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8.223679 - STRAUSS, Josef: Edition - Vol. 26
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Josef Strauß (1827-1870)

Josef Strauß (1827-1870)

Orchesterwerke, Folge 26

[1] Bachanten-Quadrille, op. 8

Die „Bachanten-Quadrille" befand sich in jener Gruppe früher Kompositionen von Josef Strauß, die der Verlag C.A. Spina im Februar 1856 veröffentlicht hat. Die Entstehungszeit dieser Werke verteilt sich auf die Jahre 1853 (Opus 1) bis Februar 1856, Schwerpunkt Sommer 1855. In einem Brief an seinen Bruder Johann hatte Josef Strauß im August 1855 bereits darauf hingewiesen, dass der Verleger C. A. Spina bereit sei, etliche seiner Kompositionen herauszugeben. Der Hinweis war mit dem Dank verbunden, dass Johann ihn „in Stand gesetzt habe, Herrn Spina, heute schon, in Kenntnis zu setzen" und dass Johann nichts dagegen einwenden werde. (Johann Strauß hatte ja einen Vertrag mit dem Spina-Konkurrenten Carl Haslinger.)

Der Verleger Spina dürfte aus dem Vorrat an Novitäten, die sich indessen bei Josef Strauß angesammelt hatten, eine kluge Wahl getroffen und die wertvollsten Arbeiten erworben haben. Die „Bachanten-Quadrille" könnte im Herbst 1855, wahrscheinlich aber zu Beginn des Karnevals 1856 bei einem der Bälle (etwa im Etablissement „Sperl") aufgeführt worden sein, bei denen Josef abwechselnd mit seinem Bruder Johann oder allein die Musik dirigiert hatte. Fröhliche, ausgelassene, „bacchantische" Tanzfeste waren damals (noch) eine Spezialität des altehrwürdigen Etablissements „Sperl" in der Leopoldstadt. Die als Opus 8 im Druck erschienene Quadrille dürfte sehr erfolgreich gewesen sein, denn sie befand sich auch den folgenden Jahren noch in den Programmen der Strauß-Kapelle.

[2] Tarantel-Polka, op. 6

Im Sommer 1855 hat Johann Strauß - zum zweiten Male schon - einen längeren Erholungsurlaub angetreten und seinen Bruder Josef mit der alleinigen Leitung der Kapelle betraut. Noch war es nicht sicher, ob Pepi künftighin an seiner Seite bleiben und ihn im „Walzergeschäft" unterstützen oder ob er zu seinem angestammten Beruf als Ingenieur und Baumeister zurückkehren werde. Aber während sich Jean in Bad Gastein einer Kur unterzog, fiel die Entscheidung. Johann Strauß hatte sich entschlossen, die nächsten Sommer in Russland zu gastieren. Er nahm das Angebot der Eisenbahngesellschaft in St. Petersburg an, von Mai bis September Konzerte in Pawlowsk zu dirigieren. Damit war klar, dass Pepi die Strauß-Kapelle in Wien allein leiten musste, solange Jean in Russland unter sehr vorteilhaften finanziellen und künstlerischen Bedigungen konzertierte. Ab Herbst 1855 war Josef Strauß also nicht mehr „Interims-Kapellmeister", sondern gleichberechtigter Musikdirektor neben Johann Strauß.

Da Josef nun wusste, wie sein weiterer Lebensweg verlaufen sollte, begann er auch als Komponist mit seinem Bruder Johann gleichzuziehen. Er schrieb daher im Sommer 1855 eine ganze Reihe von Tanzweisen und Konzertstücken. Am 12. August 1855 führte er in Franz Ungers Casino in Hietzing zwei Novitäten dem Publikum vor, die stimmungsvolle Polka Mazurka „Vergissmeinnicht", op. 2, und die flotte „Tarantel-Polka". Es war zum zweiten Male, dass der Name Tarantel (aus dem Italienischen für „Wolfsspinne") in der wienerischen Musik verwendet wurde. Josef Lanner hatte im Jahre 1838 einen „Tarantel-Galopp" veröffentlicht, der rasch berühmt und eifrig getanzt worden ist. Nun folgte Josef Strauß, der ja damals von manchen Musikfreunden als „zweiter Lanner" (neben Johann Strauß) bezeichnet worden ist, mit seiner ebenso flotten „Tarantel-Polka". Die Klavierausgabe des Werkes erschien im Februar 1856 im Verlag Spina. Orchesterstimmen sind derzeit nicht bekannt.

[3]-[4] Mille fleurs-Polka, op. 4

Im Sommer des Jahres 1855 machte Johann Strauß Urlaub in Bad Gastein im Lande Salzburg. In Wien musste ihn sein Bruder Josef als Dirigent der Strauß-Kapelle vertreten. Da Jean bis in den September hinein in Gastein blieb, fiel Josef - wie schon im Sommer 1853 - die Aufgabe zu, für den traditionellen Hernalser Kirchtag, der am 26. und 27. August 1855 in Ungers Casino in Hernals gefeiert wurde, die allgemein erwarteten Ballwidmungen zu komponieren. Josef wählte das Gartenfest mit Ball am 27. August 1855 für die Uraufführung dieser Werke: der Walzerpartie „Flinserln", op. 5, und der „Mille fleurs-Polka". Der Ball begann um 18 Uhr. Möglicherweise ist das Fest gestört worden, denn am 28. August meldete die „Morgen-Post": „Das Ungewitter gestern Nacht war eines der furchtbarsten seit langer Zeit. Es fielen Hagelschlossen von Haselnussgrösse."

Am 1. September kündigte der Casinobesitzer Franz Unger eine Feier zum Nachkirchtag für 2. September an. Wieder spielte die Strauß-Kapelle, und die beiden Novitäten standen abermals auf dem Konzertprogramm. Am

5. September zog die „Theater-Zeitung" eine Bilanz über die Tätigkeit von Josef Strauß in der Sommersaison. Über seine Kompositionen, darunter die „Mille fleurs-Polka", wurde nur konstatiert, sie hätten „bei der jedesmaligen Aufführung die stürmischeste, beifälligste Aufnahme gefunden." Überdies meinte der Journalist noch, „es wäre wünschenswert, wenn diese neuesten Tonschöpfungen von Josef Strauß, die eine Fülle von pikanten, originellen Melodien in sich bergen, durch den Druck veröffentlicht würden."

Dieser Wunsch ging erst im Februar 1856 in Erfüllung, als die ersten neun Werke von Josef Strauß im Verlag C.A. Spina erschienen. Von der „Mille fleurs-Polka" ist allerdings nur die Klavierausgabe erhalten, auf deren Titelblatt einige tausend Blumen abgebildet sind.

[5] Die Zeisserln, Walzer, op. 114

Die Walzerpartie „Die Zeisserln" gehört zu den gemütlichen Kompositionen, die Josef Strauß, wie vor ihm schon sein Vater und sein Bruder Johann, für die Bälle in Franz Ungers Casino anlässlich der Kirchweihfeste in Hernals geschrieben hat. Im Jahre 1861 fiel der Kirchtag auf den 26. August und prompt war die Strauß-Kapelle zur Stelle, und Josef hatte auch die erwartete Ballwidmung mitgebracht, eben „Die Zeisserln". In der Umgebung Wiens gab es damals freilich kaum mehr Zeisige in der freien Natur, und so zwitscherten die zierlichen Vögel eben aus dem Strauß’schen Orchester heraus, zur Freude der Ballgäste.

Selbstverständlich wurde die melodienreiche Walzerpartie begeistert begrüßt und bejubelt. Wie das Publikum waren auch die Ballreporter davon überzeugt, wieder einmal eine „echt wienerische Komposition" gehört zu haben, die sich aus der Tradition der Strauß-Familie herleiten ließ und doch entsprechende Walzerpartien von Strauß-Vater in einer modernen Weiterentwicklung der Melodieführung und der Harmonien ergänzte. So groß war die Begeisterung der Zuhörer, dass „Die Zeisserln" den ganzen Sommer 1861 hindurch auf den Programmen stehen mussten. Rechtzeitig zum Karneval 1862 erschien auch die Klavierausgabe des Werkes im Verlag Haslinger. Die Orchesterstimmen des Walzers konnten bisher nicht aufgefunden werden. Da aber die Stichvorlage erhalten geblieben ist, nach der im Verlag Haslinger diese Stimmen hergestellt worden sind, war die Rekonstruktion der Originalfassung kein Problem.

[6] Galoppin-Polka (schnell), op. 237

Zu dem umfangreichen Novitätenprogramm, das die Brüder Josef und Eduard Strauß bei ihrer Benefiz-Veranstaltung am 13. Februar 1868 in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft an der Wiener Ringstraße dem Publikum vorgeführt haben, gehörte auch die Schnellpolka „Galoppin" von Josef Strauß. In einer Zeit, in der sich viele Menschen für den Börsenbetrieb interessierten (obwohl sie die von den Spekulanten beherrschten Vorgänge vielfach nicht durchschauten!), wusste wohl jedermann, was er unter einem „Galoppin" zu verstehen habe. So bezeichnete man junge Burschen, die Botschaften übermittelten und Aufträge im Eiltempo ausführten. Je prompter sie arbeiteten, desto höher fiel das Trinkgeld aus, mit dem sie für ihre Dienste belohnt wurden. Noch gab es kein Telephon - und so war es für viele Intererssierte wichtig, so rasch wie möglich über die Entwicklung im Börsengebäude unterrichtet zu sein.

Es dauerte damals nicht mehr lang, und die Zeit der Galoppins war vorüber. Aber im Jahre 1868 haben sie sich - als Zeiterscheinung - eine musikalische Würdigung, wie Josef Strauß sie ihnen hat zukommen lassen, durchaus verdient. Die flotte Polka wurde beim Benefizkonzert mit lebhaftem Beifall aufgenommen.

PS. Den Notizen des Hornisten Franz Sabay ist zu entnehmen, dass eine Voraufführung der „Galoppin-Polka" (schnell) bereits am 12. Februar 1868 beim Maskenball im Sofiensaal stattgefunden hat. Josef Strauß aber nannte den 13. Februar und das Konzert in den Blumensälen als Tag und Ort der Uraufführung.

[7] Prinz Eugen-Marsch, op. 186

Kaiser Franz Joseph ließ im Zuge der Errichtung der neuen Hofburg das Areal zwischen dem historischen Teil des Gebäudekomplexes und dem Burgtor zur Ringstraße als „Heldenplatz" gestalten und befahl daher die Errichtung zweier Reiterstatuen. Im Jahre 1860 wurde das erste der beiden Denkmäler fertig. Es war dem Sieger über die Truppen des französischen Kaisers Napoleon in der Schlacht bei Aspern im Jahre 1809, dem Erzherzog Carl

(1771-1847), gewidmet. Anlässlich der Enthüllung dieses Denkmals hatte Josef Strauß den „Erzherzog Carl-Marsch", op. 86 und den Walzer „Heldengedichte", op. 87 komponiert und im k.k. Volksgarten aufgeführt.

Im Herbst 1865 war das zweite Reiterdenkmal fertiggestellt. Es zeigte den österreichischen Feldherrn in der Zeit der Türkenkriege im 17. Jahrhundert, den aus Savoyen stammenden Prinzen Eugen (1663-1736). Der Bildhauer Anton Fernkorn (1813-1878) hatte, wie das Erzherzog Carl-Denkmal, auch das Prinz Eugen-Monument gestaltet. Eigentlich hätte das Denkmal im Jahre 1863, anlässlich des 200. Geburtstages des Prinzen, enthüllt werden sollen, doch die Fertigstellung hatte sich verzögert. Aber - das Monument war ein Meisterwerk des Bildhauers geworden, dessen von Tragik umwittertes Leben im Irrenhaus enden sollte.

Die Denkmalenthüllung wurde nach dem Willen des Kaisers Franz Joseph zu einem feierlichen Staatsakt, dem der Monarch selbstverständlich beiwohnte. Tausende Menschen waren am 18. Oktober 1865 auf dem Heldenplatz versammelt und feierten gemeinsam mit dem Kaiser das Andenken an den Feldherrn, der die Türkengefahr endgültig vom Kaisertum Österreich und damit von Mitteleuropa abgewendet hatte.

Josef Strauß nahm die Feier der Denkmalenthüllung vorweg und spielte bei seinem Benefiz-Konzert am 8. Oktober 1865 im k.k. Volksgarten seinen „Prinz Eugen-Marsch" zum ersten Male auf, den er - wie es auf dem Titelblatt der Klavierausgabe heißt - „mit Benutzung von Volksmelodien" gestaltet hatte. Es versteht sich von selbst, dass der Komponist das historische Lied Prinz Eugen, der edle Ritter in seinem Marsch zitiert hat. Überdies hat er noch ein Soldatenlied aus alten Zeiten verwendet. Aber es war bisher nicht möglich, die Herkunft dieses Motivs aufzuklären. Der „Prinz Eugen-Marsch" von Josef Strauß ist nur in der Klavierausgabe im Druck erschienen.

[8] Sturm-Polka, op. 75

Die „Sturm-Polka" gehört zu den Kompositionen von Josef Strauß, mit denen der Komponist auf die Stimmung der Wiener Bevölkerung im Frühjahr 1859 reagiert hat. Die Truppen der Donaumonarchie wurden damals auf mehreren Schlachtfeldern in Oberitalien von den mit den Italienern verbündeten Franzosen besiegt. Kaiser Franz Joseph, der selbst bei den Truppen erschienen war und sein Leben riskiert hatte, musste Frieden schließen und dabei die Lombardei mit der Hauptstadt Milano (Mailand) preisgeben. Der Schock über diese Entwicklung saß bei den Völkern des Kaisertums Österreich tief. Dementsprechend fanden damals Konzerte und Theater-Vorstellungen nur vergleichsweise wenig Publikum. Josef Strauß schrieb in diesen Monaten drei aktuelle Werke: die Walzerpartie „Stimmen aus der Zeit" (sie ist leider nicht erhalten geblieben), die grandiose Tondichtung im Dreivierteltakt „Schwert und Leyer", op. 71 und die „Sturm-Polka".

Das genaue Datum der ersten Aufführung der effektvollen Polka ist nicht bekannt. Als am 26. August 1859 mit erheblicher Verspätung im k.k. Volksgarten der 29. Geburtstag des nach den Ereignissen in Italien höchst unpopulären Kaisers gefeiert wurde, standen alle drei Werke auf dem Programm. Das Theaterblatt „Zwischen-Akt" berichtete am 27. August 1859: „Namentlich [Josef] Strauß erzielte mit seinen sehr melodiösen Walzern ‘Schwert und Leyer’ und der pikanten ‘Sturm-Polka’ einen ungewöhnlichen Erfolg und musste beide Tonstücke oftmals wiederholen."

Auch beim Hernalser Kirchtag, der am 29. August 1859 in Ungers Casino in Hernals gefeiert wurde, stand die „Sturm-Polka" auf dem Programm. Diesmal schrieb der „Zwischen-Akt": „Das Lieblingsstück der Wiener bleibt in dieser Saison die ‘Sturm-Polka’, welche Strauß allabendlich mehrere Male spielen muss. Die feurigen Motive und die nicht minder effektvolle Instrumentierung dieses Tonstücks haben dasselbe so schnell zum ‘plat favorit’ gemacht."

[9] Das musikalische Österreich, ohne op.

Potpourri aus Nationalliedern und Tänzen aller österreichischer Kronländer.

Josef Strauß war der fleißigste der drei Brüder Strauß. Er hat im Verlauf seines vergleichsweise kurzen Lebens mehr als 500 Arrangements für die Kapelle verfasst und überdies noch mehrere Potpourris zusammengestellt. Den größten Umfang hatten folgende Arbeiten:

Musikalisches Feuilleton (großes Concert-Potpourri) erste Aufführung am 9. November 1862

im Etablissement „Sperl"

Musikalisches Panorama (Potpourri) erste Aufführung am 17. Juni 1856 im k.k. Volksgarten

Das musikalische Österreich, erste Aufführung am 17. 6. 1864 im k.k. Volksgarten

Von allen diesen Arbeiten ist nur eine im Druck erschienen. Das groß angelegte Potpourri „Das musikalische Österreich" wurde vom Verlag Spina kurz nach der Uraufführung in der Fassung für Klavier herausgegeben. Auch handgeschriebene Orchesternoten sind erhalten geblieben. Das erlaubt eine Übersicht über das staunenswerte Werk. Nach einer leidenschaftlich bewegten sinfonischen Introduktion bietet das Potpourri:

Nr. 1 (Polka) und Nr. 2 (Andante): Böhmen

Nr. 3 (Andante): Mähren

Nr. 4 (Allegretto): Schlesien

Nr. 5 (Allegro vivace): Krakau

Nr. 6 (Mazur): Polen

Nr. 7 (Allegretto): Ungarn (mit Frisca)

Nr. 8 (Moderato) und Nr. 9 (Allegro vivave-Allegro): Slavonien

Nr. 10 (Moderato): Kroatien

Nr. 11 (Lento): Serbien

Nr. 12 (Allegretto): Siebenbürgen (Sächsisch)

Nr. 13 (Adagio): Siebenbürgen (Ungarisch)

Nr. 14 (Allegro): Siebenbürgen (Romanisch)

Nr. 15 (molto sostenuto): Dalmatien

Nr. 16 (Allegro): Lombardisch

Nr. 17 (Allegretto) und Nr. 18 (più vivo): Venedig

Nr. 19 (Moderato): Tirol

Nr. 20 (Lento): Salzburg

Nr. 21 (Ländler): Steiermark

Nr. 22 und Nr. 23 (Vivace): Kärnten

Nr. 24 (Lento): Krain

Nr. 25 (Allegretto): Niederösterreich

Nr. 27 (Lento-Vivace-Lento): Oberösterreich

Hier endet die Ausgabe für Klavier. In den Orchesterstimmen hat das Potpourri noch einen grandiosen Abschluss: „Pianissimo-Allegro" wird der „Radetzky-Marsch" angestimmt und machtvoll gesteigert. „Tempo di Marcia" wird er schließlich voll ausgespielt und mit der Kaiserhymne verschränkt. Das Finale ist also ein Bekenntnis zu Österreich, dessen musikalische Vielfalt, wie sie sich im Jahre 1864 noch dargestellt hat, dieses Potpourri eindrucksvoll beweist.

Franz Mailer


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