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8.223275 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 49
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The J ohann Strauss Edition Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

[1]        "Der lustige Krieg", Ouvertüre

 

Die achte Operette von Johann Strauß, die am 25. November 1881 zum ersten Mal auf der Bühne des Theaters an der Wien erschienen ist und dem Komponisten einen triumphalen Erfolg einbrachte, erhielt einen Titel, wie er wohl nur in einer sorglosen, politisch konfliktfreien Zeit möglich war, "Der lustige Krieg". Heute fehlt uns für eine Verbindung der Begriffe lustig und Krieg jedes Verständnis. Aber die Handlung des Stückes ist ja auch ganz und gar nicht kriegerisch. Die Auseinandersetzung zwischen zwei (italienischen) Operettenstaaten wird darin als Liebesspiel zwischen der Gräfin Violetta einerseits und dem Oberst Umberto andererseits, dem Oberbefehlshaber der niemals kämpfenden Truppen, ausgetragen.

Ganz folgerichtig beginnt die Ouvertüre zur Operette "Der lustige Krieg" mit dem Schlußensemble (Nr. 18), "Süsse Friedensglocken", die anläßlich der endgültigen Verbindung Violettas mit Umberto ertönen. Dann freilich wird die Musik so tändelnd kriegerisch, wie es dem Zivilisten Johann Strauß nur möglich war: "Commandirt, instruirt hab' ich manche Compagnie" - "Den Feind, den möcht' ich seh'n, der da kann widersteh'n prrr, bum!".

 

Als ersten Walzer in der Ouvertüre hat Johann Strauß eine Komposition aufgeboten, die er selbst für den wertvollsten Einfall der Operette hielt; sie wurde im stimmungsvollen Quintett (Nr. 6, "Kommen und geh'n ohne zu seh'n") verwendet. Den zweiten Walzer entnahm Strauß der Tanzszene des 2. Finales (Nr. 14). Dann ließ der Komponist noch einmal loslegen: "Commandirt, instruirt" und das konnte er zum effektvollen Ausklang der Ouvertüre steigern.

 

Am Premierenabend wurde Strauß schon nach dem Vortrag der Ouvertüre stürmisch gefeiert, aber auch die erste konzertante Aufführung dieses Werkes, die am 11. Dezember 1881 ebenfalls unter der Leitung des Komponisten stattfand, löste jubelnde Begeisterung aus.

 

[2]        "Eine Nacht in Venedig", Ouvertüre

 

Alle Bühnenwerke des Wiener Walzerkönigs sind in seiner Heimatstadt uraufgeführt worden, nur eines nicht: die komische Operette "Eine Nacht in Venedig". Diese ging am 3. Oktober 1883 in Berlin zum ersten Mal über die Bühne des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters. Dabei gab es zwar keinen Mißerfolg, wie manchmal behauptet worden ist, aber doch einige unliebsame Zwischenfälle.

 

Die Arbeit an dieser Operette hatte Strauß auf Wunsch seiner zweiten Gattin, Angelica, genannt Lili, geborene Dittrich, in Angriff genommen. Die aus Breslau stammende Frau, eine mäßig begabte und daher auch nicht erfolgreiche Sängerin, erwies sich als Theaternärrin und drängte ihren Gatten, nach der Operette "Der lustige Krieg" wieder einen italienischen Stoff zu akzeptieren. Lili schrieb den routinierten Librettisten F. Zell und Richard Genée sogar Einzelheiten der Handlung vor; die Schlußszene mußte auf ihren Wunsch auf dem Markusplatz von Venedig spielen. Aber während Johann Strauß an der Partitur für die Operette, die schließlich den Titel "Eine Nacht in Venedig" erhielt, in Wien und auf seinem Landsitz in Schönau (Niederösterreich) arbeitete, verließ Lili ihren Gatten und übersiedelte ins Theater an der Wien, und zwar als Beraterin und Geliebte des Direktors Pranz Steiner. Johann Strauß hat daraufhin seine Arbeit an der Operette unterbrochen.

 

Als der Komponist nach etlichen Wochen - er war nun bereits bei seiner späteren, dritten Frau, Adèle Strauß, geborene Deutsch, wieder in sehr festen Händen - die Partitur fertigstellte, stand für ihn fest, daß dieses Werk nicht im Theater an der Wien uraufgeführt werden sollte, obwohl es für das Personal dieses Hauses projektiert worden war. Er wollte mit Lili und Franz Steiner nichts zu tun haben. Strauß entschied sich daher, das Werk in Berlin dem Publikum vorzustellen. Es war eine durchaus sinnvolle Lösung, denn das von Direktor Julius Fritzsche (1844-1907) geführte Friedrich-Wilhelmstädtische Theater war seit spätestens 1874 eine "Strauß-Bühne". Alles ließ sich vortrefflich an. Trotz enormer Spannung nahm Strauß an den Vorbereitungen für die Uraufführung teil und dirigierte am Premierenabend selbst. Er wurde freundlich empfangen, mußte aber erleben, daß sich, je weiter der Abend fortschritt, zunehmende Unruhe im Hause bemerkbar  machte. Als im dritten Akt der Sänger des Herzogs den "Lagunen-Walzer" anstimmte (der Originaltext begann mit den Worten: "Auf der Lagune bei Nacht") und schließlich zu der unfreiwillig komischen Stelle "Nachts sind die Katzen ja grau, nachts tönt es zärtlich miau" kam, ging die Unruhe in Gelächter über. Tierstimmenimitatoren nahmen die Verse als willkommenes Stichwort, um sich entsprechend zu produzieren. Nur mit Mühe konnte der Sänger das später (mit geändertem Text) weltberühmte Lied beenden. Der Rest der Vorstellung verlief ungestört, am Ende gab es wieder freundlichen Applaus. Umjubelt wurde das Werk freilich erst, als Strauß, der indessen seinen Widerstand gegen eine Vorstellung im Theater an der Wien aufgegeben hatte, die "Nacht in Venedig" in Wien präsentierte. Da war ihm aber das musikalisch überaus wertvolle Stück bereits gründlich verleidet. Er schrieb auf die erste Seite des Autographs der Ouvertüre die Widmung:

 

"Meinem Schwager Josef Simon als gebundenes Closettpapier. Wünsch' guten Appetit!" Man kann den Groll des Komponisten begreifen, dem Werk aber hat er damit Unrecht getan. Schon die Ouvertüre ist ein Meisterwerk, obwohl sie nur einen Bruchteil der in der Partitur der Operette enthaltenen, kostbaren Melodien enthält, ist sie abwechslungsreich und immer wieder faszinierend.

 

Im Melodienreigen treten besonders hervor: der aus dem Finale des dritten Aktes stammende Marsch (Quasi maestoso), "Horch von San Marco das Glockengeläut", der Walzer aus dem 2. Finale, "Im Saal tanzen meine Gäste", das berühmte Gondellied des Caramello, "Komm in die Gondel, mein Liebchen", und die energische Behauptung der Senatorsgattin Agricola, "So ängstlich sind wir nicht!". Marsch, Walzer und Schnellpolka werden gegen Ende der Ouvertüre wiederholt und sorgen für einen schwungvollen Ausklang.

 

Nach der Wiener Aufführung der Operette "Eine Nacht in Venedig" am 9. Oktober 1883 präsentierte Eduard Strauß die konzertante Uraufführung der Ouvertüre am 14. Oktober 1883 im Goldenen Saal der Gesellschaft der Musikfreunde.

 

[3]        Vorspiel zum 3. Akt der Operette "Eine Nacht In Venedig", Entr'acte

 

Die wenigen Rätsel um die Entstehungsgeschichte der Operette "Eine Nacht in Venedig" schienen längst gelöst zu sein, da tauchte die Partitur eines Vorspiels zum 3. Akt des Werkes auf, die Johann Strauß selbst geschrieben hatte. Bei der Uraufführung der Operette "Eine Nacht in Venedig" am 3. Oktober 1883 in Berlin und bei der Wiener Erstaufführung des Werkes etwa eine Woche später ist dieses Vorspiel ("Entre Akt" schrieb Johann Strauß) nicht erklungen, der Komponist hatte es bereits - spätestens bei den Proben - ausgeschieden. Als Grund für diese Maßnahme vermutete Prof. Dr. Eberhard Würzl, der eine Expertise über das Strauß - Autograph vorgelegt hat, den Umstand, daß die nach einer Einleitung von elf Takten verwendete Melodie des Quartetts Nr. 6a, ein Walzer zum Text "Alle maskiert", in der Operette bereits ingesamt viermal angebracht worden ist. In diesem Vorspiel erscheint die fünfteilige Rondoform reduziert, auch die Coda ist verkürzt worden.

 

Dennoch ist die Arbeit des Komponisten besonders wertvoll, denn in der beim Vorspiel möglichen reichen Instrumentierung entfaltet das Werk seinen vollen Glanz. In der Wiener Volksoper wurde der - wie gesagt - von Strauß eigenhändig ausgeschriebene "Entre Akt" in die Aufführungen der "Nacht in Venedig" eingefügt und erhielt begeisterten Beifall. Er verdient es, in die endgültige Fassung der Operette aufgenommen zu werden.

 

[4]        "Der Zigeunerbaron", Ouvertüre

 

Johann Strauß hat an der Partitur des "Zigeunerbarons" länger als bei seinen früheren Bühnenwerken gearbeitet. Dabei wandelte sich das Projekt von einer ungarischen, komischen Oper zu einer österreichisch-ungarischen Operette.

 

Am Abend der Uraufführung des Werkes im Theater an der Wien, dem 24. Oktober 1885 (es war zugleich der Vorabend des 60. Geburtstages des Komponisten), stand fest, daß Johann Strauß abermals ein Meisterwerk geschaffen hatte. Im Bericht des "Fremden-Blattes" (Nr. 294) vom 25. Oktober 1885 hieß es über die Premiere:

 

"Der Mann, welcher jahrzehntelang durch seine Schöpfungen die musikliebende Welt erfreut hat, scheint erst den Zenith seiner schöpferischen Kraft erreicht zu haben." Dieses Urteil wird durch die - wohl erst kurz vor der Uraufführung fertiggestellte - Ouvertüre vollauf bestätigt. Sie faßte in einem sorgfältig gegliederten, mit opernhaft symphonischen Übergängen ausgestatteten, souverän durchgestalteten Potpourri alle Hauptmelodien des Werkes zusammen. Dabei achtete der Komponist darauf, die späteren Schlager der Operette entweder nur ganz kurz hervortreten zu lassen (z. B. Werberlied) oder auf ihre Präsentation zunächst überhaupt zu verzichten (z. B. "Ja, das alles auf Ehr"). Die jeweils zur Charakterisierung verwendeten Mittel wurden sparsam eingesetzt, das "nervöse" Strauß-Orchester, das Johannes Brahms so sehr schätzte, trat auch in der Oper nicht im Blechpanzer auf. Sehr treffend beschrieb der Feuilletonist und Kritiker Ernst Decsey (1870-1940) den Beginn der Ouvertüre:

 

"Mit den ersten vier Takten klingt der Akkord der Ungarnwelt auf, beginnt das Mollreich der Synkopen, der Fermaten, freien Kadenzen, beginnt das Cymbalhafte, Rhapsodische, das in einem idealen Gegensatz zum später beschworenen Wienertum tritt."

 

Das erste Motiv holte Strauß aus der Szene der Heimkehr der Zigeuner in ihre Stammregion, eine Flötenkadenz leitet über zum Heimatlied, "Hier in diesem Land Eure Wiege stand", das in der Operette mehrfach wiederkehrt. Für eine lustige Abwechslung sorgte Strauß durch das Schmiedelied, "Drum klopfe, klopfe", aus dem zweiten Akt und präsentierte dann nach einem melodramatischen Intermezzo den großen Walzer der Operette, der ursprünglich auch das Finale des zweiten Aktes beherrschte, "So voll Fröhlichkeit". Noch einmal lenkte Strauß ins Zigeunerlager zurück, zitierte auch (mit nur 7 Takten) das Werberlied, dann kehrte er abermals ins Wienerische zurück (Reprise "So voll Fröhlichkeit"). Aber für den Ausklang der Ouvertüre verwendete er dann doch die kraftvollen Synkopen des Finales aus dem dritten Akt. Wie die opernhafte Operette sollte bereits die Ouvertüre enden. Als Johann Strauß, von stürmischem Jubel bedankt, am Premierenabend dieses Vorspiel präsentiert hatte, wußte das Publikum, daß es eine der interessantesten Ouvertüren des 19. Jahrhunderts gehört hatte. Die erste konzertante Aufführung erfolgte am 8. November 1885 durch Eduard Strauß im Musikverein. Seither gehört die Ouvertüre zu "Der Zigeunerbaron" zur musikalischen Weltliteratur.

 

[5]        "Simplicius", Ouvertüre

 

Im Februar 1887 hat Johann Strauß sich entschlossen, zusammen mit dem jungen, damals noch unerfahrenen Librettisten Victor Léon (recte: Hirschfeld, 1858-1940) ein altdeutsches Stück zu verfassen. Es sollte eine moderne Version der vom Publikum bereits in Frage gestellten Operette werden. Der Komponist hat in der Folge zunächst in Wien, dann in Coburg und in Franzensbad, zuletzt wieder in Wien, mit größtem Eifer an der Partitur des Werkes, das den Titel "Simplicius" erhielt, gearbeitet. Seine Mühe wurde am Premierenabend, dem 17. Dezember 1887, nicht belohnt. Zwar applaudierte das durch einen unbegründeten Feueralarm verstörte Publikum im Theater an der Wien dem dirigierenden Komponisten höflich, aber nach einer kurzen Serie verschwand das Stück zunächst einmal vom Spielplan. Spätere Erneuerungsversuche sind ebenfalls gescheitert. Das Bemühen um "Simplicius" erwies sich als hoffnungslos. Auch die vielen kostbaren Melodien, mit denen Johann Strauß das Werk ausgestattet hatte, konnten nichts retten. Die Ouvertüre zu "Simplicius" wirkt wenig einheitlich. Sie nimmt mit ihrem leisen Beginn die Introduktion der Operette vorweg und vermittelt eine Stimmung, die eher im Opernhaus als im Theater an der Wien erwartet worden war. (Dem Komponisten wurde nach der Uraufführung von "Simplicius" allzudeutliche "Wagnerei" vorgeworfen. Richard Wagners Bühnenwerke haben ja für Strauß stets eine besondere Bedeutung gehabt.) Mit den energischen Marschtakten setzt Johann Strauß in der Ouvertüre den ersten Kontrast, die flotten Weisen der Spielmusik aus Nr. 10 der Operette (zweiter Akt, Finale) sorgen für Schmiß und Schwung. Eine zweifache Überleitung bereitet das Erklingen der wichtigsten Motive des Werkes vor, der Romanze des Einsiedlers aus dem dritten Akt, "Ich denke gern zurück", und des anschließenden Walzers, "Froh in der Freunde Schar". Nach einer neuerlichen Überleitung erklingt das von Trompeten und Posaunen vorgetragene Marschmotiv aus dem Chor "Soldatenhandwerk" (Nr. 6 im zweiten Akt der Operette). Mit einem knappen Allegro vivace und Piu Allegro schloß die vergleichsweise kurze Ouvertüre. Strauß konnte im Theater an der Wien für lebhafte Zustimmung danken. Weniger erfolgreich war die erste konzertante Aufführung der "Simplicius" - Ouvertüre durch die Strauß-Kapelle am 26. Dezember 1887 unter der Leitung von Eduard Strauß. Weitere Aufführungen wurden immer seltener. Schließlich war das Werk fast vergessen.

 

[6]        Vorspiel zum 3. Akt Der Operette "Jabuka"

 

Die Operette "Jabuka" ("Das Apfelfest") ist in den Jahren 1893 und 1894 entstanden und wurde am 12. Oktober 1894 im Theater an der Wien zum ersten Mal aufgeführt. Dirigent der Premiere war Kapellmeister Adolf Müller (1839-1901). Mit dieser Urauffführung wurde eine Reihe von Festveranstaltungen anläßlich des 50jährigen Komponisten- und Dirigentenjubiläums des Walzerkönigs eingeleitet. Johann Strauß hatte am 15. Oktober 1844 in Ferdinand Dommayers Casino in Hietzing an der Spitze einer eigenen Kapelle debütiert.

 

Die Wahl eines in Serbien spielenden Stoffes hatte der Komponist selbst angeregt; er wünschte schon seit geraumer Zeit die Komposition einer" slawischen Operette", weil er ja in seiner Jugend und dann natürlich vor allem auch während seiner zehnjährigen Tätigkeit als Dirigent der Sommerkonzerte in Pawlowsk bei St. Petersburg häufig mit der slawischen Musik in Kontakt gekommen war. Die Journalisten Max Kalbeck (1850-1921) und Gustav Davis (recte: David, 1856-1951) schrieben, ohne rechten Kontakt miteinander und mit Strauß, das umständliche Textbuch. Da die Operette unbedingt anläßlich des Strauß-Jubiläums 1894 uraufgeführt werden sollte, verzichtete der Komponist auf eine Ouvertüre und begnügte sich mit einem sehr kurzen Vorspiel. Das Apfelfest, das im Mittelpunkt der Handlung der Operette "Jabuka" stand, sagte dem Publikum nicht recht zu; das Werk mußte nach nur kurzer Laufzeit wieder aus dem Spielplan des Theaters an der Wien genommen werden.

 

In die Konzertsäle zog nach der Premiere von "Jabuka" vor allem das stimmungsvolle Vorspiel zum dritten Akt ein. Johann Strauß hatte es aus zwei Szenen dieses Aktes zusammengefügt: es handelte sich um das Andante con moto im Rhythmus einer Polka Mazur, "Siehe die Sonne verglüh'n in Pracht" (Quartett, Nr. 17), und den "in sehr gemäßigtem Tempo" vorzutragenden Walzer, "Ich bin Dir gut seit ich Dich sah", der ebenfalls zum Quartett gehört und dieses abschließt.

 

Die konzertante Aufführung des Vorspiels war am 11. November 1894 im Musikverein zu hören. Dirigent dieser Aufführung war Eduard Strauß, der zuvor schon den Walzer "Ich bin Dir gut", op. 455, und das "Bilder-Couplet" aus "Jabuka" in seinen Konzerten präsentiert hatte.

 

[7]        "Waldmeister", Ouvertüre

 

Johann Strauß war 70 Jahre alt, als er die Uraufführung seiner Operette "Waldmeister" im Theater an der Wien vorbereitete. Es hatte damals nicht an Stimmen gefehlt, die den scheinbar (und in seiner Musik tatsächlich) "ewig jungen" Meister als erschöpft erklärten; die hinter vorgehaltener Hand, vereinzelt aber auch ganz unverblümt die Meinung vertraten, Strauß sei nach einem überreichen Leben ausgeschrieben, seine Einfallskraft sei versiegt. Als aber der Journalist und Schriftsteller Gustav Davis (recte: David, 1856-1951) im Sommer 1894 den Plan zu einer Operette mit dem Titel "Waldmeister" unterbreitete, erwies sich die Einfallskraft des Komponisten sogleich als völlig unverbraucht und frisch. Strauß war von dem Projekt begeistert, er fand sofort den Einstieg in das neue Werk und die Melodien strömten ihm zu wie in seinen besten Jahren. Vor allem ein Walzermotiv setzte sich in seiner Fantasie fest, das gleichsam die Umkehr der ersten Takte des berühmten "Donauwalzers" enthielt. Es war ein absteigender Dreiklang, diesmal in ganzen Noten und weit ausgesponnen. Auf der Suche nach weiteren Motiven, die er in dem neuen Werk verwenden konnte, gelangte Strauß sogar bis zu einer Polka aus der Jugendzeit, die er nun - zu dem Text "Klipp, klapp" - in die Operette einfügte.

 

Am Abend des 4. Dezember 1895 saß Johann Strauß mit glücklicher Miene am Pult des Theaters an der Wien und dirigierte mit jugendlichem Elan die Ouvertüre seiner neuen Operette "Waldmeister". Mit Genugtuung erlebten seine Freunde, daß diese Musik frisch war wie zu den Zeiten der "Fledermaus" und des "Zigeunerbarons". In der Kritik des "Fremden-Blattes" hieß es am 5. Dezember 1895:

 

"Das strömt uns erquickend in Ohr W1d Adern. Das ist der echte Strauß."

 

Am 8. Dezember 1895 führte der Komponist die "Waldmeister"-Ouvertüre persönlich dem Publikum des Strauß-Konzerts im Goldenen Saal des Musikvereins vor. Seitdem ist sie unzählige Male erklungen.

 

Aufbau und Gliederung der "Waldmeister"-Ouvertüre sind einfach. Beherrschendes Motiv, vielfach abgewandelt, ist der Walzer zum Text "Trau, schau, wem" (Finale, zweiter Akt). Begeisterung hat vor allem jene Wiederholung des Dreiklangmotivs erweckt, zu der Strauß eine herrliche Gegenmelodie der Geigen geschrieben hat. Es dauerte gar nicht lange, da wurde die Vermutung kolporiert, diese Gegenmelodie habe Johannes Brahms seinem Freund Strauß in die Partitur geschrieben. Vielleicht hat Strauß von diesem Gerücht, das sich hartnäckig behauptet bis in unsere Tage, noch zu Lebzeiten erfahren. Dann mag er gelächelt haben und stolz darauf gewesen sein, daß man dem von ihm neidlos bewunderten, großen Symphoniker Brahms eine musikalische Pointe zuschrieb, die in Wahrheit ihm, den einstigen Vorstadtmusikanten, eingefallen war. Im übrigen enthält die Ouverüre Zitate folgender Motive: "Hm, hm, hm, so in der Näh" (Finale, zweiter Akt), Melodram aus Nr. 14 (Finale, zweiter Akt); daran hing Johann Strauß eine zündende Schnellpolka, die auch den Ausklang der Ouvertüre bildet. Das Andantino bezieht sich auf das Duett Nr. 11, "Bin Dir vom Herzen ergeben", das Horn-Quartett nimmt das Lied mit Chor, "Der Jäger nimmt, so wie's geziemt", aus Nr. 10 vorweg.

 

[8]        "Die Göttin der Vernunft", Ouvertüre

 

Am 22. Juli 1896 teilte Johann Strauß aus Bad Ischl der Direktorin des Theaters an der Wien mit, er habe ein Libretto von Willner und Buchbinder zur Komposition angenommen. Er sei allerdings erst seit zehn Tagen im Besitz der ersten drei Nummern. Aber sehr bald ergaben sich Differenzen, weil das von Alfred Maria Willner (1859-1929) und Bernhard Buchbinder (1871-1922) vorgelegte Szenarium, "Die Göttin der Vernunft", dem Komponisten überhaupt nicht zusagte. Strauß versuchte, aus dem Vertrag freizukommen, aber die Textdichter zwangen ihn, ihr Libretto, das der französischen Revolution unterhaltsame Perspektiven abgewinnen sollte, zu vertonen. Mißmutig setzte der Komponist seine Arbeit fort, sodaß das Werk, das die letzte Operette des Walzerkönigs werden sollte, am 13. März 1897 zum ersten Mal über die Bretter des Theaters an der Wien gehen konnte. Die Partitur war keineswegs fertiggestellt, die Ouvertüre fehlte überhaupt; sie wurde erst für die 25. Vorstellung am 6. April 1897 nachgeliefert. Strauß blieb auch der Premiere fern und war geradezu glücklich, daß die Operette, die den gewiß wohlwollenden Kritiker Richard Heuberger zu dem Satz veranlaßte: "Die Göttin der Vernunft ist dort erschienen, wo ihr kein Mensch je zu begegnen erwartete, auf der Operettenbühne!" , nach insgesamt 36 Vorstellungen wieder von der Bühne des Theaters an der Wien verschwand. Da hatten boshafte Journalisten längst schon nur noch von der "Göttin der Unvernunft" geschrieben und gesprochen. Immerhin zeigte sich Strauß auch bei seinem letzten Bühnenwerk als einfallsreicher, genialer Komponist. Bei der Zusammenstellung der Musik für die Ouvertüre hatte er es sich nicht allzu schwer gemacht. Nach kurzen Einführungstakten, die mit Trommelwirbel beginnen, präsentierte Strauß aus der Angelobung (Nr. 10) die Melodie des Roberts zu dem Text "Du mußt uns folgen treu". Sie ging nach einem kurzen piu vivo in das Auftrittslied der Komtesse (Nr. 5), "Nur in der Schule sang ich Lieder fromm und lang", über. Nach einem brillanten Geigensolo folgte dann als Höhepunkt der große Walzer (Nr. 9, Solowalzer des Bonhomme, "Schöne wilde Jugendzeit"). Ein lebhaftes Finale (Allegro, zuletzt Presto) sorgte für einen effektvollen Ausklang.

 

In der Folge ist diese Ouvertüre nur selten aufgeführt worden, aber das war und ist ein unverdientes Schicksal, denn es handelt sich bei dieser letzten Arbeit des Walzerkönigs für die Operettenbühne um ein interessantes und amüsantes Werk.

 

[9] "Aschenbrödel-Quadrille"

 

Johann Strauß hat bis kurz vor seinem Tod am 3. Juni 1899 an der Partitur des Balletts "Aschenbrödel" gearbeitet. Die Verpflichtung dazu hatte ihm ein Preisausschreiben der Zeitschrift "Die Waage" auferlegt. Für die Fertigstellung des Werkes aus Bruchstücken und Skizzen hat die Witwe des Verstorbenen, Adèle Strauß, den erfolgreichsten Ballettkomponisten Wiens, Josef Bayer (1852-1913) , verpflichtet. Bayer ist zwar - nach Meinung Adèles - nicht gerade einfühlsam mit dem Strauß-Nachlaß umgegangen, hat aber in relativ kurzer Zeit eine in sich geschlossene Arbeit geliefert. Nun wäre die Wiener Hofoper verpflichtet gewesen, den Regeln des Preisausschreibens zu folgen und das Ballett im Haus am Ring aufzuführen. Aber der Direktor, Gustav Mahler, lehnte die Annahme des Balletts ab. Erbitterte Proteste der Strauß-Freunde und des Verlegers Josef Weinberger haben nichts an dieser Haltung ändern können. Die Hofoper in Berlin sprang unverzüglich ein; daher konnte das Ballett "Aschenbrödel" am 2. Mai 1901 in Berlin (in Anwesenheit Adèles) zum ersten Mal aufgeführt werden. Das Werk erreichte eine vollen Publikumserfolg.

 

Der Verlag Josef Weinberger nahm die Berliner Uraufführung des Balletts "Aschenbrödel" zum Anlaß, die bis dahin üblich gewesenen Arrangements von Tänzen nach Motiven des Bühewerkes der Reihe nach herauszugeben. Selbstverständlich stammt keines dieser Arrangements von Johann Strauß; in welchem Umfang sich Josef Bayer dieser Aufgabe unterzogen hat, wird noch zu klären sein. Da die Wiener Hofoper die Aufführung des Balletts "Aschenbrödel" verweigerte, wurden auch die nach dieser Partitur gestalteten Tänze in Wien nur zögernd und bei nicht allzuvielen Gelegenheiten aufgeführt. Das gilt auch für die "Aschenbrödel-Quadrille", deren Herausgabe durch den Verlag Weinberger im Mai 1901 in den Zeitungen angezeigt worden ist. Als im Jahre 1908 die Wiener Hofoper unter der Direktion Felix von Weingartners dem "Aschenbrödel" von Johann Strauß endlich auf ihrer Bühne Heimatrecht gewährte, erinnerte man sich auch nur selten der Tänze nach Motiven des Balletts. Aber die immerhin sehr interessante Musik wurde nicht vergessen; sie kann jederzeit wieder in Erinnerung gebracht werden.


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