein. Im Repertoire der Strauß-Kapelle ist es seltsamerweise kaum einmal nachzuweisen. (Dazu ist zu bemerken, daß die Programme etwa der Konzerte in der "Neuen Welt" und in anderen Etablissements aus den siebziger Jahren nur ganz ausnahmsweise erhalten geblieben sind.)

 

[9] "Gartenlaube-Walzer", op. 461

 

Der "Gartenlaube-Walzer" stammt aus dem Spätsommer 1894 und wurde auf Grund einer Vereinbarung mit den Eigentümern der damals vielgelesenen, in allen deutschsprachigen Regionen der Welt (auch z.B. in den Vereinigten Staaten von Nordamerika) verbreiteten Zeitschrift komponiert. Der entsprechende Vertrag ist mit 14. November 1894 datiert und wurde von Johann Strauß am 16. November unterschrieben. Da lag die Komposition bereits fertig vor. Er steht also zwischen der Arbeit an der Operette "Jabuka oder Das Apfelfest", die am 12. Oktober 1894 im Theater an der Wien zum ersten Male gespielt wurde und die Feiern anläßlich des 50jährigen Komponisten- und Dirigentenjubiläums von Johann Strauß einleitete, und der Operette "Waldmeister". In einer Ausgabe der Zeitschrift "Die Gartenlaube" wurde der Klavierauszug des Walzers am 12. Februar 1895 auch zum ersten Male veröffentlicht.

 

Die Uraufführung des "Gartenlaube-Walzers" dirigierte Johann Strauß selbst im Goldenen Saal des Musikvereins in Wien am 6. Januar 1895 in einem Konzert seines Bruders Eduard. Auf dem Programm war (wie übrigens auch bei der ersten Wiederholung des Werkes bei einem Festkonzert am 13. Januar 1895) vermerkt: Eigentum des Journals "Gartenlaube". Auch im "Fremden-Blatt" hieß es ausdrücklich:

 

"Der 'Gartenlaube-Walzer" ... erscheint zunächst nur als Extrabeilage zur 'Gartenlaube' und ist erst später in den Musikalienhandlungen zu haben."

 

Berichte über diese Uraufführung sind kaum zu finden, bieten auch nicht mehr als die üblich gewordenen Formeln. Weit interessanter ist, was Richard Heuberger damals notiert hat:

 

"Nach einem Diner [bei Viktor Miller zu Aichholz] ging ich mit Brahms und Goldmark in ein Strauß-Konzert in die Direktionsloge des Saales der Gesellschaft der Musikfreunde. Strauß dirigierte zum ersten Male seinen 'Gartenlaube-Walzer'. Brahms machte die Bemerkung, daß es merkwürdig sei, daß Walzer, also angeblich leicht verständliche Kompositionen, erst nach längerer Zeit gewürdigt werden. - An dem neuen 'Gartenlaube-Walzer' findet Brahms wenig. 'Ja, es ist alles straussisch, aber es ist nichts mehr darin. Mein Plaisir ist das Orchester, das ist herrlich behandelt.'" (Heuberger. "Erinnerungen")

 

Johann Strauß hat sein Opus 461 offenbar höher eingeschätzt als Brahms, der nur noch den Orchesterklang gelten ließ. Er schlug dem Dresdener Generalmusikdirektor Ernst von Schuch für ein Festkonzert in der sächsischen Residenz neben den "Frühlingsstimmen" und "Wiener Blut" auch diesen Walzer vor. Er glaubte an dieses Alterswerk.

 

[10] "Soldatenspiel", Polka francaise, op. 430

 

Es war wohl der größte Irrtum des wenig theaterkundigen Walzerkönigs Johann Strauß, daß er den Stoff des "Simplicius" für ein Bühnenwerk ausgewählt hat. Auch wenn ihm der Plan vorschwebte, eine ernste Operette fernab der Routine des Genres zu komponieren - der Dreißigjährige Krieg und seine Helden waren nun einmal unter keinen Umständen dem Publikum als Unterhaltung anzubieten. Die schönste Musik mußte unter diesen Umständen versagen.

 

Unter diesem - man muß schon sagen - tragischen Irrtum des Komponisten hatte auch die Polka francaise zu leiden, die Johann Strauß ausgerechnet unter dem Titel "Soldatenspiel" erscheinen ließ. Freilich - die zierliche Melodie, mit der diese Polka gleich zu Beginn um die Gunst des Zuhörers wirbt, stammt aus keiner der vielen Kriegsszenen des "Simplicius" , sondern ist dem Astrologie-Couplet (Nr. 2 der Operetten-Partitur) entnommen; aber dieser Umstand zeigt mit aller Entschiedenheit den Zwiespalt zwischen der Musik und der Bezeichnung, unter der sie dem Hörer präsentiert wurde. Gerade weil sie als "Soldatenspiel" gelten sollte, fand die Polka kein Gehör - und ist auch bis auf den heutigen Tag niemals populär geworden.

 

Bleibt zu registrieren, daß die Polka "Soldatenspiel" erst etliche Wochen nach der Uraufführung der Operette "Simplicius", die am 17. Dezember 1887 im Theater an der Wien stattgefunden hat, ins Repertoire der Strauß-Kapelle aufgenommen worden ist: Eduard Strauß dirigierte das Werk im Rahmen der Karnevalsrevue 1888 am 19. Februar im Musikverein. Doch da war ihm die Banda des Regiments Nr. 50, Großherzog von Baden, schon zuvor gekommen: unter der Leitung von Kapellmeister Franz Lehar (senior) spielte die tüchtige Kapelle die Polka francaise "Soldatenspiel" bereits am 5. Februar 1888 im "Zweiten Kaffeehaus" im Wiener Prater.

 

© Franz Mailer


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