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8.223249 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 48
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

[1]   Ouvertüre zu einer "Opera comique"

 

Am 11. Dezember 1892 erschien auf dem Programmzettel des Sonntagskonzerts der Strauß-Kapelle im Musikverein folgende Ankündigung. "'Ouvertüre comique', komponiert und im Jahre 1844 in Dommayers Casinozur Aufführung gebracht von Johann Strauß."

 

(Zitiert nach dem "Fremden-Blatt", Nr. 343, vom 12.12.1892.) Diese Angabe von Eduard Strauß ist nicht nachprüfbar. In den Annoncen und Berichten aus dem Jahre 1844 scheint eine "Ouvertüre comique" nicht auf. Der erste Hinweis auf eine Ouvertüre von Johann Strauß findet sich in der Zeitung "Der Sammler" vom 3. März 1845. Darin heißt es:

 

"Johann Strauß-Sohn, der junge und geniale Kompositeur hat eine große Ouvertüre komponiert, die ebenso gehalt- und effektvoll als neu und überraschend ist. Es zeigt vom schönen Streben dieses jungen Mannes, daß er in seiner Stellung eine ganz neue Bahn betritt und sich allen anderen besonders dadurch hervorzutun sucht, daß er nebst Walzern und anderen Tanzmusikpiecen auch noch echt musikalisch werthältige und würdige Kompositionen hervorbringt." Die nächste Fastensoiree im "Sperl" wurde am 7. März 1845 veranstaltet. Möglicherweise ist bei dieser Gelegenheit die Ouvertüre aufgeführt worden. Sie ist auch in die vom "Sammler" später veröffentlichte Saisonbilanz aufgenommen worden. Das Werk dürfte demnach im Jahre 1845 geschrieben worden sein.

 

Im August 1846 kündigte die Zeitung "Gegenwart" ein Fest mit Theateraufführungen in Kuglers Etablissement in Heiligenstadt an: "Strauß-Sohn wird für die Ouvertüre und andere Musikstücke sorgen." Dieses Fest fand schließlich am 18. August 1846 statt. Am 19. August berichtete die "Gegenwart":

 

"Johann Strauß ließ seine neuesten Kompositionen, die nette 'Zigeunerin-Quadrille' [op. 24] sowie die hübschen 'Zillerthaler-Walzer' [op. 30] erklingen und eine neue Ouvertüre, die aber keinen besonderen Effekt machte."

 

Am selben Tag hieß es im "Sammler": "Strauß-Sohn executierte eine von ihm komponierte Ouvertüre. Es hat keiner unserer Musikdirektoren an dieses Genre sich gewagt. Aber Strauß-Sohn hat gezeigt, daß er ein gründlicher Musiker ist, der sein Feld nur aus Trieb und Lust bearbeitet, aber auch zu Anderem bedeutendes Talent besitzt."

 

Die neue Ouvertüre verschwand bald aus dem Repertoire der Strauß-Kapelle und wanderte ins Archiv, wo Eduard Strauß sie im Jahre 1892 aufstöberte und noch einmal aufführte. Bei dieser Wiederaufführung ist es aber auch geblieben. Offenbar hat das Werk im Jahre 1892 "keinen besonderen Effekt gemacht".

 

Das Material der Ouvertüre wurde wohl mitsamt dem Archiv der Strauß-Kapelle von Eduard Strauß im Jahre 1907 verbrannt. Erhalten blieb nur ein seltsames Arrangement, das sich einige Zeitim Besitz des Strauß-Forschers Fritz Lange befunden hat. Es kam dann in die Wiener Stadt - und Landesbibliothek. Für diese Produktion hat Christian Pollack eine Neufassung für Orchester hergestellt.

 

[2]   "Indigo und die vierzig Räuber", Ouvertüre

 

Nach langem Zögern folgte Johann Strauß dem Rat seiner Gattin Jetty und ging ins Lager der Operettenkomponisten über, das damals vom Wahlpariser Jacques Offenbach souverän beherrscht wurde. Der erste Versuch ein Bühnenwerk mit seiner Musik zu versehen, schlug dem Walzerkönig fehl; die geplante Operette "Die lustigen Weiber von Wien" kam nicht zustande. Im zweiten Anlauf erprobte Johann Strauß seine Musik an einem Stück, das ihm der Direktor des Theaters an der Wien, Maximilian Steiner, besorgt und für dessen Inhalt dieser auch die Verantwortung übernommen hatte. Es war ein recht verwirrendes Werk, das im exotischen Land des Königs Indigo spielte und dessen Hauptrollen die wienerische Bajadere mit dem Namen Fantaska und der lustige Rat des Königs, der ebenfalls aus Wien stammende Janio, innehatten. Bei der Niederschrift der Partitur konnte sich Johann Strauß auf die Mithilfe des erfahrenen Kapellmeisters Richard Genée stützen.

 

Die Ouvertüre zu "Indigo und die vierzig Räuber" läßt erkennen, daß sich Strauß gleich bei seinem ersten Bühnenwerk von der Abstempelung als Walzerkönig zu lösen versuchte; nicht eine einzige der schwungvollen Walzermelodien der Operette wurde in das musikalische Vorspiel einbezogen. Strauß begann im Stil der französischen Opera comique mit einem flüssigen Motiv, das erst nach einiger Zeit durch die melodiöse Vision eines Traumes (Moderato assi aus dem Finale des zweiten Aktes) abgelöst wurde. Eine flotte Überleitung mündet in das Lied der Fantaska, "Folget Eures Hauptmann Ruf und Gebot" (Nr. 9, Beginn des zweiten Aktes), das unmittelbar in ein ausführliches (und sehr schwungvolles) Zitat aus der Schlußmusik (zu dem albernen Text "Was mag in den Säcken drinnen stecken?", Finale dritter Akt) übergeht. Die Wiederaufnahme des ersten Motivs der Ouvertüre leitet zum "Eseltreiber-Lied" des Janio (Nr. 2 des Klavierauszuges) über; zuletzt wird die effektvolle Schlußmusik noch einmal verwendet, sie führt zur abschlies-senden Stretta.

 

Die Ouvertüre, die bei der Premiere der Operette "Indigo und die vierzig Räuber" am 10. Februar 1871 vom Komponisten dirigiert worden ist, wurde am 19. Februar 1871 unter der Leitung von Eduard Strauß im Musikverein zum ersten Mal konzertant aufgeführt.

 

[3]   Intennezzo aus "1001 Nacht"

 

Die erste Operette des Walzerkönigs Johann Strauß, die am 10. Februar 1871 unter dem Titel "Indigo und die vierzig Räuber" im Theater an der Wien aufgeführt worden ist, litt ab dem Premierenabend unter der unsäglichen Dummheit des von Direktor Maximilian Steiner zu verantwortenden Textbuches. Der Melodien-reichtum des Werkes kam einfach nicht in der erhofften Weise zur Wirkung. Daher wurden im Laufe der folgenden Jahre wiederholte Versuche unternommen, der Musik einen anderen Text zu unterlegen. In Frankreich hatte dieses Verfahren einigen Erfolg ("La reine Indigo" konnte in Paris ab dem 27. April 1875 in einer längeren Aufführungsserie gespielt werden), aber schon die Übernahme dieser Version zu einem von Josef Braun verfaßten Libretto endete wieder mit einer Enttäuschung. ("Königin Indigo" wurde, abermals im Theater an der Wien, ab dem 9. Oktober 1877 nur an 15 Abenden aufgeführt.)

 

Erst als Gabor Steiner, Maximilians Sohn, im Jahre 1906 für das von ihm geleitete Etablissement "Venedig in Wien" eine gründliche Neufassung durch die routinierten Librettisten L. Stein und Karl Lindau herstellen ließ und seinen Hauskapellmeister Ernst Reiterer mit der Adaptierung der Johann Strauß-Musik betraute, stellte sich ein dauerhafter Erfolg ein. Unter dem neuen Titel "1001 Nacht" konnte das Werk die Gunst des Publikums erringen. (Die erste Aufführung fand am 6. Juni 1906 statt.) Von der Bühne des Etablissements im Wiener Prater wurde vor allem das von Ernst Reiterer arrangierte "Intermezzo" in die Konzertsäle Wiens und später der ganzen Welt übernommen. Reiterer hatte sehr geschickt zwei gegensätzliche Motive aus der Strauß-Partitur zusammengefügt: die elegische Melodie des Chorliedes "Du Schlummersaft mit Zauberkraft, in Träumerei'n wiege uns ein" (Nr. 17, 2. Finale der Operette "Indigo und die vierzig Räuber") und das Aufschwungmotiv aus der Ballade der Fantaska, "Geschmiedet fest an starre Felsenwand" (Nr. 10 der Operette "Indigo"). Durch Wiederholungen, wirkungsvolle Steigerungen und reiche Instrumentierung holte Reiterer ein Maximum an Effekt heraus. Das erklärt den Erfolg dieses "Intermezzos", das indessen in zahlreichen Neubearbeitungen vorliegt, bis in unserer Zeit.

 

[4]   "Der Carneval in Rom", Ouvertüre

 

Die Operette "Der Carneval in Rom" erschien am 1. März 1873 als zweites Bühnenwerk des Walzerkönigs im Theater an der Wien. Das von seinem Komponisten bewußt in die Nähe der komischen Oper gerückte Werk, in dem Walzermelodien keineswegs den Charakter der Musik bestimmt haben, wurde zwar beifällig aufgenommen, hatte aber nicht den erwarteten Erfolg. Bis zum Jahre 1894 erschien es aber immerhin 81 Mal auf der Bühne des Theaters an der Wien.

 

Für die Ouvertüre zu "Der Carneval in Rom" verwendete Johann Strauß, dem Richard Genée mit seiner Theatererfahrung zur Seite stand, in sehr geschickter Verarbeitung folgende Motive der Operette: Den kurzen, kraftvollen Auftakt bilden die Akkorde aus dem 3. Finale zu dem Text "Carneval, dich preisen wir"; das stimmungsvolle Andantino con moto ist einem kurzen Duett aus Nr. 4 (1. Finale) entnommen. Das geheimnisvolle Moderato stammt aus dem Duett Nr. 15 ("Von jenen Damen allen") und leitet zur Walzermelodie aus Nr. 8 (Quintett im zweiten Akt, "Der Gott, der die Triebe") über; das zum Abschluß der Ouvertüre führende Allegro non troppo sorgt im 2. Finale als Trinklied ("Tra la la la la - Feuer ist im schäumenden Perlenwein") für einen schwungvollen Höhepunkt. Mit einer kraftvollen Stretta (Allegro vivace) wird die Ouvertüre abgeschlossen.

 

Die Uraufführung der Operette im Theater an der Wien am 1. März 1873 hat Johann Strauß selbst dirigiert; die erste konzertante Aufführung der Ouvertüre erfolgte am 25. März 1873 durch Eduard Strauß im Musikverein.

 

[5]   "Die Fledermaus", Ouvertüre

 

Am 5. April 1874, einem Ostersonntag, ging im Theater an der Wien zum ersten. Mal die Operette "Die Fledermaus" unter der Leitung des Komponisten Johann Strauß über die Bühne. Die Vorstellung endete mit einem entschiedenen Erfolg. Das Werk konnte bis zum Übergang in die Sommersaison 45 Mal gespielt und im Herbst 1874 wieder in den Spielplan aufgenommen werden. In der Folge erwies sich diese Operette als Spitzenwerk der Gattung und wurde wohl in allen Musiktheatern der Welt einem jedesmal begeisterten Publikum präsentiert. Johann Strauß dürfte das zunächst mit dem Titel "Doktor Fledermaus" versehene Libretto etwa im Oktober 1873 erhalten haben. Am 25. Oktober 1873 hat die Diva des Theaters an der Wien, Marie Geistinger, bei einem Konzert im Musikverein jenen Csárdás für Sopran und Orchester vorgetragen, der später als Einlage in den zweiten Akt der Operette eingegliedert worden ist. In den darauffolgenden Wochen hat Johann Strauß in Zusammenarbeit mit dem Dirigenten, Komponisten und Textdichter Richard Genée den Großteil der Partitur des Werkes fertiggestellt. (Zeitgenössische Berichte nannten einen Zeitraum von 42 Tagen!) Die Ouvertüre zur Operette "Die Fledermaus" dürfte erst in Angriff genommen worden sein, als der größte Teil der Partitur der drei Akte bereits geschrieben war, denn sie faßt mit genialem Zugriff wichtige Motive des Werkes zusammen. Dem energischen Auftakt, der den Zuhörer unentrinnbar fesselt, folgt gleich der dramatische Höhepunkt des dritten Aktes, "Ja ich bin's, den ihr betrogen"; aber die Dramatik wird sogleich ins Heitere, Amüsante gewendet und durch eine Reprise des Beginns sowie dem darauffolgenden, tändelnden und doch energisch gesteigerten Allegretto in die Operettensphäre eingebettet. Ein elegantes Grazioso (es stammt aus dem Finale des dritten Aktes, "Alles was dir Sorgen macht, war ein Scherz") leitet zum Höhepunkt der Ouvertüre über, dem mitreißenden Walzer aus dem 2. Finale des Mittelaktes, "Bei rauschender Weise in fröhlichem Kreise lasset uns selbst hier tanzen nun", der in den Chorwalzer "Ha, welch ein Fest, welche Nacht" übergeht. Mit einem lebhaften Zwischenspiel leitet die Ouvertüre zu dem nur scheinbar elegischen Andante con moto über (es stammt aus dem Terzett Nr. 4, "So muß ich allein bleiben"), das vom anschließenden "O je, o je, wie rührt mich dies" fröhlich als Heuchelei entlarvt wird. Mit geschickten Reprisen (Wiederholung des Grazioso und des Walzers) kehrt die Ouvertüre zum Motiv "O je, o je, wie rührt mich dies" zurück und geht dann direkt in die grandiose Schlußsteigerung über. Ein Meister-werk erhielt dadurch die krönende Vollendung. Es ist vom Abend seines ersten Erklingens am 5. April 1874 niemals mehr weder aus der Bühnensphäre noch aus den Konzertsälen der Welt verschwunden.

 

Die Klavierausgabe der Ouvertüre zur Operette "Die Fledermaus", die im Verlag Friedrich Schreiber erschienen ist, wurde erst ab dem 4. Juni 1874 zum Kauf angeboten.

 

[6]   "Cagliostro in Wien", Ouvertüre

 

Am 22. November 1874 berichtete das "Fremden-Blatt" von neuen Operettenplänen des Walzerkönigs Johann Strauß.

 

"Der Komponist arbeitet mit allem Fleisse an der Instrumentation seines neuesten Bühnenwerkes 'Wien im Jahre 1780' oder, wie der Titel jetzt definitiv festgestellt worden ist, 'Cagliostro in Wien'. Die Oper zerfällt in drei Abteilungen. 1. Ein Jubelfest auf der Türkenschanze, 2. Der Hexenmeister vom Blauen Herrgott, 3. Die Somnambule. Dieselben sollen ein historisch treues Bild des sozialen Lebens in unserer Kaiserstadt im Jahre 1780 wiedergeben und dabei die höchst interessanten Figuren des genialen Schwindlers Cagliostro und seiner Lebensgefährtin Lorenza Feliciani in den Vordergrund stellen."

 

Wie aus dieser Ankündigung hervorgeht, sollte Johann Strauß die so oft von Publikum und Kritik geforderte Gelegenheit erhalten, seine Erfindungsgabe in den Dienst einer wienerischen Handlung zu stellen. Daß die Textdichter Richard Genée und F. Zell dabei einen Stoff aus dem Jahre 1780 wählten, erwies sich als verhängnisvoller Irrtum. Johann Strauß verstand sich zwar, wie aus den ersten Szenen der Operette hervorgeht, auf "historische Wiener Musik", aber diese lag ihm nicht im Blut; er war seinem ganzen Temperament und Wesen nach ein Mann der Zeit. Er konnte in einer historischen Operette seine Eigenart nicht souverän entfalten; das beeinträchtigte schließlich den Erfolg dieser sehr interessanten, weil auf psychologische Probleme in einem ganz modernen Sinn hinweisenden Operette.

 

Die Premiere des Werkes, das am 27. Februar 1875 im Theater an der Wien zum ersten Mal gezeigt wurde, geriet in den Schatten zweier musikalischer Sensationen: der Uraufführung des "Requiems" von Johannes Brahms und eines Konzerts unter der Leitung von Richard Wagner. Der Kritiker LudwigSpeidelmeinte zwar:

 

"In einem Atem zu nennen die Namen Richard Wagner, Johannes Brahms und Johann Strauß - ist es eine Sünde? Ich jedenfalls verzeihe sie mir."

 

Aber dann war auch Speidel seltsam gehemmt in seinem Urteil und lobte eigentlich nur das Sextett der alten Frauen, "eine trippelnde Polka" und "jenen Walzer, der alles übertrumpft, in welchem die Tanzseele von Wien atmet".

 

Diese beiden Motiven beherrschen auch die Musik der Ouvertüre zur Operette "Cagliostro in Wien". Diese bringt zwar nach einer Klarinetten-Kadenz zuerst ein apartes Moderato aus dem Terzett Nr. 11 im zweiten Akt, "Ja, ja, so war ich", und anschließend eine flotte Polka (sie stammt aus dem Quintett Nr. 7, "Geschwindigkeit ohne Hexerei" aus dem ersten Akt), aber dann erklingt zum ersten Mal, sorgfältig vorbereitet, der hinreißende "Cagliostro-Walzer", der im Stück nicht dem Titelhelden, sondern seinem Diener Blasoni und der schändlich getäuschten Frau Adami zugeordnet ist, "Könnt' ich mit Ihnen fliegen durch's Leben". Nach einer Überleitung bietet die Ouvertüre die zierliche "Bitte schön-Polka" aus Nr. 9 (Chor der Frauen, "Wundermann, laß in neuem Glanz wieder uns eilen froh zum Tanz, bitte schön, mach' uns jung, mach' uns schön", zweiter Akt) und nimmt noch einmal das Walzerthema auf. Die Schlußsteigerung geht vom Meno moso (Finale des dritten Aktes) aus, "Hörst Du, es nahen schon die Rächer", und sorgt für den bei Strauß üblichen brillanten Ausklang. Die erste Aufführung der Ouvertüre fand nicht am 27. Februar 1875 im Theater, sondern bereits am 1. Februar 1875 im Sofiensaal statt Johann Strauß präsentierte das Werk beim Concordiaball. Die Schriftsteller und Journalisten applaudierten begeistert.

 

[7]   "Prinz Methusalem", Ouvertüre

 

Etwa ab Herbst 1874 strebten Johann Strauß und seine Gattin Jetty einen Operetten-erfolg in Paris an. Die Zeit, in der Jacques Offenbachs Werke die französischen Bühnen - und nicht nur diese! - souverän beherrscht hatten, schien endgültig zu Ende gegangen zu sein und mit Charles Lecocq (1832-1918) - so meinte Strauß - könne er im Wettstreit gewiß bestehen. Am 27. April 1875 ging also eine Neufassung der Operette "Indigo und die vierzig Räuber" unter dem neuen Titel "La reine Indigo" über die Bretter des Renaissance-Theaters in Paris. Für seine neue Operette, die nicht mehr im indessen bankrotten Theater an der Wien, sondern im Carltheater aufgeführt werden sollte, bestellte Strauß im Einvernehmen mit Direktor Franz Jauner bei den französischen Librettisten Wilder und Delacour ein Textbuch. Nach langwierigen Verhandlungen erhielt er eine "Offenbachiade" mit dem Titel "Prinz Methusalem". Obwohl der Komponist diesem Textbuch keinen Erfolg zutraute und deshalb seinen Freund Karl Treumann um Mithilfe ersuchte, verschwendete Strauß eine Fülle kostbarer Melodien an das Werk. Es ging am 3. Januar 1877 zum ersten Mal über die Bühne des Carltheaters und brachte es, nicht zuletzt dank der hervorragenden Leistungen der Darsteller, immerhin auf mehr als 80 Aufführungen. Strauß reiste unmittelbar nach der Premiere neuerlich nach Paris ab.

 

Die Ouvertüre zu "Prinz Methusalem" bietet nach einer kurzen, energischen Einleitung einen bunten Querschnitt durch die besten Motive der Operette. Das Andante grazioso stammt aus dem 1. Finale ("Von meiner Hochzeit der Schluß", im anschließenden Allegretto wird die Cavatine "Du schöner Mai" aus Nr. 2 der Operette zitiert. Nach der Überleitung erklingt der Kriegsgesang, "Piff, Paff, Krick, Krack, Rataplan" aus Nr. 6, für die furiose Steigerung sorgt abschließend eine kurze Passage aus Nr. 17 die später im vitalen "Banditen-Galopp", op. 378, wiederkehrt. Für den Höhepunkt der Ouvertüre sorgt der "General-Marsch" der vom Orchester zusammen mit der Bühnenmusik vorgetragen wird (Nr. 18 der Operette). Aber nicht mit diesem pompösen Marsch, sondern - echt straußisch - miteinem eleganten Allegretto geht die Ouvertüre nach einer Schlußsteigerung, Piu Allegro, zu Ende.

 

Die Uraufführung der Operette "Prinz Methusalem" am 3. Januar 1877 hat Johann Strauß selbst dirigiert, die konzerte Uraufführung der Ouvertüre fand am 14. Januar 1877 im Musikverein durch die von Eduard geleitete Strauß-Kapelle statt.

 

[8]   "Blindekuh", Ouvertüre

 

Nach relativ langer Vorbereitung ging am 18. Dezember 1878 die Operette "Blindekuh" im Theater an der Wien unter der Leitung des Komponisten Johann Strauß zum ersten Mal über die Bretter. - Nach drei Stunden Aufführungsdauer stand - trotz einiger Ovationen für die Musik - eindeuting fest: das Publikum war Zeuge eines Mißerfolges geworden. Direktor Maximilian Steiner hatte, angeblich ohne Wissen des Autors, das gleichnamige Lustspiel von Rudolf Kneissl erworben und es zu einem Libretto für seinen Hauskomponisten Johann Strauß adaptieren lassen. Das Stück war auch durch die Umarbeitung nicht zu retten und wurde vom Komponisten mit mehr oder weniger leichten Herzen preisgegeben. Strauß hatte mit der Niederschrift der Partitur noch zu Lebzeiten seiner Gattin Jetty begonnen; nach dem Tod seiner Gattin am 8. April 1878 ließ Strauß die Arbeit vorübergehend liegen und stellte sie erst an der Seite seiner zweiten Gemahlin Lili, geborene Dittrich, fertig.

 

Die Aufführung der Ouvertüre ging der Präsentation der Operette im Theater an der Wien um etwa eine Woche voraus. Strauß stellte das Werk der Journalisten- und Schriftstellervereinigung "Concordia" für ihre Akademie am 9. Dezember 1878 im Theater an der Wien zur Verfügung und dirigierte die Wiedergabe persönlich. Bei der Concordia-Akademie gab es für die Novität stürmischen, lang anhaltenden Beifall. Die Ouvertüre stellte das Publikum vor keinerlei Probleme: Strauß hatte einige der ansprechendsten Motive der Operette zusarnrnengefaßt und diesen einen stabilen Rahmen gegeben. Gleich zu Beginnstieg aus dem Baß das Motiv des entscheidenden Walzers auf, der im Stück das Finale des zweiten Aktes beherrscht, "Blindekuh, Blindekuh". (Als der Walzer dann als Tanzweise im Druck erschieh, wählte der Verleger die Bezeichnung "Kennst Du mich?".) Dann wurde die Szene "Eins, zwei, drei", ebenfalls aus diesem Finale, kurz zitiert; sie leitete in die breite Wiederholung des Walzers über. Ein apartes Allegro moderato im Polkarhythmus führte die Ouvertüre zum temperamentvollen und originellen Tempo di Marcia aus dem 1. Finale, "Arm in Arm wird jetzt marschiert", und dann wurde das Allegro moderato in anderer Tonart wiederholt und nach einer neuerlichen Remniszenz des Walzers "Blindekuh" sorgte die Schnellpolka "Nur fort, nur fort, nur zum Schatten kühl" aus der Ensembleszene Nr. 9 im zweiten Akt für einen schwungvollen Ausklang. Die Journalisten waren für den Vortrag der "Blindekuh" - Ouvertüre bei ihrer Akademie im Theater an der Wien dankbar. Sie kamen zu dem Urteil:

 

"Es ist ein reich instrumentiertes und effektvoll sich steigerndes Capriccio, welches Melodien echt Strauß'schen Charakters verbindet. Johann Strauß, welcher einen Lorbeerkranz erhielt, ließ auf das lebhafteste Verlangen die Ouvertüre wiederholen." Nach der Uraufführung der Operette lauteten die Berichte dann weniger günstig, aber als Johann Strauß die "Blindekuh" - Ouvertüre am 26. December 1878 beim Konzert seines Bruders Eduard im Musikverein abermals präsentierte, feierte er wieder einen vollständigen Triumph. Johann Strauß wiederholte zwar die Ouvertüre, gab aber keine weiteren, vom Publikum erhofften Zugaben. Er war - eingeschnappt; Mißerfolg ertrug er nun einmal schlecht. Bald darauf hatte er "Blindekuh" vergessen. Die Ouvertüre und einige nach Motiven der Operette arrangierten Tanzweisen gingen ins Repertoire der Zivil- und Militärmusikkapellen der Welt über und halten sich dort bis auf den heutigen Tag.

 

[9]   "Das Spitzentuch der Königin", Ouvertüre

 

Nach dem Scheitern seiner Operette "Blindekuh" (Premiere am 18. Dezember 1878) gab sich Johann Strauß besonders große Mühe, mit seinem nächsten Bühnenwerk wieder einen durchschlagenden Erfolg zu erzielen. Eher zufällig kam er mit dem Bühnendichter und Theaterdirektor Heinrich Bohrmann-Riegen in Verbindung; dieser schlug ihm einen eigentlich für Franz von Suppé bestimmten Stoff vor.

 

Die Handlung der Operette spielt in Lissabon im Jahr 1580. Statt des jugendlichen Königs Sebastian herrscht eine Regentschaft, als deren Chef der Premierminister den Regenten in seinem leichtsinnigen Treiben bestärkt. Gegen diese Clique verbünden sich eine Hofdame der Königin und ihr Geliebter, der Dichter Cervantes, in der Operette der Führer der freisinnigen Jugend. Nach verwirrenden Intrigen beider Gruppierungen gibt es zwei Liebespaare: der König wendet sich seiner Gattin zu, Irene und Cervantes heiraten. Ein fröhlicher Schlußchor läßt das Werk mit Jubel ausklingen. Das Vorspiel zur Operette "Das Spitzentuch der Königin" stimmte die Besucher der Premiere, die am 1. Oktober 1880 im Theater an der Wien stattgefunden hat, auf die Musik des Walzerkönigs ein, die durchaus im Stil der feinen komischen Oper gehalten war. Die vielfach verschlungene Handlung ließ auch die gewiß kostbare Partitur nicht recht einheitlich erscheinen. Johannes Brahmsfand das Werk "recht langweilig".

 

Die Ouvertüre zur Operette "Das Spitzentuch der Königin" beginnt mit fünf kraftvollen Oktavsprüngen des vollen Orchesters, dann hört man einen Anklang an das Allegro moderato aus dem 1. Finale, Nr. 6 "Sie sagte: Ah!". Es folgt ein ausführliches Zitat aus dem 2. Finale (Nr. 13, Maestoso: "Heil unser'm Land"), das in der Ouvertüre mit der Tempobezeichnung Allegro moderato versehen worden ist. Nach einer lebhaften Überleitung folgt ein schwungvolles Motiv aus dem Vorspiel zum dritten Akt (Nr. 14), das in eine kapriziöse Polka für Flöten und Geigen mündet. Nach einer neuerlichen Überleitung kommt endlich der kostbare Höhepunkt der Ouvertüre, die Romanze des Cervantes aus dem zweitetl Akt (Nr. 7, "Wo die wilde Rose erblüht"). Die Wiederaufnahme der Polka geht in die Schlußstretta über.

 

Bei der Uraufführung der Operette erhieit der dirigierende Komponist stürmischen Beifall. Die erste konzertante Aufführung der Ouvertüre erfolgte am 7. November 1880 durch Eduard Strauß im Musikverein.

 

(Anmerkung: Wie aus zeitgenössichen Berichten hervorgeht, pflegte Eduard Strauß bei seinen Konzerten die Romanze wie eine verhaltene, musikalische Vision vorzutragen.)


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