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8.223546 - FURTWANGLER: Lieder / Te Deum / Religioser Hymnus
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Wilhelm Furtwängler als Vokalkomponist

Wilhelm Furtwängler als Vokalkomponist

 

Bereits 1889 kann die Mutter Adelheid Furtwängler in einem Brief an ihre Mutter von den musikalischen Neigungen ihres dreijährigen Sohnes Willi berichten: "... vorhin sass Willi auf seinem Schaukelpferd und sang, und zwar fast fehlerlos u. rein, 'ein scheckiges Pferd u. ein blankes Gewehr'. Dass er Gehör hat, und zwar nicht wenig, ist uns keine Frage mehr, er singt sich auch oft selbst verfasste Texte zu selbstverfassten Melodien, die immer melodiös und abgerundet sind." Seine ersten Kompositionen (bis 1895) waren für das Klavier oder für Gesang und Klavier bestimmt; das früheste erhaltene Lied, Ein Stückchen von den Tieren schrieb er 1893 als stolzes "Opus I" nieder. Danach wandte er sich auch anderen Instrumenten zu, so der Violine, in deren Spiel er neben dem Klavier unterrichtet wurde, und dem Violoncello, welches sein jüngerer Bruder Walther spielte, dem er auch eines der Werke widmete. Es folgten zwei Violinsonaten (1896 und 1899), eine kleine Cello-Sonate (1896) und Werke für Klavier-und Streichtrio sowie für Streich-quartett. Neben der Liedkomposition, welcher der jugendliche Furtwängler sich bis 1900 widmete, versuchte er sich auch an grösseren Vokalbesetzungen. So entstanden 1898 eine Komposition für Sopran-und Altsolo, Chor und Klavier, auf das Gedicht Ich wandelte unter den Bäumen aus Heinrich Heines Buch der Lieder, und eine Vertonung von Goethes Ballade Die erste Walpurgisnacht für Sopran-, Alt- und Bass-Solo, zwei Chöre und Orchester. Die danach folgenden drei Chorkompositionen Schwindet, ihr dunklen Wölbungen (1902), Religiöser Hymnus (1903) und ein Te Deum (1902-1909), die auf der vorliegenden Compact Disc aufgenommen wurden, bilden die letzten Vokalwerke Furtwänglers. Nach der grossen, durch seine rege Dirigententätigkeit bedingten kompositorischen Pause (1910 bis 1934), beschäftigte er sich nur noch mit der Instrumentalkomposition: ein Klavierquintett (1935) und zwei grosse Violinsonaten (in d-Moll 1935 und D-Dur 1939) runden sein kammermusikalisches Werk ab, während ein Sinfonisches Konzert für Klavier und Orchester (1937/1954) und drei gewaltige Sinfonien (in h-Moll 1941, in e-Moll 1945 und in cis-Moll 1954) als Zeugen der Domäne hervortreten, die ihm als Leiter grosser Sinfoniekonzerte besonders vertraut war.

 

Dass sich Furtwängler schon in sehr jungen Jahren intensiv mit Goethes Dichtung beschäftigt hat, bezeugen im übrigen nicht nur die zwei der elfhier vorgestellten Lieder Erinnerung (1897) und Auf dem See (1900) und die beiden Faust-Chöre, sondern auch ein von Goethes Ballade Der Totentanz angeregtes Instrumentalstück für Klavier zu vier Händen (1897).

 

Furtwänglers Liedkompositionen strahlen eine grosse Sensibilität für das Lyrische aus, die durch eine natürliche Deklamation des Textes und gesangliche Melodik vermittelt wird. Die durchkomponieirte Form, die Furtwängler allen Liedern zugrunde legt, begünstigt eine textnahe Vertonung. Eine solche erzielt er zudem auch, indem er aufürberzeugende und einfühlsame Weise die gegensätzliche Wirkung von tiefer und hoher Lage in der Singmelodie ausnützt oder unterschiedliche Begleitungsarten einsetzt.

 

Goethes Gedichte und Briefe, dann insbesondere auch der Faust waren Furtwänglers ständige Begleiter, auch auf seinen Reisen mit seinem Vater nach Aegina zu dessen archäologischen Ausgrabungen 1901 und ein jahr später nach Florenz mit seinem Privatlehrer Ludwig Curtius. Dort nahm er sich erneut seine Vertonung des Geisterchores Schwindet ihr dunklen Wölbungen aus Goethes Tragödie vor, was er am 4 April 1902 aus Florenz in einem Brief seiner Mutter mittsilte: "Ich komponiere jetzt immer noch an dem Chor aus dem Faust (Schwindet ihr dunklen Wölbungen droben usw.) oder vielmehr, habe wieder angefangen dran. Es ist jetzt schon das dritte Mal, dass ich ihn neu anfange. In der Musik will ich ihn möglichst realisieren, und das Ferne und Geisterhafte, in welchem Charakter es bei Goethe zum übrigen Drama contrastieren soll, will ich möglichst vermeiden und so kommt nur die poetische Anschaulichkeit und Reichtum an Gedanken der Musik zu Gute, nicht die Stimmung, die so etwas oft sehr erleichtert. Überhaupt habe ich etzt die ewigen Mollakkorde etwas abgestreift, und meine Musik geht mehr ins gewaltsame Dur."

 

Nach seiner Rückkehr orchestrierte er das Werk im ländlichen Familiensitz "Tanneck" am Tegernsee. Georg Dohrn, ein Vetter seiner Mutter, wollte es in Breslau, wo er als Musikdirektor tätig war, aufführen. Wie aber der Vater des damals sechzehnjährigen Komponisten in seinen handschriftlichen Aufzeichnungen berichtet, kam es nicht dazu, da die Sänger die Komposition für die Ausführung zu schwer und zu hoch gesetzt fanden. Diese Höhe habe Willi aber gerade beabsichtigt. Der Text des Chores stammt aus dem ersten Teil des Dramas: In Fausts Studierzimmer lässt Mephisto, der eben dem schwarzen Pudel entschlüpft ist, als Zeitvertreib für den Gelehrten einen Chor von teils teuflischen, teils göttlichen Geistern singen; mit ihrem ätherischen, geheimnis-und klangreichen Gesang lullen sie Faust in den Schlaf ein. Die "poetische Anschaulichkeit", um die sich Furtwängler bei seiner Vertonung bemühte, mag einerseits die den ganzen Chor durchziehende gleiche rhythmische Formel bewirken, durch welche die metrische Regelmässigkeit der Kurzverse, die zu den längeren Sprechversen des Dramas kontrastieren, unterstützt wird. Andererseits lassen auch zahlreiche Textwiederholungen und das den Chorgesang einige Male durch Zwischenspiele nur kurz unterbrechende Orchester die Worte ganz in den Vordergrund treten. Dadurch kann auch dem "Reichtum an Gedanken", d. h. der Fülle der hervorgerufenen Traumbilder, die auf die Sinne Fausts wirken sollen, entsprochen werden. Die wichtigste Grundlage dieser Komposition bilden die "musikalischen" Elemente der Sprache, d. h. der Rhythmus und die unterschiedlichen Farbtöne der Vokale und Konsonanten dieser klangreichen Verse.

 

Zu Beginn von 1903 kündigte Furtwängler in einem Brief an seine Verlobte Bertele Hildebrand den Plan an, ein "grosses Orchesterstück mit Chor und einem Tenor-Solo" auf Texte aus dem Schluss des Faust, 2. Teil, zu komponieren. Der Text ist der letzten Szene der Tragödie, nach der Grablegung Fausts, entnommen. In den "Bergschluchten" nehmen verschiedene heilige Patres, "selige Knaben", Engel, die "Faustens Unsterbliches" tragen, und Büsserinnen, darunter auch Gretchen, an Fausts Wandlung nach seinem Tode, an der Erlösung seines Geistes von allem Materiellen und Irdischen teil. Aber nur die ewige Liebe vermag die "Zwienatur" des Menschen vom letzten Materiellen und Irdischen zu reinigen, verkörpert durch das Weibliche: das irdische Gretchen, das sich für seinen "früh Geliebten" einsetzt, und die göttliche Mater gloriosa. Furtwängler vertonte zwei Stellen aus der Partie des höchsten der Patres, des Doctor Marianus, eines sich ganz der Verehrung Marias widmenden Heiligen.

 

Seine Bezeichnung "grosses Orchesterstück mit chor..." wies bereits auf die wichtige Rolle des Orchesters hin, die es in seinem Religiösen Hymnus einnehmen sollte, einer mit einem umfangreichen Vorspiel ausgestatteten Chorkomposition, in der Furtwängler nicht nur ein Tenor-Solo, als erstem Vokalteil nach dem Vorspiel, sondern auch ein kurzes Sopran-Solo gegen Ende der Vertonung einfügte. Der mächtig angelegte instrumentale Anfangsteil entpuppt sich erst an seinem Ende als Vorspiel, wo eines der Motive aus den Gesangsteilen, es ist das erste der Chorpartie ("Jungfrau, rein im schönsten Sinn"), durch das Orchester auf eindrückliche Weise vorgestellt wird. Im Gegensatz zum ersten Chor ist der Text freier, vom Versmetrum ungebundener behandelt. Einzelne Wörter und Verse können daher differenzierter musikalisch ausgedeutet werden. Mit eindringlichen Motiven versieht Furtwängler in den Chorpartien die verschiedenen an Maria, die "Jungfrau, Mutter, Königin", gerichteten Bitten um Gnade aller "reuig Zarten" (mit zarter Seele Bereuenden), die Aufforderung, dass sie sich von ihr retten ("Blicket auf zum Retterblick") und "zu seligem Geschick umarten" lassen, und den Wunsch, dass "jeder bessre Sinn" bereit sei ihr zu dienen ("Werde jeder bessre Sinn dir zum Dienst erbötig"). Die beiden Solopartien bilden durch ihre rhythmisch noch freiere, auf die einzelnen Worte besonders dramatisch eingehende Gestaltung und auch motivisch eigenständige Teile.

 

Seine letzte und zugleich aber umfangreichste Vokalkomposition, das Te Deum, erforderte von all seinen Vokalwerken die längste Entstehungsdauer. Wie sein Vater und sein Lehrer Curtius berichten, begann Furtwängler bereits 1902 in Florenz mit Entwürfen, unter dem überwältigenden Eindruck, den die Figuren Michelangelos in der Mediceer-Kapelle auf ihn ausüben mochten. Weiter daran arbeitete er die folgenden Jahre, bis 1906 die Orchestrierung, wiederum in Tanneck, erfolgte und damit das Werk einstweilen einen Abschluss fand.

 

Diesmal gelang es Georg Dohrn, ein Chorwerk Furtwänglers der Öffentlichkeit vorzustellen: Im November 1910 fand in Breslau die Uraufführung des Te Deum unter Dohrns Leitung statt. Wohl in Hinblick auf dieses wichtige Ereignis überarbeitete Furtwängler vorher nochmals die Partitur, deren Autograph mit "1909" datiert ist. Weitere Aufführungen folgten, so 1911 in Strasbourg unter des Komponisten eigener Leitung, 1914 in Essen unter Hermann Abendroth und 1915 in Leipzig unter Karl Straube. Das Werk gelangte erst dreizehn Jahre nach Furtwänglers Tod wieder mehrmals an die Offentlichkeit, das erste Mal 1967 in Berlin mit dem Philharmonischen Chor Berlin unter Hans Chemin-Petit.

 

Das Te Deum ist von Melodienreichtum und Klangfülle geprägt. Gleich zu Beginn ertönt im Fortissimo ein kraftvolles und knappes Motiv, das sich gegenüber allen neuen, meist paarweise aufkommenden und sich in ausdrucksvollen Kantilenen ergiessenden Motiven ("Tibi omnes angeli"/"incessabili voce..."; "Dignare Domine"/"Miserere"; "In te Domine speravi": Soli/Alt-Solo) immer wieder bis zum Ende der Komposition durchsetzt. Jede Wiederaufnahme des Hauptmotivs wird durch Accelerando und Crescendo bis Fortissimo oder in noch grösserer Steigerung durch kurze Fugati ("Pleni sunt coeli"; "Et rege eos, et extolle illos") vorbereitet.

 

Die auf dieser Compact Disc aufgenommenen Vokalwerke Wilhelm

Furtwänglers sind noch unveröffentlicht. Handschriftliche Quellen liegen in der Zentralbibliothek Zürich unter den Signaturen:

 

- Lieder: Nachlass W. Furtwängler 2a

- Schwindet, ihr dunklen Wölbungen: Nachlass W. Furtwängler 22a

- Religiöser Hymnus: Nachlass W. Furtwängler 23a

- Te Deum: Nachlass W. Furtwängler 26

 

Mireille Geering


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