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8.223243 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 43
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

[1] "Reitermarsch", op. 428

 

Am 17. Dezember 1887 erlebte das Bühnenwerk "Simplicius" im Theater an der Wien eine turbulente, durch einen Feueralarm gestörte Uraufführung. Der 62 jährige Johann Strauß, der selbst am Pult saß und die Vorstellung leitete, behielt die Nerven und bannte dadurch die Gefahr einer Panik. Damit ging der Schaffensprozeß zu Ende, der im Februar 1887 mit dem überraschenden Entschluß des Komponisten begonnen hatte, mit dem jungen, wenig erfahrenen Librettisten Viktor Léon (recte Viktor Hirschfeld, 1858-1940) einen Vertrag zu schließen, mit dem Ziel, ein modernes Schauspiel mit Musik zu erarbeiten. Die Wahl des Komponisten fiel auf den ihm von Léon in Umrissen mitgeteilten "Simplicius"-Stoff. Ein Großteil der Musik zu diesem Werk, das ursprünglich nicht als Operette bezeichnet werden sollte, wurde im Sommer 1887 in Coburg geschrieben. Dort hielten sich Adèle und Johann Strauß auf, um die Staatsbürgerschaft von Sachsen-Coburg und Gotha zu erwerben und ihre Lebensgemeinschaft durch eine rechtsgültige Eheschließung zu besiegeln.

 

Aus den Melodienvorrat, den Johann Strauß für das Werk, das von der Direktion des Theaters an der Wien schließlich doch als Operette angekündigt wurde, geschaffen hatte, erschienen nach der Premiere nacheinander je ein Walzer, ein Marsch, eine Quadrille, eine Polka francaise, eine Polka Mazur und eine Schnellpolka im Druck; der Verlag August Cranz schob später noch den "Altdeutschen Walzer" und ein Walzermotiv mit dem Titel "Jugendliebe" nach. Am 18. Dezember 1887 spielte Karl Komzak in seinem Konzert im Volksgarten einen "Simplicius-Marsch", der wahrscheinlich mit dem "Reitermarsch" identisch ist. Am 15. Januar 1888 präsentierte Eduard Strauß den "Reitermarsch" in seinem Sonntagskonzert im Musikverein. Die in Wien konzertierenden Militärmusikkapellen zogen so rasch wie möglich nach, denn der "Reitermarsch" erwies sich als publikumswirksam. Das erste Motiv des Werkes bietet das "Reiterlied", das der Einsiedler gleich in der ersten Szene anstimmt, als ein Trompetensignal aus der Ferne sein Ohr erreicht und ihn an die Zeiten erinnert, in denen er zu Pferd in den Dreißigjährigen Krieg gezogen war. Dieses hinreißende Motiv erhielt bei der Uraufführung der Operette spontanen Szenenbeifall, sodaß das Lied" Auf¡¦s Pferd, auf¡¦s Pferd" wiederholt werden mußte.

 

Das "Reiterlied" wurde in der Operette "Simplicius" auch zum Finale II (in der Klavierausgabe des Verlages Cranz) gesteigert. Der zweite Teil des "Reitermarsches" setzt sich aus dem Lied Nr. 8 dieser Ausgabe (Arnim: "D'rum sag' ich Dir ade, Universität") und einem Marschmotiv zusammen, das in der Ouvertüre verwendet worden ist.

 

In einem Brief an den Rechtsanwalt Josef Trutter, den Strauß in Coburg am 22. Juni 1887 geschrieben hat, findet sich der Passus: "Ich lasse in meine Partitur echt österreichische Juchezer insgeheim einfließen." Es fällt nicht leicht, in der "Simplicius" - Partitur diese Juchezer zu entdecken; am ehesten könnte Strauß den zweiten Teil des Trios (= "Marcia" in der Ouvertüre) gemeint haben.

 

[2] "Walzer-Bouquet" Nr. 1

 

Das Gastspiel des Wiener Walzerkönigs in den Monaten Juni und Juli 1872 in den Vereinigten Staaten, vor allem sein Auftreten bei den Veranstaltungen anläßlich des Musikfestes in Boston und anschließend in New York hat eine Fülle von Veröffentlichungen ausgelöst. Es handelte sich allerdings um die Präsentation von Novitäten, von denen vier Werke aus Teilen bereits bekannter Strauß-Walzer zusammengesetzt worden waren. Eine dieser Kompositionen wurde auch vom Verlag C.A. Spina in Wien übernommen und unter dem Titel "Walzer-Bouquet" veröffentlicht. Eduard Strauß hat dieses "Walzer-Bouquet" in seinem Musikvereinskonzert am 1. Januar 1873 aufgeführt, aber später nicht mehr in seinen Programmen berücksichtigt. Bei der Ankündigung des Werkes war er aufrichtig; er setzte dem Titel "Walzer-Bouquet" die Ergänzung hinzu: "aus früheren Walzern zusammengestellt und zum ersten Male bei dem Bostoner Musikfest aufgeführt von Johann Strauß". Eine Überprüfung des "Walzer-Bouquets" ergibt folgendes Resultat: die Einleitung besteht aus vier Takten des Walzers "Bürgerweisen", op. 306, und einem Teil der Introduktion des Walzers "Telegramme", op. 318. Walzer 1 wurde aus den Teilen A und B von Nr. 1 des Walzers "Bürgerweisen" zusammengesetzt, Walzer Nr. 2 wurde aus den Teilen A und B von Nr. 4 des Walzers "Wiener Bonbons", op. 307, gebildet, beim Walzer Nr. 3 stammt Teil A aus dem Teil A von Nr. 1 des Walzers "Freut euch des Lebens", op. 340, der Teil B aus dem Teil B der Nr. 3 des Walzers "Illustrationen", op. 331, und schließlich wurden für den Walzer Nr. 4 der Teil A aus Nr. 5 des Walzers "Die Publicisten", op. 321, und der Teil B aus Nr. 4 desselben Walzers zusammengefügt. In der Coda finden sich abermals Nr. 1A und B, Nr. 2A und Nr. 3B.

 

Das "Walzer-Bouquet" ist somit ein Gegenstück des in Amerika veröffentlichten "Manhattan-Waltzes", in dessen Coda sich auch noch ein Zitat des Liedes "Old Folks at Home" (im Viervierteltakt!) findet. Dieses Zitat ist - um es ganz exakt auszudrücken - ins "Walzer-Bouquet" nicht übernommen worden. Über die Uraufführung des "Manhattan-Waltzes" ist folgendes bekannt: sie fand beim Schlußkonzert am 12. Juli 1872 in der Academy of Music in New York statt. Der Bericht darüber findet sich in der Zeitung "The New York Times" vom 13. Juli 1872.

 

[3] "Postillon d'amour", Polka française, op. 317

 

Am 10. März 1867 luden die Brüder Strauß das Publikum zur Karnevals-revue in den Wiener Volksgarten ein. Versprochen wurde ein Programm, das an Reichhaltigkeit und Qualität nicht zu überbieten war. In diesem zunächst eher tristen Fasching waren aufgeführt worden: 6 Novitäten von Johann, 11 Novitäten von Joseph und 8 Novitäten von Eduard Strauß; darunter die Meisterwerke "An der schönen blauen Donau", op. 314, "Künstlerleben", op. 316, "Lob der Frauen", op. 315, von Johann, "Delirien", op. 212, "Marienklänge", op. 214, und "Jocus" von Joseph Strauß. Aber Johann Strauß gab sich mit diesem Riesenaufgebot nicht zufrieden: er komponierte auch noch die Polka francaise "Postillon d'amour". Das Werk war wohl dazu bestimmt, bei den bevorstehenden Konzerten des Wiener Walzerkönigs im Sommer 1867 in Paris während der Weltausstellung das Publikum zu begeistern. Seine erste Aufführung war, wie bereits erwähnt, für den 10. März 1867 angekündigt worden. Aber die Dauer des Konzerts hat dann wohl nicht ausgereicht, um alle Novitäten vorführen zu können, zumal zahlreiche Stücke hatten wiederholt werden müssen. In Franz Sabays Notizen ist daher das Konzert am 24. März 1867 als Anlaß der Uraufführung der Polka francaise "Postillon d'amour" verzeichnet, Joseph Strauß nannte sogar erst den 31. März, also das nächste Volksgartenkonzert, als Tag der Präsentation. Entstanden ist die Polka jedenfalls im Karneval 1867; bei den Konzerten in Paris erreichte das Werk die erhoffte Wirkung nicht in vollem Maße: dem internationalen Publikum der Weltausstellung gefielen die Walzer von Johann Strauß und seine spritzige Schnellpolka "Leichtes Blut", op. 319, besser. Als Adolf Müller junior im Jahre 1899 die Musik für die Operette "Wiener Blut" zusammenstellte, erinnerte er sich an die Polka aus 1867 und gliederte sie in die Partitur ein.

 

[4] "Simplicius-Quadrille", op. 429

 

Johann Strauß hat aus den Motiven jenes Bühnenwerkes, das er nur widerstrebend als Operette bezeichnen ließ, nämlich dem Spiel um den "tumben Simplicius", sechs Tanzstücke arrangiert, darunter den berühmten Walzer "Donauweibchen", op. 427, und den flotten "Reitermarsch", op. 428. Für die Quadrille wählte Strauß amüsante Weisen, denen man nicht unbedingt beim ersten Hören anmerkt, daß sie zu kriegerischen Texten komponiert worden sind. Aus der Introduktion zum zweiten Akt (Nr. 6 des Klavierauszuges, der nur die arg gekürzte Fassung der ursprünglich viel umfangreicheren Partitur enthält) stammen sowohl die erste Melodie des Pantalon (Chor: "Trommeln dröhnen") als auch der zweite Teil des Finales ("Soldatenhandwerk"). Der zweite Teil der Quadrille, Ete, beginnt mit dem Chor der Reiterjungen ("Komm Marketend'rin" aus der Introduktion Nr. 6) und nur die nachfolgende Melodie begleitet einen nachdenklichen Text aus dem Couplet Nr. 2 ("Die Astrologie"). Aus der Introduktion Nr. 6 stammen aber auch die Motive des dritten Teiles der Quadrille, Poule: "Als einst der Kriegsgott nachgedacht" und "Wer weiß, ob's nächste Morgenrot". Kriegerisch beginnt auch die Pastourelle (Teil 5 der Quadrille), "Vorwärts, vorwärts"! Erst im letzten Viertel der Pastourelle gibt es einen Hinweis, daß auch in Kriegszeiten die Liebe ihr Recht behaupten kann; die tändelnde Musik begleitet den Text des Duetts "Welch unverhofftes, süsses, nie geahntes Glück". Aber das anschließende Finale setzt sofort wieder mit der Feldmusik aus dem zweiten Finale des Bühnenwerkes ein.

 

Johann Strauß war tief betroffen, daß der von ihm selbst bevorzugte und mit Vorschußlorbeeren reich bedachte "Simplicius" dem Publikum nicht gefiel; bei der Premiere am 17. Dezember 1887 hatte es im Theater an der Wien den gefürchteten Durchfall mit Applaus gegeben. Dann mußte Strauß erleben, daß sich von Tag zu Tag das Interesse der Besucher verminderte und die Direktorin des Theaters an der Wien, Alexandrine von Schönerer, sich gezwungen sah, das Stück bald wieder aus dem Spielplan zu nehmen.

 

Johann Strauß überließ auch im Falle das "Simplicius" den Vortrag der aus der Partitur arrangierten Tanzweisen (mit Ausnahme des Walzers "Donauweibchen", op. 427, den er selbst dem Publikum der Strauß-Konzerte präsentierte) seinem Bruder Eduard. Die erste öffentliche Aufführung der "Simplicius-Quadrille" fand aber erst bei der Karnevalsrevue am 19. Februar 1888 im Musikverein statt.

 

[5] "Wilde Rosen", Walzer, op. 42

 

Johann Strauß hat die Walzerpartie "Wilde Rosen" im Sommer 1847 komponiert und am 22. August 1847 im Saal des Wien-Gloggnitzer Bahnhofs (später: Südbahnhof am Wiedner Gürtel) zum ersten Male aufgeführt. Den Anlaß bot eine "Feier das schnellen Fortschritts österreichischer Industrie in Betreff des Eisenbahnwesens". Es sollte vor allem einen "Eisenbahn-Train" von Triest über Wien nach Hamburg zu bestaunen geben, ausgeführt von einer "mechanisch construirten Maschinerie". Aber dieses Projekt war nicht nur dem tatsächlichen Ausbau des Eisenbahnwesens zwischen dem Mittelmeer (Triest) und der Nordsee (Hamburg) weit voraus, auch der Ablauf der Bilderfolge funktionierte am Festabend nicht. Johann Strauß erschien mit seiner Kapelle erst um halb elf Uhr nachts und stellte damit die Geduld der Ballbesucher auf eine harte Probe. Schließlich präsentierte er aber doch seine neuesten Kompositionen, unter denen sich der Walzer mit dem Titel "Wilde Rosen" befand. Ein Bericht im "Wanderer" vom 25. August 1847 bestätigt die Tatsache der Uraufführung und erwähnt, der Walzer habe Enthusiasmus erregt. Die Produktion dieses Werkes war bereits am 17. August 1847, ebenfalls im "Wanderer", angekündigt worden, und zwar mit dem Hinweis, der Walzer werde Herrn Moritz Gottlieb Saphir (1795-1858), dem Herausgeber der Zeitung "Der Humorist", gewidmet. Die am 13. Dezember 1847 erschienene Klavierausgabe bestätigte diese Angabe. Von Saphir hatte Johann Strauß auch den Walzertitel entlehnt, denn der Autor hatte seit dem Jahre 1834 Gedichte mit dem Sammeltitel "Wilde Rosen" (an Hertha) erscheinen lassen, deren Anzahl er kurz zuvor wieder vermehrt hatte. (Johann Nestroy warf dem "Humoristen" gelegentlich eines heftigen Streits vor, die Gedichte seien nichts anderes als Plagiate ...)

 

Johann Strauß hatte gute Gründe, Herrn Saphir dankbar zu sein: der "Humorist" hatte ihn bei den Auseinandersetzungen mit seinem Vater mehrfach nachdrücklich unterstützt. Saphir hat die Widmung gern angenommen. (Später widmete Johann Strauß dem Humoristen auch noch die Walzerpartie "Wiener Punchlieder", op. 131, Vol. 3.) Im Druck dürfte nur die Klavierausgabe des Walzers "Wilde Rosen" erschienen sein. Da ein Orchestermaterial des Werkes nicht aufzufinden war, nahm Ludwig Babinski die Instrumentierung in Angriff. Diese Arbeit konnte er allerdings nicht fertigstellen, da ein Schlaganfall seinem reichen Leben ein jähes Ende setzte. Arthur Kulling hat die Instrumentierung vollendet.

 

[6] "Die Tauben von San Marco", Polka française, op. 414

 

Aus den Melodien seiner Operette "Eine Nacht in Venedig", die am 3. Oktober 1883 in Berlin uraufgeführt worden ist, deren weltweiter Erfolg sich aber erst von der Wiener Erstaufführung am 9. Oktober 1883 (beide unter der Leitung des Komponisten) herleiten läßt, hat Johann Strauß nur sechs Tanzstücke arrangiert, darunter eine aparte Polka francaise, die unter dem Titel "Die Tauben von San Marco" Anfang Dezember 1883 im Druck erschienen ist. Es ist verständlich, daß dem Komponisten die Arbeit an diesem Werk verleidet worden war: seine zweite Gattin, Lili, hatte das Libretto ausgewählt und sogar den Markusplatz von Venedig als Schauplatz der Handlung des dritten Aktes festgelegt. Aber während der Fertigstellung des Werkes hatte Lili ihren Gatten verlassen und war zum Direktor des Theaters an der Wien, Franz Steiner, übersiedelt. Johann Strauß hatte also Mühe, Begeisterung für "Lili's Operette" aufzubringen. Trotzdem verschwendete er an das nicht gerade amüsante Textbuch eine Fülle kostbarster Melodien, die das Werk bis auf den heutigen Tag "am Leben" erhalten haben.

 

Für die Polka "Die Tauben von San Marco" verwendete Strauß die Melodie der Vorstrophe zum Damenchor im Finale des dritten Aktes; der Text lautete: "Die Tauben von San Marco, wem sind sie nicht bekannt. Die Tauben sind der Liebe, des Friedens Unterpfand." Auch das zweite Notenzitat der Polka ist für einen Text erfunden worden, in dem die Liebe beschworen wurde (Duett Nr. 10, 2. Akt: "Sie sagten meinem Liebesfleh'n"). In beiden Fällen stand also die Treuelosigkeit seiner Gattin in schroffem Gegensatz zu den Texten "ihrer Operette" und das mußte Strauß verdrießen. Der Komponist hat sich auch um die Uraufführung der Tanzstücke nach Motiven der Operette "Eine Nacht in Venedig" so gut wie gar nicht gekümmert. Sein Bruder Eduard spielte in seinen Musikvereinskonzerten die Ouvertüre zu "Eine Nacht in Venedig" und überdies eine Gruppe Couplets aus der Operette, in Polkaform arrangiert von Eduard Strauß (am 14. Oktober 1883), aber auch sein Interesse reichte nur noch für eine von ihm arrangierte Fassung des "Aufzugsmarsches" (am 25. November 1883 aufgeführt). Den "Lagunen-Walzer", op. 411, hatte Johann am 4. November 1883 selbst präsentiert, alle weiteren Stücke mochten die Militärmusikkapellen spielen. So ist es dann ja wohl auch gewesen.

 

[7] "Auf dem Tanzboden", Musikalische Illustration zu dem gleichnamigen Gemälde von Franz von Defregger, op. 454

 

Im April 1892 war Franz von Defreggers (1835-1921) Gemälde in Wien bei einer Kunstausstellung zu sehen. Im Bericht der "Neuen Freien Presse" vom 7. April 1892 über diese Ausstellung wurde konstatiert: "Defreggers neuestes Gemälde 'Auf dem Tanzboden' ist wohl das Beste, was der Künstler in den letzten Jahren geschaffen hat. Obgleich er den Gegenstand bereits einmal behandelt hat, ist es doch keine Selbstwiederholung; es enthält eine Reihe von lustig und gemütlich gekennzeichneten Figuren, ist sehr ansprechend geordnet, von reizvoller Lichtührung und harmonisch zusammenklingendem Colorit."

 

Dieses Bild hat den Kunstfreund Johann Strauß zu einer großangelegten Komposition angeregt, die als musikalische Illustration zu Franz von Defreggers Gemälde gedacht war. Dieser Plan wurde nicht ausgeführt, denn das in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek verwahrte Autograph bricht dort ab, wo ein Walzer beginnen sollte. Übrig blieb die ausgedehnte Introduktion.

 

Interessant ist auch, daß Johann Strauß ursprünglich darauf bestand, bei den Aufführungen eine Zither zu verwenden. Er schrieb seinem Bruder Eduard: "Das Defreggerstückel verlangt absolut einen Zitherspieler." Im Autograph aber ist notiert: zwei Flöten "in Ermangelung der Zither". Diese Fassung wurde bei der vorliegenden Aufnahme ausgeführt. Aber auch bei der Uraufführung des Werkes, die am 22. Oktober 1893 im Sonntagskonzert der Strauß-Kapelle unter Eduards Leitung stattgefunden hat, ist die Mitwirkung eines Zitherspielers nicht angegeben worden. Im Bericht über das Konzert im "Fremden-Blatt" vom 24. Oktober 1893 heißt es nur: "Mit jubelndem Beifalle wurde die neue Komposition Johann Strauß' 'Auf dem Tanzboden' aufgenommen." Etwas ausführlicher ist der Bericht der "Deutschen Zeitung" vom 25. Oktober 1893:

 

"Am letzten Sonntag wurde im Musikverein eine eigenartige Composition von Johann Strauß aufgeführt. Es ist eine musikalische Illustration zu dem bekannten Defreggerschen Bilde 'Auf dem Tanzboden'. Das musikalische Genrebild hebt piano an und wiegt im sanften Ländlertakt eine anmuthige Melodie, aus der sich ein lustiger 'Juchezer' keck emporschwingt. An einer Stelle ertönt ein herzhafter Paukenschlag - sollte einer von den 'Buam' hinaus-geworfen worden sein? Jedenfalls trägt diese Episode zur Beruhigung der Stimmung erheblich bei, denn das Stückchen endigt wieder in sehr friedlichem Piano. Die hübsche Composition wurde mit großartigem Beifall aufgenommen; sie wurde etwa achtmal zur Wiederholung verlangt."

 

Die Klavierausgabe des Werkes ist im Verlag Gustav Lewy erst am 4. März 1894 erschienen. Franz von Defregger hat sich übrigens für die Widmung dieser Komposition mit einem Bild, "Tanz auf der Alm", revanchiert, das er mit der Widmung versehen hat: "Heut' geigt der Strauß" - "Dem großen Meister Johann Strauß von seinem dankbaren Verehrer Franz v. Defregger".

 

[8] Quadrille nach Motiven der Oper "Des Teufels Antheil", ohne op.

 

Im Herbst 1847 entspann sich im Wiener Musikleben ein mehrfacher Wettstreit. Zuerst entschloß sich Direktor Franz Pokorny, im Theater an der Wien eine Neufassung der Oper "La Part du Diable", Text von A.E. Scribe, Musik von D.F. Auber (das Werk hatte seine Premiere am 16. Januar 1843 in Paris erlebt) auf die Bühne zu bringen. Doch er erlebte eine herbe Enttäuschung; die am 23. September 1847 in seinem Haus unter dem Titel "Des Teufels Antheil" gezeigte Vorstellung - Dirigent der Aufführung war Albert Lortzing! - mußte wegen totalen Mißerfolges wieder abgesetzt werden. Am 25. September 1847 brachte die Direktion des k.k. Hofoperntheaters das Werk in einer anderen Fassung auf die Bühne - und diese Aufführung fand den Beifall und die Gunst des Publikums. Dieser Wettstreit war also zum Vorteil des Hofoperntheaters entschieden worden.

 

Es gab aber noch einen zweiten Wettstreit. Noch während in den beiden Theatern die Proben im Gange waren, kündigten die Zeitungen an, sowohl Strauß-Vater als auch Strauß-Sohn arbeiteten an Quadrillen nach Motiven der Oper "Des Teufels Antheil". Es kam auch zur Konfrontation; am 25. September 1847 spielte Johann Strauß-Vater im "Sperl" in der Leopoldstadt seine Quadrille "Des Teufels Antheil" zum ersten Mal auf. Der Redakteur der "Theaterzeitung" schwärmte (am 30. September):

 

"Der 'Antheil des Teufels' wurde in den Theatern ziemlich langsam einstudiert, aber im k.k. Hofoperntheater krönte wenigstens ein Erfolg die langen Bemühungen. Nun hat sich Herr Haslinger in den Kopf gesetzt, einen großen Erfolg ohne lange Vorbereitungen zu erkämpfen, und siehe da, mit teuflischer Geschwindigkeit arrangierte er die Herausgabe der am Sonnabend (d.i. der 25.9.1847) neu vorgetragenen Quadrille. Montag ist sie gestochen, Dienstag gedruckt worden und seit gestern zum Verkauf vorrätig. Wenn an solcher Schnelligkeit der Teufel keinen Antheil hat, so geht es nicht mit rechten Dingen zu."

 

Es ist naheliegend, daß der Verleger Haslinger sich auch deshalb so besonders mit der Herausgabe der Quadrille beeilt hat, weil ja auch eine Quadrille von Strauß-Sohn angekündigt worden war. Aber Schani hatte Pech; wie aus einer Notiz im "Wanderer" vom 2. Oktober 1847 hervorgeht, konnte Johann Strauß-Sohn wegen einer Unpäßlichkeit seine Quadrille erst am 3. Oktober 1847 in Dommayers Casino zum ersten Male aufführen. Für den jungen Komponisten dürfte es auch schwierig gewesen sein, für diese Quadrille einen Verleger zu finden, da die Haslinger-Ausgabe der Quadrille von Strauß-Vater bereits verkauft wurde. Schließlich nahm sich der kleine Verlag des A.O. Witzendorf des Werkes von Johann Strauß-Sohn an und brachte es "außer der Reihe" (also ohne Opuszahl) am 14. Oktober 1847 heraus. In diesem Wettstreit war also Strauß-Vater der Sieger. Leider ist ein genauer Vergleich der beiden Werke nicht möglich, da die Quadrille von Strauß-Sohn nur in der Klavierausgabe erhalten ist. Für diese Aufnahme besorgte Christian Pollack die Orchesterfassung.

 

[9] "Trifolien", Walzer (Johann, Joseph und Eduard Strauß)

 

Die Künstlervereinigung "Hesperus", der alle drei Strauß-Brüder als Mitglieder angehört haben, veranstaltete ihren Ball im Jahre 1865 am 13. Februar im Dianasaal. Die Ballmusik besorgte selbstverständlich die Strauß-Kapelle. Den Widmungswalzer hatten die Brüder diesmal gemeinsam verfaßt: Johann den Walzer Nr. 1, Joseph den Walzer Nr. 2 und Eduard Walzer Nr. 3 sowie Introduktion und Coda. Eduard war es auch, der das Werk beim Hesperusball am 13. Februar 1865 im Dianasaal vorführte. Allerdings dürfte der dreiteilige Walzer nur kurz gewesen sein: wie Johann Strauß später - viel später! - einmal erzählte, war dem Verleger die mit dem Titel "Trifolien" versehene Komposition zu kurz; die Brüder mußten sich also bereit finden, ihre Beiträge zu erweitern. Damit wäre die untypische Walzerform (mit einem Trio bei jedem Teil) der "Trifolien" erklärt.

 

Das Werk wurde von den Ballgästen jedenfalls mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Am meisten mag die Musikfreunde überrascht haben, daß der 30jährige Edi mit seinen Brüdern durchaus mithalten konnte: er stattete seinen Walzer sogar mit einer angenehmen Gegenstimme aus und gestaltete auch die vergleichsweise umfangreiche Coda sehr geschickt. Die Klavierausgabe des Werkes wurde am 17. Februar ausgeliefert.

 

Leider haben die drei Brüder Strauß später nur noch einmal zusammen-gearbeitet: bei der Fertigstellung der "Schützen-Quadrille" im Sommer 1868. Auch diese Komposition war "aus einem Guß" und erzielte großen Erfolg.

 

[10] "Herrjemineh", Polka française, op. 464

 

Nach der erfolgreichen Uraufführung seiner Operette "Waldmeister" am 4. Dezember 1895 im Theater an der Wien ließ Johann Strauß im Berliner Verlag Bote & Bock die aus den Melodien des Werkes arrangierten Tanzkompositionen der Reihe nach veröffentlichen. Die Polka francaise ist dem Klageruf des im Stück mit dem Part des Komikers bedachten, sächsischen Professors Erasmus Müller angepaßt: "Herrjemineh", der allerdings auch im Text des Terzetts Nr. 4 vorkommt, "Herrjemineh, herrjemineh, was tut man nicht alles aus Liebe". Rhythmisch etwas verändert bildet dieses Zitat die Hauptmelodie des Trios der Polka. Für den ersten Teil verwendete Johann Strauß das Allegro moderato aus Nr. 14 (Finale II), dem der Text unterlegt ist: "Da nimmt man se den Moselwein, den Moselwein geschwind". Da die beiden Zitate ausgezeichnet zueinander passen, entstand eine anmutige und amüsante, zugleich aber flotte und beschwingte Polka. Eduard Strauß führte die Komposition zum ersten Male am 26. Dezember 1895 bei seinem Konzert im Musikverein auf; in mehreren weiteren Konzerten stand sie ebenfalls auf dem Programm. Später wurde das Werk, wenn schon nicht ganz vergessen, so doch vernachlässigt. Es gehört aber zu den fröhlichsten Alterswerken von Johann Strauß, die aber in Wahrheit zeitlos sind und nichts von ihrem ursprünglichen Reiz eingebüßt haben.


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