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8.223250 - STRAUSS II, J.: Works for Male Chorus and Orchestra
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

An der schönen blauen Donau, Walzer, op. 314

 

Der Wiener Männergesangverein wurde im Jahre 1843 gegründet. Es war die Ära des Absolutismus, der Unterdrückung durch ein perfektes Polizei-Überwachungssystem und der Zensur, die im Namen des regierungsunfähigen Kaisers Ferdinand durch den allmächtigen Staatskanzler Clemens Fürsten Metternich ausgeübt wurde. Im Metternich-System waren Vereinigungen absolut nicht erwünscht, und wenn sich sangesbegeisterte Männer zusammenfanden, so sah die Staatsmacht in dieser Gruppierung eine Form der Verschwörung.

 

Es war daher gar nicht leicht, die Genehmigung für die Gründung des Männergesangvereins zu erlangen, und auch in den ersten Jahren des künstlerischen Wirkens und der rasch zunehmenden Bedeutung für das gesellschaftliche Leben in der Reichshaupt - und Residenzstadt Wien wurde die Vereinstätigkeit mit Argwohn beobachtet und möglichst erschwert. Diese Lage sollte sich erst im Revolutionsjahr 1848 bessern, und in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts erreichte dann der Wiener Männergesangverein seine volle Bedeutung für das Musikleben der Donaumonarchie und ihrer Metropole Wien.

 

Johann Strauß hat noch während der Ära des Metternich-Systems Verbindung mit dem Männergesangverein aufgenommen. Das beweist sein Walzer "Sängerfahrten", op. 41 (Vol. 16), der im Jahre 1847 entstanden und dem Verein in aller Form gewidmet worden ist. Unter seinem Chormeister Johann Herbeck (1831-1877) wurde der Wiener Männergesangverein durch seine systematische Erschließung der Liedkompositionen Franz Schuberts weit über die Grenzen der Monarchie hinaus berühmt. Als Johann Strauß durch seine Gattin Jetty ab dem Jahre 1862 mit der Familie Herbeck bekannt wurde, konnte auch sein Kontakt mit dem Männergesangverein erneuert werden. So kam es dazu, daß Strauß im Sommer 1865 autgefordert wurde, für eine Sommerliedertatel des Vereins einen Gesangswalzer zu komponieren. Anstelle des Walzers aber schickte Strauß einen Briecf:

 

"... ist es mir unmöglich, dieses Jahr der so ehrenvollen und schmeichelhaften Einladung nachkommen zu können. Ich verpflichte mich jedoch hiemit, im nächsten Sommer einzuholen, woran ich jetzt verhindert bin und biete dem geehrten Comité eine neue Composition eigens zu solchem Concerte componirt, mit Freuden an sowie meine persönliche Mitwirkung."

 

Im Jahre 1866 verbrachte Johann Strauß zwar den Sommer in Österreich, aber der Ausbruch des Krieges zwischen den Königreichen Preußen und Italien einerseits und der Donaumonarchie andererseits, der seinen für Österreich katastrophalen Höhepunkt in der Niederlage bei Königgrätz in Böhmen (heute: Sadowa) am 3 Juli 1866 erreichte, ließ keinen Raum für den Gedanken an eine tröhliche Sommerliedertafel und einen datür bestimmten Walzer von Johann Strauß. Im Zeitraum Sommer-Herbst 1866 hat Johann Strauß aber einige andere Kompositionen fertiggestellt oder in Angriff genommen darunter auch einen Walzer dem Strauß den Titel "An der schönen blauen Donau" zugedacht hatte. Es ist möglich daß Strauß diesen Titel von einem Gedicht her kannte das der ungarische Dichter Karl Isidor Beck (1817-1879) in den dreißiger Jahren veröffentlicht hatte (9 Auflage: 1838). Das in Wien wohlbekannte Gedicht begann mit dem Vers: "Und ich sah dich reich an Schmerzen,/und ich sah dich jung und hold./Wo die Treue wächst im Herzen/wie im Schacht das pure Gold./An der Donau an der schönen blauen Donau."

 

Das Werk kann durchaus als Reaktion des Komponisten auf die Ereignisse des Sommers 1866 gedeutet werden, der ja praktisch das Ende der führenden Position Österreichs in Mitteleuropa und im Balkanraum mit sich gebracht hatte als Ausdruck seiner Belroffenheit und Heimatliebe. Die Jugendzeit des Komponislen war ja mil der Donauregion Wien eng verbunden.

 

Im Fasching 1867 wollte der Wiener Männergesangverein wieder einen seiner in den vergangenen Jahren berühmt gewordenen Narrenabende veranslalten. Die Vereinsleitung kam aber zur Ansicht, angesichls der Niederlage Österreichs sei ein ausgelassenes Narrentreiben nicht angebracht, und entschloß sich daher anstelle des Narrenabends eine Faschings-Liedertafel zu arrangieren. Dabei sollte es nicht närrisch, aber doch lustig zugehen. Nun erinnerte sich das Veranstaltungskomitee an die Zusage Strauß', dem Verein einen Walzer zur Verfügung zu stellen. Der Komponist hat seine Zusage eingehalten und dem Verein den zu diesem Zeitpunkt noch unfertigen, nur vierteiligen Walzer überlassen. Durch eine offenbar eilige Niederschritt des füntten Walzerteiles wurde die traditionelle Walzerform auch beim "Donauwalzer" hergestellt. Hingegen mußte lür die Aufführung des Werkes durch den Wiener Männergesangverein die Verwendung der Introduktion und der Coda entfallen. Jetzt erst ging man daran, den wohl mit Hilfe des damaligen Chormeisters Rudolf Weinwurm (1835-1911), der indessen Johann Herbeck abgelöst hatte für Chorstimmen arrangierten Walzer zu textieren. Diese Aufgabe fiel dem Hausdichter des Vereins dem Polizeibeamten Josel Weyl (1821-1895) - er war übrigens ein Jugendlreund des Komponisten - zu. Wie es dabei zugegangen ist, hat Weyl im Jahre 1889 in einem Artikel ("Wiener Tagblatt" Nr. 277) geschildert Darin heißt es u.a.:

 

"Das Werk war fertig als mich der Meister in seine Villa rief, wo wir nach Tisch beim schwarzen Kaffee und duftigen HavannaZigarren Aeols-Harfenklänge mit derben Wiener G¡¦stanzln kopulierten. Es war eine fideie, aber nur für den Fasching berechnete Ehe, die gleich nach den Fasten ex offico wieder hätte getrennt werden sollen. Johann Sfrauß spielte mir damals Teil für Teil den herrlichen Walzer vor ich ließ meiner Muse die Zügel schießen, und nach etwa zwei Stunden war der Frevel vollbracht. Absatz! Man muß diese Darstellung des Textdichlers Josef Weyl nicht unbedingt beim Wort nehmen. (Der "Donauwalzer" ist ja nicht in der Villa in Hietzing entstanden, sondern in der Wohnung in der Jägerzeile - heute Praterstraße - die nun das Strau ß-Museum beherbergt.) Aber eines steht fest: Weyl hat seine tagesaktuellen Verse über die Wiener Zustände im Fasching 1867 dem fertigen Strauß-Walzer unterlegt. Da der erste Text des "Donauwalzers", der mit den Worten beginnt: "Wiener seid froh", nur für die Aufführung im Fasching 1867 bestimmt war, wurden Weyls lustige Reime im Jahre 1889 durch eine Dichtung des angesehenen Gelehrten Franz von Gernerth (1821-1900) ersetzt, die zum ersten Male bei einer Wiederaufführung des "Donauwalzers" durch den Wiener Männergesangverein am 2. Juli 1890 anläßlich eines Festkonzerts im Dreher-Park am Eingang zum Schönbrunner Park vorgetragen worden ist. Dieser seither allgemein gebräuchliche Text beginnt mit dem Vers: "Donau so blau, so schön und blau,/durch Thai und Au, durch Thai und Au,/wogst ruhig du hin, wogst ruhig hin,/du grüßt unser Wien ...".

 

Dieser Text wird auch bei der vorliegenden Aufnahme verwendet. Bei der Uraufführung des "Donauwalzers" am 15. Februar 1867 (öffentliche Generalprobe am 14. Februar) im Dianabad-Saal in Wien (also an den Ufern eines Donauarmes!) spielte die Kapelle des Regiments Nr. 42, König von Hannover, den Orchesterpart, Dirigent der Aufführung war Chormeister Rudolf Weinwurm. Der Vortrag erntete stürmischen Erfolg, das Werk mußte wiederholt werden. Der Walzer von der "Schönen blauen Donau" avancierte in der Folge zur heimlichen Hymne Wiens und gehört weltweit zu den besten und beliebtesten Kompositionen des Walzerkönigs Johann Strauß.

 

's gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien, Polka schnell, op. 291

 

Im Jahre 1874 hatte der Wiener Männergesangverein dem Herrn Hofball-Musikdirektor Johann Strauß das Versprechen abgenommen, er solle für die bevorstehende Faschings-Liedertafel entweder einen neuen Walzer komponieren oder dem Verein eine Komposition zum Arrangement für Chor und Orchester zur Verfügung stellen. Aber Strauß wurde durch die intensive Arbeit an der Partitur seiner neuen Operette "Die Fledermaus" von der Erfüllung dieser Zusage abgehalten. Es war zwar zunächst nicht abzusehen, an welchem Tag des Jahres 1874 die neue Operette tatsächlich über die Bretter des Theaters an der Wien gehen werde, aber gerade die Ungewißheit über den Premierentermin erschwerte die endgültige Fertigstellung der in den wesentlichen Teilen bereits vorliegenden Partitur. Aber Strauß war auch ganz und gar nicht bereit, etwa den "Fledermaus-Walzer" vor der Uraufführung des Werkes für Gesang einrichten zu lassen, wie er ja auch der "Concordia" für ihren Ball im Fasching 1874 nur die "Fledermaus-Polka" (op. 362, Vol. 17) überlassen hatte. Er kam daher auf die Idee, die aus dem Jahre 1864 stammende Polka "'s gibt nur a Kaiserstadt", op. 291 (Vol. 17), für die Faschings-Liedertafel zur Verfügung zu stellen. Die Chorfassung sollte aber nicht der Chormeister des Wiener Männergesangvereins arrangieren, sondern der Dirigent und Komponist Richard Genée (1823-1895), mit dem Strauß ohnedies bei der Fertigstellung der "Fledermaus" Hand in Hand arbeitete. Genée, dem zeitlebens nie eine Arbeit zuviel wurde, nahm sich der Sache denn auch prompt an und lieferte dem Männergesangverein zeitgerecht Chorarrangement und Text der "Kaiserstadt-Polka". Das Werk konnte daher bei der Faschings-Liedertafel 1874, die am 3. Februar im Dianabad-Saal abgehalten wurde, vom Wiener Männergesangverein und der Regimentskapelle der "Neunundvierziger", Baron Hess (einem niederösterreichischen Regiment), zum ersten Male aufgeführt werden. Strauß selbst leitete die Aufführung, die selbstverständlich größten Beifall gefunden hat. Richard Genées Text unterstrich die patriotische Gesinnung der Komposition, die ihren Titel von dem berühmten Duett "Ja, nur a Kaiserstadt, ja nur a Wien", das seit 1822, dem Jahr der Uraufführung des Singspiels "Aline" (Text von Adolf Bäuerle, Musik von Wenzel Müller), jedem Österreicher vertraut war, und deren Schluß aus einem Zitat der österreichischen Kaiser-Hymne von Joseph Haydn besteht.

 

Wein, Weib und Gesang, Walzer, op. 333

 

Nach dem großen Erfolg, den der Wiener Männergesangverein mit der Uraufführung des Walzers "An der schönen blauen Donau", op. 314, im Fasching 1867 errungen hatte, und der sich bei jeder Wiederholung des Werkes noch steigerte, war es sowohl für den Verein als auch für den Komponisten Johann Strauß keine Frage, daß die Zusammenarbeit des Vereins mit Strauß so bald wie möglich fortgesetzt werden müsse. Die Gelegenheit ergab sich bereits im Fasching 1869: Strauß wurde eingeladen, für den Narrenabend, der am 2. Februar 1869 im Dianabad-Saal abgehalten werden sollte, einen neuen Gesangswalzer zu schreiben. Diesmal war der Komponist also von Anfang an darauf eingestellt, ein Werk nicht mehr - wie es beim "Donauwalzer" der Fall gewesen war - für Chor und Orchester einzurichten, sondern den Walzer von vornherein für die Bedürfnisse eines Chorvortrags anzulegen. Das bedeutete, daß vom ersten Takt der Introduktion an bis zum letzten Walzerteil eine Textierung möglich sein mußte, daß aber keine Coda ausgeführt werden konnte.

 

Diese Voraussetzungen hat Johann Strauß daher beim zweiten Walzer für den Wiener Männergesangverein voll erfüllt: das für den Narrenabend 1869 geschriebene Werk, das wieder von Josef Weyl textiert wurde und den Titel "Wein, Weib und Gesang" erhielt, ist daher der erste richtiggehende "Walzer für Chor und Orchester" von Johann Strauß. Es ist anzunehmen, daß sich der Komponist bei der Führung der Männerstimmen entweder von Chormeister Rudolf Weinwurm oder sogar vom früheren Chormeister Johann Herbeck, der indessen zum Konzertdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde und schließlich zum Direktor des k.k. Hof-Operntheaters avanciert war, hat beraten lassen. Das Werk wurde jedenfalls "Herrn Johann Herbeck, k.k. Hofkapellmeister" gewidmet. Der Titel folgt dem Vers von Josef Weyl: "Und wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang,/der bleibt ein Narr sein Leben lang." (Dieser Vers läßt sich wiederum von Martin Luther herleiten ...)

 

Mit der Aufführung dieses Walzers am 2. Februar 1869 im Dianabad-Saal hat der Wiener Männergesangverein ganz bewußt die Pflege der Aufführungen von wienerischer Musik (den Johann Strauß-Walzern folgten später eine Polka Mazur von Joseph Strauß, zwei Kompositionen von Eduard Strauß und Walzer und Polkatänze von Carl Michael Ziehrer, Karl Komzak u.a.) zu seiner Aufgabe gemacht und konnte an der damals begründeten Tradition bis zur Gegenwart festhalten.

 

Da die Uraufführung des Walzers "Wein, Weib und Gesang" bei einem Narrenabend stattgefunden hat, gab es allerlei Närrisches bei diesem Fest im Dianabad-Saal. Die Sänger waren als Sklaven kostümiert, Chormeister Rudolf Weinwurm schwang die Peitsche. Da es nach jedem Walzerteil stürmischen Beifall gab, mußte sich Johann Strauß, der mit seiner Gattin Jetty im Publikum saß, immer wieder erheben. Er war als Pilger verkleidet und - segnete jedesmal seine begeisterten Zuhörer!

 

Der Chorwalzer Opus 333, der übrigens zu den Lieblingskompositionen Richard Wagners gehörte (was gewiß, denkt man z.B. an die Gestaltung der Introduktion, kein Zufall gewesen ist!), war vom Augenblick seines ersten Erklingens her populär und erlebte zahlreiche Aufführungen in Wien und in aller Welt. Als Kapellmeister Adolf Müller nach Strauß- Tanzweisen die Musik für die Operette "Wiener Blut" einrichtete, hat er auf diesen Walzer mehrfach zurückgegriffen.

 

Hoch Österreich, Marsch, op. 371

 

Die wichtigsten Motive des Marsches "Hoch Österreich" sind dem Melodienvorrat der Operette "Cagliostro in Wien" entnommen, die am 27. Februar 1875 zum ersten Male auf der Bühne des Theaters an der Wien erschienen ist. Es finden sich allerdings nicht alle im Marsch verwendeten Themen auch in der Operettenpartitur: vermutlich war der Melodienvorrat, den Strauß für seine vierte Operette vorbereitet hatte, größer als der Bedarf für die einzelnen Nummern des Werkes. Da Johann Strauß bei diesem Werk (wie schon bei den ersten drei Bühnenstücken) mit Kapellmeister Richard Genée eng zusammengearbeitet hat, war Genée auch über den Reichtum unterrichtet, aus dem Strauß jeweils die benötigten Melodien für die Operettenszenen entnehmen konnte.

 

Im Falle des Marsches "Hoch Österreich" hat Richard Genée wohl nicht nur die Textierung besorgt, sondern auch an der Gestaltung des Marsches mitgewirkt. Es gibt keinen Beleg dafür, daß ein Marsch mit dem Titel "Hoch Österreich" am Premierenabend, also am 27. Februar 1875, auf der Bühne des Theaters an der Wien gesungen worden ist. Vorgetragen wurde der Chor: "Frisch auf, ihr tapferen Kriegssoldaten" mitsamt dem Refrain "Eins, zwei, eins zwei, frisch ihr Brüder". Das erste Motiv des Trios wurde in der Operette im Dreivierteltakt verwendet. Den Rest hat wohl Richard Genée besorgt.

 

Der Marsch "Hoch Österreich" dürfte also während der gemeinsamen Arbeit Strauß - Genée an der Operettenpartitur so nebenbei entstanden sein. Der Titel bezieht sich eindeutig auf den Text Richard Genées; darin heißt es ja: "Recht in Freud und Lust,/aus der vollen Brust/klingt der Ruf: 'Hoch Österreich'!"

 

Im Druck ist die Fassung für Chor und Klavier im Oktober 1875 erschienen. Der Wiener Männergesangverein hat damals das Werk in seinen Konzerten nicht verwendet, sondern hat den Marsch erst viel später in sein Repertoire aufgenommen, um seinem Publikum alle Strauß-Kompositionen für Männerchor und Orchester bieten zu können. Der Verein hat es sich ja zur Aufgabe gemacht, nicht nur die Werke Franz Schuberts und die jeweils aktuelle Chorliteratur, sondern auch und ganz besonders die wienerische Musik in immer neuen Aufführungen dem Publikum ans Herz zu legen. Daher singt er auch: "Hoch Österreich"!

 

Neu-Wien, Walzer, op. 342

 

Nach dem triumphalen Erfolg der Uraufführung des Chorwalzers "Wein, Weib und Gesang", op. 333, von Johann Strauß beim Narrenabend 1869 drängte der Wiener Männergesangverein den Komponisten, ein weiteres, gemeinsames Werk dem Publikum zu präsentieren. Anlaß dazu sollte die Stadterweiterung bieten, die im Jahre 1870 die Grenzen der Reichshaupt- und Residenzstadt durch Einbeziehung der einstigen Vororte bis zum Linienwall vorschob. Dadurch entstanden die Wiener Gemeindebezirke zwei bis neun. Zu diesem Zweck war eine Stadterweiterung-Kommission gegründet worden, die alle juristischen und praktischen Vorbereitungen zur Erweiterung der Stadt zu treffen hatte und deren Tätigkeit - derlei liegt offenbar in der Naturder Sache! - einer heftigen, öffentlichen Kritik ausgesetzt war.

 

Auch der Text, den wieder Josef Weyl zur neuen Walzerpartie von Johann Strauß verfaßt hat, spielte sofort auf diese Kommission an: "Es griff uns hübsch tief in die Tasche,/die Stadterweiterungs-Comission./Und wie ein Phönix aus der Asche,/enstand Neu-Wien für uns zum Lohn."

 

Aber trotz aller Kritik und "Mängelrügen", mit denen Josef Weyls weiterer Text nicht spart, endet der Walzer zuletzt doch mit einem Lobpreis auf die Kaiserstadt an der Donau: "Und wenn uns auch Vieles jetzt anders erschien,/'s gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien!"

 

(NB.: Auch Josef Weyl erinnerte sich des Verses aus dem Singspiel "Aline" von Adolf Bäuerle und Wenzel Müller!)

 

Die Uraufführung des neuen Chorwalzers, der ebenso wie "Wein, Weib und Gesang" für Männerstimmen und Orchester konzipiert worden ist und daher ohne Coda auskommt, fand beim Narrenabend des Wiener Männergesangvereins am 13. Februar 1870 im Dianabad-Saal statt. Strauß konnte der Wiedergabe durch die Sängerschar und die Musiker des Infanterie-Regiments Nr. 49, Baron Hess, nicht beiwohnen, da er an diesem Abend Dienst beim Fürsten Hohenlohe zu versehen hatte.

 

Die Aufführung wurde vom zweiten Chormeister des Vereins, dem neu engagierten Eduard Kremser, vortrefflich geleitet und endete mit dem nun schon gewohnten, stürmischen Erfolg. Das Werk mußte wiederholt werden. Die Kritik fiel nicht ganz so einheitlich aus: während das "Neue Fremdenblatt" von einem Jubel berichtete, der sich von Nummer zu Nummer gesteigert habe, meinte der Berichterstatter des "Neuen Wiener Tagblatts" (15.2.1870), die "entzückenden Melodien hätten sich in wilder Raserei verloren". Vereinsintern war man über den Verlauf des Narrenabends 1870 nicht zufrieden: das Narrentreiben war so lebhaft gewesen, daß die Chorvorträge nicht zur erhofften Geltung gekommen waren. Man dachte daher über Reformen nach.

 

Der Walzer "Neu-Wien", der am 6. März 1870 mit einer Widmung an den Mäzen Nikolaus Dumba (1830-1900) im Druck erschienen ist, setzte sich auch in der Instrumentalfassung sehr rasch beim Publikum durch. Dumba selbst, dessen Verdienste um das kulturelle Leben der Kaiserstadt nicht hoch genug einzuschätzen sind und der sich auch in der Leitung des Männergesangvereins wiederholt nützlich machen konnte, war über die Widmung des Walzers zeitlebens stolz und gehörte in der Folge zu den treuesten Förderern des Walzerkönigs.

 

Die Walzerweisenklingen übrigens auch bei den Aufführungen der Operette "Wiener Blut" und des Balletts "Graduation Ball" von Antal Dorati weiter.

 

Sängerlust, Polka, op. 328

 

Im Herbst 1868 feierte der Wiener Männergesangverein das Jubiläum seines 25-jährigen Bestehens mit Konzerten und einer Liedertafel im Sofienbad-Saal. Johann Strauß, der aus diesem Anlaß gemeinsam mit einer Reihe anderer berühmter Musiker wie Franz Liszt, Richard Wagner und Anton Rubinstein zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt wurde, stellte sich bei der Liedertafel mit einer neuen Polka ein, die er "Sängerlust" genannt hatte. Die Leitung der Uraufführung des Werkes übernahm Chormeister Rudolf Weinwurm, die Begleitung der Sänger wurde von Johann und Joseph Strauß gemeinsam am Flügel und vom Vereinsmitglied Adolf Lorenz am Harmonium besorgt. Die Originalfassung dieser Aufführung vom 12. Oktober 1868 ist durch die im Archiv des Vereins erhaltenen Noten dokumentiert. Später wurde das Werk mit Orchesterbegleitung gesungen, und dieses Arrangement ist auch bei der vorliegenden Aufführung verwendet worden.

 

Über die Uraufführung des Werkes berichtete das "Fremden-Blatt" am 13. Oktober 1868 mit den Sätzen: "Die Perle unter den vom Gesangverein vorgetragenen Piecen war die 'Sängerlust-Polka' von Johann Strauß, eine herrliche, frisch pulsierende Arbeit des Walzerkönigs. Strauß wurde immer und immer wieder gerufen und nur eine Stimme herrschte, daß die 'schöne blaue Donau' (op. 314) eine Konkurrentin gefunden hatte."

 

Bei uns z' Haus, Walzer, op. 361

 

Im Sommer 1873 erwartete die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien ein internationales Publikum: im neuen Rotunde-Gebäude im Prater und in einer großen Anzahl moderner Pavillons wurde eine Weltausstellung abgehalten. Leider stand das Unternehmen unter keinem glücklichen Stern: eine lange Regenperiode hatte zur Folge, daß sich zunächst nicht allzuviele auswärtige Gäste in der Donaumetropole einstellten. Aber ab Mitte Juli besserte sich das Wetter und die Zahl der Besucher stieg rasch an.

 

Zu den zahlreichen Veranstaltungen, die im Zusammenhang mit der Weltausstellung arrangiert worden sind (und bei denen man natürlich auf ein internationales Publikum rechnete), gehörte eine Sommerliedertafel des Wiener Männergesangvereins, die für den 6. August 1873 im Vergnügungspark "Neue Welt" in Hietzing anberaumt worden war. Für diese Veranstaltung hat Johann Strauß den Walzer für Männerchor und Orchester mit dem Titel "Bei uns z'Haus" komponiert, und zwar mit einem genau umrissenen musikalischen Programm. Den aus aller Welt angereisten Gästen sollten die Vorzüge Wiens und seiner Bevölkerung ans Herz gelegt werden; dazu kam die Absicht, den Reiz der verschiedenen Nuancen der wienerischen Musik darzustellen und zu preisen. Die Verse, die von dem mit Johann Strauß seit vielen Jahren befreundeten Volksschriftsteller und Bühnenautor Anton Langer (1824-1879) verfaßt wurden, hatten sich diesem Konzept so gut es gehen wollte anzupassen.

 

"Kennt ihr das Wiener Lied, das uns als Walzer blüht?" - so beginnt in Anton Langers Text der erste Walzerteil. Nach einer mit seltsam unbeholfener Lustigkeit gehaltenen Schilderung der alltäglichen Miseren an der blauen Donau werden die Gäste sodann aufgefordert: "Huldigt der Wiener Sitt', schließt euch an, tanzet mit." Eine weitere - sentimentale! - Huldigung galt den Wiener Frauen und schließlich mündete der Text in das Bekenntnis: "Gern halten wir's aus, bei uns zu Haus!"

 

Johann Strauß hat dieses den Fremdenverkehr fördernde Programm durch die Auswahl bzw. die Erfindung entsprechender Melodien und Motive vertieft: wie der Walzer von den "G'schichten aus dem Wienerwald", op. 325, beginnt auch dieses fünf Jahre später komponierte Werk mit einer Ländlerweise: sie weist darauf hin, daß der Wiener Walzer österreichischen (d.h. oberösterreichisch-steirischen) Ursprungs ist. Dann erst trumpfte Strauß mit wienerischen Lied-und Tanzweisen auf. Erwies auf die Leichtlebigkeit, auf den "Leichtsinn" des Völkchens an der schönen blauen Donau hin (der dritte Walzer nähert sich wohl nicht zufällig dem Charakter des "Donauwalzers") und verfiel schließlich geradezu in den Wiener Dialekt, also in die Tonsprache der Volksmusiker und Volkssänger. (Diesen Umstand hat rund zwanzig Jahre später Adolf Müller geschickt ausgenützt, als er diesen Teil des Walzers "Bei uns z' Haus" in der Operette "Wiener Blut" durch zwei Volkssänger bei der in Hietzing spielenden Szene des 3. Aktes vortragen ließ!)

 

Die Uraufführung des Walzers erfolgte in einem herrlichen Rahmen. Das Wetter war dem Unternehmen günstig: ein milder Sommerabend und die Blumenpracht der "Neuen Welt" schufen ideale Voraussetzungen für eine stimmungsvolle Darbietung. Das Publikum stellte sich in erwarteter Menge ein; auch die Gäste der Kaiserstadt waren zahlreich zur Stelle. Johann Strauß leitete diesmal die Premiere seines Walzers selbst: er hatte, um die von seinem Bruder Eduard geleitete Strauß-Kapelle zu entlasten, das Orchester des Musikdirektors Julius Langenbach als "Weltausstellungskapelle" engagieren lassen und dieses vortrefflich geschulte, indessen bereits auf wienerische Vortragsweise eingespielte, Ensemble stand auch für die Sommerliedertafel des Wiener Männergesangvereinszur Verfügung.

 

Werk und Wiedergabe lösten am 6. August 1873 lebhaften Jubel aus: Strauß mußte sich entschließen, sofort eine Wiederholung des Walzers zu dirigieren. Aber auch dann nahm der Jubel kein Ende. Erst zu sehr später Stunde klang das Festkonzert in der "Neuen Welt" aus.

 

Die Erstausgabe des Walzers "Bei uns z' Haus", dessen Orchesterfassung sich auf Vol. 1 findet, wurde Prinzessin Marie Hohenlohe-Schillingsfürst gewidmet, der Tochter Franz Liszts und seiner langjährigen Lebensgefährtin Prinzessin Caroline Wittgenstein, und Frau des Obersthofmeisters Prinz Konstantin Hohenlohe-Schillingsfürst. Sie war in kurzer Zeit vergriffen.

 

Auf¡¦s Korn, Bundesschützen-Marsch, op. 478

 

Im Sommer 1898 wardie Reichshaupt- und Residenzstadt Wien wieder der Schauplatz eines Festes der Bundesschützen, und zwar des fünften auf dem Boden der Donaumetropole. Da alle Feste dieses Jahres zugleich mit dem Jubiläum des Kaisers Franz Joseph anläßlich der 50. Wiederkehr seiner Thronbesteigung im Jahre 1848 in Verbindung gebracht wurden, sollte die Veranstaltung besonderen Glanz erhalten. Der Wiener Männergesangverein wurde eingeladen, bei dem Festkonzert in der Schützenhalle im Wiener Prater, das für den 28. Juni als Höhepunkt des Schützentreffens arrangiert werden sollte, mitzuwirken und bei dieser Gelegenheit einen Marsch von Johann Strauß vorzutragen.

 

Es ist dem alternden Komponisten nicht leicht gefallen, neben der ohnedies nicht sehr zügigen Arbeit an der Partitur für das Ballett "Aschenbrödel" auch noch eine andere Piece in Angriff zu nehmen: die erhaltenen Skizzen zeigen, welche Schwierigkeiten Strauß gerade bei diesem Werk zu überwinden hatte.

 

Aber schließlich konnte Strauß dem Verein zeitgerecht eine Partitur der Komposition zukommen lassen. Der populäre Wiener Schriftsteller Vincenz Chiavacci (1847-1916) hatte es übernommen, die beiden Teile des Marsches zu textieren. Er löste seine Aufgabe sehr geschickt: zunächst huldigten seine Verse der Begeisterung der Schützen, die aus ganz Österreich zu diesem Fest im Wiener Prater zusammengekommen waren, dann aber pries Chiavacci die Wienerstadt und würdigte das Kaiser-Jubiläum. Sein Text endete mit dem Anfang der Kaiser-Hymne von Joseph Haydn: "Gott erhalte"!

 

Die Aufführung des Werkes, das sich als letzte Komposition an die aus ingesamt sechs Walzern und zwei Polkas bestehenden Widmungen für den Wiener Männergesangverein (die Polka "Burschenwanderung" wurde für den Akademischen Gesangverein geschrieben, aber indessen vom Wiener Männergesangverein adoptiert!) von johann Strauß anreiht, erzielte allein schon wegen der schmissigen Melodien und der patriotischen Textierung einen vollen Erfolg. Chormeister Eduard Kremser und die mitwirkende Wiener Radfahrer-Kapelle, ein um die Jahrhundertwende vielbeschäftigtes Orchester, wurden in den Beifall einbezogen. Im "Fremden-Blatt" vom 29. Juni 1898 kann man über diese Uraufführung lesen: "Die prickelnde, echt wienerische Melodie übte eine zündende Wirkung auf das Massenauditorium; die Sänger wurden bejubelt und die Ovationen für Strauß, die sich mit unbeschreiblichem Enthusiasmus immer von Neuern kundgaben, wollten kein Ende nehmen."

 

Das Werk mußte damals wiederholt werden - aber dieser Marsch war so sehr auf dieses Bundesschützenfest bezogen, daß es zu weiteren Aufführungen zunächst nicht mehr kam. Erst irn jahre 1927 erinnerte sich der Verein wieder des Marsches, und dann fand erst im Jahre 1975 eine weitere Aufführung statt. Ein populärer Marsch wurde zur Rarität!

 

Myrthenblüthen, Walzer, op. 395

 

Am 8. März 1880 ließ der Kaiserhof in Wien bekanntgeben, daß sich Kronprinz Rudolph (1858-1889) in Brüssel mit Prinzessin Stephanie (1864-1945), der zweiten Tochter des regierenden belgischen Monarchen Leopold II. und seiner Gattin Marie Henriette, einer Prinzessin aus dem Hause Habsburg, verlobt habe. Mit dieser raschen Verlobung hatte Rudolph seinen Vater, viel mehr aber noch seine Mutter, Kaiserin und Königin Elisabeth, überrascht. Obwohl man auch in Belgien bestrebt war, die Verbindung zwischen der allzu jungen Prinzessin und dem Kronprinzen hinauszuschieben, wurde der 10. Mai 1881 als Tag der Hochzeitfestgesetzt. Die Zeremonie sollte in Wien abgehalten werden, anschließend würde das junge Paar im düsteren Schloß Laxenburg untergebracht werden.

 

Auch die Stadtväter der Metropole an der Donau wurden von dieser Entwicklung überrascht; aber sie faßten spontan den Entschluß, den Walzerkönig Johann Strauß mit der Komposition eines Festspiels zu beauftragen. Obwohl Strauß an der Operette "Das Spitzentuch der Königin" arbeitete, stimmte er dem Projekt zu und entwarf Skizzen für 11 Musiknummern. Aber es stellte sich alsbald heraus, daß ein Festspiel in der geplanten Art nicht ausführbar sein werde, und so wurde Strauß von der Pflicht zur Ablieferung seiner Musik entbunden. Damit war der Weg frei für die traditionellen Widmungskompositionen, die man am Kaiserhof sowohl vom derzeitigen Hofball-Musikdirektor Eduard als auch von seinem Vorgänger Johann Strauß erwartete. Eduard wußte, daß er bei der Hoftafel anläßlich der Hochzeit im Kaiserhaus die Musik beizustellen habe und schrieb für diese Gelegenheit den Walzer "Schleier und Krone", op. 200. Johann verwertete seine Skizzen für den "Jubelfest-Marsch", op. 396 (Vol. 10) und für eine Walzerpartie, die zuerst den Titel "Myrthensträußchen" erhalten sollte, aber nach der Textierung der Komposition durch den geschickten Schriftsteller August Seuffert (1844-1904) "Myrthenblüthen" benannt wurde. Der Wiener Männergesangverein hatte sich nämlich bereit erklärt, bei einer Festveranstaltung, die sein Beitrag zu den Hochzeitsfeierlichkeiten sein sollte, den neuen Strauß-Walzer aufzuführen.

 

So kam es dann auch: der Verein trug am 8. Mai 1881 beim Volksfest im Wiener Prater unter der Leitung des Komponisten die Komposition für Männerchor und Orchester einem begeisterten Publikum vor. Die Sänger wurden von der Banda des Infanterie-Regiments Hessen begleitet. Am nächsten Tag berichteten alle in Wien erscheinenden Zeitungen mit enthusiastischen Sätzen über den "lieblichen, sinnlich schönen" Walzer und über den Beifallsjubel des Massenpublikums. Auch die Probe des Werkes am 6. Mai im Musikverein war übrigens von Strauß selbst geleitet worden. Der große Erfolg dieser Produktion bestimmte den Wiener Männergesangverein, den Walzer "Myrthenblüthen", der indessen mit der Widmung: "Ihrer k.u.k. Hoheiten, dem Erzherzog Rudolph und der Frau Erzherzogin Stephanie" auch im Druck erschienen war, bei der Sommerliedertafel am 14. Juli in der "Neuen Welt" abermals aufs Programm zu setzen. Auch diese Aufführung wurde von Johann Strauß geleitet.

 

Das Brautpaar, dessen Hochzeit am 10. Mai 1881 stattfand, hat den Widmungswalzer von Johann Strauß wahrscheinlich überhaupt nicht gehört, wohl aber den Walzer "Schleier und Krone" von Eduard Strauß. Die tragische Entwicklung dieser Ehe, die an dem Tag ihr Ende fand, an dem Kronprinz Rudolph in Mayerling Selbstmord beging (30. Januar 1889), hat dann auch dazu geführt, daß weder der Widmungswalzer Eduards noch die Huldigung seines Bruders Johann (die durch den Text Seufferts noch unterstrichen wurde) in der Folge wiederholt werden konnten. Das Schweigen, das der Kaiserhof über die Tragödie von Mayerling bewahrt wissen wollte, betraf also auch die "Myrthenblüthen". Ganz aus der Erinnerung der Zeitgenossen entschwand Johanns Walzer allerdings nicht, denn Kapellmeister Adolf Müller nahm ein breites Zitat dieser Komposition in die Musik der Operette "Wiener Blut" auf. Sie erklingt als zweite Melodie im Auftrittslied der Gräfin.

 

PS: Am 13. Juni 1881 dankte der Wiener Bürgermeister im Namen des Gemeinderates dem Komponisten für dessen Walzer "Myrthenkränze" [!] und ließ ihm zwei Exemplare der "Kronprinz-Rudolph-Vermählungsmedaille" überreichen. Die Reaktion des Walzerkönigs auf diese Titelverwechslung ist nicht bekannt geworden.

 

Burschenwanderung, Polka française, op. 389

 

Der Musiker Rudolf Weinwurm, wurde am 3. April 1835 in der kleinen Gemeinde Scheideldorf im Waldviertel (Niederösterreich) als sechstes von insgesamt zehn Kindern eines Lehrerehepaares geboren. Im Zuge seiner Ausbildung kam er zu den Sängerknaben des Stiftes Zwettl und später zu den Hofsängerknaben in Wien. Im Jahre 1856 beteiligte sich der junge Weinwurm an der "Juristen-Liedertafel" der Wiener Universität und trat dem Wiener Männergesangverein bei. Etwa gleichzeitig machte er die Bekanntschaft Anton Bruckners; daraus entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Nach kurzem Wirken bei der Wiener Singakademie übernahm Weinwurm als Nachfolger Johann Herbecks die Chormeisterstelle des Wiener Männergesangvereins. In dieser Stellung dirigierte Weinwurm die Uraufführungen der Strauß-Walzer "An der schönen blauen Donau", op. 314, und "Wein, Weib und Gesang", op. 333.

 

Im Jahre 1877 kündigte Weinwurm sein Amt beim Wiener Männergesangverein. Im Januar 1880 wurde er zum Ehrenchormeister des Wiener Akademischen Gesangvereins ernannt und dirigierte in dieser Eigenschaft eine Liedertafel, die am 7. Dezember 1880 im Sofienbad-Saal abgehalten wurde. Aus diesem Anlaß bat Weinwurm Johann Strauß um eine Widmungskomposition. Natürlich konnte Strauß diesen Wunsch des verdienstvollen Mitarbeiters nicht abschlagen und schrieb daher eine Polka, die von August Seuffert (1844-1904) textiert wurde und den Titel "Burschenwanderung" erhielt. Seufferts Text erinnert an den Herrn von Rodenstein, der zwar - wie Dr. John Whitten ermittelt hat - ein frommer Edelmann gewesen und als Pilger im Jahre 1500 in Rom verstorben ist, dessen Namen aber der Dichter Victor von Scheffel an einen "deutschen Falstaff" weitergegeben hat: Scheffels Herr von Rodenstein war ein heroischer Trinker, der seinen Besitz, Dorf für Dorf, verkaufen oder verpfänden mußte, um seine Schulden zu bezahlen. Was ihm von seinem Besitz noch verblieb, vererbte er den Studenten der Universität Heidelberg mit der Bestimmung, daß auch dieser Rest so rasch wie möglich vertrunken werden müsse.

 

Natürlich wurde die Widmungskomposition des Walzerkönigs von den Gästen der Liedertafel am 7. Dezember 1880 mit stürmischem Beifall aufgenommen. Nach der Auflösung des Akademischen Gesangvereins blieb die Polka lange Zeit hindurch "verwaist", ehe sie der Wiener Männergesangverein in sein Repertoire aufnahm. Die Orchesterfassung des Werkes (Vol. 19) wurde am 6. März 1881 durch Eduard Strauß im Musikverein zum ersten Male vorgetragen.

 

Groß-Wien, Walzer, op. 440

 

Die Entwicklung der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts läßt sich im Werksverzeichnis des Komponisten Johann Strauß recht deutlich erkennen. Als ab dem Jahre 1857 die mittelalterlichen Befestigungsmauern rings um die Innenstadt abgetragen wurden, schrieb Johann Strauß die im Herbst 1862 uraufgeführte "Demolirer-Polka", op. 269 (Vol. 13). Als in Wien die ersten demokratischen Wahlen durchgeführt werden konnten, wies Johann Strauß mit dem schönen, feierlichen Walzer "Wahlstimmen", op. 250 (Vol. 15), auf dieses Ereignis hin. Im Jahre 1870, als die Bezirke innerhalb des Linienwalles zu Neu-Wien zusammengeschlossen wurden, schrieb Strauß der Walzer "Neu-Wien", op. 342 (Nr. 5 dieser Edition).

 

Als im Jahre 1890 mit der Auflassung des Linienwalles begonnen wurde (er wurde zur Gürtelstraße umgestaltet), faßte Strauß den Plan, abermals einen Chorwalzer zu schreiben und das Werk dem Wiener Männergesangverein zur Verfügung zu stellen. Als Textdichter war diesmal Franz von Gernerth vorgesehen, der bereits die Neutextierung des "Donauwalzers", op. 314, besorgt hatte. Das bedeutete allerdings, daß anstelle der ursprünglich vom Männergesangverein bevorzugten und von Strauß akzeptierten parodistisch-kritischen Texte des Polizeibeamten und Gelegenheitsdichters Josef Weyl und den betont patriotischen Versen eines Anton Langers ein seriös-liebenswürdiges Huldigungsgedicht zu erwarten war. Aber das war dem Komponisten nur recht: er hatte sich ja ebenfalls vom (genialen!) "Vorstadt-Musikanten" (so beliebte er sich selbst gelegentlich zu bezeichnen) zum Komponisten für das k.k. Hof-Operntheater entwickelt; er arbeitete bereits eifrig an der Partitur seiner Oper "Ritler Pasman".

 

Die erste Ankündigung des Walzers "Groß-Wien" findet sich am 29. Dezember 1890 im "Illustrierten Wiener Extrablatt". In dieser Ausgabe wird gemeldet, Strauß habe dem Wiener Männergesangverein für die am 17. Februar 1891 stattfindende Faschings-Liedertafel einen neuen Gesangswalzer "Groß-Wien" übergeben. Auch andere Zeitungen brachten diese Meldung. Aber diese Nachricht erwies sich als verfrüht: Strauß hat dem Verein bald darauf mitgeteilt, die Arbeit an der "Pasman"-Partitur hindere ihn daran, den Walzer zeitgerecht fertigzustellen.

 

Im Frühjahr 1891 war der Walzer fertig und Strauß verhandelte mit seinem neuen Verleger Fritz Simrock in Berlin wegen des Honorars. Ein Gesangswalzer, so argumentierte Strauß, werde mehr Interesse des Publikums finden als ein Tanzwalzer und müsse daher auch besser bezahlt werden. Simrock schloß sich diesem Argument nicht an. Indessen sprach Strauß auch mit dem Männergesangverein wegen eines neuen Aufführungstermins. Der Verein sah zunächst keine Möglichkeit, den Walzer der Öffentlichkeit zu präsentieren. Da meinte (am 8. April) auch Strauß, die Zeit sei für eine Aufführung des Walzers mit dem Wiener Männergesangverein für die Saison 1890/91 zu weit fortgeschritten.

 

Es ergab sich jedoch die Gelegenheit, die Orchesterfassung des Walzers bei einem Monstrekonzert der vereinigten Militärkapellen der Garnison Wien in der Sängerhalle im Prater dem Publikum vorzuführen. Strauß nützte diese Chance auch aus und dirigierte ein Ensemble von 500 Militärmusikern bei der Uraufführung von "Groß-Wien" in der Sängerhalle (vgl. Vol. 23).

 

Ein Kommentar der Leitung des Wiener Männergesangvereins zu diesem Vorgehen des Komponisten ist nicht bekannt geworden. Doch machte der Verein gute Miene zu diesem nicht gerade korrekten Spiel und setzte den Walzer "Groß-Wien" auf das Programm des Volkskonzerts, das am 4. Oktober ebenfalls in der Sängerhalle im Prater stattfinden sollte. Bei dieser Gelegenheit wurde "Groß-Wien" von der Sängerschar unter der Leitung des Chormeisters Eduard Kremser mit Schwung und Elan vorgeführt. Da es sich bei dieser Komposition um einen für Chor und Orchester konzipierten Walzer handelt, muß eigentlich der 4. Oktober 1891 als Datum der Uraufführung (in der Originalfassung) angesehen werden. Strauß selbst wohnte der Aufführung bei. Tags darauf berichteten die Zeitungen mit enthusiastischen Worten über Werk und Wiedergabe. In den Nachrichten des Wiener Männergesangvereins vom 6. Oktober aber heißt es nur lapidar: "Die vorletzte Nummer des Programms bildete Johann Strauß' 'Groß-Wien'-Walzer, der gleich allen übrigen Piecen mit großem Beifall aufgenommen wurde."


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