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8.223383 - ALKAN: Chamber Music
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Charles Valentin Alkan (1813 -1888)

Charles Valentin Alkan (1813-1888)

 

Nach wie vor fristet das umfangreiche Oeuvre von Charles Valentin Alkan (1813-1888) in den Konzertsälen der Welt ein Schattendasein. Dabei hat es nach dem Tode des Komponisten durchaus immer wieder einzelne bedeutende und engagierte Musiker gegeben, die eine Lanze für Alkan brachen: Isidore Philipp (1863-1958) als Mitherausgeber seiner Werke; Ferruccio Busoni (1866-1924), der ihn unter die größten fünf Klavierschöpfer nach Beethoven rechnete (neben Chopin, Schumann, Liszt und Brahms) und das Berliner Publikum mit der monströsen Alkan-Kadenz zu Beethovens drittem Klavierkonzert schockierte; Pianisten wie Sergej Rachmaninow (1873-1943), Harold Bauer (1873-1951) und Egon Petri (1881-1962), die (leider nur gelegentlich) einzelne Alkan-Werke ins Programm nahmen; in den letzten Jahrzehnten der Pianist Raymond Lewenthal (1926-1988), der in den USA mit Rundfunk-Live-Übertragungen Furore machte, oder der Engländer Ronald Smith (*1922), der als fast monomanischer Alkan-Interpret, als Kopf der Londoner Alkan Society und vor allem als Autor der ersten Alkan-Monographie (Kahn & Averill, London, zwei Bände 1976 bzw. 1987) Beachtliches leistete.

 

Daß alle diese Bemühungen bis heute nicht eine durchgreifende Alkan-"Renaissance" eingeleitet haben, liegt wohl einerseits an einem rezeptionsgeschichtlichen Rückstand, der einfach nicht mehr aufholbar ist: Jene Generationen von Virtuosen, Klavierpädagogen und begabten Laien, die zu Tausenden seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts etwa die Werke der Alkan-Zeitgenossen Chopin, Schumann und Liszt durch stetes Studium und regelmäßige Aufführungen zu einem unauslöschlichen Kulturgut im Bewußtsein machten - sie alle hat Alkan für seine Sache nicht zu mobilisieren vermocht. Dafür konzertierte er - obwohl ein großer Klaviervirtuose - zuwenig (besonders nach seinem "Schicksalsjahr" 1848), dafür hatte er nicht genügend Schüler von Rang und führte überhaupt ein zu einsiedlerhaftes Leben in seiner Geburtsstadt Paris, die er so gut wie nie verließ. Er, der schubweise in mehrjährigen Abständen Werke veröffentlichte, war in dieser Rigorosität eines puren Komponistendaseins seiner Zeit um Jahrzehnte voraus.

 

Daß in Alkans Oeuvre Sinfonik, Oper, Oratorium oder Klavierlieder fehlen, schloß ihn zusätzlich von wichtigen Verbreitungsmechanismen seines Jahrhunderts aus. Ganz entscheidend war und ist für die Alkan-Rezeption aber sicher auch die Kompromißlosigkeit seines klavierorientierten Schaffens, seine Neigung zu skizzenhafter Kürze ("48 Esquisses" op. 63), sein Mut zur seinerzeit unerhörten Makrostruktur ("Etüden" bis zu 30 Minuten Länge!), die harmonischen und satztechnischen Sarkasmen (sozusagen à la Prokofjew), die modernistische Motorik ("Le chemin de fer", "Allegro barbaro"), die verblüffenden Banalismen (hierin Mahler antizipierend), die hintergründige Ironie und Enigmatik (ein Vorbote von Satie) und - last not least - die teilweise exorbitanten, Liszts "transzendente" Anforderungen noch übersteigenden manuellen Schwierigkeiten in der Mehrzahl seiner Werke - das alles mit einer scheinbar rückwärtsgewandten und scheinbar harmlosen klassizistischen Attitüde ins (oft originelle) Notenbild gesetzt.

 

Die visionäre Kraft dieses "Quasi-Faust" (so ein Satztitel aus seiner Klaviersonate op. 33) wird auch in den drei einzigen Kammermusikwerken Alkans deutlich. Am frühesten entstand nach gegenwärtiger Forschermeinung (Harry Halbreich in einem 1991 bei Fayard, Paris, erschienenen Alkan-Reader) das Trio pour piano, violon et basse in g-Moll op. 30. Das 1841 veröffentlichte, möglicherweise aber bereits einige Zeit früher komponierte Werk beginnt Assez largement mit einer energisch rhythmisierten Thematik, die von einem lyrischen Seitenthema kontrastiert wird. So prägnant der fast durchgehende Sechzehntelfluß der Instrumente ist, so geschickt verschleiert der Komponist die Übergänge zwischen den Formteilen des Satzes: In der Mitte erscheint das gesamte thematische Material in meisterhafter Polyphonie gleichzeitig - teils Durchführungshöhepunkt, teils Dur-Reprise. Im Scherzo (ebenfalls g-Moll) stehen sich skurrile Staccati in rascher Ablösung zwischen den Instrumenten und dunkle Baßkantilenen des Trioteils gegenüber. Das G-Dur-Lentement bietet satztechnisch wie formal völlig Neuartiges: In die klassische Schlichtheit des vierstimmigen ( !) Streichersatzes bricht eine erregte Klavierkadenz von Tschaikowskyschem Zugriff jäh hinein (Alkan notiert augenzwinkernd: "Le violon et le basse comptent"); der Vorgang wiederholt sich in verknappter und gesteigerter Form, die Dialogpartikel werden ganz kurz, und man sammelt sich in übertrieben pathetischem Gestus zu einem orchestralen Tremolo, das die Extremlagen der drei Instrumente einbezieht. Das 6/8-Finale verlangt vor allem dem Pianisten eine enorme Perpetuum-mobile-Präsenz ab. Geige und Violoncello setzen, meistens einander ablösend, motivische und rhythmische Kontrapunkte, bis in der fulminanten G-Dur-Coda die rasante Sechzehntelbewegung auch die Streicher erfaßt.

 

Vermutlich um 1840 entstand Alkans Violinsonate Grand Duo concertant pour piano et violon in fis-Moll op. 21. Daß der Komponist, der selber auch etwas Geige spielte, den Streicherpart ähnlich vertrackt gestaltete wie sonst seine Klavierpartituren, zeigt schon die Tonartenwahl (fis-Moll/Fis-Dur und benachbarte Tonarten), aber auch die spezielle Behandlung der Violinstimme (insbesondere Oktaven in höchster Lage).

 

Der Kopfsatz der Sonate lebt vom Kontrast zwischen den archaischen Linienführungen des Anfangs und dem sich dreimal aufschwingenden Seitenthema in Dur (beim dritten Mal "avec exaltation"). Kernstück des Werkes ist fraglos der langsame Satz "L'Enfer". Nie zuvor ist in dieser Besetzung düsterste Abgründigkeit derart suggestiv formuliert worden. Die kompakt-dissonanten Akkorde in der tiefsten Lage des Klaviers, an der Grenze zum Geräuschhaften, schaffen die eigentliche "Unterwelt"-Atmosphäre, während die mit Dämpfer gespielte Geige einen flehenden Gesang dagegen anstimmt. Der brillante Schlußsatz - "so schnell wie möglich" zu spielen - schwankt zwischen Perpetuum-mobile-Hektik und aufgesplitterter, teilweise synkopierter Melodieführung. Alkan widmete seine Violinsonate, die hier in einer ersten CD-Einspielung vorliegt, dem aus Belgien stammenden Geiger und Komponisten Chrétien Urhan (1790-1845).

 

Unter den Cello/Klavier-Sonaten des 19. Jahrhunderts - nach Beethovens fünf zwischen 1796 und 1815 komponierten Werken, nach Chopins Opus 65 (1845/46), aber vor den beiden Brahms'schen Beiträgen (1865 bzw 1886) - nimmt Alkans Sonate de concert pour piano et violoncelle in E-Dur op. 47 aus dem Jahre 1856 eine herausragende Stellung in der Entwicklund dieser Gattung ein. Läßt die Behandlung der Streicherstimme auch eine ähnliche Rigorosität wie in der Violinsonate erkennen, so zeigen sich die vier Sätze insgesamt homogener, versöhnlicher. Auffällig ist die zyklische Tonartenwahl: E-Dur, As-Dur, C-Dur und e-Moll. In heiter gelöstem "Belcanto" beginnt der ganz nach klassischer Sonatenhauptsatzform gestaltete Kopfsatz Allegro molto. Ausgedehnt und spannungsreich ist der Durchführungsteil: In häufigem Wechsel erscheinen impulsive Tonleitergänge und motivische Detailarbeit, die sich mehrfach zu eindrucksvollen Fugati verdichtet. Das 6/8-Siciliano des Allegrettino kreiert eine scheinbar naive Grundstimmung, die durch überraschende harmonische Wendungen immer wieder in Frage gestellt wird. In den zahlreichen gewagten Chromatizismen deutet sich der dem Sarkasmus nahestehende, typisch Alkansche Humor an. Dem Adagio stelt der gläubige Jude Alkan ein Zitat aus dem Alten Testament (Michäa V,6) voran: "... wie Tau vom Herrn, wie Regen aufs Gras, auf niemanden harrend..." Die leicht sentimentale Cello-Thematik scheint denn auch von jüdischer Sakralmusik inspiriert zu sein. Ein geradezu modernes rhythmisches Element stellen hingegen die zur Klavierkantilene hinzu"getropften", willkürlich anmutenden Cello-Pizzicati dar. Äußerst virtuos endet die Sonate mit einem Finale alla Saltarella. Was hier an Sprungtechnik, raschem Lagenwechsel und Geläufigkeit beiden Spielern abverlangt wird, steht in der Literatur des 19. Jahrhunderts einzigartig dar. Die Sonate, ebenso wie das Trio James Odier gewidmet, wurde von Auguste Franchomme (dem Widmungsträger und Uraufführungs-Cellisten auch der Chopinschen Cellosonate) und Alkan selbst am 27. April 1857 in Paris uraufgeführt.

 

Rainer Klaas

 

Trio Alkan

 

Seit Januar 1986 konzertieren die drei Musiker des Trio Alkan miteinander. Die Wahl von Alkan als Namensgeber unterstreicht das Bemühen des Ensembles, das "Neue" in der Musik (nicht nur des 20. Jahrhunderts) zu suchen und in Stückwahl, Programmkonzeption wie Interpretationsansatz dem Publikum zu vermitteln.

 

Das Trio Alkan steht in Verbindung mit Komponisten wie Jürg Baur, Jacqueline Fontyn, Berthold Goldschmidt, Mauricio Kagel, Hans Vogt und Isang Yun, mit denen Porträtkonzerte erarbeitet wurden und werden. Das Ensemble arbeitete bisher mit dem Westdeutschen Rundfunk Köln, dem Süddeutschen Rundfunk Stuttgart und dem Radio RTBF Bruxelles in Produktionen und Live-Aufführungen zusammen.

 

Rainer Klaas

 

Rainer Klaas, geboren in Recklinghausen, ausgebildet an den Musikhochschulen von Essen und Hamburg bei Detlef Kraus, Klaus Hellwig und Yara Bernette, beraten von Guido Agosti, Jorge Bolet und Czeslaw Marek, konzertiert seit 1968 als Solist und Kammermusiker. Konzertexamen Hamburg 1977. Zahlreiche Ur- und Erstaufführungen (u.a. Cristóbal Halffter, Sirnon Holt, Luciano Berio, Ignace Strasfogel). Seit 1975 Leiter der Integral-Konzerte Recklinghausen, seit 1977 Herausgeber des Piano-Jahrbuchs. Dozent für Klavier an der Musikhochschule in Dortmund.

 

Kolja Lessing

 

Kolja Lessing, 1961 in Karlsruhe geboren, erhielt seine grundlegende musikalische Ausbildung bei seiner Mutter und wurde 1978 auf Empfehlung von Henryk Szeryng in Hansheinz Schneebergers Baseler Meisterklasse für Violine aufgenommen. Klavierstudium bei Peter Efler. Konzertexamina in beiden Fächern. "Doppelrezitals" (Geige solo und Klavier solo) mit thematisch strukturierten Programmen. Uraufführungen vieler ihm gewidmeter Violin-solo-Werke. Zahlreiche Rundfunk- und CD-Aufnahmen. Seit 1989 Professor für Violine und Kammermusik an der Würzburger Musikhochschule.

 

Bernhard Schwarz

 

Bernhard Schwarz, geboren in Heidelberg, studierte nach frühem Klavierspiel bei Walter Clement, Heidelberg, und später bei Prof. Hans-Wilhelm Kufferath, Bremen. 1966-67 Studienjahr in den USA. Er gewann mehrere erste Preise bei den Wettbewerben "Jugend musiziert". Zahlreiche Konzertreisen in verschiedenen Kammermusikensembles im In- und Ausland. Solistische Tätigkeit mit mehreren deutschen Orchestern. Seit 1972 ist er als 1. Solocellist im Westfälischen Sinfonieorchester Recklinghausen tätig.


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