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8.223247 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 47
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

[1]   Einzugsmarsch aus "Der Zigeunerbaron"

Bevor Johann Strauß im Sommer 1885 von seinem Sommerurlaub in Ostende über Berlin nach Wien zurückkehrte, um seine nun doch zur Operette umgestaltete, komische Oper "Der Zigeunerbaron" fertigzustellen, hatte er eine Vision. Er schrieb dem Librettisten Ignaz Schnitzer:

"Der Einzugsmarsch muß großartig werden. Etwa 80 - 100 Soldaten (zu Fuß, zu Pferde), Marketenderinnen (in spanischer, ungarischer, wienerischer Toilette), Volk, Kinder mit Buschen und Blumen, welch letztere sie den heimkehrenden Kriegern streuen etc. etc. müssen erscheinen. Die Bühne bis zum Papagenotor geöffnet - es muß ein Bild werden, welches viel, viel großartiger als im 'Feldprediger' (Anm.: Operette von Carl Millöcker) wird, weil wir diesmal österreichisches Militär und Volk in freudiger Stimmung uns einbilden wollen."

Dieser Vision für die grandiose Empfangsszene für die aus dem spanischen Erbfolgekrieg zurückkehrenden Soldaten im dritten Akt der Operette "Der Zigeunerbaron" entsprach auch der schneidige Einzugsmarsch, den Strauß komponiert hatte. Den Noten sind die Worte: "Frisch und wohlgemut, das liegt in unserm Blut" zugeordnet worden. Sie charakterisieren exakt die Musik, deren Fanfarenklänge und mit jugendlichem Feuer auftrumpfenden Melodien am Premierenabend, dem 24. Oktober 1885, das Publikum im überfüllten Theater an der Wien zu jubelndem Applaus begeistert haben. Der dirigierende Komponist mußte für lange anhaltende Ovationen danken.

Die erste konzertante Aufführung des Einzugsmarsches aus "Der Zigeunerbaron" fand am 6. Dezember 1885 im Musikverein durch Eduard Strauß statt. Auch diesmal gab es im Goldenen Saal begeisterten Beifall. In den seither vergangenen mehr als 100 Jahren hat der Marsch nichts eingebüßt an mitreißendem Schwung.

[2]   "Farewell to America", Walzer, ohne op.

Als Folge des einzigen Besuches des Wiener Walzerkönigs in Amerika, der im Sommer 1872 stattfand und in dessen Verlauf er Konzerte in Boston und New York dirigierte, veröffentlichten sieben amerikanische Verleger Walzer von Johann Strauß. Allerdings wurden nur zwei der damals veröffentlichten neun Kompositionen während des Gastspiels in den Vereinigten Staaten auch aufgeführt: der "Jubilee Waltz" und der "Manhattan Waltzes". Man kann rätseln, ob die übrigen Editionen tatsächlich von Johann Strauß während seines Amerika-Aufenthaltes geschrieben oder wenigstens skizziert wurden oder ob die Werke nach der Rückkehr aus Amerika und Baden-Baden in Wien fertiggestellt und eventuell mit der Post über den Atlantik geschickt worden sind. Es ist nicht auszuschließen, daß einige der Publikationen gar nicht von Johann Strauß stammen, sondern von den Verlegern zusammengestellt wurden, die aus dem Strauß-Triumph in Amerika für sich ein lohnendes Geschäft zu machen trachteten.

Der Walzer "Farewell to America" ist - zum Unterschied von seinem Gegenstück "Greeting to America" - aus Melodien zusammengestellt worden, die aus früheren, im Jahre 1872 bereits veröffentlichten Kompositionen des Walzerkönigs stammten. Beiden Werken gemeinsam ist das Zitat von J. Stafford Smith "The Star Spangled Banner": in "Greeting to America" erscheint es in der Introduktion, während es in "Farewell to America" seinen Platz (in pianissimo vorgetragen) in der Coda hat. Für "Farewell to America" wurden folgende Melodien verwendet:

Introduktion   -

Introduktion des Walzers "Carnevals-Botschafter", op. 270,

Walzer 1A     -

Thema 1A aus "Wiener Punchlieder", op. 131,

Walzer 1B     -

Thema 1B aus "Spiralen", op. 209,

Walzer 2A     -

Thema 2B aus "Gedankenflug", op. 215,

Walzer 2B     -

Thema 2B aus "Gedankenflug", op. 215,

Walzer 3A     -

Thema 1A aus "Controversen", op. 191,

Walzer 3B     -

Thema 4B aus "Controversen", op. 191,

Walzer 4A     -

Thema 5A aus "Promotionen", op. 221,

Walzer 4B     -

Thema 2B aus "Petitionen", op. 153, von Joseph Strauß!

Die Coda verwendet ein Thema aus dem Walzer "Feuilleton", op. 293, das Thema 1A aus den "Punchlieder" und aus "Carnevals-Botschafter" sowie das bereits erwähnte Zitat von "The Star Spangled Banner" von J. Stafford Smith.

Die Einbeziehung eines Walzerthemas von Joseph Strauß gibt Anlaß zur Vermutung, daß "Farewell to America" nicht von Johann Strauß selbst zusammengestellt worden ist, sondern von Oliver Ditson, dem Hausarrangeur des Verlegers. Es wurden ja viele Kompositionen der Strauß-Familie außerhalb der Donaumonarchie unter dem Namen "J. Strauß" veröffentlicht. Ein Arrangeur, der mit dem Strauß-Werksverzeichnis nicht vertraut war, konnte also sehr leicht unter der Bezeichnung J. Strauß den berühmten Johann und nicht den im Schatten des Bruders stehenden Joseph vermuten.

Es ist erwähnenswert, daß nicht ein einziger Walzer, aus denen "Farewell to America" zusammengesetzt worden ist, in einem Programm der Konzerte Johanns des Jahres 1872 in Boston oder New York aufscheint. Die Werke waren aber in Amerika bekannt, da sie bereits in den Jahren von 1853 bis 1864 komponiert und veröffentlicht worden waren. Amüsant ist, daß Oliver Ditson, der einer der wichtigsten Förderer des Bostoner Jubiläums im Jahre 1872 gewesen ist, auch der Verleger von "Dwight's Journal" war, einer Zeitschrift, die das Festival als "Humbug" bezeichnete.

Die erste Klavierausgabe von "Farewell to America" wurde vom Büro der Library of Congress in Washington im Jahre 1872 registriert: Verleger des Werkes war Oliver Ditson & Comp. in Boston. Da kein Orchestermaterial veröffentlicht wurde - es wurde jedenfalls keines aufgefunden - bietet die gegenwärtige Aufnahme eine Rekonstruktion durch den amerikanischen Dirigenten und Komponisten Jerome D. Cohen, der sich auf Ditsons Klavierausgabe stützte und für die Orchestrierung die Originalstimmen der einzelnen Walzer verwendete, aus denen "Farewell to America" zusammengestellt worden ist. In dieser Form wurde das Werk zum ersten Mal am 1. April 1989 in der Memorial Hall in Plymouth, Massachusetts, durch das Plymouth Philharmonic Orchestra unter dem Dirigenten Rudolph Schlegel aufgeführt. Eine Aufführung in Europa ist nicht nachweisbar.

[3]   Romanze aus "Faust"

 

Im Archiv des österreichischen Rundfunks und in der Musiksammlung der österreichischen Nationalbibliothek haben sich zwei Fassungen einer "Faust-Romanze" gefunden. Beide tragen den Vermerk: "arrangiert v. Johann Strauß". Sie unterscheiden sich nur unwesentlich voneinander. (Dieser Aufnahme liegt die von Christian Pollack überprüfte Fassung des österreichischen Rundfunks zugrunde.)

Präsentiert wird die Romanze des Siebel (Nr. 20, im vierten Akt der Oper), "Si le bonheur a sourire t'invite", die bei der Erstaufführung des Werkes im Wiener Kärntnerthor-Theater am 8. Februar 1862 offenkundig vorgetragen worden ist. Später (und bis auf den heutigen Tag) wurde diese Romanze gestrichen. Umso interessanter ist dieser (ohnedies seltene) Beitrag zum Thema "Arrangements von Johann Strauß für die Konzerte der Strauß-Kapelle".

Der Zeitpunkt der ersten Aufführung der "Faust-Romanze" ist nicht zu ermitteln; die Präsentation wird wohl im Anschluß an die Theaterpremiere bei den Strauß-Konzerten erfolgt sein.

[4]   "Kaiser Alexander-Huldigungs-Marsch", op. 290

Am 22. Januar 1863 brach in Warschau, unmittelbar danach in ganz Polen ein Aufstand gegen die russische Herrschaft - Polen war damals zum größten Teil ins Zarenreich eingegliedert - aus. Da die Rebellen über keine organisierten Truppen verfügten und die erhoffte Hilfe Frankreichs ausblieb, löste sich der Widerstand sehr rasch in einen aussichtslosen Partisanenkampf auf. Trotzdem hatten die Truppen des Zaren große Mühe, die Ruhe in Polen so einigermaßen wieder herzustellen, es kam zu zahlreichen Übergriffen und Grausamkeiten. Frankreich, England und Österreich ließen in St. Petersburg Protestnoten überreichen, nur Preußen stellte sich auf die Seite der Russen. Immherin dauerte es fast ein Jahr, bis der Widerstand zusammengebrochen war. Johann Strauß, der im Sommer 1864 wieder in Pawlowsk bei St. Petersburg konzertiert hat, veranstaltete am 25. Juli / 5. August 1864 auf eigene Kosten ein Musikfest im Vauxhall von Pawlowsk, dessen Reinertrag den Invaliden der Kämpfe im Jahre 1863 zugute kommen sollte. Er wurde dafür von den Zeitungen Rußlands gelobt (siehe "St. Petersburger Zeitung" vom 24. Juli 1864) und erhielt Unterstützung durch eine 300 Mann starke Militärmusikkapelle sowie durch Künstler der Oper in St. Petersburg.

Bei diesem Musikfest wurde als Nummer 9 des Programms der "Kaiser Alexander-Huldigungs-Marsch" von Johann Strauß aufgeführt. Das Werk hatte großen Erfolg und mußte zweimal wiederholt werden. Der Verlag Büttner in St. Petersburg brachte den Marsch als Opus 290 in mehreren Auflagen im Druck heraus. In Wien ist das Werk nie erschienen und auch niemals gespielt worden. Johann Strauß wußte ganz genau, daß er bei Aufführungen dieses Huldigungsmarsches in der Donaumonarchie nicht auf die Zustimmung des Publikums rechnen konnte. Der Zar aber verlieh dem Komponisten für die Dedikation des Werkes das Ritterkreuz des Stanislaus-Ordens, das Strauß im Jahre 1865 überreicht wurde.

Die Wiedergabe des "Kaiser Alexander-Huldigungs-Marsches" erfolgte in der Instrumentierung durch Arthur Kulling, weil die Originalfassung zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht zur Verfügung gestellt worden war.

[5]   Ballettmusik aus "Indigo und die vierzig Räuber"

Der Direktor des Theaters an der Wien, Maximilian Steiner, wünschte in der von ihm zu verantwortenden Operette "Indigo und die vierzig Räuber" eine repräsentative Ballettszene. Wenn er schon eine Schar verführerischer Bajaderen auf der Bühne versammelte, dann sollten diese auch Gelegenheit haben, das Publikum zu begeistern. Johann Strauß fügte sich und schrieb für sein erstes Bühnenwerk eine Ballettszene, die als Nr. 18a zu Beginn des dritten Aktes nach Introduktion und Marktchor in die Partitur eingefügt wurde. Der Komponist hatte es sich nicht leicht gemacht: er erfand Anklänge an die Sphäre von "Tausend und eine Nacht" und verzichtete dafür auf seine effektvollste Musik, auf den Walzer.

Max Schönherr hat die Ballettmusik aus "Indigo und die vierzig Räuber" von Johann Strauß zu einer musikalischen Szene ausgeweitet. Er wählte die vitale Schlußmusik als Umrahmung; erst nach den elektrisierenden Motiven im Zweivierteltakt (die auch in der Schnellpolka "Im Sturmschritt", op. 348, verwendet wurden), ließ er der eigentlichen Ballettmusik (Allegretto) freien Raum. Diese erklingt dann bis zur Coda der Partitur; dann aber holte Schönherr das - seiner Ansicht nach - von Johann Strauß Versäumte nach und zitierte den Walzer zum Text "Ja so singt man, ja so singt man in der Stadt, wo ich geboren". Schönherr beendete seine Ballettszene, wie gesagt, mit der vitalen Schlußmusik der Operette. Das ist schade, denn er verzichtete dafür auf die ebenso effektvolle Coda, die etwa mit dem ersten Teil der Schnellpolka identisch ist, die Johann Strauß unter dem Titel "Die Bajadere", op. 351, erscheinen ließ. Die kunstreiche Instrumentierung Schönherrs macht aus dieser Ballettmusik ein wirkungsvolles Konzertstück; ein gutes Beispiel für die Präsentation der Strauß-Musik im 20. Jahrhundert.

[6]   "Coliseum Waltzes", ohne op.

Die erste Klavierausgabe des "Coliseum Waltzes" von Johann Strauß ist im Verlagshaus Lee & Walker in Philadelphia herausgegeben und vom Büro der Library of Congress in Washington im Jahre 1872 registriert worden. Ein prächtiges Porträt des Wiener Walzerkönigs aus der Zeit seines Gastspiels in Amerika schmückte diese Ausgabe. Ob auch ein Orchestermaterial des Werkes im Druck erschienen ist, kann man derzeit nicht feststellen.

Der Walzer erhielt seinen Titel vom Zentrum des Welt-Friedens-Jubiläums und Internationalen Musikfestival 1872, dem imposanten "Coliseum"-Gebäude im Back Bay-Revier von Boston, Massachusetts, also in einem Teilgebiet des Bostoner Hafenviertels. Das ursprüngliche, nach einem Entwurf des Architekten William G. Preston im Entstehen begriffene Gebäude (Baubeginn war der 4. März 1872) wurde durch einen Wirbelsturm zerstört. Man griff daher auf die Pläne des früheren "Coliseums", das für das Nationale Friedens-Jubiläum 1869 im Bostoner St. James-Park (an der Stelle, wo sich heute das Copley Plaza Hotel befindet) zurück und sorgte nur für eine reichere Verzierung. Ungeachtet der Verwüstung durch den Wirbelsturm wurde die riesige Fachwerk-Struktur des Gebäudes rechtzeitig zum Eröffnungstag der Festlichkeiten, dem 17. Juni 1872, fertiggestellt. Das "Coliseum" erreichte ein Ausmaß von 550 Fuß in der Länge, 350 Fuß in der Breite und 115 Fuß in der Höhe; es hatte einen Fassungsraum für 50.000 Besucher. Bisher konnte kein Beleg dafür gefunden werden, daß Johann Strauß den "Coliseum Waltzes" während seines offiziellen Engagements in Boston (17. Juni - 4. Juli 1872) dirigiert hat. Es gibt auch keinen Bericht über eine Aufführung des Werkes während des Aufenthalts von Johann Strauß in New York, bei den dort abgehaltenen Konzerten am 8.,10. und 12. Juli 1872.

Die Existenz des "Coliseum Waltzes" wurde der Fachwelt durch Dann Chamberlin bekannt, der den Klavierauszug im Herbst 1983 in der Library of Congress entdeckte. Er stellte diese Ausgabe dem amerikanischen Komponisten, Arrangeur und Musikologen Jerome D. Cohen zur Verfügung, der das Werk für diese Aufnahme nach dem Klavierauszug von Lee & Walker instrumentiert hat.

In einer Analyse des Werkes hat das Mitglied der Johann Strauss Society of Great Britain, Herr Norman Godel, besonders auf das Thema 2B hingewiesen, das in Moll-Tonart gehalten ist; das ist trotz anderer Walzermotive in Moll (z.B. in den "Vibrationen", op. 204, oder "Märchen aus dem Orient", op. 444) ungewöhnlich. Ferner verwies Godel auf die breit angelegte Coda des Werkes, das - zumindest in der vorliegenden Klavierausgabe - ohne die sonst übliche Introduktion beginnt. Ob es Absicht oder Zufall war, daß drei der ersten vier Noten des Walzerbeginns dieselben sind wie im ersten Thema des Walzers" An der schönen blauen Donau", op. 314, läßt sich nicht feststellen.

Das Bostoner "Coliseum" besteht nicht mehr. Aber die Erinnerung an dieses riesige Gebäude und an die Ereignisse im Sommer 1872 in Boston lebt im "Coliseum Waltzes" weiter.

[7]   "Faust-Quadrille", op. 277

Im Januar 1864 ist in St. Petersburg die Oper "Faust" von Charles Gounod zum ersten Mal aufgeführt worden. Schon sechs Tage nach der Eröffnung der Konzertsaison 1864 in Pawlowsk (sie fand am 23. April / 4. Mai statt) trug Johann Strauß dem Publikum seiner Sommerkonzerte eine Quadrille nach Motiven dieser Oper vor. Es kam in der Folge während der Saison zu 15 Aufführungen des Werkes. Nun gab es in der Familie bereits eine "Faust-Quadrille". Joseph Strauß hatte ebenfalls aus Motiven dieser Oper eine Quadrille komponiert und sein Werk am 11. August 1861 in der "Neuen Welt" in Hietzing zum ersten Mal aufgespielt. Warum Johann Strauß nicht auf die Komposition seines Bruders zurückgegriffen, sondern eine eigene Quadrille arrangiert hat, ist wohl nicht zu ermitteln. Johann hat aber dafür gesorgt, daß seine "Faust-Quadrille" nur im St. Petersburger Verlag Büttner in einer Klavierfassung (als Opus 277) veröffentlicht worden ist; der Wiener Strauß-Verleger Spina hat die Publikation nicht übernommen. Die Kompositionen der beiden Brüder hätten, wie Thomas Aigner in seinem Artikel "Hommage à Gounod" mit Recht festgestellt hat, kaum nebeneinander bestehen können. Zwölf der 15 bzw. 16 verwendeten Themen finden sich in beiden Quadrillen, wenn auch größtenteils in anderer Anordnung.

Johanns "Faust-Quadrille" beginnt mit Zitaten aus Nr. 29 der Klavierausgabe der Oper (Trinklied des Faust) und aus Nr. 4 (Duett Faust - Mephisto). Im Finale haben beide Brüder zuerst das Vorspiel zum Soldatenchor (Nr. 22) verwendet, aber nur Johann blieb bei der effektvollen Melodie des Chores und sorgte für einen wirksamen Höhepunkt. In der Folge verschwanden beide Quadrillen mehr oder weniger rasch in den Archiven. Die "Faust-Quadrille" von Johann Strauß ist erst durch die Forschungstätigkeit Thomas Aigners vor dem Vergessenwerden bewahrt worden.

[8]   "Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Marsch", ohne op.

Am 2. Dezember 1848 übernahm der 18jährige Erzherzog Franz, ältester Sohn des Erzherzogs Karl (1802-1878) und seiner aus Bayern stammenden Gemahlin Sophie (1805-1872), nach der Niederwerfung der Revolution in Wien in Olmütz die Regentschaft von seinem schwer kranken Onkel, dem unglücklichen Kaiser Ferdinand (1793-1875). Bei dieser Gelegenheit erhielt er - in Erinnerung an den in der Monarchie populären Kaiser Joseph II. (1741-1790) - den Namen Franz Joseph. Im Dezember 1898 wurde das 50jährige Regierungsjubiläum des Monarchen im gesamten Habsburgerreich so festlich wie möglich gefeiert. Johann Strauß war längst schon aufgefordert worden, eine weitere Huldigungskomposition für den Monarchen zu schreiben; gedacht war an einen Huldigungsmarsch. Johann Strauß ist diesem Vorschlag auch gefolgt und hat einen "Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Marsch" skizziert; von diesem Marsch haben sich im Nachlaß des am 3. Juni 1899 gestorbenen Komponisten Abschriften der Partitur (für Chor und Orchester, ohne Textierung des Chorparts, und für Klavier) gefunden. Diese Stücke werden in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek verwahrt.

Im Frühjahr 1898 hat Johann Strauß seinen Plan dahin abgeändert, daß er den Marsch "Auf's Korn" arrangierte, zu dem dann der populäre Schriftsteller Vinzenz Chiavacci einen Text schrieb, und dieses Werk dem Wiener Männergesangverein für dessen Konzert beim Bundesschützenfest am 28. Juni 1898 zur Verfügung stellte. Den Titel entnahm Strauß dem ersten Vers Chiavaccis: "Leget an, nehmt auf' s Korn ...Ihr wackern Schützenleut" .Für den Marsch "Auf's Korn" hat Strauß das Trio des "Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Marsches" verwendet.

Am 27. November 1898 fand im Musikverein ein Benefizkonzert der Brüder Johann und Eduard Strauß statt. Auf dem Programm standen zwei Werke, die anläßlich des Regierungsjubiläums des Kaisers am 2. Dezember 1898 komponiert worden waren: der "Jubel-Walzer", op. 296, von Eduard Strauß und der "Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Marsch" von Johann Strauß. Beide Werke wurden von den Komponisten dem Publikum präsentiert. Johann Strauß wiederholte seine Widmung am 1. Dezember 1898 im Theater an der Wien.

Soweit wäre alles klar. Aber auf dem Programm des Konzerts am 27. November 1898 im Musikverein findet sich beim "Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Marsch" der Hinweis: "Im Verlag für Clavier und Orchester bei Jungmann & Lerch erschienen."

In diesem Verlag ist aber nur der Marsch "Auf's Korn" veröffentlicht worden. Es muß also dahin gestellt bleiben, welche Version des Werkes im Musikverein erklungen ist. Im Bericht des "Fremden-Blattes" vom 29. November 1898 wird über den "brillanten 'Kaiser-Jubiläums-Marsch'" das Urteil veröffentlicht:

"Dieses klangvolle Musikstück, welches geradezu zündend wirkte, wird den Militärkapellen eine wertvolle Gabe sein und rasch populär werden."

Unsere Aufnahme folgt der in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek verwahrten Partiturabschrift des "Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Marsches".

[9]   "Sounds from Boston", Walzer, ohne op.

Am 7. Juni 1872 ist im "Boston Daily Evening Transcript" die Meldung veröffentlicht worden, Johann Strauß habe sich entschlossen, ein "Potpourri" zu schreiben, das Auszüge aus seinen besten Werken enthalten und dem er den Namen "Sounds from Boston" geben werde. Die amerikanische Zeitung veröffentlichte diese Nachricht acht Tage vor dem Eintreffen des Wiener Walzerkönigs in Boston, Massachusetts, wo Strauß beim Welt-Friedens-Jubiläum und Internationalen Musikfestival, das in der Zeit vom 17. Juni bis zu seinem offiziellen Schluß am 4. Juli 1872 stattfand, als Dirigent mitzuwirken hatte.

Aber aus unbekannten Gründen trug Johann Strauß ein Werk mit dem Titel "Sounds from Boston" weder beim Internationalen Musikfestival noch bei einer anderen Gelegenheit vor. Dennoch erschien das Werk prompt beim Bostoner Verlaghaus White, Smith & Perry in drei Ausgaben: Piano solo, kleines Orchester ("arrangiert für neun Instrumente") und großes Orchester. Die Klavierausgabe wurde von der Library of Congress in Washington im Jahre 1872 registriert, in Wien wurde dieses Werk jedoch - wie mit einer Ausnahme alle anläßlich des Strauß-Gastspiels in Amerika erschienenen Walzer - niemals publiziert oder gar aufgeführt.

Zwei Mitglieder der Johann Strauss Society of Great Britain, Dann Chamberlin und Norman Godel, forschten auf Vorschlag von Richard Pittmann, dem Dirigenten des Concord Orchestra of Massachusetts und Professor am New England Conservatory of Music in Boston, die Orchesterstimmen von "Sounds from Boston" im Archiv des Konservatoriums aus. Herr Chamberlin entdeckte die Klavierausgabe in der Arthur Fiedler-Sammlung der Bostoner Universität. Der amerikanische Komponist, Arrangeur und Musikologe Jerome D. Cohen sichtete dieses Material, beschränkte sich auf die Korrektur offensichtlicher Fehler in den Orchesterstimmen des Verlages White, Smith & Perry und legte die Version vor, die für diese Aufnahme des Walzers "Sounds from Boston" verwendet worden ist. Das thematische Material des Werkes stammt aus folgenden, damals bereits längst veröffentlichten Werken von Johann Strauß:

Introduktion   -

Thema 1A aus "Wahlstimmen", op. 250, acht Takte aus der Introduktion des Walzers "Deutsche Lust oder Donau-Lieder ohne Text", op. 127 (aus dem Jahre 1841) von Johann Strauß-Vater und drei Takte Überleitung,

Walzer 1A     -

Thema 1A aus "Juristen-Ball-Tänze", op. 177,

Walzer 1B     -

Thema 1B aus "Juristen-Ball-Tänze", op. 177,

Walzer 2A     -

Thema 3A aus "Bürgersinn" , op. 295,

Walzer 2B     -

Thema 1B aus "Rhadamantus-Klänge", op. 94,

Walzer 3A     -

Thema 3B aus "Myrthen-Kränze", op. 154,

Walzer 3B     -

Thema 2B aus "Rhadamantus-KIänge", op. 94,

Walzer 4A     -

Thema 4A aus "Spiralen", op. 209,

Walzer 4B     -

Thema 4A aus "Feen-Märchen", op. 312,

Walzer 5A     -

Thema 1A aus "Lebenswecker", op. 232,

Walzer 5B     -

Thema 1B aus "Lebenswecker", op. 232,

In der Coda werden die Walzer "Rhadamantus-Klänge", op. 94, "Myrthen-Kränze", op. 154, und natürlich "Juristen-Ball-Tänze", op. 177, zitiert.

Man kann annehmen, daß Johann Strauß einen "Wiener Gruß an Amerika" beabsichtigt hat, als er ein Zitat aus dem Walzer "Deutsche Lust oder Donau-Lieder ohne Text", op. 127, seines Vaters in die Introduktion des Walzers "Sounds from Boston" aufnahm. (Johann Strauß hatte dieses Werk schon einmal zitiert, und zwar in der Coda seines Walzers "Deutsche", op. 220.) Die anderen Themen von "Sounds from Boston" stammen aus Werken, die in den Jahren 1851 bis 1866 komponiert und veröffentlicht worden sind.

Ungewöhnlich ist, daß "Sounds from Boston" fünf Walzerteile präsentiert und damit jene Standardform des Walzers noch einmal aufnimmt, von der sich Johann Strauß nach dem 1870 geschriebenen Werk "Freut euch des Lebens", op. 340, verabschiedet hatte. Die Klavierausgabe von "Sounds from Boston", die bei White, Smith & Perry erschienen ist, trägt auch den alternativen deutschen Titel "Geschichten aus dem Boston" (richtig wäre: "Geschichten aus Boston") sowie die Widmung des Komponisten "An Napier Lothian, Boston, U.S.A.". Am 22. Juni 1872 besuchten Johann und Jetty Strauß eine Aufführung von "The Belles of the Kitchen"; in der Pause der Aufführung ehrte Lothian den Wiener Walzerkönig durch eine Aufführung seines Meisterwerkes" An der schönen blauen Donau", op. 314. Die Zeitung "Boston Daily Evening Transcript" berichtete am 1. Juli 1872, daß Strauß Herrn Lothian ein sehr schmeichelhaftes Kompliment gemacht und gesagt habe, er habe noch niemand kennen gelernt, der diesen Walzer in so perfektem Tempo dirigiert habe. Strauß habe auch das "feine Orchester" des Bostoner Theaters gelobt.

Wahrscheinlich wurde der Walzer "Sounds from Boston" im Anschluß an diese Episode veröffentlicht. Es ist interessant festzustellen, daß die Gattin Lothians einige Jahre am New England Conservatory of Music unterrichtete und die Orchesternoten von 101 Werken der drei Strauß-Brüder (einschließlich Johanns "Sounds from Boston") heute im Konservatorium als "Napier Lothians Theater Orchestra Collection" untergebracht sind; sie stammen aus dem Privatbesitz Lothians.

[10]   Balletmusik aus "Die Fledermaus"

Die Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauß, die am 5. April 1874 unter der Leitung des Komponisten im Theater an der Wien ihre Premiere erlebt hat, ist wohl das bekannteste Bühnenwerk des Walzerkönigs. Es gibt kaum ein repräsentatives Opern- oder Operettentheater in den zivilisierten Ländern der Welt, das auf immer neue Aufführungen dieses Werkes verzichtet hat. Doch kennen nur wenige Besucher der zahllosen Vorstellungen der "Fledermaus" jene Ballettmusik, die Johann Strauß für das Fest beim Fürsten Orlofsky im zweiten Akt des Stückes geschrieben hat. In der Regel wird diese Ballettszene durch einen großen Walzer oder auch nur durch eine Schnellpolka ersetzt. Das ist gewiß ein Unrecht. Denn Strauß hat sich mit dieser Musik große Mühe gegeben. Das Ballett hat seinen Platz (Nr. 11a in der Partitur) unmittelbar vor dem Finale des zweiten Aktes und ist, nach neun Takten Einleitung, in fünf Abschnitte gegliedert. Die einzelnen Teile bringen charakteristische Tänze mit den Uberschriften: Spanisch, Schottisch, Russisch, Böhmisch und Ungarisch. Der Wiener Walzer ist in der Ballettmusik bewußt ausgespart, denn der "Fledermaus-Walzer" ist ja ein Höhepunkt im zweiten Akt.

Im Abschnitt Böhmisch wird eine Polka aufgespielt, dazu singt der Chor den lustigen, böhmisch sein sollenden Text "Marianka, komm und tanz' me hier!".

Seltsamerweise hat die von Johann Strauß für die Operette "Die Fledermaus" geschriebene Ballettmusik auch den Weg in die Konzertsäle nicht oder nur ganz selten gefunden. Die Strauß-Kapelle hatte sie offenkundig nicht in ihrem Repertoire. Umso wichtiger ist es, daß diese abwechslungsreiche, in allen ihren Teilen grandiose Musik in jüngster Zeit mehrfach zu hören war und auch in diese Gesamtaufnahme eingegliedert werden konnte.

[11]   Aufzugsmarsch aus "Eine Nacht in Venedig"

Der Aufzugsmarsch leitet im dritten Akt der Operette "Eine Nacht in Venedig" das Finale (Nr. 17a der Partitur) ein. Die flotte Melodie war und ist bestens geeignet, die Stimmung im Publikum zu beflügeln. Es war Eduard Strauß, der diesen Marsch als Konzertmusik entdeckt und das Werk - in einer eigenen Instrumentierung! - unmittelbar nach der Doppelpremiere der "Nacht in Venedig" in Berlin und Wien bei seinen Sonntagskonzerten im Musikverein aufgeführt hat. Ob diese Wiedergabe am 25. November 1883 in der neuen Tonart G-Dur, die in der Druckausgabe verwendet worden ist, stattgefunden hat oder in der Originaltonart As-Dur, wie der Marsch in der Operettenpartitur steht, läßt sich nicht mehr feststellen. Eduard Strauß hat ja im Jahre 1907 das gesamte Orchesterarchiv verbrennen lassen.

PS: Kapellmeister Karl Wilhelm Drescher hat eine Fassung des Aufzugsmarsches und anderer Melodien aus der Operette "Eine Nacht in Venedig" für Salonorchester arrangiert und bei seinem Konzert am 14. Oktober 1883 im Restaurant F. Puchtl aufgeführt.


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