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8.223276 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 50
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The Johann Strauss Edition Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

[1]        Csardas aus "Die Fledermaus"

 

Im Autograph derOperette "Die Fledermaus" findet sich im zweiten Akt ein "Csardas für Gesang und Orchester", der am 25 Oktober 1873 beieinem Konzert im Musikverein von der Diva des Theatersan der Wien, Marie Geistinger, und der von Johann Strauß geleiteten Weltaussstellungskapelle (= Kapelle Julius Langenbach) uraufgeführt und dann in die Operette übernommen worden ist. Unmittelbar anschließend steht im Autograph aber auch als "Csardas für Orchester" die Partitur einer, in manchen Einzelheiten abweichenden, reinen Instrumentalfassung derselben Nummer. Diese ist erst im Jahre 1968 in der von Hans Swarowsky (1899-1975) revidierten "Fledermaus" - Ausgabe veröffentlicht und auch als Einzelausgabe publiziert worden.

 

Der auch als Musikwissenschaftler bedeutende Dirigent und Pädagoge Hans Swarowsky vermutete, der reinen Orchesterfassung des Csardas müßte die Priorität der beiden Versionen zugestanden werden. Auch Fritz Racek hat sich im Revisionsbericht seiner "Fledermaus" - Ausgabe dieser Meinung angeschlossen:

 

"Strauß mag sehr wohl den Csardas als Instrumentalstück komponiert haben, ehe er sich entschloß, ihn von Richard Genée textieren und ins Programm jenes Konzerts aufnehmen zu lassen."

 

Das Konzert am 25 Oktober 1873 wurde zu Gunsten einer, nach einer Choleraepidemie dringend nötigen Ungarn-Hilfe veranstaltet. Wie dem auch gewesen sein mag: jedenfalls ist dieser Csardas ein eigenständiges Werk, dem Racek daherauch seinen Platz unter den Instrumentalkompositionen von Johann Strauß zugeordnet hat. Dieser Aufnahme liegt die Ausgabe Hans Swarowsky zugrunde.

 

Die Uraufführung des Csardas für Orchester fand am 25 Oktober 1874 durch die von Eduard geleitete Strauß-Kapelle im Musikverein statt.

 

[2] "Die Göttin der Vernunft", Quadrille

[6] "Frisch Gewagt", Galopp

[11] "Da nicken die Giebel", Polka Mazurka

 

Die letzte Operette von Johann Strauß, zu der A.M. Willber und B. Buchbinder das Libretto geschrieben hatten, spielte zur Zeit der französischen Revolution und hatte daher den Titel "Die Göttin der Vernunft". Nur widerwillig hatte der Komponist die einzelnen Nummern vertont, die ihm ins Haus gebracht worden waren. Auch der Verleger Emil Berté zeigte wenig Eifer, die aus der Partitur der Operette herausgefilterten Tanzweisen zu veröffentlichen. Für Orchester erschienen daher nur die Ouvertüre und der Marsch "Wo uns're Fahne weht", Op. 473. Der obligate Walzer ("Heut' ist heut"', Op. 471) und eine Polk. francaise ("Nur nicht mucken", Op. 472) sind in Klavierausgaben nachweisbar. Die weiteren Tänze wurden zwar konzipiert, aber nicht veröffentlicht.

 

Man kannte nur ihre Titel: "Da nicken die Giebel", Polka Mazur - "Frisch gewagt", Galopp und "Die Göttin der Vernunft"-Quadrille. Vom letztgenannten Werk gibt es sogar ein Uraufführungsdatum: die Quadrille wurde für den Architektenball am 24. Januar 1898 als Widmung angekündigt.

 

Die Noten dieser Extrakte, wie Strauß manchmal formuliert hat, galten als verschollen. Kapellmeister Christian Pollack hat nun die drei Werke in der Klavierfassung durch Rudolf Raimann entdeckt und instrumentiert.

 

Die Polk. Mazur" Da nicken die Giebel" hat ihren Titel aus dem Duett Nr. 11 (dort heißt es allerdings: "Da nickten die Giebel, die Dächer, so traut"'); dieses erscheint im Trio. Die Anfangsmelodie entspricht dem zweiten Teil des Walzers Nr. 9 (Bonhomme) zu dem Text "Briefchen, duftig, Liebesqual überall", der auch in der Zwischenaktmusik verwendet wird. Dieses Motiv wird durch das in der Operette mehrfach aufklingende Lied, "Es ist die Göttin der Vernunft", ergänzt.

 

Der Galopp "Frisch gewagt" erhielt seinen Titel durch die Aufforderung an die Komtesse, sich mutig der Gefahr zu entziehen. Aber die Melodie des Galopps stammtaus dem Lied Nr. 14, in dem Ernestine, die Göttin der Vernunft, ihr Abenteuer schildert "Über Felder, über Hecken, en carriére halbtodt gehetzt, denn ich wurde, welcher Schrecken, ach, als Göttin abgesetzt". Als sich Ernestine noch einmal stellte, ging es drastisch weiter: "Prügelei, Prügelei, ganz zerfetzt, feige Infamie". (Mit dieser Melodie wird auch der Galopp fortgesetzt.) Für das Trio wurde das Motiv aktiviert, mit dem auch der Marsch "Wo uns're Fahne weht" beginnt, "Im Kriege ist das Leben voll Reiz und wunderschön". (Es handelt sich ja um einen typischen Operettentext!) Die Abneigung gegenden Text hat Strauß nicht daran gehindert, eine judgendlich-llotte Melodie zu komponieren, die auch für einen Galopp geeignet war.

 

Für die Quadrille, der eigentlich die Opuszahl 476 zugeordnet werden müßte, hat Strauß (oder der Arrangeur) die interessantesten Motive der Partitur zusammengefaßt. Nummer 1, Pantalon, legt gleich los mit der Introduktion der Operette ("Frisch und nett"), für Nummer 2, Ete, sind zwei markante Zitate ausgewählt: "Nur nicht denken, spekulieren" aus dem Auftrittslied des Bonhomme und "Nur in der Schule sang ich" aus dem Auftrittslied der Komtesse. Nummer 3, Poule, verwendet die Szene "Nur still, ich bring den ganzen Tross in Sicherheit nach meinem Schloß", aus Nr. 12, sowie das Zitat "Die Zeit ist groß" aus Nr. 12 a ('Carmagnole' und "Mit Euch vereint" aus der Angelobung (Nr. 10 der Operette). Der vierte Teil Trenis, präsentiert das Lied Nr. 9, "Robesspierre,der lose Schäker", in Nummer 5, Pastourelle, wird wieder auf das Lied des Bonhomme (Nr. 3) zurückgegriffen ("Der Arzt hat streng mir ordiniort") und im Finale triumphiert das Marschmotiv aus Nr. 15. "Halt, wer da", und sorgt für einen effektvollen Ausklang.

 

[3]        "Am Donaustrand"

 

Im Heft 1 des Jahrganges 1886 der Wiener Zeitschrift "An der schönen, blauen Donau", das am 15. Januar 1886 erschienen ist, wurde als Beilage eineamüsante Improvisation für Singstimme mit Klavier von Johann Strauß, Text von Ignaz Schnitzer, veröffentlicht. Kunstvoll wurden in diesem kleinen Werk die ersten Teile der Walzer "An der schönen blauen Donau", Op. 314, aus dem Jahre 1867, und "Wiener Frauen", Op. 423, ineinander verschränkt. Es war ein prachtvoller Spaß, der viel Anklang gefunden hat. Eine öffentliche Aufführung ist allerdings nicht nachzuweisen.

 

Leider gibt es kein Autograph dieser Improvisation, aus dem der jeweilige Anteil des Komponisten und des Librettisten (er hat für Strauß das Textbuch zum "Zigeunerbaron" geliefert) ersichtlich wäre. Die Orchesterfassung des kurzen Stückes besorgte für diese Aufnahme Michael Rot.

 

[4]        "Erste Liebe", Romanze (von Olga Smirnitzkaja)

 

Im Oktober 1684, anläßlich seines 40 jährigen Jubiläums als Komponist und als Musikdirektor, erhielt Johann Strauß inmitten sehr zahlreicher Glückwünsche auch einen Brief zus Zarkoe selo bei St. Petersburg. Absenderin war Pauline de Swertschkof, die Gatten des Malers Nicolas de Swertschkof. Sie erinnerte Strauß an die Sommer, die er in

Pawlowsk verbracht hatte und insbesonders an sein romantisches Abenteuer mit ihrer Freundin, Olga Smirnitzkaja. Dann schrieb sie:

 

"Es ist Ihnen hoffentlich nicht unangenehm, in meinem Brief diese kleine Romanze 'Erste Liebe' zu finden, deren Worte sich wahrscheinlich auf das Jahr 56 beziehen." Pauline de Swertschkof notierte dann die Fassung dieser Romanze für Gesang (mit Text) und Klavier. Prof. Dr. Eberhard Würzl hat Noten und Text gut lesbar ausgeschrieben, sodaß diese Romanze aufgenommen werden konnte. Die Übersetzung des Zitats aus dem Brief von Pauline de swertschkof, der in französischer Sprache verfaßt wurde, besorgte Elisabeth Würzl.

 

Einen Hinweis auf die Romanze hat Johann Strauß selbst gegeben, und zwar in seinem Brief an Olga Smirnitzkaja, den er am 22. November 1859 geschrieben hat. Darin heißt es:

 

"Mein Bruder Josef kann Deine Romanze auswendig, weil ich sie täglich, stündlich spiele und weil sie überhaupt die einzige Piece ist, die ich noch am Klavier spiele." Als Strauß diesen Brief verfaßte, ahnte er wohl bereits, daß die von ihm damals ersehnte Verbindung mit Olga Smirnitzkaja nicht zustande kommen werde. Seine Freunde in Pawlowsk und in St. Petersburg hatten eine Heirat zwischen der kapriziösen Olga und dem Wiener Musikdirektor von Anfang an als unmöglich angesehen. Der russische strauß-Biograph E. Mejlich schrieb in seinem, im Jahre 1975 im Leningrader Verlag "Musica" erschienenen Buch u.a.:

 

"Johanns Petersburger Freund August Leibrock, ein Wiener, der lange in Rußland ansässig war, erschrak, als er von Strauß über dessen Liebe zu Olga informiert wurde. 'Wenn dieser sommerliche Roman nur nicht mit einem Skandal endet', sagte er wiederholt. Leibrock war mit dem Verleger Bernard bekannt, der die Romanzen Olgas auf Bestellung ihres Vaters, des Generals Wassily Nikolajewitsch Smirnitzky, druckte. Da er die Sitten kannte, die in der Petersburger Welt herrschten, war Leibrock überzeugt, daß Olga die Zustimmung ihrer Eltern zu einer Ehe mit Strauß nicht erhalten würde. Ein Kapellmeister, wäre er noch so talentiert und außerordentlich erfolgreich, war für sie nicht ihresgleichen. Olgas Mutter, Jewdokija Akinowna, machte dies schließlich Strauß unmißverständlich klar."

 

So endete die Episode mit Olga im Leben des Walzerkönigs Johann Strauß. Die von Pauline de Swertschkof aufgeschriebene Romanze "Erste Liebe" von Olga Smirnitzkaja mag Strauß an seine gescheiterte Werbung erinnert haben.

 

[5]        "Klug Gretelein", Walzer für Gesang und Orchester, Op. 462

 

Am. 18. April 1895 veranstaltete die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien einen Festabend zur Erinnerung an die vor 25 Jahren erfolgte Eröffnung des neuen Gesellschaftshauses, also des von Theophil Hansen gestalteten Musikvereinsgebäudes, das damals am Ufer des noch nicht überwölbten Wienflusses lag. Das prächtige Haus, in dessen Goldenem Saal alljährlich die Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker stattfinden, wurde zu Beginn des Jahres 1870 in Anwesenheit des Kaisers Franz Joseph seiner Bestimmung übergeben und war seitdem das ideale Heim des Musiklebens in der Residenz der Habsburgermonarchie. Beim ersten großen Ball im Musikverein hatten am 15. Januar 1870 alle drei Struß-Brüder zum Tanz aufgespielt und ihre Widmungen persönlich vorgetragen: Johann seinen Walzer "Freuet euch des Lebens, op. 340, Joseph die Polka francaise "Künstlergruß", Op. 274 und Eduard die Polka Mazur "Eisblume", Op. 55. Nun wurde am 18. April 1895 ein Festkonzert mit anschließendem Ball vorbereitet. Engagiert wurde die Strauß-Kapelle unter Eduards Leitung. Sie spielte zunächst ein Programm mit klassischer und romantischer Musik (Haydn, Schubert, Schumann, Verdi und Jensen), dann präsentierte Johann Strauß seine Widmungskomposition, den Gesangswalzer mit Orchesterbegleitung "Klug Gretelein" (Text von A.M. Willner). Als Solistin hatte sich die Knnzertsängerin Olga von Türk-Rohn zur Verfügung gestellt.

 

Am 19. April 1895 berichteten alle Wiener Zeitungen aus führlich über das Festkonzert und den Ball im Musikverein. Das "Fremden-Blatt" referierte u.a.: "Die Piece de résistance des Abends war Johann Strauß' neuster Walzer 'Klug Gretelein', welchen der Meister der Gesellschaft der Musikfreunde gewidmet hat. Der Walzer baut sich auf dem Text von A.M. Willner auf, worin von klug Gretelein's einsamen Waldgange und dem dazugehörigen Räuber erzählt wird. Die Geschichte geht aber schr gut aus. Den Walzer trug Frau Olga Türk-Rohn unter Begleitung der von Johann Strauß dirigierten Strauß-Kapelle vor Es gab so starken Beifall, daß das Stück wiederholt werden mußte".

 

Das "Illustrirte Wiener Extrablatt" berichtete:

 

"Und 'Klug Gretelein? Es ist reizend, das jüngste Kind der Muse unseres Walzerkönigs, reizend und schlicht, volksthümlich gehalten und brillant instrumentiert. Der Walzer hebt ländlerartig an und wird dann effektvoll gesteigert, die Stimmen von Mutter und Tochter - Gretelein erhält von der Mutter eine Strafpredigt über den Ausflug in den Wald - sind wirksam auseinandergehalten, die einzelnen Motive haben Farbe und das Ganze ist von Klangreiz erfüllt."

 

Auch in diesem Bericht wird bestätigt, daß Strauß den Walzer wiederholen mußte. In der Folge ist das Werk eher in der Orchester - als in der Gesangsfassung aufgeführt worden. Es gibt dazu übrigens eine amüsante Pointe. Während das Werk in den Druckausgaben mit dem Titel "Klug Gretelein" veröffentlicht worden ist, hat der Komponist auf sein Autograph, das im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde verwahrt wird und für diese Aufnahme von Kapellmeister Pollack aufbereitet worden ist, einen anderen Titel geschrieben: das wienerische "Klug Gretelchen"!

 

[7]        "Wo Die Citronen blüh'n", Walzer für Gesang und Orchester, Op. 364

Im Jahre 1874 hat Johann Strauß für seine Italientournee, die er am 1. Mai antrat, einen Walzer komponiert und führte ihn am 9. Mai 1874 im Teatro Regio in Turin unter dem Titel "Bella Italia" zum ersten Mal öffentlich auf. In Österreich änderte Strauß diesen Titel und nannte das Werk "Wo die Citronen blüh'n". In Wien präsentierte die Kapelle Langenbach, die mit Johann Strauß die Italientournee bestritten hatte, das Werk unter dieser Bezeichnung zum ersten Mal am 10 Juni 1874 in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft.

 

Zwei Tage später löste im Theater an der Wien, das zum Sommerspielplan überging, die Première einer kunterbunten Szenenfolge aus Repertoirestücken des Hauses unter der Bezeichnung "Erinnerungen an bessere Zeiten" die Aufführungen der "Fledermaus" ab. Die Diva und Direktorin des Hauses, Marie Geislinger, trat darin in verschiedenen Rollen auf. Im Bestreben, sich eine weitere Attraktion zu verschaffen, beauftragte die Künstlerin Kapellmeister Richard Genée, eine Gesangsfassung des Walzers "Wo die Citronen blüh'n" herzustellen und diese zu textieren. Am 27. Juni 1874 fügte Marie Geistinger dem Quodlibet "Erinnerungen an bessere Zeiten" zum ersten Mal den Gesangswalzer "Wo die Citronen blüh'n" ein und errang mit dem virtuosen Vortrag des Werkes außerordentlichen Beifall. Das "Fremden-Blatt" konstatierte am 28. Juni 1874 u.a.: "Das Motiv dieses Walzers ist äußerst sinnig erdacht und in der Durchführung waltet der lyrische Ton vor, welcher mit duftiger Zartheit ist. Das Tonstück, welches Frl. Geistinger mit viel Geschmack und mit besonders glücklicher Behandlung der Koloraturstellen vortrug, fand den lebhaftesten Anklang und der Beifall legte sich nicht eher, als bis die Künstlerin einen Teil des Walzers wiederholte."

 

Für diese Aufnahme wurde die Originalfassung des Walzers in der Bearbeitung durch Richard Genée verwendet. In dieser Form ist das Werk ab dem 27. Juni 1874 im Theater an der Wien vorgetragen worden.

 

[8]        Neuer Csardas für "Die Fledermaus"

 

Die berühmte Strauß-Operette "Die Fledermaus", die am 5 April 1874 im Theater an der Wien zum ersten Mal gespielt worden ist, wurde im Oktober 1894, anläßlich der Feiern zum 50. Dirigenten - und Komponistenjubiläum des Walzerkönigs, auch in der k.k. Hofoper an der Wiener Ringstraße in einer Festvorstellung zugunsten des Pensionsfonds der Künstler aufgeführt.

 

Den Künstlern der Hofoper und natürlich auch Johann Strauß zuliebe hatte die Direktorin des Theaters an der Wien, Alexandrine von Schönerer, das ihr zustehende Aufführungsrecht für "Die Fledermaus" der Hofoper überlassen. Dieser Vorgang wiederholte sich in den folgenden Jahren; zugunsten des Pensionsfonds fanden auch weitere "Fledermaus" - Aufführungen im Haus am Ring statt.

 

Die für den 6. Januar 1897 vorbereitete Aufführung des Werkes in der k.k. Hofoper erregte das besondere Interesse sowohl des Publikums als auch des Komponisten Johann Strauß. Als Rosalinde war die zu Recht berühmte und beim Publikum überaus beliebte Sängerin Marie Renard (eigentlich Marie Pölzl, 1864-1939) vorgesehen, die auch von Strauß sehr geschätzt wurde, seit sie im Jahre 1892 in seiner komischen Oper "Ritter Pasman" mit bezwingendem Charme die Rolle der Eva verköpert hatte. Da Marie Renard als Mezzosopranistin fürchtete, die exponierte Lage des Original-Csardas in der Operette "Die Fledermaus" nicht bewältigen zu können, schrieb Johann Strauß gegen Ende des Jahres 1896 für Marie Renard einen neuen Csardas und ließ die Stimmen der Oper zur Verfügeng stellen.

 

Aber die Künstlerin zog es dann vor, auch als Rosalinde im zweiten Akt der Operette ihren "Eva-Walzer" aus "Ritter Pasman" zu singen. Der neue Csardas wanderte ins Archiv. Er blieb unveröffentlicht, wurde allerdings-gekürzt und als reines Instrumentalstück - im Ballett "Aschenbrödel" zitiert. Dieser Wiedergabe liegt die Originalfassung des neuen Csardas zugrunde.

 

[9]        "Wenn du ein Herzig Liebchen hast", Lied

 

Am 14. Dezember 1879 überraschte Eduard Strauß das Publikum seiner Sonntagskonzerte im Musikverein mit einer Rarität; er präsentierte die Instrumentalfassung eines Liedes, das sein Bruder Johann soeben auf einen Text des Schriftstellers August Silberstein (1827-1900) komponiert hatte. Wenig später wurden Melodie und Text des Liedes "Wenn Du ein herzig Liebchen hast" im dem dereinst von Johann Nepomuk Vogl gegründeten, damals von Silberstein herausgegebenen, "Volks-Kalender", Jahrgang 1880, Verlag C. Fromme, Wien, veröffentlicht. Es handelte sich um ein einfaches Liedchen zu dem Text:

 

"Wenn Du ein herzig Liebchen hast, sei treu, sei treu!

Die rechte Zeit ist bald verpaßt, dann kommt die Reu'."

 

Angeregt dazu hatte Strauß wohl die Verbindung mit Angelika Dittrich,die am 28. Mai 1878 die zweite Gattin des Walzerkönigs geworden war. Aber es sollte sich zeigen, daß Johann's Treue nicht ausgereicht hat, die Ehe Johannes mit Lili bestehen zu lassen. Als Lili ihn verlassen hatte, kam - zwar nicht gleich, aber später schmerzlicher - tatsächlich "die Reu" für die untreue Lili!

 

Die Instrumentalfassung des Liedes "Wenn Du ein herzig Liebchen hast" ist nicht erhalten geblieben, die Publikation im "Volks-Kalender" des Jahres 1880 hat Fritz Racek wieder in Erinnerung gerufen, als er in der "Österreichsichen Musikzeitschrift" das Lied neu publizierte. Nach dem "Volks-Kalender" hat Christian Pollack das Lied für diese Aufnahme orchestriert.

 

[10]      "Frühlingsstimmen", Walzer für Gesang und Orchester, Op. 410

 

Im Winter 1882/1883 wurde Johann Strauß eingeladen, für die Koloratursängerin Bianca Bianchi (richtiger Name: Bertha Schwarz, 1855-1947) einen Gesangswalzer zu komponieren. Die gefeierte Künstlerin wardamals Mitglied des Wiener Hofoperntheaters. Johann Strauß nahm die Einladung an und stellte das Werk im Februar 1883 fertig, sodaß es im Rahmen einer Wohltätigkeitsmatinèe im Theater an der Wien am Nachrnittag des 1. März 1883 von Bianca Bianchi vorgetragen werden konnte. Den Text hatte Richard Genée beigesteuert; der gewandte Kapellmeister und Librettist, der damals zusammen mit Johann Strauß an der Fertigstellung der Operette "Eine Nacht in Venedig" arbeitete, hat wohl auch zum idealen Zusammenspiel von Singstimme und Orchester bei der Niederschrift des Werkes seinen Teil beigetragen. Werk und Auffürung am 1. März 1883 hatten einen vollen Erfolg; die Künstlerin mußte sich sofort zu einer Wiederholung des Walzers bereitfinden.

 

Bianca Bianchi erkannte den hohen Reiz diese Gesangswalzers und sang die "Frühlingsstimmen" eine Woche später als Einlage bei einer Aufführung der Oper "Der König hat's gesagt" von Leo Delibes in der Wiener Hofoper. Es war wohl die erste Aufführung einer Strauß-Komposition auf der Bühne des Hauses am Ring.

 

[12]      "Erster Gedanke"

 

Am 10. August 1881 berichtete das "Fremden-Blatt": "Eine interessante Gabe ist heute erschienen. Dieselbe führt den Titel 'Erster Gedanke' von Johann Strauß (Salmansdorf 1831), herausgegeben von Frau Johann Strauß. Es ist der erste Walzer, den Johann Strauß als sechsjähriger Knabe komponiert hat. Das Reinerträgnis der Herausgabe des Walzers, dessen Wiederherstellung Frau (Lili) Strauß, die Gemahlin des Kompositeurs besorgt hat, ist dem Spar- und Unterstützungsverein für kranke Kinder gewidmet."

 

Am nächsten Tag erschien das vom Verlag Gustav Lewy in Auftrag gegebene Inserat in zahlreichen Zeitungen, darunter auch im "Fremden-Blatt".

 

Die Freunde des Komponisten wußten selbstverständlich, daß sich der kleine Johann Strauß im Sommer 1831 mit seinem Bruder Joseph und seiner Mutter Anna im Landhaus der Großeltern im Vorort Salmansdorf (das heute noch besteht und zu einer Gedenkstätte geworden ist) aufgehalten hat und daß sich-darin ein Tafelklavier befunden hat, auf dem der Sechsjährige gespielt hatte. Trotzdem war man sich nicht recht im Klaren, woher die - nach der Familienüberlieferung von Mutter Anna heimlich aufgeschriebenen - Noten stammen. Erst im Jahre 1898 hat Johann Strauß selbst die Herausgabe des "Ersten Gedankens" nachträglich gerechtfertigt; er schrieb die Noten eigenhandig als Widmung für seinen Neffen Johann Georg Simon (geb. 1887) noch einmal auf. Es muß sogar ein Orchesterarrangement des kurzen Stückes gegeben haben. Denn als am 22. März 1882 im Musikverein ein Wohltätigkeitsfest zu Gunsten der damals ins Leben gerufenen Ferienkoloien für bedürftige Wiener Kinder abgehalten wurde, dirigierte Johann Strauß an der Spitze des Orchesters den "Ersten Gedanken" und daran schließend seinen neuesten "Kuß-Walzer", Op. 400, dessen Erstausgabe seiner Gattin Angelica gewidmet worden war. Lili Strauß, die wegen ihrer sozialen Engagements heute noch in der Chronik der Gemeinde Schönau bei Leobersdorf gern erwähnt wird, war bei der Durchführung der Ferienaktion für bedürftige Kinder beteiligt. Leider sind die Noten dieser Aufführung nicht erhalten - die Klavierfassung des "Ersten Gedankens" wurde daher von Michael Rot für Orchester arrangiert.

 

[13]      "Odean-Walzer", ohne op.

 

Am 26. Januar 1908 fanden die Musikfreunde Wiens in den Zeitungen eine Nachricht, die viele überraschte. Im "Fremden-Batt" und in anderen Journalen wurde ein Konzert des Tonkünstlerorchesters im Ronacher unter der Leitung des Gastdirigenten Carl Michael Ziehrer angekündigt. Da hieß es:

 

"Ferner gelangt von Johann Strauß als Uraufführung der 'Odeon-Walzer' unter der Leitung Ziehrers zum Vortrag."

 

Im Annoncenteil der Zeitungen war zu lesen: "Ein neuer Walzer von Johann Strauß, aus dem Nachlaß, 'Odeon-Walzer', gelangte heute im Konzert des Tonkünstlerorchesters zur Aufführung. Das Werk erscheint für Klavier sowie großes, kleines und Salonorchester im Verlag Josef Weinberger."

 

Am nächsten Tag wurde diese Werbung mit etwas verädertem Text wiederholt. Nun hieß es: "Der brillante 'Odeon-Walzer' von Johann Strauß (aus dem Nachlasse), welcher bei der Uraufführung im letzten Sonntags-Konzert des Wiener Tonkünstlerorchesters stürmischen Beifall fand, erschien soeben im Verlag Weinberger."

 

Ein Referat überd.s Konzert am 26. Januar 1908 war in den Zeitungen nicht zu finden. Im Februar 1908 bot sich eine weitere Gelegenheit, den "Oden-Walzer" dem Publikum zu präsentieren. Am 18. Februar 1908 fand im Theater an der Wien eine Akademie für die Errichtung eines Johann Strauß-Denkmals statt. Zunächst dirigierte Franz Lehar den "Kaiser-Walzer", Op. 437, von Johann Strauß. Dann folgte der Einakter "Der Götterliebling" von Leo Feld. "Hierauf wurde ein Walzer aus dem Nachlasse von Johann Strauß, welchen Kapellmeister Robert Stolz dirigierte, zu Gehör gebracht. Zum Schluß wurde der zweite Akt der Operette 'Die Fledermaus' in ausgezeichneter Besetzung aufgeführt." ("Wiener Zeitung", Abendpost, Nr. 41, 19.2.1908)

 

Im "Fremden-Blatt" erschien, ebenfalls am 19. Febru.r 1908, ein Bericht, in dem es u.a. hieß: "Später hörte man die erste Aufführung des 'Odeon-Walzers' aus dem Nachlaß des Meisters, eines melodisch und rhythmisch echten Johann Strauß, von Kapellmeister Stolz dirigiert." Der Walzer war allerdings nur für das Publikum neu. Fachleute kannten es seit dem Jahre 1901, als das Werk als "Nachgelassener Walzer Nr. 3" und unter dem Titel "Jung Wien" von Josef Weinberger in seinen Verlag genommen wurde. Weinberger hatte damals das Werk - zumindest die Klavierfassung - herstellen lassen. Eine Ausgabe unter dem Titel "Jung Wien" ist erhalten. Aber es gibt keinen Hinweis darauf, daß diese Ausgabe auch verkauft worden ist. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit hat der Verlag in den Zeitungen keine Inserate erscheinen lassen, in denen auf die Edition von "Jung Wien" hingewiesen worden wäre.

 

Dieser Titel stellt allerdings eine Verbindung zum "Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin" her, das unter der Leitung Felix Saltens ab 16. November 1901 Vorstellungen auf der Bühne des Theaters an der Wien veranstaltete. Wiener Musiker und Literaten reagierten mit diesem Unternehmen auf das "Bunte Theater" mit dem Beinamen "Überbrettl", das am 18. Januar 1901 in Berlin durch Ernst von Wolzogen und seinem aus Wien stammenden Kapellmeister Oscar Straus gegründet worden war und europaweit Aufsehen erregt hatte. Das Wiener Unternehmen, für dessen Start Adèle Strauß den von Adolf Müller junior am 23. April 1901 nach Motiven von Johann Strauß arrangierten "Nachgelassenen Walzer Nr. 3" zur Verfügung gestellt hatte, fand beim Publikum wenig Beachtung und mußte schon nach kurzer Zeit eingestellt werden.

 

Ob der Walzer "Jung Wien" am Premierenabend tatsächlich gespielt worden ist, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit ermitteln. Die Aufführung wurde zwar in allen Zeitungen angekündigt, aber in den Berichten über die erste Vorstellung des "Jung-Wiener Theaters" fehlt ein entsprechender Hinweis auf den nachgelassenen Walzer von Johann Strauß. Eine Ausnahme macht nur ein Mitarbeiter der "Wiener Zeitung": er erwähnt als Einziger das Werk in seinem Referat. In den Programmen der wenigen, folgenden Abende ist der Walzer jedoch nicht enthalten.

 

Sicher hingegen ist die Präsentation des nunmehr als "Odeon-Walzer" bezeichneten "Nachgelassenen Walzer Nr 3" imJahre 1908, undzwar sowohldurch dieerwähnten Aufführungen als auch durch die Edition der Noten durch die den Verlag Weinberger (Inserate in zahlreichen Zeitungen) Einen Hinweis auf die neue Bezeichung des Werkes gibt ein Vermerk auf der Erstausgabe dieser verweist auf die InternationaleTalking Machine CombH, Berlin Weissensee, und das Label dieser Gesellschaft hatte den Namen "Odeon".

 

[14]      "Ein Gstanzl vom Tanzl"

 

Am 20. Januar 1894 veranstalteten Adèle und Johann Strauß im Palais in der Igelgasse einen Hausball, der zugleich das Geburtstagsfest für die Tochter Adèles, Alice Elisabeth Katharina Maria Strauß, sein sollte. (Alice ist am 23. Januar 1875 zur Welt gekommen.) Aus diesem Anlaß vertonte Johann Strauß drei kurze Strophen, die sein Freund Ludwig Doczi - der Textdichter der wenig erfolgreichen, komischen Oper "Ritter Pasman" - verfaßt hatte:

 

"Von der Erd' bis zum Himmel,

ein gewaltiger Schritt,

denn die Engel könne singen,

aber Tanzen thun's nit.

 

Die Musi und die Sprach' werd'n

als göttlich verehrt,

aber der Tanz, der ist menschlich

und bleibt auf der Erd¡¦.

 

Denn der Tanz ist die Sprach' für

zwei Herzen, die schlag'n,

für zwei Leut', die sich gern hab'n,

und derfen's nit sag'n."

 

Über seine Verse hat Ludwig Doczi geschrieben: "Ein Gstanzl vom Tanzl". Johann Strauß ließ Text und Noten auf ein Schmuckblatt drucken und versah dieses mit der Widmung: "Zum Geburtstag meiner Tochter Alice". Adèle hat das "Gstanzl vom Tanzl" im Mai 1894 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bei einem von Pauline Fürstin Metternich arrangierten Augarten-Fest (28. Mai 1894) vertrieb Adèle ein "speziell für das Fest komponierts 'Gstanzl vom Tanl' vom Schani Strauß, das selbstverständlich reißenden Absatz fand. Es hat sich wohl um die Geburtstagsgabe ihres Gatten für Alice gehandelt.

 

PS.:      Später, viel später, hat der Chormeister des Wiener Männergesangvereins, Viktor Keldorfer, eine erweiterte Fassung des "Gstanzl" herausgebracht., das mit einem Lobpreis auf den Komponisten schließt. Diese Version wurde bei dieser Aufnahme nicht berücksichtigt. Die Originalfassung wurde von Michael Rot für Gesang und Orchester arrangiert.

 

[15]      "Dolci Pianti", Lied

 

Im Sommer 1863 komponierte Johann Strauß für seine Gattin Jetty Treffz, die ihn nach der Hochzeit im August 1862 zum ersten Mal nach Pawlowsk bei St Petersburg begleitet hatte, ein Lied mit dem Text "Dolci pianti". Der Komponist berichete darüber seinem Verleger Carl Haslinger nach Wien im Jurn 1863: "Bekommst a Liedl von mir, das

in Verdi'schem Styl gehalten a Schand ist."

 

Am 8. Juli 1863 machte Jetty, ebenfalls in einem nach Wien adressierten Brief, für das Werk Reklame und plauderte ein wenig über die Entstehungsgeschichte:

 

"Mein lieber, lieber Jeanybub ward von mir verführt, ein Lied für mich zu schreiben, in italienischen Stvle aber gutem italienischen Styl und es fiel so herrlich aus, daß es mein cheval de bataille its. Denselben Text componierte auch Thalberg, allein Jeany's Composition ist weit, weit besser, schöner und dankbarer. Es ist mit Cello und Harfe geschrieben u. von meiner Wenigkeit vorzüglich gut (natürlich!) gesungen worden. Wollen Sie diese, wahrscheinlich dem Kaiser aller Reussen gewidmete u. von ihm huldvoll angenommene Composition als Ihr Eigenthum haben, so bitte ich, es Jeany umgehend wissen zu lassen und zu bestimmen, wieviel Hunderter Sie gewillt sind, dafür zu geben? Das Lied ist für Mezzo Sopran u. wird so gehen wie die ersten Semmein nach einer Hungersnoth."

 

Dann war Johann Strauß an der Reihe: "Das Lied kommt ehestens in Deinen Besitz. Dienstag spiele ich dasselbe (für Cello und Harfe arrangiert) zum ersten Male in meinem Beneficekonzert." (D. i. Am 18. (6.) August 1863.)

 

Am 24. August 1863 schrieb wieder Jetty: "Zu Jean's zweitem Benefice machte er mein Lied, das Jean für Cello, Harfe und Orchester schrieb; es muß immer wiederholt werden u. klingt ganz reizend. Dieses zur Romanze umgestaltete Lied ist Sr. Excellenz Dr Karell, dem 1. Leibarzt des Kaisers gewidmet."

 

Die Instrumentalfassung von "Dolci pianti" wurde bereits auf Volumen 34 berücksichtigt. Nun folgt also die Liedfassung, die sich - obwohl das Original verloren gegangen ist - in einigen Abschriften erhalten hat. Die Aufnahme präsentiert die in der Wiener Stadt - und Landesbibiothek verwahrte Abschrift. Die Orchestrierung stammt von Michael Rot.

 

Amm.:  Der Wiener Verleger Carl Haslinger verzichtete auf die Herausgabe

sowohl des Liedes "Dolci pianti" als auch der Fassung als Romanze.

 

[16]      Nachgelassener Walzer, Nr. 4 (ohne Opuszahl)

 

Nach dem Tod des Meister Johann Strauß am 3. Juni 1899 sorgte seine Witwe Adèle dafür, daß sein unvollendetes Ballett "Aschenbrödel" durch den Hofopernkapellmeister und Komponisten Josef Bayer (1852-1913) ergänzt wurde. Indessen stellte der Kapellmeister des Theaters an der Wien, Adolf Müller junior (1839-1901) aus Tanzkompositionen des Verstorbenen die Musik zur Operette "Wiener Blut" fertig, die am 26. Oktober 1899 im Carl-Theater zum ersten Male aufgeführt wurde. Adèle Strauß, die später - nach der Uraufführung der Operette "Die lustige Witwe" von Franz Lehár am 30. Dezember 1905 - wegen ihres eifrigen, aber von manchen Zeitgenossen als aufdringlich empfundenen Eintretens für den Nachruhm ihres Gatten mitunter als "Lästige Witwe" bezeichnet worden ist, war es wohl auch, die Adolf Müller dazu brachte, aus dem musikalischen Nachlaß des Walzerkönigs vier Werke zu gestalten.

 

Adolf Müller hat diese Arbeit im Jahre 1900 ausgeführt, und zwar wurde der Klavierauszug des "Nachgelassenen Walzers Nr. 1" mit 12. Mai 1900 datiert, der "Nachgelassene Walzer Nr. 2" mit 16. Mai 1900, der "Nachgelassene Walzer Nr. 3" mit 19. bis 23 April 1900 und der "Nachgelassene Walzer Nr. 4" (Klavierauszug) mit 24. bis 26. April 1900.

 

Drei dieser "Nachgelassenen Walzer" erhielten bei ihrer Uraufführung einen Titel: Walzer Nr. 1 heißt seitdem: "Ischler-Walzer" (Vol. 45 dieser Gesamtaufnahme), der Walzer Nr. 2: "Abschieds-Walzer" (Vol. 39), der Walzer Nr. 3 wurde zunächst als "Jung Wien" und schließlich im Jahre 1907 als "Odeon-Walzer" bezeichnet (Vol. 50). Der "Nachgelassene Walzer" Nr. 4 blieb ohne Titel. Im Gegensatz zu den anderen drei Werken sind bei diesem Walzer weder Partitur noch Stimmen im Druck erschienen.

 

Die erste Aufführung des "Nachgelassenen Walzers Nr. 4" dürfte am 23. Oktober 1903 unter der Leitung von Arthur Zemlinsky (1871-1942) erfolgt sein, und zwar anläßlich der 300. Aufführungder Operette" Der Zigeunerbaron" im Theater an der Wien. In mehreren Wiener Zeitungen erschien damals folgende Vorankündigung:

 

"Der Direction des Theaters an der Wien wurde Mittheilung gemacht, daß in der Verlassenschaft von Johann Strauß ein bisher unbekannter Walzer des Meisters sich vorgefunden hat. Director Karczag wandte sich sofort an die Witwe des Meisters und bestimmte sie, die Tanzdichtung dem Theater an der Wien zu überlassen. Dem Wunsche wurde Rechnung getragen."

 

Aus den zahlreichen Berichten über die Aufführungen des bisher unbekannten Walzers und der Operette "Der Zigeunerbaron" seien die Rezensionen aus dem "Fremdenbiatt" (Nr. 293, vom 24.10.1903) und aus dem "Neuen Wiener Tagbaltt" (Nr. 293 vom 24.10.1903) herausgegriffen. Darin heißt es:

 

"Zu Beginn der Vorstellung bekamen wir etwas ganz Neues zu hören einen neu entdeckten Walzer von Johann Strauß, der erst jüngst aus dem Künstlerrischen Nachlaß des Meisters ausgegraben war und den Zemlinsky mit Schwung und Feuer dirigierte. Der Walzer selbst, der im Charakter manchen Stellen des 'Frühlingsstimmen-Walzers' ähnelt, wurde mit warmem Beifall aufgenommen."

 

"Die Direction hatte der Witwe von Johann Strauß eine Proszeniumsloge eingeräumt und auch den gegenwärtig in Wien weilenden Komponisten Sydney Jones zur Vorstellung eingeladen Den Beginn des Abends machte die Vorführung eines nachgelassenen Walzers von Johann Strauß. Das Musikstück trägt das Gepräge des Meisters; es ist eine hinreißende Auffoderung zum Tanze."

 

Die Melodie jenes Walzer-fragments, die Adolf Müller in der Introduction des "Nachgelassenen Walzers Nr. 4" und im ersten Walzerteil verwendt hat, wurde allerdings erst populär, als sie der Kapellmeister und Komponist Oscar Stalla (1879-1953) zusammen mit dem Trio der "Olga-Polka", op. 196, von Johann Strauß in seiner Operelle "Die Tänzerin Fanny Elssler" (Uraufführung im Jahre 1934) verwendete und sie mit dern Text "Draußen in Sievering blüht schon der Flieder" aufführen ließ. Das Lied wurde zum Schlager und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Der "Nachgelassene Walzer Nr. 4" aber wurde vergessen. Für diese Aufnahme wurde die in der Wiener Stadt und Landesbibliothek verwahrte Handschrift Adolf Müllers venvendet.


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