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8.225092 - MOYZES: Symphonies Nos. 9 and 10
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Alexander Moyzes komponierte seine Sinfonie Nr.9 op.69 in den frühen 1970er Jahren, am 26. September 1971 wurde sie uraufgeführt, im Rahmen des Musikfestivals Bratislava. Zdenek Kosler dirigierte die Slowakische Philharmonie. Mit dieser Sinfonie für großes Orchester beginnt die Zeit der Reifewerke des Komponisten, die vielleicht spektakulärste seiner Schaffensphasen: Seine Musiksprache wird transparenter, klar im formalen Aufbau, gestrafft im gesamten musikalischen Ablauf, unmittelbarer im Ausdruck. Möglicherweise eine Reaktion auf die politische Situation in der Tschechoslowakei nach dem Einmarsch der russischen Armee - man sprach offiziell von einer „Normalisierung" in allen Lebensbereichen, wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell. Die Neunte Sinfonie ist dreisätzig, jeder Satz ist in sich dreiteilig aufgebaut. Der erste Satz Allegro ma non troppo beginnt mit einer langsamen Einleitung, die thematisch mit der Flötenintroduktion der Siebenten Sinfonie verwandt ist. Der lebhafte und motorische Hauptteil verarbeitet das motivische Material, alternierend mit ruhigen Episoden, gegen Ende kehrt der Satz zu seinem Ausgangspunkt zurück. Der zweite Satz Andante con moto zeigt einmal mehr die typischen Elemente der Thematik und Instrumentation Moyzes’. Er reflektiert, angelehnt an die Sinfonik des späten Schostakowitsch, die gedrückte und verzweifelte Atmosphäre im Land nach der sowjetischen Invasion. Der mittlere Abschnitt im Marschtempo wächst zu einem bedrohlichen Höhepunkt an, um schließlich zu einem besänftigenden pianissimo der Streicher zurückzukehren. Im dritten Satz Allegro con brio herrscht eine stetige Unruhe, ein erregtes rhythmisches und dynamisches Pulsieren. Dramatische Akzente stehen neben kontemplativen Abschnitten der Solovioline. Die Musik ist impulsiv, aufgewühlt, nervös; weit entfernt von der Harmonie, von der Heiterkeit und Gelöstheit der früheren Sinfonien des Komponisten. Es ist keine Übertreibung, wenn man diese Sinfonie als ein musikalisches Bild der Hoffnungslosigkeit, der Tragik eines geschändeten Landes bezeichnet.

Anders als ihr Vorgängerwerk scheint die Sinfonie Nr.10 op.77 keinen politischen Bezug zu haben. Sie entstand in den Jahren 1977/78 und wurde durch die Slowakische Philharmonie unter Ladislav Slovák uraufgeführt, am 3. Mai 1979 in Bratislava. Die Zehnte Sinfonie ist ein ausgeglichenes Werk ohne emotionale Extreme, erfüllt von innerem Frieden und Harmonie. Moyzes kehrt hier zum traditionellen viersätzigen Zyklus zurück: Ein heiter-rustikales Allegro ohne verschleierte Harmonien und komplizierte thematische Entwicklungen, ein tänzerisches Allegretto mit filigranen motivischen Variationen, ein eindrucksvolles Larghetto und ein freudig vorwärtsdrängendes Finale. Die Sinfonie ist in hellen Farben gemalt, verträumt im langsamen Satz, lebhaft in den Ecksätzen. Das Larghetto nimmt innerhalb der Sinfonie eine zentrale Stellung ein. Während der langsame Satz in der Siebenten Sinfonie einen sehr persönlichen, tief tragischen Charakter hatte, ist er in der Zehnten Sinfonie idyllisch, glücklich inspiriert von Tschaikowskys Fünfter Sinfonie - sogar der Anfang ist identisch; ein Hornsolo. Alles in allem ist Moyzes’ Zehnte Sinfonie ein „opus perfectum", ein Beweis der menschlichen und künstlerischen Reife des Komponisten. Sie ist typisch für sein letztes Schaffensjahrzehnt - virtuos in der Technik, brillant in der künstlerischen Gestaltung, elegant in der Form und natürlich in der Empfindung. Mit diesem Werk kehrt Moyzes zu seinen musikalischen Wurzeln zurück, zur Orchestertradition des 19. Jahrhunderts, zu Dvorák, Brahms und Tschaikowsky.

Ivan Marton

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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