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8.225161 - WORLAND: Tres Senoritas / Shopping Spree
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Bill Worland (b. 1921)
Orchesterwerke

"Leichte Musik ist Musik, bei der die Melodie wichtiger ist als das, was man mit ihr macht." Diese Definition stammt von Andrew Gold, der die Abteilung für Leichte Musik der BBC von 1965 bis 1969 leitete. Das Schwergewicht liegt bei diesem Genre tatsächlich auf der Melodie, gewöhnlichen Harmonien und vertrauten Tonarten. Viele Stücke sind kurz und fast alle sind instrumental. Einfach für das Ohr — eingängig — könnte man sagen. Es handelt sich jedoch um ein Genre, das seit dem Ende der 1950er Jahre zunehmend (und ungerechter Weise) an Beachtung verloren hat, häufig bezeichnet als ein "armer Verwandter" der Musikwelt. Die Situation wurde auch dadurch nicht besser, dass die BBC zahlreiche Sendungen mit Leichter Musik einstellte (wie z.B. Morning Melody, Invitation to Music Breakfast Special und Roundabout). Auch die Angewohnheit der Produzenten, sich an bereits "bestens bekanntes" Repertoire zu halten, half ebenso wenig wie das Auflösen der Hausorchester in den regionalen Funkhäusern der BBC.

All das hatte eine verheerende Wirkung: ein seither völliges Desinteresse an Leichter Musik sowohl seitens der Musikverlage als auch der Schallplattenfirmen sowie vor allem eine Vernachlässigung der Musik lebender Komponisten. Ernest Tomlinson, Komponist, Arrangeur und Dirigent und darüber hinaus Vorsitzender der Composers' Guild (Komponisten-Vereinigung) und der Light Music Society (Gesellschaft für Leichte Musik) hat zusammen mit anderen Anhängern (darunter auch der Verfasser) unermüdlich für eine gerechte Behandlung gekampft — leider ohne Erfolg.

Im März 1975 erhielt ich einen Brief von lain Sutherland (der bei der BBC gekündigt hatte und nun freiberuflich arbeitete), in dem er die Situation als "Katastrophengebiet" bezeichnete. Dem Brief zufolge wurde die Light Music Society sozusagen eingemottet. Iains Brief endete mit den Worten: "Ich wünsche Dir bei Deinen Bemühungen viel Glück!" Er spielt auf meine verbissene Hartnäckigkeit an, denn ich komponierte noch immer und war ständig auf der Suche nach Aufführungsmöglichkeiten, obwohl die Situation zweifellos trübe und hoffnungslos war. In einer Besprechung meiner Autobiografie "Fumble Four Bars In" schrieb Ernest Tomlinson: "Die meisten Komponisten haben jeden Gedanken an den Versuch aufgegeben, das System zu bekämpfen, aber Bill muss für seine Hartnäckigkeit gelobt werden." Hartnäckigkeit allerdings! Aber nicht nur von meiner Seite.

Ich besitze das Band von einer Sendung, die im April 1996 auf BBC 4 ausgestrahlt wurde. In ihr gab Ernest Tomlinson einen Bericht über die Arbeit bei CD-Aufnahmen von Leichter Musik mit dem Tschechischen Radio-Sinfonieorchester. Trotz des Etiketts "Sinfonie(orchester)" liebte das Orchester die Musik, die es aufnahm: Musik ist Musik, ganz egal in welche Schublade man sie zu stecken versucht.

Zur gleichen Zeit hatte Marco Polo damit begonnen, eine Reihe unter dem Titel "British Light Music — Leichte Musik aus Großbritannien” herauszugeben — und andere Firmen folgten dem Beispiel. Während es großartig war zu beobachten, wie die Renaissance der Leichten Musik langsam ins Rollen kam, war die Kehrseite der Medaille, dass alle großen Namen in der Branche auf Sicherheit setzten — und sozusagen in Erinnerungen schwelgten. Viele der Werke, die aufgenommen wurden, stammten aus der "Blumentopf- und Gummibaum" - Ära, und zeitgenössische Leichte Musik war so gut wie nicht vertreten. Selbst die Komponisten jener Werke, die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren geschrieben worden waren, sind seither gestorben. Ich liebe viele dieser "Yesterday-Stucke" — ich wuchs mit ihnen auf — aber wie steht es mit lebenden Komponisten? Ich finde es angebracht, hier Artur Honegger zu zitieren: "Die Öffentlichkeit wünscht keine neue Musik, — die Hauptsache, die sie von einem Komponisten erwartet, ist, dass er tot ist." Ernest Tomlinson führte die Light Music Society 1996 aus ihrem Dornröschenschlaf heraus. Es war eine gesunde und aufregende Wiedergeburt und die Gesellschaft gewann schnell an Einfluss und Form und konnte eine ständig wachsende Mitgliederzahl verzeichnen.

Dank Ernest Tomlinson sowie Naxos und Marco Polo stellt diese CD einige meiner Melodien vor. Sie sind etwas Besonderes — wenn nicht sogar Einzigartiges — denn sie entstanden in Auseinandersetzung mit den Herausforderungen eines Pop-geladenen Klimas einerseits und dem nostalgischen "Spiel-was-bekanntes”-Syndrom andererseits. Komponiert in einem Zeitraum von über 40 Jahren repräsentieren sie zudem die unterschiedlichen Stile, Rhythmen und Geschmacksrichtungen, von denen ich glaube, dass sie die Vielseitigkeit des Genres widerspiegeln.

Shopping Spree (Großeinkauf), komponiert 1956, wurde erstmals in der BBC-Sendung Breakfast special gesendet und mit den Worten kommentiert: "Es ist sehr Bob Farnon-isch." Das Stück wurde später als Hintergrundmusik in dem britischen Film "We Think The World Of You" verwendet.

Die spanische Suite Tres Señoritas wurde von einem bekannten Gemälde aus den sechziger Jahren angeregt, das drei "Spanish Ladies" in einem Innenhof darstellt. Die drei Sätze der Suite charakterisieren jeweils eines der Mädchen: Miguela, Carlotta und Conchita. Der Tango Carlotta fand 1980 auch Eingang in den britischen Film "Under Suspicion".

Rhapsodie Tristesse wurde in den 1950er Jahren komponiert und behandelt, wie der Titel andeutet, ein trauriges Thema. Das Stück entstand im Zusammenhang mit dem Tod meines musikalischen Gurus, mit dem ich über dreißig Jahre verbunden war.

Brighton Belle wurde von dem berühmten Eisenbahnzug gleichen Namens inspiriert. Der Zug mit seiner luxuriösen viktorianischen Ausstattung war bei vielen lokalen Show-Stars beliebt, die den Zug für ihre Reisen zwischen Brighton und London benutzten. Wo ist der Zug wohl heute? Rostet er vielleicht auf einem Absteligleis vor sich hin?

Es gibt eine Fülle melodischer Musik aus Lateinamerika, die als "leicht" bezeichnet werden kann. Latin Lover ist der schnelle erste Satz aus der Suite Lightly Latin, die in den fünfzigern komponiert wurde. In der Zeit zwischen 1965 und 1986 entstanden ergänzend weitere Sätze: Pepita, der ursprünglich als Lied geplant war, Happy Hacienda, Bossa Romantica und Sombrero.

Das repetitive siebentönige Thema von Leeds Castle ist die musikalische Umsetzung von Lord Conways lyrischer Schilderung "Das schönste Schloss der Welt". Darüber hinaus ist es wahrscheinlich such ziemlich einmalig, denn es ist noch vollständig erhalten und hat keine "schaurigen Zeiten" miterlebt. Leeds Castle liegt malerisch an einem See, umgeben von den sanften Hügeln der Landschaft von Kent.

Eleanor ist eine musikalische Hommage, angeregt von einer ergreifenden Liebesgeschichte. Das Stück ist Königin Eleanor von Kastilien gewidmet, die ihren Ehemann König Edward I. gesund pflegte, nachdem er auf den Kreuzzügen schwer verwundet worden war.

Dreaming Spires schildert die idyllische Stadt Oxford mit ihren zahlreichen Kirchen und Kapellen. Der Titel stammt aus einem Zitat von Matthew Arnold (1822-1888), der von 1857 bis 1867 Poetik-Professor an der Oxford University war.

Millennium — ein Fest-Marsch (für den 1. Januar 2001) ist ein etwas anderer Marsch, denn er enthält tatsächlich durch das Glockenspiel von Big-Ben und dem Läuten von Kirchenglocken einen Neujahrs- und Millennium-Geist.

Wie bei Ernest Tomlinson kommt es auch bei mir häufiger vor, dass ein Stück, das als Lied begonnen wurde, später in ein Instrumentalstück umgewandelt wird. It's Spring Again (Es ist wieder Frühling) ist so ein Stück.

Scottish Power hat nichts mit der gleichnamigen Energiegesellschaft zu tun. Es ist die Widmung an ein schottisches Mädchen, das ich gut kenne und das eine magnetische Anziehungskraft besitzt — und dessen Mädchenname "Power" ist. Als ich die Musik für diese CD zusammenstellte, stieß ich auf einige alte Notenblätter. Eines war auf 1973 datiert und trug die Überschrift "Marsch mit schottischem Flair — Titel?" Bestimmte Ereignisse und Einflüsse legten die Ausarbeitung des bestehenden sechzehntaktigen Themas zu einer kleinen Suite nahe. Sie besteht nun aus einem Marsch, einer Reel und einem idyllischen Adagio (By the Loch - Am See). Sie war kaum vollendet, ais sie von dem begeisterten RTÉ Orchestra für diese Aufnahme zum Leben erweckt wurde.

In the Shadow of Vesuvius (Im Schatten des Vesuvs) ist eine Reise nach Neapel und beschreibt abwechselnd die ständige Bedrohung durch den Vulkan, den Sonnenschein über der Bucht von Neapel, und das pulsierende Leben der Stadt. Eine lebhafte Tarantella schildert ein Fest, und weil es in Italien viele Feste zu geben scheint, wird der Satz wiederholt. Harbour Lights beschreibt die Bucht von Neapel, ein glitzerndes nächtliches Schauspiel, auf das ein betörendes Finale folgt: "Say Good bye — Sag Auf Wiedersehen". Das italienische Thema kehrt in dem Stück Amoro dolce zurück und untermalt mit seinen beiden gegensätzlichen Melodien eine bittersüße italienische Roamanze.

Bill Worland
Übersetzung: Peter Noelke


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