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8.225162 - WHITLOCK: Holiday Suite / Music for Orchestra / Wessex Suite
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Percy Whitlock (1903-1946)

Holiday Suite • Wessex Suite • Balloon Ballet • Tanz der Waldwesen

Marsch Würde und Frechheit • Suite Musik für Orchester

Percy Whitlock galt in England als einer der bedeutendsten (komponierenden) Organisten seiner Generation, und auch heute verbindet man seinen Namen vornehmlich mit seinen Orgelkompositionen und seiner Kirchenmusik. Daß Whitlock sich auch in leichteren musikalischen Gefilden zu Hause fühlte, beweist die vorliegende Aufnahme, die seine bisher vernachlässigten Orchesterwerke zusammenfaßt.

Percy William Whitlock kam am 1. Juni 1903 in Chatham in der Grafschaft Kent zur Welt. Er war das einzige Kind seiner Eltern, die ursprünglich aus Northamptonshire stammten. Seine ersten Kompositionen schrieb er im Alter von sieben Jahren. Etwa um die selbe Zeit nahm man ihn zur Probe in den Chor der Kathedrale von Rochester auf, der Whitlock später als Chorleiter und Hilfsorganist fast zwanzig Jahre treu bleiben sollte. 1920 erhielt er ein Stipendium, das ihm ein Studium am Royal College of Music in London ermöglichte, wo Stanford und Vaughan Williams seine Kompositionslehrer waren.

Whitlocks Eltern waren eifrige Laiensänger und begeisterten sich nicht nur für das große Chorrepertoire der Kirchenmusik, sondern auch für leichtes Musiktheater und Operette. Percy teilte ihre Liebe zu geistlichen Werken ebenso wie zur weltlichen Unterhaltungsmusik. Mit seinem regen Interesse für alle Arten von Orgeln einschließlich jener frühen Beispiele von Theaterorgeln, die in den 1920er Jahren in größere Kinos eingebaut wurden, entsprach er wahrlich nicht der landläufigen Vorstellung vom Organisten, der auf seiner fernen Kirchenempore „der Welt abhanden" kommt.

Als man ihn bei der Besetzung der Organistenstelle an der Kathedrale in Rochester stillschweigend überging, zog er in der Hoffnung auf bessere Karrierechancen nach Bournemouth und wurde dort Musikdirektor der St. Stephen’s Church. Obwohl ihm dieses Seebad an der Kanalküste „in jeder Hinsicht meilenweit entfernt von dem durch die Kathedrale geprägten Städtchen" seiner Jugend erschien, blieb er dort für den Rest seines Lebens. Nach fünf Jahren verließ er St. Stephen, um die arbeitsreiche Position des Stadtorganisten bei einem Jahresgehalt von 350 Pfund anzutreten. Dafür hatte er im „Pavilion Theatre" auf einer mächtigen Orgel aus der Werkstatt des renommierten englischen Orgelbauers John Compton Musik zu jeder Art von Veranstaltung zu liefern - von Pantomimen und Revuen bis zu Konzerten und Oratorien. Durch die Veröffentlichung einiger Sammlungen von Orgelstücken machte er sich schnell einen Namen als Komponist, während man ihn als Organisten durch regelmäßige landesweite Rundfunkübertragungen kennenlernte, in denen er allein oder mit dem Bournemouth Municipal Orchestra zu hören war. Bereits in Rochester waren einige Orchesterstücke entstanden, doch der regelmäßige Kontakt zu einem professionellen Orchester war natürlich eine neue Herausforderung. Komponisten wie Byron Brooke, Jean Gennin, Theo de la Rivière und Cecil White belieferten das städtische Orchester regelmäßig mit guter Unterhaltungsmusik und Whitlock wurde von Sir Dan Godfrey, dem Gründer und ersten Dirigenten des Orchesters, sowie seinen Nachfolgern Richard Austin und Montague Birch dazu ermuntert, sich ebenfalls an einigen Konzertstücken zu versuchen.

Die Orgel blieb jedoch stets Whitlocks Lieblingsinstrument, dessen technischer Verbesserung er viele Stunden widmete. So bastelte er ständig an der Orgel des „Pavilion" herum und interessierte sich brennend für die neuen elektronischen Instrumente, die Mitte der 1930er Jahre auf den Markt kamen. Seine sachkundigen Artikel über die elektronischen Orgeln von Allen und Compton lassen vermuten, daß er nur zu gerne selbst ein solches Instrument gespielt hätte.

Da bei Ausbruch des Krieges das städtische „Food Control Office" ausgerechnet im Ballsaal des „Pavilion" eingerichtet wurde, ließ er es sich nicht nehmen, bei der Lebensmittel-Rationierung organisatorisch mitzuhelfen. Liebe zum Musizieren, Aufrichtigkeit, Charme, Begeisterungsfähigkeit und Humor machten Whitlocks einmaligen und liebenswerten Charakter aus, der sich auch in seinen Kompositionen widerspiegelt. Er starb am 1. Mai 1946, einen Monat vor seinem 43. Geburtstag.

Als Musikjournalist und Komponist leichterer Werke wie der Wessex und Holiday Suiten trat Whitlock unter dem Pseudonym Kenneth Lark in Erscheinung. So konnte er sich gelegentlich den Spaß erlauben, unerkannt Kritiken über seine eigenen Konzerte zu veröffentlichen.

1934 schrieb die Zeitung The Daily Telegraph einen Wettbewerb für Orchesterouvertüren aus, an dem Whitlock mit seiner Konzertouvertüre The Feast of St Benedict - seinem einzigen Werk dieser Gattung - teilnahm. Die Juroren - Sir Henry Wood, Sir Hamilton Harty, Frank Bridge und Arthur Bliss - zeichneten allerdings Cyril Scotts Festival Overture mit dem ersten Preis aus und bedachten Whitlocks Werk zu seiner Enttäuschung nicht einmal mit einer lobenden Erwähnung. Daraufhin schrieb er sarkastisch in die Partitur: „Ein Arrangement für zwei Zahnstocher und einen Gasbrenner wird erwogen." In einem Ansagetext, den er für eine Rundfunkübertragung geschrieben hatte, erklärte Whitlock, daß die drei Hauptthemen der Ouvertüre „festliche Stimmung, Liebe und religiöse Empfindung" repräsentierten und das Werk den Geist einer südländischen Fiesta beschwören sollte.

Das Ballett of the Wood Creatures (Tanz der Waldwesen) entstand 1939. In dem zarten Satz in h-Moll taucht ein kurzes Zitat aus Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre auf.

Whitlocks Wessex Suite wird von dem Walzer Revels in Hogsnorton (Gelage in Hogsnorton) eröffnet. Er nimmt auf das mythische Dorf Hogsnorton Bezug, das der englische Komiker Gillie Potter erfand. Der Titel des nächsten Satzes - The Blue Poole - kombiniert zwei wirklich existierende Örtlichkeiten: Poole ist eine Stadt in der Nähe von Bournemouth, während der Blue Pool ein für seine leuchtend blaue Farbe bekannter See in der schönen Landschaft der Isle of Purbeck ist. Die Suite endet mit dem heftigen, etwas prahlerischen Marsch Rustic Chivalry (Bauernehre), also einer Art britischer „Cavalleria Rusticana"! Im Trio-Abschnitt erinnert der begleitende Kontrapunkt an die Melodie des berühmten Liedes „It’s a Long Way to Tipperary", zu dem unzählige britische Soldaten in den Ersten Weltkrieg zogen.

Die Suite Music for Orchestra wurde 1941 aus neu geschriebenen Sätzen und älterer Musik aus der Zeit in Rochester zusammengestellt. Das offenbar virtuose Pfeifen eines gewissen Peter Burney - Chorsänger der Kathedrale in Rochester - inspirierte Whitlock 1929 zu jenem Satz, der zunächst als Allegretto für Orgel veröffentlicht wurde und in der Suite den Titel Peter’s Tune erhielt. Caprice wurde vor dem Ausbruch des Krieges skizziert und im Januar 1941 vollendet. Reverie (1927) und Peter’s Tune sind nicht im Autograph erhalten, doch wissen wir, daß sie als Orgelsoli konzipiert und veröffentlicht wurden. Die Fanfare on the Tune „Song of Agincourt" - so der ausführliche Titel - komponierte Whitlock im Dezember 1940, nachdem er den „Agincourt Song" im Radio gehört und seine Frau Edna ihm vorgeschlagen hatte, die berühmte und oft bearbeitete Melodie dieser Ballade aus dem 15. Jahrhundert zum englischen Sieg über die Franzosen in der Schlacht bei Agincourt für eine eigene Komposition zu verwenden: „Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und machte mich sofort ans Werk."

Die reizvollen Lieder Come along, Marnie und Susan, the Doggie and Me sind lediglich als Klavierauszüge erhalten. Zusammen mit den Ballettstücken und der Holiday Suite entstanden sie für eine Wohltätigkeits-Matinee unter dem Titel „DayDream Family", zu der Whitlock über vierzig Minuten Musik beisteuerte.

Genau wie die Wessex Suite wird auch die Holiday Suite von einem Walzer eröffnet und von einem Marsch beschlossen. In the Ballroom bezieht sich auf den prächtigen Ballsaal des „Pavilion" in Bournemouth. Die Spade and Bucket Polka („Spaten und Eimer" - Polka) hat eine kleinere Orchesterbesetzung und enthält die bekannte Melodie des Liedes „Cherry Ripe". Der Civic March (Bürgermarsch) trug ursprünglich den weniger offiziellen Titel „Picnic March".

Das Balloon Ballet (B-Dur, 6/8-Takt) wurde ebenfalls für die „DayDream" Matinee komponiert.

Der mitreißende Marsch Dignity and Impudence (Würde und Frechheit) stammt aus dem Jahr 1932. Der Titel ist von einem Gemälde des besonders für seine Tierdarstellungen bekannten viktorianischen Malers Sir Edwin Landseer übernommen, auf dem zwei Hunde zu sehen sind: ein großer, „würdiger" mit gutmütig hängenden Ohren und ein kleiner, „frecher", der sich offenbar im Schutz seines mächtigen Gefährten sehr sicher fühlt. Mit seinen bewußten Anspielungen auf Elgar weist dieses Stück eine gewisse Verwandtschaft zum ersten der populären Pomp and Circumstance - Märsche auf.

Malcolm Riley

Deutsche Fassung: Alexandra Maria Dielitz


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