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8.223612 - SAINT-SAENS: Javotte / Parysatis
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Camille Saint-Saëns (1835-1921)

Camille Saint-Saëns (1835-1921)

Javotte • Parysatis: Airs du ballet

 

Wie Mozart und Mendelssohn galt auch Saint-Saëns als Wunderkind. Zu seiner musikalischen Begabung gesellte sich ein breit gefächertes literarisches und naturwissenschaftliches Interesse. Während seiner die zweite Hälfte des neunzehnten und die ersten beiden Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts um-spannenden kompositorischen Karriere – beginnend in einer Zeit, die noch von Mendelssohn geprägt war, bis über Debussys Tod hinaus – schuf er zahlreiche Werke in vielen verschiedenen Gattungen.

 

Camille Saint-Saëns, 1845 in Paris geboren, war das einzige Kind eines Regierungsbeamten, der bereits kurz nach seiner Geburt an Schwindsucht starb. Er wuchs in der Obhut seiner Mutter und deren Adoptivtante auf. Von dieser Großtante erhielt der zweieinhalbjährige Camille seinen ersten Klavierunterricht. Später studierte er bei Camille Stamaty, einem Schüler Kalkbrenners und Mendelssohns, und trat bereits als Kind öffentlich auf. Im Alter von zehn Jahren soll er bereits sämtliche Beethoven-Sonaten auswendig beherrscht haben. 1848 ging er ans Pariser Conservatoire, wo er bei François Benoist Orgel und bei Halévy Komposition studierte. Seine intellektuelle Neugier ließ ihn sich nicht nur für die Sache der zeitgenössischen Musik engagieren, sondern auch für die Wiederbelebung von Werken früherer Komponisten wie Bach und Mozart.

 

Er war ein Mitglied des Kreises um Pauline Viardot und unterrichtete vorübergehend an der neugegründeten Ecole Niedermeyer, wo Gabriel Fauré zu seinen Schülern gehörte, ein Musiker, mit dem ihn später eine enge Freundschaft verbinden sollte. 1871, nach dem deutsch-französischen Krieg, gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Société Nationale de Musique, die sich die Förderung der zeitgenössischen französischen Musik als Ziel gestellt hatte. Seine 1875 mit Marie-Laure Truffot geschlossene Ehe wurde bereits sechs Jahre später, nach dem tragischen Tod ihrer beiden Söhne, wieder geschieden. 1872 war bereits seine Großtante gestorben, und nachdem 1888 auch seine Mutter starb, begann Saint-Saëns ein rastloses, von fernen Reisen geprägtes Nomadendasein, nur begleitet von seinem Hund und einem treuen Diener. Als er 1921 in Algerien starb, war sein Stern in Frankreich bereits weitgehend verblichen, dort war die Zeit der „Groupe des Six“ angebrochen. Debussy war tot, und seit dem Skandal, den Strawinsky in Paris mit Le sacre du printemps provoziert hatte, waren inzwischen acht Jahre vergangen. Im Ausland hingegen erfreute sich Saint-Saëns weiterhin großer Beliebtheit. Als „französischer Mendelssohn“ hatte er Werke geschrieben, die vom Publikum, ähnlich wie bei seinem deutschen Vorgänger, aufgrund ihrer hellen, durchsichtigen Struktur und ihrer Erfindungskraft geschätzt wurde – eine Musik, die gefallen, nicht schockieren wollte.

 

1896 komponierte Saint-Saëns die Musik zum Ballett-Scenario Javotte, das ihm J.L. Croze geschickt hatte, der an den Folies-Marigny arbeitete. Das Theater musste jedoch geschlossen werden, und als auch ein Versuch fehlschlug, das Werk am Brüsseler Théâtre de la Monnaie auf die Bühne zu bringen, wurde es vom Theater in Lyon angenommen, wo es noch im selben Jahr uraufgeführt wurde. 1909 wurde Javotte erstmals an der Pariser Opéra gegeben.

 

Jane Dieulafoys Schauspiel Parysatis mit der Musik von Saint-Saëns wurde im August 1902 in der Arena von Béziers uraufgeführt. Die Verfasserin hatte mit ihrem Ehemann Marcel-Auguste Dieulafoy 1881-82 und 1884-86 an archäologischen Expeditionen in Persien teilgenommen und ihre Ausgrabungen und Entdeckungen in einer Reihe von illustrierten Veröffentlichungen festgehalten. In Frankreich zog sie es vor, in Männerkleidung zu erscheinen, und so erinnerte sich Fauré, wie sie nach der Premiere ihres orientalischen Schauspiels Parysatis im kurzen Jackett und mit Hosenträgern neben Saint-Saëns auf der Bühne den Beifall des Publikums entgegennahm.

 

Der Name der Protagonistin Parysatis stammt von dem persischen Wort für Schwalbe. Die historische Parysatis war die Halbschwester und Gattin von Darius II. Sie war die Mutter des Cyrus, der eine Verschwörung gegen seinen Bruder Artaxerxes anstiftete und zum Tode verurteilt wurde. Das Schauspiel beginnt mit seinem Tod und handelt von den dynastischen Kämpfen der Zeit, in deren Mittelpunkt Parysatis steht. Den Großteil der Musik zu diesem Stück schrieb Saint-Saëns 1901 während eines Ägypten-Aufenthalts, als er eine exotische Villa auf einer Nil-Insel bewohnte. Die vollständige Ballettmusik aus dem zweiten Akt von Parysatis enthält „Le rossignol et la rose“ (Die Nachtigall und die Rose), ein Lied ohne Worte, das er von einem griechischen Sänger in Alexandria gehört hatte. Die vorliegende Einspielung beschränkt sich auf die in ihrem exotischen Fluidum für die gesamte Partitur exemplarische instrumentale Einleitung und drei Tanz-Szenen.

 

Javotte: Die Handlung

 

[1] Die erste Szene, La fête au village, spielt auf einem Dorfplatz. Links ein Baum, davor eine Bank und ein Podium für die Musiker. Im Hintergrund eine Kirche. Beim Aufgehen des Vorhangs ist ein Tanz in vollem Gang; überall auf der Bühne bewegen sich die Paare. Jean, der Javotte liebt, sitzt traurig abseits auf einer Bank. Er wartet auf seine Liebste und lehnt die Aufforderungen der anderen Mädchen, mit ihnen zu tanzen, ab. Als die Mädchen ihn auslachen, stiehlt er sich fort. [2] Die Szene wird von der Ankunft von Javottes wütenden Eltern unterbrochen. Sie erklären dem für den Festtag herausgeputzten Dorfgendarm, dass ihre Tochter heimlich fortgelaufen sei, vermutlich um sich mit ihrem Liebhaber zu treffen. Doch niemand will sie gesehen haben. Der Gendarm verspricht den Eltern, den flüchtigen Vogel zu fangen und wieder in seinem Käfig einzusperren. Nachdem sie den Platz verlassen, wird der Tanz fortgesetzt. Inzwischen ist auch Jean zurückgekommen, der wieder von den anderen gehänselt wird. [3] Da kommt atemlos Javotte gelaufen und wirft sich in Jeans Arme. [5] Die beiden tanzen zusammen, danach folgt eine Bourrée für alle, der sich auch Javotte und Jean anschließen.

 

[6] Das Läuten der Kirchenglocken beendet den Tanz. Die Mädchen eilen als erste zur Vesper in die Kirche, die anderen folgen, sodass Javotte und Jean allein zurückbleiben. Javotte ist betrübt, und als Jean sie um einen Kuss bittet, lehnt sie ab. Sie bereut, von zuhause fortgelaufen zu sein und bricht in Tränen aus. Jean versucht sie zu trösten. Javotte glaubt, ihre Freundinnen seien besser als sie, da sie alle zur Kirche gegangen seien.

 

[7] Javottes Eltern kommen mit dem Gendarm zurück. Als der Vater Javotte sieht, will er sie schlagen, doch das Mädchen sucht bei der Mutter Schutz, bittet sie um Verzeihung und gelobt, wieder nach Haus zu kommen. [8] Sie gehen zusammen ab und lassen Jean zum Gespött der anderen, die inzwischen aus der Kirche gekommen sind, zurück.

 

[9] Die zweite Szene, A la maison, spielt im Haus von Javottes Eltern. Es ist im bäuerlichen Stil eingerichtet. Neben dem Tisch befindet sich ein Spinnrad. Durch das große Fenster sieht man die Lichter des Dorfplatzes. Javotte muss als Strafe den Aufwasch erledigen, das Zimmer aufräumen und sich am Spinnrad nützlich machen, während sich ihre Eltern auf das Dorffest vorbereiten. Der Vater schließt das Fenster und verriegelt die Tür von außen. [10] Javotte beginnt mit dem Abwasch; dabei zerbricht sie einen Teller, doch sie tröstet sich mit Gedanken an ihren schmucken Jean. Sie nimmt einen Blumenstrauß von der Fensterbank, den sie von ihm bekommen hat und küsst ihn. Danach tanzt sie ein paar Schritte, hält aber voller Schuldgefühl ein und ![11]macht sich wieder an die Arbeit. Als sich am Spinnrad der Faden verheddert und reißt, nimmt sie ihr Strickzeug vor. Doch auch das Stricken langweilt sie, und sie fängt wieder an zu tanzen. Danach nimmt die den Besen zur Hand. [12] Es klopft erst an der Tür, dann am Fenster. Es ist Jean, der gewartet hat, bis die Luft rein ist. Javotte öffnet das Fenster und lässt ihn herein. Dann nimmt sie ihn bei der Hand und führt ihn wie einen Ehrengast durchs Zimmer. [13] Nach einem ausgelassenen Tanz beschließen sie, zusammen fortzulaufen und springen durchs Fenster ins Freie.

 

[14] Es ist dunkel geworden. Javottes Eltern kehren vom Fest zurück. Sie sehen das geöffnete Fenster und begreifen, was geschehen ist. In diesem Augenblick klopft es an der Tür; es ist der Gendarm, der das flüchtige Paar gefasst haben will. Doch zum Erstaunen der Eltern handelt es sich bei den beiden jungen Leuten, die nun ins Haus geführt werden, um Fremde. Die Szene endet im allgemeinen Durcheinander.

 

[15] Die dritte Szene, La reine du bal, spielt wieder im Dorf. Es ist Abend, die Tanzfläche ist festlich beleuchtet. [16] Das ganze Dorf hat sich zur Wahl der Festkönigin versammelt. Die beste Tänzerin soll gekürt werden. [17] Das erste Mädchen führt einen Tanz auf, der die Jury jedoch nicht gänzlich zufrieden stellt. [18] Auch das zweite Mädchen hat nicht den erhofften Erfolg.

[19] Bei der dritten Tänzerin sind sich die Richter uneinig, [20] und auch bei der vierten können sie sich noch nicht entscheiden. [21] Da kommen Javotte und Jean. [22] Javotte führt ihren Tanz vor und übertrifft dabei ihre Mitstreiterinnen. [23] Sie wird zur Festkönigin gewählt. [24] Die anderen Mädchen trösten sich mit einem Tanz mit ihren Partnern.

 

[25] Javottes Eltern erscheinen mit dem Gendarm, der das flüchtige Liebespaar im Namen des Gesetzes auffordert, vorzutreten. [26] Javotte und Jean verstecken sich hinter den anderen jungen Leuten, die behaupten, niemanden gesehen zu haben. Schließlich werden sie aber entdeckt, und Javottes Vater will sie töten, woran ihn der Gendarm hindert. Jean beteuert seine Liebe und seinen Wunsch, Javotte zu heiraten. [27] Nachdem die Eltern die Angelegenheit beratschlagt haben, geben sie ihre Zustimmung. [28] Javotte wird in einem Festzug als Königin gefeiert. [29] Sie tanzt mit Jean, [30] danach folgt ein Tanz für die Mädchen und [31] schließlich tanzen alle gemeinsam.

 

Keith Anderson

 

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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