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8.223563 - STRAUSS, Josef: Edition - Vol. 3
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Josef Strauß (1827 -1870) Edition

Josef Strauß (1827-1870)

Edition, Vol. 3

 

[1] "Avantgarde-Marsch", op. 14

 

Am 23. April 1856 erschien Joseph Strauß in intimen Stammlokal der Brüder Strauß, dem "Großen Zeisig" am Burgglacis (heute: Burggasse 2), zum ersten Male mit der Geige in der Hand vor dem Publikum. Johann Strauß war nach Pawlowsk bei St. Petersburg abgereist, Pepi mußte also allein während der Sommersaison die Position der Strauß-Kapelle im Walzergeschäft in Wien behaupten. Als wollte er sich selber Mut machen, trug Joseph Strauß aus diesem Anlaß einen" A vantgarde-Marsch" vor, ein rhythmisch streng kontuiertes Werk in der Tradition der k.k. Armee-Märsche. Das Werk hatte offenkundig Erfolg, denn es erschien auch in den folgenden Wochen und Monaten immer aufs Neue in den Programmen der Kapelle. Als Pepi das Werk Ende April bei der Eröffnung der Sommersaison in Ungers Casino spielte, enthielt der Bericht der "Theaterzeitung" den Satz:

 

"Den sehr gelungenen' Avantgarde-Marsch' mußte Joseph Strauß auf stürmisches Verlangen wiederholen."

 

Nun ja - den Titel eines Marschkönigs (um den sich gegen Ende des Jahrhunderts etliche Militärkapellmeister streiten sollten) hat Pepi nicht errungen. Aber der "Avantgarde-Marsch" war gleichsam die erfolgreiche Vorhut einer ganzen Reihe interessanter und flotter Märsche aus der Feder des empfindsamen, ganz und gar nicht kriegerisch gestimmten Joseph Strauß.

 

[2] "Mai-Rosen", Walzer, op. 34

 

In den ersten Jahren seiner Laufbahn als Kapellmeister und Komponist konnte Joseph Strauß in den Zeitungen immer wieder einmallesen, er setze mit seinen Walzern die Tradition Joseph Lanners fort. Diese Ansicht mußte Pepi willkommen sein, denn unter den Wiener Musikfreunden war die Erinnerung an den im Jahre 1843 viel zu früh verstorbenen, blonden Geiger noch lebendig. Mit ihm verglichen, an seinen Werken gemessen zu werden, war für Pepi Strauß Auszeichnung und Ansporn zugleich. Nun läßt sich gewiß eine Verwandtschaft zwischen den beiden Wiener Musikern erkennen: auch der junge Joseph Strauß hat manche besinnliche oder tändelnd-anmutige Melodie im wiegenden Dreivierteltakt geschrieben, in seinen frühen Arbeiten war aber auch Raum für einen Hauch von Schwermut. Er war schon ein Eigener, der Pepi! Das bewies er in der manchmal vielleicht tatsächlich "lannerischen", dann aber eben doch ganz eigenständigen Walzerpartie, die Joseph Strauß im Frühjahr 1857 geschrieben und für ein Maifest im Volksgarten bestimmt hat. Aber dann scheint der Herr Musikdirektor Strauß wohl zur Ansicht gelangt zu sein, der neue Walzer des Komponisten Joseph Strauß brauche eine sorgfältige Wiedergabe, und so setzte er ihn - wie aus seinen und des Hornisten Franz Sabay Aufzeichnungen hervorgeht - schon am 10. Mai 1857 auf das Programm seines Sonntagskonzerts in Ungers Casino in Hernals. Zwei Tage später wurde der Walzer dann im Volksgarten trotzdem als Novität präsentiert und gebührend bewundert.

 

[3] "Caprice-Quadrille", op. 65

 

Im Fasching 1859 veröffentlichte der Verleger Carl Haslinger zwei Quadrillen von Joseph Strauß, die offenkundig aus dem Jahre 1858 stammten, da sie im Tanzprogramm des Karnevals 1859 nicht enthalten waren: es handelte sich um die "Lanciers-Quadrille" und die "Caprice-Quadrille". Da in Wien nur der Tanzmeister Schwott die "Lanciers-Quadrille" lehrte, liegt die Vermutung nahe, daß Joseph Strauß diese Quadrille, und vielleicht auch die gleichzeitige "Caprice-Quadrille" für eine Privatveranstaltung komponiert hat. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Beitrag in der "Theaterzeitung" vom 2. März 1859, in dem das Erscheinen der beiden Quadrillen im Verlag Haslinger erwähnt wird. Darin heißt es: "Joseph Strauß's 'Lanciers-' und 'Caprice-Quadrille' sind zwei reizende Tänze, in denen man weder originelle, liebliche Melodie noch effektvolle Ausarbeitung vermißt. Beide Tänze sind in dieser Saison Lieblingsstücke der Wiener tanzlustigen Welt geworden und werden nun auch im Privatkreise dieselbe Beliebtheit und Verbreitung finden wie alle Tanzkompositionen der Brüder Strauß."

 

[4] "Die Naive", Polka française, op. 77

 

Im Frühsommer 1859 hatten es die Musikdirektoren Wiens schwer, für ihre Konzerte die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Die für Österreich tragischen Ereignisse auf den Schlachtfeldern Oberitaliens, die mit der Niederlage der Truppen der Donaumonarchie gegen die mit den Franzosen verbündeten Italiener endeten, lähmten geradezu das Leben in der Kaiserstadt an der Donau. Wie aus einem Bericht der "Theaterzeitung" vom 9. Juli 1859 hervorgeht, ist es Joseph Strauß trotzdem gelungen, zahlreiche Zuhörer für seine Veranstaltungen im k.k. Volksgarten und in Ungers Casino zu interessieren. Die Reihe seiner Kompositionen begann Pepi Strauß mit der schlichten Polka française "Die Naive", deren erste Aufführung für den 15. Juni angekündigt wurde, und die wohl an diesem Tage auch präsentiert worden ist, denn am 20. Juli wurde anläßlich des Annen-Festes in Ungers Casino bereits ein anderes Werk (die "Elfen-Polka", op. 74) als Novität angekündigt. Die Polka "Die Naive" war aber den ganzen Sommer über in allen Programmen vertreten. Sie muß also dem Publikum gut gefallen haben, die später leider fast völlig vergessene Polka "Die Naive".

 

NB.: Ihr Gegenstück, die "Gurli-Polka", op. 78, wurde im August 1859 beim Hernalser Kirchtag in Ungers Casino uraufgeführt.

 

[5] "Die Lachtaube", Polka Mazur, op. 117

 

Im Karneval 1862 spielte Joseph Strauß seine neue Polka Mazur "Die Lachtaube" zum ersten Male auf. Wie seine Aufzeichnungen und die Notizen des Hornisten Franz Sabay übereinstimmend bestätigen, hat Joseph Strauß den Maskenball im Theater an der Wien für diese Uraufführung bestimmt, der am 19. Februar 1862 im überfüllten Theatergebäude am Ufer des Wienflusses abgehalten worden ist. Am Ballabend herrschte ein derartiger Trubel, daß die Uraufführung kaum bemerkt worden ist. Angekündigt worden war die Polka Mazur bereits für den Maskenball am 22. Januar 1862 im Softensaal, aber da scheint Joseph Strauß keine Gelegenheit gefunden zu haben, das Werk zu präsentieren.

 

Das kichernde Gurren, das dieser in zahlreichen Regionen Europas als Haustier gezüchteten Taube den Namen gegeben hat, glaubt man vor allem im Trio aus der Melodie herauszuhören.

 

Die Klavierausgabe des Werkes, auf dessen Titelblatt eine Lachtaube abgebildet worden ist, kam am 1. Mai 1862 in den Handel. Die "Lachtaube" war nur einen Sommer lang Gast im Repertoire der Strauß-Kapelle; in der nächsten Saison verschwand das Werk im Archiv.

 

[6] "Associationen", Walzer, op. 143

 

Im Fasching 1863 mußte Joseph Strauß für seinen erkrankten Bruder Johann einspringen und die für die repräsentativen Bälle zugesagten Novitäten in aller Eile komponieren. Pepi schaffte das Bravourstück offenkundig mühelos - denn gleich beim Ball der Industriellen Gesellschaften, der am 21. Januar 1863 in den k.k. Redoutensälen der Hofburg abgehalten worden ist, konnte er mit dem Widmungswalzer aufwarten. Das Werk erhielt den Titel" Associationen"; da es sich um eine Widmung für den Industriellenball handelte, waren mit dieser Bezeichnung eher Geschäftsverbindungen als die Verknüpfung von Gedanken und Ideen gemeint. Jedenfalls konnten die Ballreporter berichten, das Werk habe allgemeinen Beifall gefunden und sei zur Wiederholung verlangt worden. Im Druck ist der Walzer " Associationen" erst im Herbst 1863 erschienen.

 

[7] "Sport-Polka" (schnell), op. 170

 

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts konnte man die ersten Schlitt-schuhläufer auf den zugefrorenen Flüssen und Seen bewundern, dann setzte sich - von der Turnerbewegung in Deutschland ausgehend - auch in der Donaumonarchie die körperliche Ertüchtigung sehr rasch durch. Als Joseph Strauß bei seinem Abschiedskonzert am 9. Oktober 1864, also vor dem Aufbruch zu seinem Gastspiel nach Breslau, im Dianasaal die neue "Sport-Polka" (schnell) zum ersten Male vortrug, waren alle genannten Sportarten in Wien in rascher Entwicklung. Nur den Wettbewerb der Laufer hatte man im Jahre 1848 eingestellt: der Langstreckenlauf in der Prater-Hauptallee war als "Menschenschinderei" bewertet und verboten worden.

 

Wenn man der Titelzeichnung auf der Klavierausgabe der "Sport-Polka" folgt, dann hat Joseph Strauß bei der Komposition seiner "Sport-Polka" wieder einmal an seinen Lieblingssport gedacht, an das Pferderennen. Das Bild zeigt nämlich einen Jockey mit Partnerin bei einem rasanten Tanz. Dementsprechend flott ist auch die "Sport-Polka". Sie gehört in die Gruppe der feschen Kompositionen des sonst so stillen, in der Offentlichkeit eher scheuen Pepi Strauß.

 

[8] "Flick und Flock-Quadrille", op. 187

 

Am 4. Oktober 1865 wurde das komische Zauberballett "Flick und Flock" von Paul Taglioni, Musik von Peter Ludwig Hertel im Wiener Kämtnerthortheater zum ersten Male aufgeführt. Aber noch vor dieser Premiere erklangen etliche der schönsten Melodien dieses Werkes in der Form der "Flick und Flock-Quadrille" von Joseph Strauß im Wiener Volksgarten: am 1. Oktober 1865 überraschte die Strauß-Kapelle das Publikum ihres Benefizkonzerts mit dieser Novität. Es war für Pepi Strauß nicht schwer, die Motive für diese Quadrille zu finden: das Ballett war bereits am 15. Februar 1862 in Mailand uraufgeführt worden und hatte seinen Weg nach Wien über Berlin genommen. Ausführliche Berichte über die großen Erfolge, die dem Ballett "Flick und Flock" sowohl in Italien als auch in Deutschland beschieden gewesen waren, hatten das Wiener Publikum neugierig auf die in Aussicht stehende Attraktion gemacht. So fand auch die "Flick und Flock-Quadrille" von Joseph Strauß bereits ein interessiertes Publikum vor, als sie zum ersten Male erklang. Beide Wiener Aufführungen hatten großen Erfolg: die Wiedergabe der Quadrille am 1. Oktober 1865 im Volksgarten und die Erstaufführung des Balletts am 4. Oktober. Wie das Ballett hielt sich auch die "Flick und Flock-Quadrille" lange Zeit im

Repertoire.

 

[9] "Gnomen-Polka" (française), op. 217

 

Joseph Strauß hat die Gelegenheit eines Maskenballes am 20. Februar 1867 im Sofiensaal für die Uraufführung eines fröhlichen Charakterstückes im Polkarhythmus benützt. Seine "Gnomen-Polka" beschwört keineswegs geheimnisvolle Kobolde, sondern läßt eine Zwergenschar hart arbeiten. Da wird gehämmert und genietet, wie es in Richard Wagners "Nibelungen"-Triologie - vor allem im Vorspiel "Das Rheingold" - geschildert wird. Man kann Wagners Nibelungen getrost mit den Gnomen von Joseph Strauß gleichsetzen. Natürlich geht es in der Strauß-Polka fröhlicher zu als im Nibelungenheim, aber in beiden Fällen wird die Arbeitswelt beschworen, bei Wagner auf der Bühne, beim Wagnerianer Joseph Strauß im Tanzsaal.

 

Das Charakterstück muß bereits zu Beginn des Faschings 1867 komponiert worden sein, denn bereits drei Tage nach der Uraufführung im Sofiensaal war die Polka in den Musikalienhandlungen vorrätig. Das Titelbild zeigt allerdings einen heiteren Gnom, der ein Weinglas zum Gruß erhebt.

 

[10] "Ernst und Humor", Walzer, op. 254

 

Joseph Strauß hat den Walzer "Ernst und Humor" im Sommer 1868 komponiert. Als der Trubel des Bundesschützenfestes im Wiener Prater vorrüber war, hatte der damals wieder von seinem Kopfleiden heimgesuchte Musikdirektor ein wenig Muße, um eine heiklere Arbeit in Angriff zu nehmen. Der Walzer war für das erste Promenadekonzert in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft an der Wiener Ringstraße bestimmt und wurde auch pünktlich aus diesem Anlaß am 11. Oktober 1868 zum ersten Male vorgetragen.

 

Pepi Strauß hat damals damit begonnen, seinen neuen Kompositionen bewußt optimistische Titel zu geben: er wollte sich offenbar, gerade weil er den Druck seiner Krankheit immer drastischer zu spüren bekam, in seinen Werken selbst zum Glauben an die Zukunft, ja an die Lebensfreude zwingen. Am Beginn dieser Entwicklung stand der Walzer "Ernst und Humor"; er ist also ein Werk des Überganges aus der deprimierten Stimmung des Sommers 1867, in dem Joseph Strauß in Bad Fusch Erholung nach einem Zusammenbruch suchte, in den Optimismus im Fasching 1869, in dem der Walzer "Mein Lebenslauf ist Lieb' und Lusf', op. 263, und die Polka "Frohsinn", op. 264, entstanden sind. Den Wechsel der Stimmungen charakterisiert die (ernste) Introduktion und die fünf (abwechselnd heiteren und besinnlichen) Walzerteile. Die Coda wiederholt die fröhlichen, optimistischen Motive und sorgt für einen heiteren Ausklang. Das Werk blieb die gesamte Konzertsaison über im Repertoire der Strauß-Kapelle, wurde dann von den Novitäten des Faschings 1869 allmählich aus den Programmen verdrängt.

 

[11] "Ohne Sorgen!", Polka (schnell), op. 271

 

Die Sommersaison 1869 verbrachten Johann und Joseph Strauß gemeinsam in Pawlowsk bei St. Petersburg. Johann war fest entschlossen, in den nächsten Jahren nicht mehr nach Rußland zu reisen und hoffte, daß sein Bruder Pepi die Leitung der Konzerte im Vauxhall von Pawlowsk künftig übernehmen und dadurch ein einträgliches Geschäft erhalten werde. Aber je länger die Saison andauerte, desto geringer wurden die Chancen des für das russische Publikum allzu zurückhaltenden Joseph Strauß. Dazu kam, daß sich die Krankheit, an der Pepi von Kind auf gelitten hatte, wieder drastisch bemerkbar machte. Am 10. September schrieb Joseph Strauß seiner Gattin Carotine: "Ich sehe nicht gut aus, ich bin blässer geworden, die Wangen hohler, die Haare habe ich verloren, ich bin im Ganzen abgestumpft, ich habe keine Anregung zum Arbeiten."

 

Wenig später muß Joseph Strauß aber seine Ängste, was die Zukunft ihm bringen werde, überwunden haben. Er schrieb justament eine rasante Schnellpolka mit dem Titel "Ohne Sorgen!". Es ist dem übermütig fröhlichen Werk nicht anzumerken, aus welcher Bedrängnis heraus es entstanden ist. Joseph Strauß wollte beschwingt und mitreißend optimistisch sein. Er schaffte es auch - in der am 22. September (10. September nach russischem Kalender) 1869 zum ersten Male in Pawlowsk aufgespielten Schnellpolka, bei der die Musiker lachen mußten, als sei die ganze Welt tatsächlich: "Ohne Sorgen!".


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