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8.223337 - HINDEMITH: Piano Works, Vol. 3
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Paul Hindemith (1895 -1963) Sonate No

Paul Hindemith (1895-1963)

1. Sonate

2. Sonate

3. Sonate

Variationen (1936) (Ursprünglicher 2. Satz aus der 1. Sonate für Klavier)

 

1. Sonate

 

Alle drei Klaviersonaten wurden 1936 komponiert. In den Jahren vorher hatte Hindemith zu seinem Reifestil gefunden (1934 war die Mathis-Symphonie entstanden!). Auch über seine Stellung in der Welt, die Stellung des Künstlers zu Gesellschaft und Politik war ihm, auch unter dem Eindruck aktueller politischer Ereignisse, Klarheit geworden, die sich im Textbuch zur Mathis-Oper (1934) dokumentiert.

 

Aber seine persönlichen Lebensumstände waren in diesen Jahren mehr und mehr unsicher geworden. Die Anfeindungen des Hitler-Regimes nahmen zu, bald waren Aufführungen seiner Werke in Deutschland unmöglich geworden. Eine längere Reise in die Türkei (1936), die der Ausarbeitung eines ausführlichen Planes zum Aufbau des türkischen Musiklebens dienie, war Vorwegnahme der sich bald als unvermeidlich abzeichnenden Emigration aus Deutschland. Auf dieser Türkei-Reise begann er die Komposition der 1. Sonate, für die ein Hölderlin-Gedicht die Anregung gab. Das Gedicht "Der Main" kündet zunächst von der Sehnsucht des Dichrers, des "heimatlosen Sängers" nach Griechenland. Dann aber heißt es:

 

denn wandern muß

Von Fremden er zu Fremden, und die

Erde, die freie, sie muß ja, leider!

 

Statt Vaterlands ihm dienen, solang er lebt,

Und wenn er stirbt - doch nimmer vergeß ich dich,

So fern ich wandre, schöner Main! und

Deine Gestade, die vielbeglückten.

 

Gastfreundlich nahmst du, Stolzer! bei dir mich auf

Und heitertest das Auge dem Fremdlinge,

Und still hingleitende Gesänge

Lehrtest du mich und geräuschlos Leben.

 

Ohne daß die Sonate irgendwie Programm-Musik wäre, drücken wohl vor allem diese Zeilen die Grundstimmung des Werkes aus. "Still hingleitende Gesänge", d.h. Lieder von Introvertiertheit und Melancholie, waren auch zuvor schon die schöpferische Reaktion auf die bedrückenden politischen Ereignisse gewesen, und als "still hingleitende Gesänge" kann man wohl auch vor allem den ersten Satz und den die gleiche musikalische Substanz wiederauf-nehmenden vierten Satz bezeichnen.

 

Ursprünglich stand ein Variationensatz als zweiter Satz. Der Pianist Walter Gieseking hatte die Sonate nach nur kurzer Einsicht, zusammen mit der 2. Sonate, dem Verleger vorgespielt. Der war von beiden Stücken begeistert, worauf Gieseking die Uraufführung der 1. Sonate in Deutschland in Aussicht nahm, zu der es dann aus politischen Gründen nicht kam. Gieseking konnte aber eine gewisse Skepsis dem etwas versponnenen und komplexen Variationensatz gegenüber nicht verhehlen. Hindemith erfuhr davon und schrieb nun einen ergreifenden langsamen Marsch, der nunmehr anstelle des Variationensatzes den zweiten Satz des Werkes bildet. Auf ihn folgt ein schneller Satz, eine Art Scherzo, und nach dem auf den ersten Satz zurückgreifenden 4. Satz, ein mächtiger Finalsatz, dessen formales Gerüst man etwa als Bogenform bezeichnen kann.

 

2. Sonate

 

An seinen Verleger schrieb Hindernith am 8. Juli 1936: ¡§Lieber Willy, hier bekommen Sie die bewußte Sonate (d.h. die 1. Sonate) und damit Sie nicht glauben, die Senilitas sei schon im Anzuge, habe ich gleich noch einen klein.eren Bruder beigelegt: Ich habe gleich noch eine hinnedruff gemacht, so zur Übung. Sie ist das leichtere Gegenstück zu der immerhin gewichtigen ersten...¡¨

 

In ihren drei Sätzen (Sonatenform, Scherzo, Rondo) knapper und heiterer gehalten, von eher ¡§sonatinenhaftem¡¨ Charakter, ist sie nach der schwierigen Arbeit an der ernsten 1. Sonate ein Dokument der sich behauptenden und wiederum durchbrechenden musikantisch- fröhlichen Seite des Komponisten, entbehrt aber doch nicht - in der langsamen Einleitung zum dritten Satz - des melancholischen Anhauchs der Grundstimmung Hindemiths in jener bedrohlichen Zeit. Übrigens kehrt die Melodie dieser langsamen Einleitung im Rondo als Zwischenteil in beschwingterer Form wieder.

 

3. Sonate

 

Die dritte Sonate wurde im gleichen Jahr wie die beiden ersten Klaviersonaten, 1936, zwischen dem 18. Juli und dem 20. August komponiert. Nach der sonatinenhaften 2. Sonate ist sie wieder ein Werk größerer Dimensionen. Den in Sonatenform stehenden 1. Satz bestimmt lyrische Zartheit, zu der nur in der Durchführung größere klangliche und spieltechnische Entfaltung kontrastiert. Pianistische Brillianz und rhythmische Pointiertheit prägen den scherzoartigen 2. Satz, dem ein marschartiger 3. Satz folgt. In diesem 3. Satz wird auch schon die Exposition des 2. Themas der als 4. Satz folgenden Doppelfuge vorweggenommen. Diese Fuge ist auf ¡§großen¡¨ Klang angelegt, in guter Brahms- und Reger- Tradition.

 

Variationen (1936)

 

Hindemith komponierte anstelle des Variationensatzes der 1. Sonate einen neuen 2. Satz, ¡§Im Tempo eines sehr langsamen Marsches¡¨. Der fügt sich so schön in die Sonate, daß man die neue Zusammenstellung als durchaus schlüßig empfindet und eine Wiederherstellung der ursprünglichen Satzfolge gar nicht wünschenswert erscheint. Das bedeutet aber keineswegs, daß der ausgeschiedene Variationensatz weniger wertvoll wäre. Hindemith scheint ihn auch selbst sehr geschätzt zu haben, denn er wollte ihn "gesondert als Extra Stück noch ausbauen", was aber dann unterblieben ist. Es scheint sich um einen Fall zu handeln, wie ihn die Musikgeschichte mehrfach aufzuweisen hat - Beethovens Große Fuge als Finalsatz des Streichquartetts op. 130, Schumanns ursprünglicher Finalsatz der Klaviersonate g-moll -, daß nämlich ein Satz eines Werkes soviel Eigenart und Gewicht aufweist, daß er gleichsam von selbst aus dem Werkzusammenhang "herausfällt" und ein Eigenleben beansprucht.

 

Wir dürfen Gieseking keinen Vorwurf machen, daß ihm die Besonderheit dieses Variationensatzes nach so kurzer Kenntnisnahme nicht gleich aufging. Es ist eine sehr introvertierte Musik von meditativem Charakter, deren Schönheit und Innigkeit sich wahrscheinlich auch heute noch erst allmählich, dann aber für den empfänglichen Hörer besonders nachhaltig erschließt.

 

Das Thema des Variationensatzes stellt sich in ruhigem Dreischlag dar ("Sehr langsam und ausdrucksvoll"). Sein Aufbau (2+2 + 5 + 2+4 Takte) bleibt im Grunde auch in den Variationen erhalten, desgleichen die motivischen Bestandteile seiner Melodie, die ausgeschmückt und bisweilen auch imitatorisch geführt werden. Die 1. und 2. Variation bringen eine Steigerung der Bewegtheit ("Bewegter" und "Lebhaft"), die 3. Variation ("Sehr langsam") taucht, bei reicher, fast barocker "Ausgeziertheit", ganz ein ins Meditative, welchen Charakter auch die abschließende 4. Variation beibehält.


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