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8.223624 - STRAUSS, Josef: Edition - Vol. 22
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Josef Strauß (1827-1870)

Orchesterwerke Folge 22

1 Einzugs-Marsch. op. 171

Am 16. Januar 1864 forderten Österreich und Preussen das Königreich Dänemark auf, die nach dem Tod Friedrich VII. von Dänemark proklamierte Einverleibung Schleswigs zurückzunehmen. Obwohl in Wien kaum jemand - die Diplomaten des Kaiserhofes eingeschlossen - die Rechtslage wirklich durchschaute, wurde in aller Eile ein Expeditionskorps aufgestellt, das unter Führung des Feldmarschall-Leutnants Ludwig Freiherrn von Gablenz an der Seite der Truppen des Königreiches Preussen in Schleswig intervenieren sollte. Am 3. Februar stürmte eine österreichische Brigade den Königshügel bei Schleswig und zwang die dänischen Soldaten zum Rückzug. Damit war ein Feldzug eröffnet worden, in dem es der ganzen Sachlage nach nur einen Gewinner geben konnte - das Königreich Preussen. Aber das wollte man in der Wiener Hofburg und im Ministerium am Ballhausplatz zunächst nicht wahrhaben.

Am 30. Oktober 1864 wurden die Feindseligkeiten mit dem Abschluss eines Friedensvertrages zwischen Österreich und Preussen einerseits und Dänemark andererseits beendet. Kaiser Franz Joseph war stolz auf seine Truppen, die immerhin eine Reihe von Teilsiegen errungen hatten, wenn auch die entscheidende Schlacht, die Erstürmung der "Düppeler Schanzen", von den besser ausgerüsteten Preussen geschlagen worden war. Im November begann der Rückmarsch des österreichischen Armeekorps. Am 6. Dezember 1864 zogen die Soldaten in einer grossartigen Parade in Wien ein.

Aus diesem Anlass fand im k.k. Volksgarten ein Freikonzert der Strauss-Kapelle statt. Josef Strauss hatte eigens einen "Einzugs- Marsch" komponiert, der den Höhepunkt des Programms bilden sollte. Des Chronisten Höflichkeit hat verschwiegen, ob das Publikum das Werk des ganz und gar nicht kriegerischen Pepi Strauss wirklich mit Enthusiasmus gefeiert hat. Der "Einzugs-Marsch" wurde jedenfalls nach seiner ersten Aufführung am 6. Dezember 1864 im k.k. Volksgarten nur noch ganz selten gespielt.

2 Die Veteranen. Walzer, op. 29

Am 13. November 1856 erschien in der "Theater-Zeitung" ein Inserat, das zu einem Festkonzert zur Feier des 90. Geburtstages Sr. Excellenz, des Herrn Feldmarschall Grafen Radetzky am 18. November im Etablissement "Sperl" einlud. Versprochen wurde ein reichhaltiges Musikprogramm, das mit Ausnahme eines Widmungswalzers des Musikdirektors Josef Strauss keine militärischen Kompositonen enthielt, dafür aber die Wiener Erstaufführung des von Johann Strauss in Russland komponierten "Grossfürstin Alexandra-Walzers", op. 181 brachte. Der gefeierte Jubilar, der am 2. November 1766 in Trzebinitz geborene, populäre Feldherr, hielt trotz seines hohen Alters in Italien aus, sodass es in Wien keine offiziellen Feiern gab. Die Veranstalter des Festen im "Sperl" hofften also auf den Besuch von Veteranen, die unter Radetzkys Kommando ihren Militärdienst geleistet, in den von ihm geführten Regimentern gedient und wohl auch an den Feldzügen der k.k. Armee teilgenommen hatten. Diese Hoffnung erfüllte sich auch, denn das "Radetzky-Fest" war sehr gut besucht. Der Walzer "Die Veteranen", den Josef Strauss bei dieser Veranstaltung am 18. November 1856 zum ersten Male vorgetragen hat und der am 1. Februar 1857 im Druck erschienen ist, war also nicht nur an Josef Wenzel Graf Radetzky von Radetz, der bis zu seinem Tod am 5. Januar 1858 seine Residenz in Mailand nicht verlassen hat, adressiert, sondern auch an die Besucher dieses Festkonzertes, die Veteranen.

3 Patti-Polka. op. 134

Die am 19. Februar 1843 in Madrid geborene Sängerin Adelina Patti - sie war die Tochter des italienischen Tenors Salvatore Patti - kam im Februar 1863 im Verlauf einer Europa-Tournee mit einer eigenen Truppe zum ersten Male nach Wien. Nach frühen Erfolgen, die sie im Alter von 16 Jahren in New York feiern konnte, trat die Künstlerin im Jahre 1861 in der Covent Garden-Oper in London auf. Ihre Leistungen erregten Aufsehen und der Ruf ihres Könnens wurde durch die Berichte über die Aufführungen in England in alle Zentren des Kulturlebens verbreitet. Auch ihrem Debut in Wien gingen für damalige Verhältnisse sehr ausführliche Würdigungen ihrer Person und ihrer Stimme etwa in der "Theater-Zeitung" und im "Zwischen-Akt" voraus. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen des Publikums, als Adelina Patti am 28. Februar 1863 zum ersten Male auf der Bühne des Carl-Theaters erschien und eine ihrer Glanzrollen, die Amina in Vincenzo Bellinis "La Sonnambula" darbot.

Am 1. März schrieb das Theaterblatt "Zwischen-Akt": "Über das gestern stattgehabte erste Auftreten der Sängerin Patti im Carl-Theater herrschte im Publikum und in der Journalistenwelt nur eine Stimme des Entzückens und der Bewunderung." Bei der zweiten Vorstellung sassen Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph in einer Loge des für Opernvorstellungen nur bedingt geeigneten Carl-Theaters. Am 8. März 1863 triumphierte Adelina Patti abermals, und zwar als Rosina in Gioachino Rossinis Oper "Der Barbier von Sevilla". Am 9. März brachten die Wiener Zeitungen wieder enthusiastische Lobeshymnen über die Gesangskunst der Patti. Der "Zwischen-Akt" fasste zusammen: "Wir zählen nicht, wie oft Frl. Patti hervorgerufen wurde, wir wissen nur, dass der Beifall kein Ende nehmen wollte und dass diese Vorstellung völlig geeignet war, die in der musikalischen Welt seit dem Erscheinen der Patti herrschende Aufregung noch gewaltig zu steigern."

Josef Strauss liess die Gelegenheit nicht vorübergehen, der Künstlerin mit einer Widmungskomposition zu huldigen - und damit die Aufmerksamkeit auch auf seine Konzerte zu lenken. Bereits am 11. März 1863 erschien in der "Theater-Zeitung" die Notiz, im Verlag Haslinger werde in den nächstem Tagen eine von Josef Strauss komponierte "Patti-Polka" veröffentlicht werden, deren Dedikation die Künstlerin bereits angenommen habe. Am 15. März 1863 führte Josef Strauss die neue Komposition im k.k. Volksgarten zum ersten Male auf. Er hatte aber kein Zitat aus dem in Wien von der Künstlerin gesungenen Opernrepertoire verwendet, sondern das offenbar von Adelina Patti in privaten Zirkeln oder als Einlage bzw. Zugabe verwendete "Lach-Lied" aus D.F.E. Aubers Oper "Manon Lescaut" (Die Première des Werkes hatte am 23. Februar 1856 in Paris stattgefunden.) Es versteht sich von selbst, dass die "Patti-Polka" von Josef Strauss zunächst lebhaften Beifall erhielt und immer wieder aufgeführt werden musste. Als aber die Künstlerin mit ihrer Truppe weiterzog, verschwand die Polka rasch wieder aus den Programmen.

Adelina Patti ist später noch mehrfach nach Wien zurückgekehrt. Aber da hat sich wohl niemand mehr der eilig niedergeschriebenen Polka von Josef Strauss erinnert. Die Klavierausgabe des Werkes, das mit einem übrigens nicht sehr vorteihaften Portrait der Künstlerin versehen war, gehörte in der Folge zu den gesuchten Raritäten.

4 Die Sonderlinge. Walzer, op. 111

Mit Anzeigen in mehreren Zeitungen Wiens lud Josef Strauss die Musikfreunde zu seinem Benefiz-Konzert ins Etablissement Weghuber am Rande der im Entstehen begriffenen Ringstrasse ein. Zu dem ungewohnten Termin, dem 23. August 1861, an dem Albert Weghubers nahezu schattenloser Kaffeehausgarten erst in den spätem Abendstunden angenehm für die Gäste gewesen sein dürfte, fand sich ein recht zahlreiches Publikum ein. Josef Strauss hatte zwei Novitäten versprochen, die Walzerpartie "Die Sonderlinge" und die "Irenen-Polka", op. 113. Die beiden Werke sind wohl auch vorgetragen worden, denn beim nächsten Fest, bei dem Josef Strauss mit seiner Kapelle mitwirkte, dem Hernalser Kirchtag, wurden sowohl der Walzer als auch die Polka nur noch als "neu" angekündigt.

Was Josef Strauss bewogen hat, dem mit einer sehr energischen Introduktion einsetzenden Walzer den exzentrischen Titel "Die Sonderlinge" zu geben, ist nicht festzustellen. Unter einem Sonderling verstand (und versteht) man in Wien einen Menschen mit ausgeprägten Eigenheiten, ja sogar einen etwas verwirrten Zeitgenossen (egal, ob männlichen oder weiblichen Geschlechts). Der Walzer entfernt sich aber keineswegs auffällig vom Walzerschema des Komponisten. Er bietet nach der effektvollen Einleitung einen melodiösen, anmutigen, fast ein wenig verspielten Tanz, der nur im zweiten Teil mit einem kräftigeren Akzent auftrumpft. Das Werk ist im Sommer und im Herbst 1861 vielfach aufgeführt worden, verschwand aber allmählich für immer aus dem Repertoire der Strauss-Kapelle, Der Walzer hatte ein Benefiz-Konzert interessant gemacht, dann aber musste er neuen Kompositionen weichen. So haben es die Spielregeln des "Walzergeschäftes" verlangt. Aber es ist stets besonders reizvoll, gerade die einstmals vergessenen Werke wieder auf sich wirken zu lassen. Man erlebt dabei - ohne ein Sonderling zu sein - Freuden der Wiederentdeckung, die ein nur an Bekanntem und längst Vertrautem interessierter Zeitgenossen gar nicht vermutet.

5 Die Kosende. Polka Mazur, op. 100

Auch die schmiegsame Polka Mazur "Die Kosende" gehört in die Reihe der Kompositionen, in denen Josef Strauss Frauencharaktere (von "La Chavaleresque, op. 42, bis "Die Emanzipirte", op. 282) mit den Mitteln der Musik skizziert hat. Allerdings dürfte diese "Kosende", die auf dem Titelblatt der Erstausgabe sehnsüchtig aus einer Türe lugt, auch energisch und kapriziös gewesen sein, denn der schmiegsamen Melodie des Anfangs liess Josef Strauss drastisch auftrumpfende Motive folgen, wie es in einer echten Polka Mazur üblich gewesen ist.

Die Uraufführung der Polka Mazur "Die Kosende" hat bei der Karnevals-Revue 1861 der Strauss-Kapelle stattgefunden, die am 17. Februar im k.k. Volksgarten abgehalten worden ist. Obwohl damals eine ganze Reihe interessanter Novitäten auf dem Programm stand, setzte sich die Polka Mazur "Die Kosende" ohne Mühe durch und blieb den ganzen Sommer über im Repertoire der Strauss-Kapelle. Die Druckausgabe ist am 24. Juni 1861 im Verlag Haslinger erschienen.

6 Rendezvous-Quadrille. op. 11

Die flotte und energische "Rendezvous-Quadrille" von Josef Strauss stammt wohl aus dem Fasching 1856 und ist zusammen mit den gleichzeitigen Novitäten seines Bruders Johann am 15. April 1856 im Verlag Carl Haslinger erschienen. Allerdings liess der Verleger die Orchesterstimmen nach der vom Strauss-Schwager Karl Fux für kleines Orchester bearbeiteten Stichvorlage und nicht nach der Original-Partitur Josefs herstellen. Diese Stimmen sind erhalten und ermöglichen eine wenigstens einigermassen korrekte Ausführung des Werkes. Im Sommer 1856 war die Quadrille wiederholt in den Programmen der Strauss-Kapelle zu finden. Dann wurde sie von den zahlreichen Novitäten der folgenden Monate verdrängt, mit denen sich Josef Strauss in diesem Sommer, in dem er allein den Platz der Kapelle im Wiener Musikleben verteidigen musste, die Gunst des Publikums gesichert hat.

7 Lock-Polka (francaise). op. 233

Am 5. Januar 1868 präsentierte Josef Strauss in den Blumensälen der Gartenbau-Gesellschaft an der damals bereits weitgehend fertiggstellten Ringstrasse vor dem Palais Coburg an der Spitze der Strauss-Kapelle seine neue "Lock-Polka". Die Säle waren für den bevorstehenden Fasching bereits festlich geschmückt. In diesem prächtigen Rahmen kam die kleine Polka besonders vorteilhaft zur Geltung. Sie brachte einen Hauch von Frühling und Vogelruf in den kalten Winterabend. Das Publikum im dicht besetzten Haus spendete reichen Beifall. Pepi Strauss dürfte die Lock-Polka sehr geschätzt haben, denn das Werk blieb nicht nur den ganzen Fasching über auf den Programmen, sondern wurde auch beim Debut der Brüder Johann und Josef Strauss zu Beginn der Sommersaison 1869 in Pawlowsk bei St. Petersburg dem russischen Publikum vorgestellt. Die zierliche Polka mit ihren kecken Motiven hat viel dazu beigetragen, dass nicht nur der "alte Liebling" Johann, sondern auch Josef Strauss von den Gästen im vollbesetzten Vauxhall von Pawlowsk begeistert begrüsst und umjubelt worden ist.

8 Die Zufälligen. Walzer, op. 85

Josef Strauss hat den Walzer "Die Zufälligen" im Fasching 1860 komponiert. Das Werk wurde zum ersten Male in den Einladungen zum Benefiz-Ball der Brüder Johann und Josef Strauss am 13. Februar 1860 im Sofiensaal erwähnt, und zwar als dritte Novität von Josef Strauss. Die Uraufführung ist aber wohl bereits in der ersten Hälfte dieses Karnevals erfolgt, und zwar vielleicht ebenfalls im Sofiensaal. Für die Deutung des Titels bieten sich zwei Möglichkeiten an. Entweder wollte Josef Strauss ein Gegenstück zu dem Walzer "Die Extravaganten", op. 205 seines Bruders schreiben, der ebenfalls im Fasching 1858 zum ersten Male erklungen ist, oder es handelte sich um eine Komposition für die "Papageno-Bälle", die damals im Sofiensaal abgehalten worden sind und bei denen Josef die Muisik zu dirigieren hatte. Bei diesen Bällen wurden an die Herren Pfeifchen ausgegeben, wie sie der Vogelfänger Papageno in Wolfgang Amadeus Mozarts Oper "Die Zauberflöte" verwendet. Der Witz der Sache war, dass alle diese Pfeifchen stumm waren, mit einer einzigen Ausnahme. Wer seinem Pfeifchen den Papageno-Ton entlocken konnte, erhielt einen Preis. Es war - so berichtete ein Zeitgenosse - recht amüsant zu beobachten, wie die Ballbesucher mit vollen Backen bliesen, um den Preis zu erlangen. Aber es war eben ein Zufall, wer das richtige Pfeifchen erhalten hatte.

Wie dem auch gewesen sein mag, die Walzerpartie "Die Zufälligen" erhielt ganz und gar nicht zufällig, sondern wohlverdient reichen Beifall und war auch noch populär, als im Sommer 1860 die Druckausgabe des Werkes im Verlag Haslinger erschien.

9 Elfen-Polka. op. 74

Als Folge der Niederlage der österreichischen Truppen auf den Schlachtfeldern in Oberitalien hatten die Wiener im Sommer 1859 wenig Interesse an Konzerten und Theateraufführungen. Am 2. Juli veranstaltete der Besitzer des belieben Casinos in Hernals, Franz Unger, ein "Annen-Fest". Die Veranstaltung stand unter dem Motto "Heiter auch in ernster Zeit", das übrigens Johann Strauss-Vater bereits im Jahre 1831 als Titel eines damals sehr beliebten Walzers (op. 48) verwendet hatte. Josef Strauss stellte bei diesem Fest seinen - nicht im Druck erschienenen und wohl verschollenen - Walzer "Stimmen aus der Zeit" in den Mittelpunkt seines Konzerts und präsentierte dazu als Novität seine kleine, aber adrette "Elfen-Polka". Das Werk ist eine anmutige Erinnerung an das "Annen-Fest 1859" in der Vorstadt Hernals und stand auch bei weiteren Veranstaltungen dieses Sommers stets auf dem Programm.

10 Flinserln. Walzer, op. 5

Im Sommer 1855 musste Josef Strauss abermals als Komponist für seinen Bruder Johann einspringen, weil beim Hernalser Kirchtag, der in Ungers Casino gefeiert wurde, eine neue gemütliche Walzerpartie fällig war. Im August 1853 hatte sich Johann Strauss in Bad Neuhaus zur Kur aufgehalten, im Sommer 1855 erholte er sich in Bad Gastein. Diesmal stand aber von vornherein fest, dass Josef Strauss sein Vorhaben hatte aufgeben müssen, die im Jahre 1853 unter dem bezeichnenden Titel "Die Ersten und Letzten" vorgetragene Walzerpartie werde seine erste und letzte Komposition sein. Pepi war nun endlich als gleichberechtigter Partner im "Walzergeschäft" der Strauss-Familie anerkannt. Daher liess er beim Hernalser Kirchtag 1855 am 27. August in Ungers Casino die eigens für diesen Abend geschriebene Walzerpartie "Flinserln" zusammen mit der ebenfalls neuen "Mille fleurs-Polka" (später erschienen als Opus 4) zum ersten Male erklingen.

Wie die noch von Johann Strauss-Vater begründete Tradition es verlangte, war die Novität für den Hernalser Kirchtag ein Walzer im Ländlerstil, in dem wienerische-volkstümliche Motive den Charakter des Werkes bestimmten. Es ist bewundernwert, wie rasch sich Josef Strauss, der noch im Jahre 1849 anspruchsvolle Kompositionen für Klavier im Stile Frédéric Chopins und Franz Liszts geschrieben hatte, im Genre der wienerischen Musik zurechtgefunden hat.

Der Titel "Flinserln" entstammt ebenfalls dem Dialekt der Bevölkerung der Kaiserstadt an der Donau und ihres Umlandes. Als "Flinserln" bezeichnete man runde Flitter, wie sie z.B. bei Theaterkostümen mit reflektierender Wirkung verwendet werden. Aber auch ausserhalb der Bühnensphäre gab es Flinserln: zuerst die Fiaker, dann aber auch fesche "Kavaliere" aus der Vorstadt trugen ein Flinserl im Ohrläppchen. Die Mode des Flinserln-Schmuckes war in den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts in Wien häufig zu sehen. Später verschwand sie wieder, ist aber auch heute noch gelegentlich anzutreffen.

Die Walzerpartie von Josef Strauss hat nicht nur bei den Flinserln-Trägern sofort Anklang gefunden. Sie erzielte beim Hernalser Kirchtag 1855 auch bei allen Tänzerinnen und Tänzern stürmischen Beifall und musste auch beim Nachkirchtag am 2. September 1855 wiederholt werden. Einige Tage später brachte die "Theater-Zeitung" einen Bericht über das Wirken von Johann und Josef Strauss. In diesem Artikel wurden auch die neuen Kompositionen Josefs erwähnt (darunter die "Flinserln"), und zwar als "Produkte einer Muse, welche bei der jedesmaligen Aufführung die stürmischeste, beifälligste Aufnahme fanden." Die Anregung des Redakteurs "es wäre wünschenswert, wenn diese Tonschöpfungen, die eine Fülle von pikanten, originellen Melodien in sich bergen, durch den Druck veröffentlicht würden," ging nicht sofort in Erfüllung. Erst am 1. Februar 1856 stand eine Annonce in der "Wiener Zeitung", die Opera 1 bis 9 von Josef Strauss seien im Verlag C.A. Spina erschienen.

11 Sofien-Quadrille. op. 137

In der amtlichen "Wiener Zeitung" ist am 13. Mai 1863 ein Inserat mit dem Wortlaut erschienen: "Heute Eröffnung der gänzlich umgestalteten, mit höchster Eleganz ausgestatteten Lokalitäten des k.k. Volksgartens. Grosses Fest zur Namensfeier Ihrer k.k. Hoheit der durchlauchtigsten Erzherzogin Sophie sowie zur Geburtsfeier Seiner k.k. Hoheit, des Erzherzogs Ludwig Victor. - Aus diesem Anlass zum ersten Male: "Sofien-Quadrille" und "Victor- Marsch" [op. 138] von Josef Strauss."

Aus einem Bericht der "Theater-Zeitung" vom 15. Mai 1863 geht hervor, dass die Lokalitäten tatsächlich eröffnet worden sind und dass ihre Ausstattung die Anerkennung des Referenten gefunden hat. Die musikalischen Darbietungen wurden nicht erwähnt. Die in der "Wiener Zeitung" genannten Werke wären am 13. Mai aktuell gewesen, denn der Namenstag Sofie fällt auf den 15. Mai und dieser Tag war auch der Geburtstag des Erzherzogs Ludwig Victor (1842 - 1919). Die Klavierausgabe der "Sofien-Quadrille" trägt die Widmung: "Zur allerhöchsten Namensfeier Ihrer kais. königl. Hoheit der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin Sofie"

Josef Strauss hatte der nicht gerade beliebten Mutter des Kaisers Franz Joseph, der gestrengen Erzherzogin Sophie Friederike (1805 - 1872), viel zu verdanken: auf ihre Einladung hin konnte er wiederholt im Schloss Schönbrunn konzertieren.. An dem Fest am 15. Mai 1863 im k.k. Volksgarten hat die Erzherzogin nicht teilgenommen. Ihre Anwesenheit wäre im Bericht der "Theater-Zeitung" mit Sicherheit vermerkt worden. Vielleicht war das der Grund, weshalb die "Sofien-Quadrille" an diesem Tag nicht aufgeführt worden ist. In den Aufzeichungen des Komponisten Josef Strauss und des Hornisten Franz Sabay wird nämlich ein anderes Fest im k.k. Volksgarten, das am 12.Juni 1863 stattgefunden hat, als Anlass der Uraufführung genannt. Erst nach diesem Datum erschien die "Sofien-Quadrille" regelmässig in den Programmen der Strauss-Kapelle. In der Klavierausgabe wird dem Titel der Beisatz "nach beliebten Motiven" zugeordnet und in der Annonce eines weiteren Konzerts wird dieser Hinweis noch präzisiert: "nach beliebten Offenbach’schen Motiven". Damit ist der Charakter der Quadrille schlüssig erklärt.

Franz Mailer


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