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8.225134 - FAESY: Columbus / Sempach / Der Triumph der Liebe
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Albert Rudolph Fäsy (1837-1891)

Sämtliche Werk für Orchester

Geboren am 1. April 1837 in Zürich als Sohn eines Kaufhausbesitzers und Stadtrats, erhielt Albert Rudolph Fäsy seinen ersten Musikunterricht bei Franz Abt und Alexander Müller, letzterer ein Freund Richard Wagners. 1856 begann er sein Studium am Leipziger Konservatorium, drei Jahre später ging er nach Wien und 1860 nach Dresden, wohin er, nach einer Periode in Zürich, 1868 zurückkehrte. Er starb am 5. Mai 1891 in Konstanz, wo er sich 1879 niedergelassen hatte. Diese wenigen Daten sind alles, was über Fäsy bekannt ist.

Im Nachlaß des Komponisten befand sich eine Druckausgabe der Tannhäuser-Partitur mit Wagners eigenen handschriftlichen Korrekturen; es ist demnach anzunehmen, daß er Wagner, der von 1849 bis 1858 im Schweizer Exil lebte, gekannt hat. Die vier hier eingespielten sinfonischen Dichtungen, die Fäsys gesamtes Orchesterwerk darstellen, entstanden jedoch erst nach 1870, als Wagner die Schweiz bereits verlassen hatte. Das Lied Sehnsucht, die Vertonung eines Schiller-Gedichts für Bariton und Klavier, erschienen 1860 bei Albrecht in Wien, ist Fäsys einzige veröffentlichte Komposition; alle seine anderen Werke sind lediglich in Manuskriptform überliefert; sie werden in der Züricher Zentralbibliothek bewahrt.

Fäsy war, wenngleich kein Meister der melodischen Erfindung, ein Könner auf dem Gebiet der Instrumentierung, der Harmonielehre und des Kontrapunkts. Darüber hinaus gelang es ihm in hervorragender Weise, dramatische Wirkungen zu erzeugen, und zwar auf eine Art, die seine Orchesterwerke als Begleitung einer feierlich inszenierten dramatischen Bühnenhandlung erscheinen lassen. Daß die melodische Konstruktion dieser monumentalen sinfonischen Tonpoeme vergleichsweise einfach ist, mag in der Absicht begründet sein, ihnen einen monolithischen Charakter zu verleihen. Auch die Verwendung der Wagnerschen Leitmotivtechnik geschieht aus einer anderen Sicht heraus: sie dient weniger dem Zweck der Gestaltung einer musikdramatischen Aktion oder Handlung als vielmehr als Erkennungsmaterial, um den Hörer von Anfang bis Ende in das Geschehen zu involvieren. Fäsys auf kurzen, nukleusartigen Leitmotiven basierende Kompositionsmethode zielt auf eine Musiksprache, die fast ohne Durchführungstechnik auskommt und die seinen Werken eine etwas starre Einheitlichkeit verleiht.

Ohne die Musik Wagners und Liszts wären Fäsys Werke gleichwohl nicht denkbar, aber vielleicht wollte er auf der Grundlage dieser Tradition einfach nur etwas anderes versuchen, nämlich eine Musik schreiben, die sich an eine größere, weniger elitäre Zuhörerschaft wandte, als dies etwa in Bayreuth der Fall war. Fäsys Manuskripte sind in einem Zustand erhalten, der vermuten läßt, daß diese Arbeiten nie zur Aufführung gelangt sind. Zweifellos hätten sie einen großen Eindruck auf die Zuhörer gemacht. Wenn man seine Werke einmal gehört hat, erscheint Fäsys Persönlichkeit weniger geheimnisvoll als auf dem einzigen erhaltenen Porträt, einem Silhouettenprofil, das vermutlich während seiner Studentenzeit entstanden ist. Fäsys Musik verrät eine starke Persönlichkeit: die Kraft, ein Leben lang für eine verlorene Sache zu kämpfen – wie so viele andere talentierte Komponisten, deren Partituren noch immer darauf warten, entdeckt und gespielt zu werden.

Götz von Berlichingen

Dieses Orchestervorspiel, das den Reichsritter Gottfried von Berlichingen (1480-1562), den Anführer des Bauernaufstands von 1525 zum Thema hat, den Goethe zum Hauptprotagonisten seines historischen Dramas von 1773 machte, ist Fäsys einziges datiertes Orchesterwerk-Manuskript. Es entstand 1870, wurde im Sommer 1881 revidiert und enthält als Motto die letzten, im Gefängnis gesprochenen Worte Götz von Berlichingens in Goethes Text: „Schließt eure Herzen sorgfältiger als eure Tore. Es kommen die Zeiten des Betrugs, es ist ihm Freiheit gegeben. Die Nichtswürdigen werden regieren mit List, und der Edle wird in ihre Netze fallen." Das Stück, ein kraftvoller C-Dur-Marsch, besticht durch glänzende Behandlung der Holz- und Blechbläser. Das Hauptthema (Götz) ähnelt Wagners Meistersinger-Vorspiel und steht in derselben Tonart. Fäsys Harmonisierungen und seine Instrumentierung sind jedoch wesentlich komplizierter und polyphon geschickt gearbeitet, einschließlich überraschender chromatischer Passagen, dramatischer Streichertremoli und realistischer, themenlos stampfender Abschnitte, die zu dramatischen Ausbrüchen führen, in denen das vorherrschende Viererzeitmaß für einige Augenblicke zum 3/4-Takt wechselt. Während Wagners Ouvertüre die sinfonische Summe der miteinander verwandten Leitmotive der Oper ist, fügt Fäsy kurze, kontrastierende Episoden oder Überleitungspassagen ein, die zu verwandten Themen führen, welche ihrerseits niemals einer Durchführung unterzogen werden. Sie beschreiben, wie der Komponist in seinem Manuskript erklärt, bestimmte Protagonisten oder Situationen in Goethes Schauspiel. Der wirkungsvollste Moment dieser Partitur ist der Abschnitt, in dem Hörner, Posaunen und Tuba allein eine Es-Dur-Variation des Götz-Themas spielen, gefolgt von einer Tutti-Wiederholung und einer von der Piccoloflöte gespielten Feldmarsch-Variation. Danach tritt kein neues musikalisches Material hinzu, lediglich eine energische Wiederholung, die das Hauptthema zu einem triumphalen Abschluß führt.

Der Triumph der Liebe

Schillers umfangreiche Hymne Der Triumph der Liebe wurde 1782 veröffentlicht. Die erste Strophe kehrt wie ein Refrain viermal wieder und enthüllt die Hauptidee des Gedichts:

Selig durch die Liebe

Götter – durch die Liebe

Menschen Göttern gleich.

Liebe macht den Himmel

Himmlischer – die Erde

Zu dem Himmelreich.

In den erläuternden Notizen zu seiner Partitur läßt Fäsy durchblicken, wie er sein programmatisches Stück konzipiert und entwickelt hat. Im ersten Teil gibt Schiller eine stürmische Beschreibung der von mythologischen Wesen regierten Natur; im zweiten werden die Menschen aufgefordert, sich von der Natur zur Liebe inspirieren zu lassen und selbst göttergleiche Wesen zu werden.

In diesem eindrucksvollen Werk für großes Orchester – eigentlich ein Vorspiel, dem eine Hymne folgt – drückt der Komponist in seinen eigenen Worten „Ekstase und die Wonnen der Liebe" aus. Das eigentliche Vorspiel basiert auf einem sehnsuchtsvollen Motiv aus fünf Tönen, das zu Beginn dramatisch in Erscheinung tritt und zu einem Viertonmotiv transformiert wird, bevor es zwei mechanischen Crescendo-Abschnitten weicht. Danach führt ein absteigendes lyrisches Thema allmählich zu einigen feierlichen Äußerungen, zwischen denen ein ekstatischer Abschnitt mit Streicherarpeggien nicht nur eine weitere Variation dieses lyrischen Themas stützt, sondern bereits das Thema der Hymne selbst antizipiert. Das in As-Dur beginnende Vorspiel durchläuft verschiedene Tonarten, aber die Hymne bleibt im zuversichtlichen As-Dur. Sie wird von zwei Kadenzen vorbereitet, in denen das lyrische Motiv zunächst ornamentiert und danach in den hohen Bläsern und Steichern zu einem Höhepunkt geführt wird. Im Verlauf wird die Musik zu kadenzartigen Verbeugungen vor Wagners Rienzi und Brünnhilde transformiert. In der Hymne selbst dienen weitere ekstatische Arpeggien als Begleitung eines majestätischen Marschthemas. Eine originelle Coda über das lyrische Thema des Vorspiels bringt das Werk zu einem triumphalen Abschluß. Den Glockenspielpart der letzten neun Takte habe ich selbst hinzugefügt. Mit diesem Werk hat Fäsy ein halbes Jahrhundert vor Skrjabin ein entschieden keuscheres Poème de l’Extase im Stile eines Liszt und Wagner geschrieben, das jedoch Passagen enthält, die bereits auf den Minimalismus des 20. Jahrhunderts vorausweisen.

Sempach

Es ist anzunehmen, daß Fäsy dieses Werk 1886 aus Anlaß des 500. Jahrestages der Schlacht von Sempach vom 9. Juli 1386 schrieb, bei der die von Herzog Leopold von Österreich geführten Habsburger Truppen von einer Schweizer Armee geschlagen wurden. Fäsys eigene Überschriften der dreiteiligen Komposition lauten wie folgt:

(1) Krieg im Land. Aufbruch zur Wehr. Ankunft der Priester zur Einsegnung der Fahnen. Begeisterung zu Sieg oder Tod. „Seid wackre Krieger, auf mit Gott."

(2) Schwur, Fahnenweihe und Gebet.

(3) Der Abmarsch.

Das Werk beginnt mit der realistisch dargestellten Ankunft der Armee an dem Ort, an welchem die Priester einen Altar errichtet haben. Das kurze, marschartige Hauptthema fungiert als Nukleus der folgenden Kontrastthemen bzw. ihrer Begleitung. Eine gefühlvolle, chromatische Variation steigert sich zu einem dramatischen Höhepunkt und führt zur zweiten Episode, die in dem feierlichen dreifachen Schwur gipfelt. Dieser Abschnitt mit dem von Hornrufen begleiteten Glockenklang, dem die Streicher antworten, ist besonders originell und wirkungsvoll. Die dritte Episode, der Abmarsch der Armee, bringt Reminiszenzen und Variationen des Hauptthemas. Der patriotische, zweiteilige Marsch, mit dem Sempach triumphal endet, enthält Material, das auf dem Hauptthema basiert; ihm gehen eine Fanfare und rezitativähnliche Triolenrufe in den Streichern voraus, die eine jubelnde, kriegsbereite Menge schildern. In diesem abschließenden Marsch habe ich eine Wiederholung von neun Takten und das abschließende Glockenläuten hinzugefügt. Sempach hätte es verdient, in Erinnerung an die patriotischen Ereignisse an historischer Stätte aufgeführt zu werden.

Columbus

Fäsys magnum opus, seine umfangreichste sinfonische Dichtung, gliedert sich in sechs Teile, die wir eher als Episoden denn als Sätze bezeichen möchten, da sie miteinander verbunden und thematisch verwandt sind. Das gesamte thematische Material entspringt einem Hauptmotiv, einer resolut aufsteigenden, aus sieben Noten bestehenden Tonfolge, mit der die Komposition beginnt. Hierauf folgt unmittelbar ein aufmunternder, aus einer aufsteigenden Terz bestehender „Heil dir Columbus"-Ruf. Das erste Thema ließe sich als die „Innenwelt" des Menschen interpretieren, der seine Ideale sucht, das zweite als die ihn umgebende „Außenwelt" der Mannschaft und des Meeres. Nach dieser „kontrastierenden Exposition" beschreibt die erste Episode die ruhige See: Columbus spricht seiner Mannschaft Mut zu. Diese antwortet in der zweiten Episode mit einer ausgelassenen Melodie. Als Kontrast gesellt sich ein dramatischeres Motiv hinzu, das sich als Umkehrung des Liedthemas erweist. Danach beruhigt sich die See. Columbus versinkt in Träumerei, ausgedrückt in Fäsys eigenem Gedicht:

Die Sonne sank, der Tag entwich;

Des Helden Brust ward schwer.

Der Kiel durchrauschte schauerlich

Das weite, wüste Meer.

Die Sterne zogen still herauf,

Doch ach, kein Hoffnungsstern!

Und von des Schiffes ödem Lauf

Blieb Land und Rettung fern.

Sein treues Fernrohr in der Hand,

Die Brust voll Gram, durchwacht,

Nach Westen blickend unverwandt,

Der Held die düstre Nacht.

„Nach Westen, o nach Westen hin

Beflügle dich, mein Kiel!

Dich grüßt, noch sterbend Herz und Sinn,

Du meiner Sehnsucht Ziel.

Doch mild, o Gott, von Himmelhöh’n

Blick auf mein Volk herab.

Laß nicht sie trostlos untergeh’n

Im wüsten Flutengrab."

Die Instrumentierung der dritten, dreiteiligen Episode gemahnt an die Klangwelt Rimsky-Korsakows. Dem jetzt in der Gestalt von Quartrufen erscheinenden „Außenwelt"-Thema folgen aufsteigende Skalen, welche die Gefühle des Columbus beim Anblick der Natur beschreiben. Mehrfach geteilte Streicher, Trompetenstaccati und Piccolotöne begleiten ein ätherisches Thema, welches in der dritten Episode das Rauschen des Meeres unter dem funkelnden Sternenhimmel darstellt. Hier nimmt Fäsy bereits minimalistische Techniken vorweg. Die vierte Episode handelt von einer Vision des Columbus und enthält kadenzähnliche Flötenarabesken und Harfenarpeggien. In der fünften Episode übertrifft sich der Komponist selbst; es ist ein avantgardistisch anmutendes Stück mit brillant orchestrierter chromatischer Musik, wobei das thematische Material auf dramatischen Variationen des Matrosenlieds basiert, vorbereitet von rezitativähnlichen Dialogen, die auf eine Auseinandersetzung zwischen dem Kapitän und seiner meuternden Mannschaft schließen lassen. Das Columbus-Thema bleibt zunächst verborgen, erscheint dann aber in verstümmelter Form am Ende einer Phrase oder, in Umkehrung, als klagende Antwort. Bevor die Meuterei endet, beruhigt sich die Musik, und man vernimmt aus der Ferne zwei merkwürdige, miniaturartige Floskeln in der Solovioline über einem sanften Trommelwirbel – vielleicht ein Vogelruf, der das nahe Festland signalisiert. Die verschiedenen Motive der sechsten Episode kulminieren in einer triumphalen Hymne, deren zweiter Teil eine marschartige Version der Matrosenmelodie ist, die ja ihrerseits auf einem Teil des Columbus-Themas basiert. Dessen abschließende, vollständige und kompromißlose Wiederkehr beschließt dieses gewaltige Tonpoem, dessen Untertitel „Empfindung, Malerei und Symbolisierung" lautet. Das Columbus-Orchester ist mit doppeltem Holz (aber 3 Flöten), Baßklarinette, 4 Hörnern, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Pauken, Schlagzeug und geteilten Streichern besetzt.

Eine persönliche Schlußbemerkung

Dem Züricher Chordirektor Hans Ehrismann (1911-1988) verdanke ich die Bekanntschaft mit dem Werk Albert Fäsys, dessen Manuskripte ich mithilfe von Computersoftware 1997 und 1998 als Aufführungsmaterial herausgegeben habe. In einem 1976 erschienenen Zeitungsartikel hatte Ehrismann – völlig zurecht, wie ich glaube – Fäsy als einen Künstler bezeichnet, der einen Platz in der Geschichte der Schweizer Komponisten und Musikwissenschaftler verdient. Als Ehrismann dies schrieb, hätte ich mir niemals vorstellen können, eines Tages als Dirigent vor einem Orchester zu stehen; stattdessen begnügte ich mich mit dem faszinierenden Studium von Fäsys Manuskripten; zu diesem Zweck besuchte ich mindestens einmal im Jahr die Züricher Zentralbibliothek, und nachdem ich später selbst als Dirigent anerkannt war, fühlte ich, daß seine Zeit gekommen war. Die Vorbereitung des Orchestermaterials für diese Einspielung nahm hunderte von Stunden in Anspruch, aber es war eine Arbeit voller Hingabe und Begeisterung. Mein Dank gilt der Czeslaw-Marek-Stiftung und dem Schweizerischen Tonkünstlerverein, die durch finanzielle Unterstützung dieses Aufnahmeprojekt gefördert haben. Daß das Orchester dieser CD das exzellente Moskauer Sinfonieorchester ist, beweist einmal mehr die Richtigkeit des Sprichworts vom Propheten im eigenen Land. Ich bin stolz darauf, daß es gelang, HNH International für dasVorhaben zu gewinnen, diese aufregende, unbekannte Musik für Marco Polo, das Entdeckungslabel par excellence, aufzunehmen.

Adriano

Deutsche Fassung: Bernd Delfs

N.B. Aus Raumgründen erscheint die deutsche Übersetzung der Werkeinführung in Form einer gekürzten Fassung. Der vollständige Originaltext ist ist im englischsprachigen Teil dieses Beihefts abgedruckt.


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