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8.223336 - HINDEMITH: Piano Works, Vol. 2
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Paul Hindemith (1895- 1963) Klaviermusik (Piano Music), Op

Paul Hindemith (1895-1963)

Klaviermusik op. 37:

Übung in drei Stücken, op. 37/I

Reihe kleiner Stücke, op. 37/II

Sonate, op. 17 (aus den Skizzen rekonstruiert von Bernhard Billetter)

Zwei kleine Klavierstücke (1934)

Übung in drei Stücken, op. 37/I

 

In Hindemiths Bratschen-Solosonate op. 25/I findet sich die Anweisung: "rasendes Zeitmaß, wild, Tonschönheit ist Nebensache". Ähnliche Worte könnten für viele schnelle Sätze des frühen Hindemith gelten: Gefragt ist nicht Eleganz und Glätte, sondern Intensität, Rauhheit, Aggressivität eines stürmischen Bewegungsimpulses als Ausfluß einer überquellenden Vitalität. Auch die Nummern l, 3 und der Schluß der Nummer 2 der 1924/25 komponierten "Übung in drei Stücken" leben aus dem mitreißenden Schwung einer solchen Sturm- und Dranggesinnung. Übrigens bedeutet hier "Übung" natürlich nicht etwa "Fingerübung", sondern (Musik-) "Ausübung" entsprechend der barocken Terminologie.

 

Die Nummer 1 ist rondomäßig angelegt, in scheinbar gleichmäßig ablaufende Sechzehntel sind allerlei rhythmische Vertracktheiten eingebaut. In zwei Alternativteilen vernimmt der anfangs irritierte Hörer wiederkehrende sforzato-Töne oder-Akkorde von boshafter Insistenz, die an einen Kratzer in einer Schallplatte denken lassen.

 

Das zweite Stück ("Langsame Viertel") besteht aus einem breiten, meist zweistimmigen Gesang von bohrend-beschwörendem Charakter, der, sich in der Dynamik steigernd, zweimal wiederholt wird, immer umschwirrt und eingehüllt von farbigen Klangschleiern wechselnder, von den beiden Händen in Gegenbewegung gespielten Zweiunddreißigstel-Figuren. Dieses gleichsam litaneihafte Beschwören mündet in eine schnelle Stretta, ein Ostinato, in dem über dem 45 mal wiederholten Motiv der absteigenden Quart b-as-ges-f ein immer turbulenter werdendes Geschehen von geradezu wütender Verbissenheit abläuft.

 

Hindemith schrieb ein ähnliches Ostinato über die absteigenden vier Töne als Abschluß des 2. Aktes seiner Oper "Cardillac". Es bildet dort die Musik zu dem szenischen Moment, in dem der dämonische Goldschmied Cardillac im schwarzen Mantel, den Dolch in der Hand, in die Dunkelheit davonstürzt, um durch Raubmord den soeben verkauften Goldschmuck zurückzugewinnen. Zu dieser Szene bildet unsere Stretta ausdrucksmäßig eine deutliche Parallele, die ostinaten absteigenden vier Töne bedeuten gleichsam eine wahnhafte, unentwegt quälende fixe Idee.

 

Die Nummer 3, ein "Rondo", gehorcht einem ähnlichen Bewegungsimpuls wie das erste Stück, wobei die rhythmischen Komplikationen noch gesteigert sind. (Hindemith: "Ich habe ziemlich lange daran gearbeitet..."). Hindemith beschäftigte sich zu dieser Zeit auch intensiv mit den Möglichkeiten mechanischer Musikinstrumente. Für die Vorführung solcher Instrumente hat er dieses Rondo auf Welte-Rollen übertragen lassen.

 

Über die "Übung in drei Stücken" schreibt Hindemith an seinen Verleger: "Nach genauem Durchlesen habe ich das Gefühl, als sei Das eine anständige Musik, vor allen Dingen ist es ein stubenreiner Klaviersatz." das bedeutet in diesem Fall: Linearer, meist zweistimmiger Satz in den schnelllen Teilen, Einbeziehung von Akkordzerlegungen als Begleitklänge im zweiten Stück, die eine fast ravelsche Klangphantasie erweisen.

 

Reihe kleiner Stücke, op. 37/II

 

Die "Reihe kleiner Stücke", 1926 komponiert, ist wohl das bedeutendste Klavierwerk des frühen Hindemith: Die ausdrucksmäßige Spannweite der technisch anspruchsvollen Stücke ist groß: Sie reicht vom dissonanzfreudigen Pathos des Eröffnungsstückes, dessen "punktierter" Rhythmus an eine barocke "französische Ouvertüre" denken läßt, über ein poetisch zartes "Lied" (Nr. 2), über eine Art "Invention", die kanonisch gearbeitet ist (Nr. 3), über Zartes (Nr. 4), Intensiv-Rubatohaftes (Nr. 5), über Stücke, in denen ein stürmischer Bewegungsimpuls dominierend ist (Nr. 6, 7), über flüchtig Vorbeihuschendes (Nr. 8) hin zu drei Trios (Nr. 9, 10, 11), dreistimmigen Stücken von denen das erste zart lyrisch, das zweite bewegungsintensiv, das dritte ein Fugato mit 12 Themeneinsätzen ist, das vom fortissimo des Beginns dynamisch abnimmt bis zum pianissimo des Schlußes. Den Trios folgen zwei Stücke, die die erstkomponierten der Reihe sind und ursprünglich die Bezeichnung "Ernstes Stück" (Nr. 12) und "Lustiges Stück" (Nr. 13) führten. Das "Ernste Stück" lotet die Möglichkeit aus, durch Dissonanzen tiefen Schmerz auszudrücken und läßt an die extreme Ausdrucksintensität der "Pietà" aus Hindemiths "Marienleben" denken. Nach überlieferten Worten Hindemiths solle es "wie Schumann" gespielt werden. Die Stimmung wendet sich ins Gegenteil. Nach dem kurzen "Lustigen Stück" wird in der abschließenden Nummer 14 die "Lustigkeit" bis zur Ausgelassenheit gesteigert: Es ist eine rechte Tingel-Tangel- Musik, die Hindemith im 10. Bild seiner Oper "Neues vom Tage" verwendet. Dort steht die Anweisung: "Zur folgenden Musik werden Tanz und Varieténummer nach Belieben vorgeführt."

 

Der Originaltext der Sonate op. 17 ist zum größten Teil verschollen. Bis zu seinem eventuellen Wiederauftauchen müssen wir dem Schweizer Pianisten, Musikhistoriker und Hindemith-Herausgeber Bernhard Billeter dankbar sein, daß er eine Fassung aus den Skizzen Hindemiths rekonstruiert hat. Es muß dahingestellt bleiben, wieweit die endgültige Gestalt des Werkes mit dieser Fassung übereinstimmt oder aus ihr weiterentwickelt wurde. Hindemith hat das 1920 entstandene Werk, nach einer Mitteilung von Harald Genzmer, noch in seiner Berliner Zeit (ab 1927) sehr geschätzt. Diese Meinung scheint sich aber später geändert zu haben, da er es weder drucken ließ, noch in die Zahl seiner numerierten Klaviersonaten aufnahm.

 

In einer Gesamtaufnahme sollte das Werk immerhin seinen Platz haben, vor allem im Hinblick auf manche Besonderheit des 2. Satzes. Der 1. Satz (in Sonatenform) ist eher elegisch angelegt. Sein Seitenthema steigert sich zu hymnischem Ausdruck. Der Satz verlöscht in resignierendem Pianissimo. Im 2. Satz, einem Variationensatz, wechseln Teile von einer gewissen ruppigen Forschheit, die bisweilen bis in die Nähe lärmender Vulgarität gerät (Thema, 2. und 4. Variation), mit Teilen eines zarten Lyrismus ab (1. und 3. Variation), die mit den geheimnisvollen impressionistischen Naturlauten einiger Stücke aus dem Zyklus "In einer Nacht" verwandt sind. Die Variationen münden in einen Schlußteil, ein Ostinato von geradezu fanatischer Verbissenheit, in dessen Mitte sich ein leicht karikierendes Zögern ("scherzando") findet. Nur dieser Schlußteil ist uns durch eine Veröffentlichung in der Zeitschrift "Melos" in der Originalgestalt erhalten geblieben.

 

2 kleine Klavierstücke aus dem Jahr 1934 in C und Gis finden sich in einem Skizzenbuch. Sie weisen, was Tempo und Dynamik betrifft, keinerlei Bezeichnungen auf.


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