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8.225105 - LINDBLAD: Symphonies Nos. 1 and 2
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Adolf Fredrik Lindblad (1801–1878): Sinfonien 

 

Im frühen 19. Jahrhundert hatte Schweden nur ein kümmerliches Musikleben vorzuweisen, das sich selbst in der Hauptstadt Stockholm auf provinzielle Ausmeße beschränkle. Von der einige Jahrzehnte zurück-liegenden Blütezeit der Künste unter der Herrschaft Gustavs III. war nicht viel übrig geblieden. Dessen Sohn Gustav IV. Adolf zeigte nicht das geringste Interesse an Musik oder Kunst, so daß unter seiner Herrschaft das Orchester des Opernhauses, die Kungliga Hovkapellet, das einzige professionelle Orchester im ganzen Land war. Enige wenige musikalische Strömungen aus dem kontinentalen Europa erreichten Schweden trotz allem. In den frühen 1780-er Jahren erschienen Haydns Sinfonien langsam auf dem Spielplan und am Ende der Dekade wurde eine Sinfonie Mozarts aufgeführt. Eine frühe Sinfonie Beethovens war 1805 zum ersten mail in Stockholm zu hören, wenngleich dessen Eroica bis zum Jahre 1816 warten mußte. Schweden konnte damals kaum auf eine sinfonische Tradition zurückblicken, und sein Publikum begenete der Orchestermusik nur dann mit Aufgeschlossenheit, wenn sie von ausländischen Komponisten stammte. Folglich beschränkten sich die meisten schwedischen Kompopnisten auf kleinere Genres und schufen anspruchlose Lieder und Klaviermusik. Solch intime Musik war nicht für die Konzertbühne sondern für die Wohnzimmer der gebildeten Mittelklasse bestimmt. Sinfonien waren dort selbstverständlich gar nicht zu hören, es sie denn in Arrangements für Klaier zu vier Händen.

Adolf Fredrik Lindblad enstammte der schwedischen Provinz Östergötland. als Kind lernte er, die Flöte zu spielen und komponierte heimlich ein Flötenkonzert, das von einem Liebhaberensemble in Norrköping aufgeführt wurde. Im Jahre 1817 schickte ihn sein Pflegevater nach Hamburg zur kaufmännischen Wieterbildung, wo er mit der deutschen Musik zu widmen und siedelte nach Uppsala über, wo er ein Jahr lang bei einem dortigen Universitätslehrer Kompositionsstunden nahm. In Uppsala gehörte Lindblad zum Kreise bedeutender Intellektueller, Dichter und Musiker, die sich regelmäßig im Hause Malla Silfverstolpes, der Witwe eines Obersts trafen. Dort erheilt der Komponist reichhaltige Anregungen für sein künstlerisches Schaffen. Malla Silverstolpe ermöglichte ihm ein Studienjahr in Berlin, wo ihn eine enge Freundschaft mit dem damals siebzehnjährigen Mendelssohn verband. Im Anscluß an seine Rüskkehr nach Schweden eröffnete er eine Musikschule, die er bis 1861 leitete Dieser Schule vertraute König Oskar I. die Ausbildung seines begabten Sohnes, des Prinzen Gustav V. an, und auch Jenny Lind erheilt dort die Grundlage ihrer musiklaschen Ausbildung. Seit den 1820-er Jahren komponierte Lindblad über 200 Lieder, sowohl Kunstlieder, die oft auf eigenen Texten beruhten, als auch schlichten Volkslieder. Ihnen verdankte er zu Lebzeiten seine groß Berühmtheit in Schweden sowie den liebevollen Beinamen „Vater des schwedischen Lieds“.

Lindblad strebte in jüngeren Jahren Musik von größeren Dimensionen an, Musik die höhree Anforderungen an ihn selbst aber auch an die Vortragenden und das Publikum stellt. Im Jahre 1831 stellte er seine Sinfonie in C-Dur fertig. Der erste Satz wurde im selben Jahr in Stockholm uraufgeführt, das vollständige Werk im darauffolgenden Jahr, ebenso in Stockholm. Lindblad schuf ein eindrucksvolles Debut-werk von ausladenden Proportionen, das mit allen Wiederholungen vierzig Minuten dauert. Der Komponist orientiert sich in dieser Sinfonie offensichtlich am Sinfoniemodell der Wiener Klassik. Zuweilen klingt sie an Mozarts späte Sinfonien an, aus denen er stellenweise fast wöthlich Phrasen und Motive zitiert. Gelegentlich tritt auch das Vorbild Haydns oder das der frühen Beethoven zutage. Alle Sätze dieser Sinfonie sind formell und thematisch gekonnt angelegt. Lindblad war sich der Tatsache wohl bewußt, daß die schönen Melodien, die bei seinen Liedkompositionen so einfach und natürlich aus seiner Feder flossen, für den sinfonoschen Rahmen nicht geeignet waren, nicht einmal im langsamen dritten Satz, und daß er mit einer andersartigen Thematik aufwarten mußte. Überraschend ist die hervorragende Instrumentierung, denn soweit bekannt, brachte sich der Komponist das Schreiben für ein Orchester selbst bei. Lindblads Sinfonie Nr. 1 fand beim Publikum eine kühle Resonanz, was sicherlich daran lag, daß es im Schweden des frühen19. Jahrhunderts schlichtweg keinen Markt für Sinfonien gab. Auch Lindblads Landsmann, der Komponist Franz Berwald bekam dies deutlich zu spüren, denn seine Sinfonie in A-Dur erhielt bei ihrer einzigen Aufführung im Jahre 1821 eine vernichtende Kritik. Berwald, der in den 1830-er Jahren in Berlin lebte und dort als Orthopäde erfolgreich war, wurde als Komponist vom schwedischen Publikum weiterhin hartnäckig abgelehnt. Dies bezeugt den Vertrauensmangel der schwedischen Öffentlichkeit und Kritiker gegenüber den Komponisten ihres eigenen Landes. Berwald mag mit seiner arroganten Persönlichkeit teils zu der Misere beigetragen haben. Obwohl die beiden Komponisten jahrelang gleichzeitig in Stockholm lebten, hatten sie fast nie miteinander zu tun. Lindblad hingegen war ein äußerst charmanter und begeisterungsfähiger Mann, der stets von den Damen seiner Kreise bewundert wurde. Die um viele Jahre ältere Malla Silverstolpe verliebte sich mit Haut und Haaren in ihn, und eine Affäre mit seiner jungen Schülerin Jenny Lind Führte um ein Haar zur Auflösung seiner Ehe.

Nach der gleichgültigen Resonanz auf seine Oper Frondörerna (Die Rebellen) in Stockholm wandte sich Lindblad von den größeren Genres ab. Schließlich war es dem Leiter der Hovkapellet, Foroni, und seinem jahrelangen Drängen zu verdanken, daß Lindblad eine zweite Sinfonie schrieb. Die Sinfonie Nr. 2 in D-Dur wurde 1855 zusammen mit Beethovens Neunter Sinfonie uraugeführt. Bei diesem Konzert mag die Sinfonie im Schatten von Beethovens Meisterwerk gestanden haben, denn das Publikum würdigte sie nicht, und sie fand auch keinen Verleger, des sie drucken wollte.

Künstlerisch steht diese Sinfonie der ersten jedoch in keiner Weise nach. Sie zeugt von Lindblads solider Handwerskunst, ist ebenso elegant instrumentiert wie ihr Vorgängerwerk und übertrifft dieses sigar in der kontrapunktichen Arbeit sowie in der raffinierten Formanlage. Die Tonsprache dieses Werkes weist wenigeüge auf, sondern orientiert sich nach wie vor an Mozart und Beethoven. Gleichzeitig treten hier auch romantische Einflüsse, etwa die Schumanns oder Mendelssohns deutlicher zutage. Auch Berwalds Stimme ist im Scherzo hörbar. Das muß ein Zufall gewesen sein, denn wann hätte Lindblad die Gelegenheit haben sollen, dessen Musik aufgeführt zu hören oder in einer Partitur zu sehen? Klingt das Ende der Sinfonie etwa bekannt? Natürlich, denn es kommt aus Mozarts Hochzeit des Figaro, aus Cherubinos Arie des ersten Akts.


Deutsche Fassung: Eva Grant


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