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8.223335 - HINDEMITH: Piano Works, Vol. 1
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Paul Hindemith (1895- 1963) Tanzstücke (Dance Pieces), Op

Paul Hindemith (1895-1963)

Tanzstücke, op. 19

"In einer Nacht", op. 15

"1922" Suite für Klavier, op. 26

Lied (1921)

Kleines Klavierstück (1929)

Berceuse (1921)

 

Hindemith war als Instrumentalist vor allem Streicher. Er war ein sehr guter Geiger - mit 20 Jahren wurde er Konzertmeister der Frankfurter Oper - aber einer der herausragenden Solo-Bratscher seiner Zeit. Das Spiel aller übrigen Instrumente - "Harfe spiel' ich nich'" hat er mir einmal auf meine Frage, welche Instrumente er spiele, gesagt -, so auch des Klaviers, wird er wohl hauptsächlich als Autodidakt erlernt haben. Vielleicht hatte er bei seinem Studiengang Klavier als Pflichtfach vorgeschrieben. Die Hindemith-Biografen geben keinen namentlichen Hinweis auf einen Klavierlehrer. Vielleicht war es gerade dieser Umstand, daß er auf diesem Instrument, dessen er sich "unbelastet" von akademischer Schulung für virtuose und klangliche Verfeinerung bediente, früh am weitesten vorpreschte und die heftigsten Attacken gegen Konvention und alles allzu "Weihevolle" in der Kunst ritt. In einer frühen biografischen Notiz teilt er mit, er hätte folgende musikalische Gebiete "beackert": Kammermusik aller Art, Kino, Kaffeehaus, Tanzmusik, Operette, Jazz-Band, Militärmusik. In seiner eigenen Musik griff er die Elemente fast aller dieser Musik-Arten auf und band sie zu einer frischen Demonstration von Vitalität, die auch diebisches Vergnügen an der Opposition gegen die Verstaubtheit von Traditionen mit einschloß.

 

Aus zwei Quellen werden die Tanzstücke op. 19 vor allem gespeist: Aus der gerade aktuellen Gebrauchsmusik für Publikumstanz, deren Charakteristika er freilich verfremdet und manchmal mit Dissonanzen "überwürzt", und seinem frühen Interesse für bewegungsmaßige Ausdeutung und Umsetzung von Musik im künstlerischen Sinn, wie es sich auch spater noch in der Komposition mehrerer Ballette zeigt. Letzteren Aspekt erweist vor allem das vierte der Stücke op. 19, die "Pantomime".

 

Provokative Freude an der Dissonanz, Aufgreifen von akademisch noch nicht "geheiligten" vulgären Tanzformen der Gegenwart ("Foxtrott"), finden sich auch im Zyklus "In einer Nacht" op. 15 (entstanden 1919). Spaßhafte Bezugnahmen auf Opern und Zitate aus ihnen weisen auf die berufliche Tätigkeit Hindemiths hin: Er war seit 1915 Konzertmeister in der Frankfurter Oper. So denkt er in der ironischerweise so bezeichneten "Programm-Musik", in der sich Kuckuck und Uhu gegenseitig imitieren, an die Kuckucksrufe im Wald von Humperdincks "Hansel und Gretel", im "Bösen Traum" laßt er eine rasche Melodie aus "Rigoletto" sich in jammervoller Weise in der Mittelstimme hinschleppen und eine abschließende "Doppelfuge" ironisiert auf bombastische Weise allen kontrapunktischen "Komfort". Aber neben diesem Bürgerschreck-Gehabe ist auch ein anderes, wesentliches Element Hindemiths schon vorhanden: Stille, Lauschen, In-sich-Gekehrtheit. "In dem täuscht Ihr Euch alle, der ist ganz anders..." hatte schon sein Kompositionslehrer Bernhard Sekles über Hindemith gesagt. Manche Stücke des Zyklus verleugnen ihre Herkunft vom Impressionismus nicht, und besonders die ersten der Miniaturen erweisen Jahre noch vor Bartóks "Klängen der Nacht" und der unheimlichen Lautmalerei des "Teiches" aus Bergs "Wozzek" eine neue Möglichkeit, Naturerlebnis in die Musik einzubringen ("Müdigkeiten", "Phantastisches Duett zweier Bäume vor dem Fenster", "Rufe in der horchenden Nacht"...).

 

Berühmt wurden die Sätze, die Hindemith dem "Ragtime" seiner Suite "1922" voranstellte:

 

Mode d'emploi - Direction for Use!!

 

Nimm keine Rücksichten auf das, was Du in der Klavierstunde gelernt hast. Überlege nicht lange, ob Du DIS mit dem vierten oder sechsten Finger anschlagen mußt. Spiele dieses Stück sehr wild, aber stets sehr stramm im Rhythmus, wie eine Maschine. Betrachte hier das Klavier als eine interessante Art Schlagzeug und handle dementsprechend.

 

In Analogie zu den barocken Suiten, etwa Bachs, komponierte Hindemith dieses Stück, wobei er aber anstelle der traditionellen Sätze wie Allemande, Courante, Sarabande etc. stilisierte Formen aktueller Modetänze aneinanderfügte. Provokation durch gepfefferte Dissonanzhäufungen war hier Absicht und Triebkraft. Mit einer grellen Fanfare beginnt ein robuster "Marsch", es folgt ein "Shimmy" (ein "Schleichtanz"), an 4. und 5. Stelle stehen ein (walzerähnlicher) "Boston" und das "schlagkräftige" "Ragtime". Zentrum und Herzstück aber ist ein "Nachtstück", deutlich in Analogie zur barocken "Sarabande" und in ruhigem Dreischlag wie diese, mit der wieder der "andere", der nach innen lauschende Hindemith sich meldet.

 

Vor dem Hintergrund tendenziell und qualitativ gewandelten Anspruchs, den Hindemith an seine Musik stellte, ist seine spätere Abkehr von seinem Frühwerk und damit auch von dieser Suite verständlich. "Och, dieser alte Wurm" sagte er einmal gesprächsweise im Hinblick auf dieses Stück. Ich finde jedoch, daß man dieses Werk, das bald nach seiner Entstehung Aufsehen erregte und viel gespielt wurde, ein wenig in Schutz nehmen muß vor dem spateren Urteil seines Schöpfers: Ich halte mich an das, womit es, bei größer werdender zeitlicher Distanz, immer noch beeindrucken kann: Die Geheimnishaftigkeit seines "Nachtstückes" und den mitreißenden Schwung der umgebenden Ecksätze.

 

Drei kleine Stücke sind Nebenprodukte, "Albumblätter":

 

Im Skizzenbuch 1919 bis 1923 findet sich ein "Lied" von ruhig-meditativem Charakter, in der Tonalität G, entstanden 1921 in Barcelona. Ein "kleines Klavierstück", gleichfalls in G, geschrieben 1929 in Prag, ist ein Erinnerungsblatt für Frau Josefine Grosz. "Berceuse" heißt das dritte kleine Stück nun sehr ironischerweise, denn seine bis zum vierfachen forte gesteigerten gehämmerten Akkorde weisen es als das gerade Gegenteil eines sanften "Wiegenliedes" aus. Es ist als kleiner Spaß bei den Kammermusiktagen Donaueschingen 1921 entstanden, die Hindemith durch die Uraufführung seines Streichquartetts op. 16 weithin berühmt machten. Im Gefolge besonderer Anstrengung stellt sich im Musiker-Freundeskreis mitunter wohl auch Blödel-Laune ein, sodaß auf dem Manuskript-Blatt unserer "Berceuse für das Klavierpianoforte" empfohlen wird: "Stündlich nicht mehr als 1 Esslöffel einnehmen.- Neue, sehr verbesserte und unbedingt annehmbare Ausgabe. (Ungefährlich !!!!)"

 


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