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8.223894 - RUBINSTEIN: Piano Works
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Anton Grigorjewitsch Rubinstein (1829-1894)

Sechs Etüden op. 23 • Barkarolen

„Bei den Deutschen galt ich als Russe, bei den Russen als Deutscher", soll Rubinstein einmal geseufzt haben. Frühe Ausbildung und Konzertreisen im westlichen Ausland, der Einfluss von Meyerbeer und Mendelssohn, Chopin und Liszt und nicht zuletzt seine Lehrtätigkeit in Wien haben ihre Spuren hinterlassen. Rubinstein war der kosmopolitischste russische Komponist des 19. Jahrhunderts; sein lang anhaltender Widerstand gegen folkloristische und nationale Themen kommt jedoch nicht überraschend.

Rubinstein begann seine Karriere im Alter von elf Jahren als Klavier spielendes Wunderkind. Er wurde an den europäischen Königshäusern empfangen und von einer breiten Öffentlichkeit bewundert. 1849 kehrte er nach Russland zurück, begab sich jedoch 1854 als Erwachsener erneut auf eine ausgedehnte Konzertreise. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war kein geringerer als Franz Liszt der einzige, der mit ihm an öffentlichem Ansehen konkurrieren konnte. 1859 wandte sich Rubinstein dem Dirigieren zu. Er war einer der Mitbegründer der Russischen Musikgesellschaft, und drei Jahre später gründete er das St. Petersburger Konservatorium, dessen Leitung er für die ersten fünf Jahre übernahm. Nach einer Saison, in der er in Wien als Dirigent die Philharmonischen Konzerte leitete, und weiteren fünfzehn Jahren, die er als reisender Virtuose und Dirigent im Ausland verbrachte, kehrte er als Direktor an das Konservatorium zurück. Sein Tod im Jahre 1894 wurde von der gesamten Musikwelt betrauert.

Heute gründet sich Rubinsteins Ruf vor allem auf den phänomenalen Erfolg, den er als Pianist, Dirigent und Organisator des russischen Musiklebens genoss. Seine Leistungen und Errungenschaften wurden in Moskau von seinem jüngeren Bruder Nikolai wiederholt. Beide zusammen prägten für ein Jahrhundert die russische Musikerziehung. Fast vergessen dagegen sind rund 150 Kompositionen, darunter Werke für Sinfonieorchester, Kammer-orchester, Gesang und rund zwanzig Opern. Ein Großteil dieser Werke ist im Dunkel der Geschichte verschwunden, abgetan als leicht und weitschweifig, und das nicht ganz zu Unrecht. In Rubinsteins Musik für Soloklavier können jedoch auch einige tiefere Strömungen entdeckt werden.

Auf diesem Instrument, für das er geboren zu sein schien, erklingen einige seiner idiomatischsten und überzeugendsten Erfindungen. Obwohl sie sich durch extreme technische Anforderungen auszeichnen, zeigen seine Klavierwerke Anzeichen von Reife und Reflexion und widersprechen all jenen, die behaupten, dass ihm — wie bei Mendelssohn — alles zu leicht zugeflogen sei.

Nehmen Sie z.B. die Etüden op. 23, die zwischen 1849 und 1850 geschrieben wurden. Wie die Zyklen zahlreicher anderer Komponisten wurden sie geschaffen, um sowohl die Möglichkeiten des Pianos als auch des Pianisten auszuloten. Und jede geht bis an die äußerste Grenze. Rubinstein erfüllte seine Vorgabe mit diebischem Vergnügen.

Die Etüde Nr. 1 ist ein Allegro in der Tonart F-Dur und eine Studie in der Kunst perlender, durchsichtiger Arpeggien. Gegen eine überaus einfache Melodie in langen Noten lässt Rubinstein einen Schwall schneller gebrochener Akkorde anbranden. Von Zeit zu Zeit bemüht er überraschende Modulationen, die meist ein neues Stimmregister der fortlaufenden Figuren ankündigen. Gegen Ende verwandelt er sie in großartige ungerichtete Schwünge, und schließlich in Oktav-Parallelen mit unglaublicher Energie.

Die Etüde Nr. 2 in C-Dur, überschrieben Allegro vivace, ist ein Stück mit einem entsetzlichen Schwierigkeitsgrad. Hier betritt der Komponist ein Reich mit parallelen Terzen, Quarten, Sexten und Oktaven. Sie tauchen in beiden Händen über wirbelnden Zweiunddreißigstel- und Vierundsechzigstelnoten auf. Im Mittelteil folgt ein melodischer Refrain, der aus aufsteigenden Dreiklängen in der linken Hand gebildet wird. Darüber werden laufende parallele Figuren ausgehalten. Das ist eine geschickte Neubewertung der didaktischen Absicht der Etüde und ein äußert eleganter Weg, um dem Pianisten eine kleine Verschnaufpause zu gönnen und es ihm zu ermöglichen, sich auf ein Finale mit noch größeren Geschwindigkeiten und Herausforderungen vorzubereiten.

Die Etüde Nr. 3, Moderato assai, wird weder in der Stimmung noch der Tonart vorbereitet. Gerade wenn man denkt, Rubinstein würde mit seinen Etüden dem Quintenzirkel folgen, steht die dritte in der Tonart cis-Moll und unterscheidet sich grundlegend von den Vorgängern. Der didaktische Zweck dieser Etüde liegt in der Anweisung, eine einfache Melodie reliefartig und silhouettenhaft mit einem Schwall starker wieder-kehrender Akkorde zu konfrontieren. Als diese Technik eintönig zu werden droht, werden wir von einem deutlichen Wechsel der Stimmung erfreut: Eine vom Mondlicht erhellte Melodie wird von einem weiten Bogen derselben Akkorde in der Vergrößerung veredelt, jetzt in der Durtonart. Es ist eine bezaubernde Passage, doch Wolken brauen sich zusammen und führen zu der anfänglichen dunklen Nacht zurück. Doch es kommt eine weitere Wendung: Ganz zum Schluss kehrt das Licht der Durtonart zurück, und so erhält die Etüde ein mildes Ende.

Auch die Etüde Nr. 4 trägt den Titel Moderato assai. Sie steht in der Tonart Es-Dur, der enharmonischen Entsprechung von Dis-Dur, also einen Ganzton höher als die dritte Etüde, und entwickelt so ein neues Tonarten-Schema. Diese vierte Etüde ist eine gute Übung für Verzierungen.

Die Etüde Nr. 5 F-Dur, Presto, ist ein hochspannungs-geladener Wechselstrom von Akkorden, der in einem absolut strengen Rhythmus gespielt werden muss — mit übergreifenden Händen.

Die Etüde Nr. 6 beendet den Zyklus in glühendem G-Dur, Moderato con moto. Es handelt sich um die äußerst raffinierte Variante einer Technik des 19. Jahrhunderts, in der die Melodie in der Mitte der Klaviatur, oft von den Daumen gespielt wird, während die Begleitung in den äußeren Registern wie bei einem kreisenden Feuerrad aufblitzt.

Eine Barkarole ist ein venezianisches Gondellied, dessen Zweiertakt den Zweierrhythmus des Gondoliere nachahmt, der seine Gondel durch die berühmten Kanäle lenkt. Zahlreiche Komponisten, darunter Chopin, Fauré, Mendelssohn und Schubert haben Barkarolen geschrieben. In Russland wurde das Genre von Balakirew und Glasunow aufgegriffen und von Rubinstein mit einer neuen Stimme versehen. Im Unterschied zu den Etüden op. 23 wurden die Barkarolen jedoch unabhängig voneinander über mehrere Jahre komponiert.

Die Barkarole f-Moll op. 30 Nr. 1, überschrieben Tempo moderato, entstand 1852. Man kann in ihr eine ABA Form erkennen, in der die äußeren Teile ein ausdrucksvolles trauriges Lied enthalten, das in der ersten Passage schlicht vorgestellt wird. Die Melodie liegt in der linken Hand und wird in der zweiten Passage weiter ausgeschmückt. Der kontrastierende Mittelteil (B) ist strahlender, zwingender und rhythmisch konstant.

Die Barkarole a-Moll op. 45, Moderato assai, ist eine ausgeschriebene Improvisation. Ein einfaches Thema, das vielleicht von jemandem aus Rubinsteins Publikum vorgeschlagen wurde, wird in einer Stimme vorgestellt. Dann wird es mit zunehmender Kunstfertigkeit ausgesponnen und im weiteren Verlauf in Dur- und Molltonarten ausgeleuchtet.

Rubinsteins Barkarole g-Moll op. 50 Nr. 3, Moderato con moto, wiederholt das Muster ABA, hier jedoch ist die Melodie rhythmisch lebhaft, punktiert und sprunghaft. In wundervollen Klangschilderungen erleben wir eine schimmernde Wasserlandschaft in schnellen Figuren, die dann still in den Schatten zurückkehren und verschwinden.

Die Barkarole G-Dur, ohne Opuszahl jedoch mit der Angabe Allegro con moto, ist eine etüdenähnliche Übung für parallele Terzen, die einfachen Skalen folgend auf- und absteigen. Der Mittelteil enthält eine kurze Reflexion über eine neue Melodie.

Die Barkarole a-Moll op. 93 Nr. 4, Tempo moderato, ist ein stimmungsvolles Spiel mit der Idee der fallenden Sekunde: in Moll, Dur und chromatisch. Gelegentlich erhält sie als Ausgleich eine aufsteigende Sekunde, wie sie in Trillern zu finden ist.

Die letzte Barkarole c-Moll op. 104 Nr. 4, Moderato con moto, ist die letzte und ausgefeilteste der Sammlung. Das Werk wurde 1885 vollendet und hat eine freie Form: rhapsodisch, offen, harmonisch gewagt. Obwohl eine Hauptmelodie im Zentrum jeder Durchführung steht, dient sie in erster Linie dazu, die gesamte Spannweite der klanglichen Möglichkeiten des modernen Klaviers zu erforschen. Für Rubinstein gelten jedoch nicht die etablierten Regeln der Vorstellung und Weiterführung. Vielmehr erinnert er uns in diesem letzten Werk an die außergewöhnliche Begabung, die er als Pianist für jede musikalische Unternehmung mitgebracht hat. Er verleiht der Struktur ausreichend Gestalt, um den Zweck — Klang um seiner selbst Willen — zu erreichen: abwechslungsreich, klangvoll, widerhallend und heroisch lebhaft.

Charles Barber

Übersetzung: Peter Noelke


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