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8.225157 - BODLEY: Symphonies Nos. 4 and 5
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Seóirse Bodley (geb. 1933): Sinfonien Nr. 4 und 5

Seóirse Bodley wurde 1933 in Dublin geboren und studierte an der dortigen Royal Irish Academy of Music und am University College, bevor er von 1957 bis 1959 mit einem Graduiertenstipendium der National University of Ireland nach Stuttgart ging. Dort studierte er Komposition bei Johann Nepomuk David und kehrte als Dozent an das University College zurück, wo er später, von 1984 bis 1998, als Associate Professor lehrte. Sein Interesse für zeitgenössische Tendenzen in der Musik geht einher mit der Vorliebe für irische Volksmusik und den traditionellen gälischen Gesang. Neben seiner kompositorischen Arbeit betätigt sich Bodley als Orchester- und Chordirigent sowie als Klavierbegleiter.

 

Anmerkungen des Komponisten

Sinfonie Nr. 4 ist ein Auftragswerk für das Orchestra Sinfonica dell’Emilia Romagna "Arturo Toscanini", das am 21. Juni 1991 auch die Uraufführung im Teatro Farnese zu Parma spielte. Der Dirigent war José Ramon Encinar.

Die Musik kombiniert Elemente, die zu verschiedenen Zeiten bereits in meinem früheren Schaffen anwesend waren: Elemente der irischen Musik, sowohl in offenkundiger Form wie auch lediglich als Anregung für die Gestaltung des melodischen Stils; scharfe Dissonanz; unregelmäßige Formung; entwickelnde Variation. (Letztere ist gerade hier von besonderer Bedeutung, da die Form oft sehr fließend ist.) Ungewöhnlich für mich ist, daß ich hier erstmals seit vielen Jahren in einem Orchesterwerk wieder auf die klassische Form zurückgreife. Natürlich folgen die Sätze nicht irgendeinem strengen klassischen Prinzip als solchem, wenn auch der Stil des dritten Satzes mit dem klassischen Scherzo in Beziehung steht, und das Finale mit dem Rondo — beide jedoch lediglich in einem allgemeinen Sinn.

Der erste und zweite Satz teilen sich, wie auch der dritte und vierte, einen Teil des Materials. Aber über diese augenfällige Materialteilung hinaus existieren weniger offenkundige Querverweise zwischen den einzelnen Sätzen. Das Eröffungsmotiv in den Celli ist sowohl im ersten als auch im zweiten Satz von Bedeutung, ebenso das zweite Cellomotiv, das die Basis für einen Großteil des Materials im zweiten Satz bildet. Nach der langsamen Einleitung zum ersten Satz entwickelt sich die Musik des folgenden Moderato allmählich aus der Eröffnungsidee des Abschnittes mit einer Kontrastmixtur von Elementen der irischen Musik, scharfer Dissonanz und entwickelnder Variation. Die Musik ist in einem kontinuierlichen Fließen begriffen; sie vermeidet strenge Trennungslinien und bedient sich der Materialreprise nur an wenigen genau fokussierten Stellen.

Der langsame zweite Satz beginnt mit dem ersten Cellomotiv des Kopfsatzes, gespielt von der gestopften Solotrompete. Das zweite Cellomotiv aus dem ersten Satz tritt auch in diesem Satz vielfach in Erscheinung. Ein Violinsolo entwickelt das melodische Material; die Solovioline ist in diesem Satz sogar wichtiger als im ersten, denn sie wird zum Hauptträger der melodischen Entwicklung der Ideen. Im Zentralabschnitt dieses Satzes kommt dem zweiten Cellomotiv des ersten Satzes besondere Bedeutung zu, obwohl auf dem Höhepunkt kurzfristig der irische Materialtyp im Vordergrund steht. Das einleitende Trompetenmotiv kehrt unmittelbar vor Satzende noch einmal zurück.

Der dritte Satz ist ein Quasi-Scherzo, aus dem Ideen hervortreten, die später von Bedeutung für den Verlauf des Finalsatzes sein werden. Nach der dreifach wiederholten Eingangsfanfare tritt das Hauptthema mit einem Gedanken in Erscheinung, der kontinuierlich entwickelt wird, bis der Rhythmus beginnt, sich zu einem marschähnlichen Charakter zu verzerren, aus dem sich schließlich ein ausgewachsener, geradezu nervöser Blechbläsermarsch entwickelt. Es kommt jedoch nicht zur Dominanz des Marsches, da das scherzoähnliche Material zurückkehrt, bis es selbst vom Molto moderato-Abschnitt verdrängt wird, der direkten Bezug auf den Beginn des eigentlichen Moderato des ersten Satzes nimmt. Die kontinuierliche Entwicklung des Scherzo-Materials tendiert ein wenig in die Richtung des Marsches, beschreitet aber andrerseits ihren eigenen Weg (wenngleich mit einem flüchtigen Verweis auf das Molto moderato.)

Der letzte Satz beginnt mit der Marschidee aus dem dritten Satz, wiederum von den Blechbläsern gespielt. Zusammen mit anderem Material ist dies die Einleitung zum Allegro-Hauptthema, das zuerst in den Violinen erklingt. Es handelt sich um einen rhythmisch unregelmäßigen Gedanken, der in der Wahl des Metrums und der Akzentsetzung starke Schwankungen aufweist. Der Marsch unterbricht die Entwicklung dieser Idee, die sich jedoch schließlich durchzusetzen vermag.

Wie die Musik zu einem tiefen, ausgehaltenen Celloton herabsinkt, durchkreuzt eine neue, wenngleich ruhige Stimme das Hauptmaterial des Satzes. Eine Flöte spielt eine Melodie im irischen Stil. Dies verursacht eine gewisse Störung. Das unregelmäßige Thema macht sich wieder bemerkbar, um jedoch vom Marsch verdrängt zu werden. Getarnt als Fugato und als kurzes Adagio kehrt es zurück, wird aber schließlich von einer Reihe unregelmäßiger Forte-Akkorde überwältigt, die das Werk beenden.

Sinfonie Nr. 5 (The Limerick Symphony) entstand als Auftragswerk des Limerick Treaty 300 Komitees und wurde 1991 in Limerick anläßlich der Vertrags-Gedenkfeierlichkeiten uraufgeführt. Der auf die Belagerungen von Limerick und die damit zusammenhängenden Ereignisse folgende Vertrag war eine Angelegenheit von enormer Komplexität, die internationale Auswirkungen haben konnte. Ich gab der Sinfonie den Untertitel The Limerick Symphony, um in irgendeiner Weise den menschlichen Hintergrund dieser historischen Ereignisse zu beleuchten. Was den genauen Inhalt der einzelnen Sätze betrifft, gibt es absichtlich keinerlei Richtlinien; der Hörer muß die Bezüge selbst aufdecken. Ich glaube jedoch, daß das nicht allzu schwierig sein sollte.

Die Sinfonie ist verhältnismäßig groß dimensioniert. Sie besteht aus fünf Sätzen und verwendet Elemente des traditionellen irischen Musikstils. Diese Elemente werden in die Musik integriert, anstatt als Ausgangsmaterial für einen musikalischen Konflikt zu dienen. Ausgiebig wird von der entwickelnden Variation Gebrauch gemacht, wodurch sich die Form — im Gegenatz zu zwei kontrastierenden Materialblöcken — im Verlauf des musikalischen Prozesses entfaltet. Einige Ideen erscheinen in mehreren Sätzen.

Der erste Satz wird von einer langsamen Einleitung eröffnet, die bereits einige Ideen des folgenden Allegro andeutet und das Hauptthema des Schlußsatzes vorwegnimmt. Das eigentliche Allegro beginnt mit unruhigen, erregten Motiven, die nach und nach den Eindruck einer friedlichen Lösung vermitteln. Dies weist bereits auf den Frieden des zweiten Satzes voraus, dessen Stimmung ungetrübt und dessen Instrumentierung zart und leicht ist. Der dritte Satz ist kraftvoll, erregt und ruhelos; Blechbläser und Schlagzeug treten hier in den Vordergrund. Das Gefühl des Konflikthaften ist diesem Satz so immanent wie dem vorhergehenden die Stimmung des Friedens. Der vierte Satz ist um eine kontinuierlich sich entwickelnde elegische Melodielinie herum angelegt; wie im zweiten Satz ist die Instrumentierung durchsichtig. Sowohl in der langsamen Einleitung als auch im folgenden Allegro verwendet der letzte Satz eine Idee, die bereits in der Einleitung zum ersten Satz vorgestellt wurde. Ein kraftvoll-lebendiger Gestus führt die Sinfonie zu einem positiven Abschluß.

Seóirse Bodley

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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