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8.225177 - KUULA / MADETOJA: Finnish Songs
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Toivo Kuula (1883-1918) • Leevi Madetoja (1887-1947)

Toivo Kuula (1883-1918) • Leevi Madetoja (1887-1947)

Finnische Sololieder

 

Als Toivo Kuula in den Nachwehen des Finnischen Bürgerkriegs im Mai 1918 eines gewaltsamen Todes starb, wurde er zum tragisch-romantischen Helden der finnischen Musik. Kuula wurde 1883 in Vaasa geboren; er studierte bei Novácek, Wegelius und Järnefelt am Musikinstitut in Helsinki, bevor er seine Ausbildung in Bologna, Leipzig, Paris und 1911-12 in Berlin fortsetzte. Bereits während seiner Studienzeit hatte er in Vaasa unterrichtet und dirigiert sowie in Oulu das dortige Orchester geleitet. 1916-18 war er Assistenzdirigent am Städtischen Orchester Helsinki. Als Komponist wurde er vor allem von Jean Sibelius beeinflusst, wobei er sich hauptsächlich von der Volksmusik seiner Heimatregion Östrobottnien inspirieren ließ. In Erinnerung geblieben ist er in erster Linie aufgrund seiner Vokalkompositionen. Kuula starb im frühen Alter von 35 Jahren. Er war ein vollblütiger Nationalromantiker, dessen Musik die Atmosphäre seiner Heimatregion widerspiegelt.

 

Kuula hinterließ 24 Klavierlieder. Zu den typischen Merkmalen seiner Musiksprache zählen die fließende Melodik und ein slawisches Pathos. Viele Lieder stehen in Molltonarten und haben einen melancholischen Charakter wie z.B Syystunnelma (Herbststimmung), Vanha syyslaulu (Altes Herbstlied), Tuijotin tulehen kauan (Lang starrte ich ins Feuer) und Suutelo (Der Kuss). Es wäre jedoch zu einfach, Kuula lediglich als hitzigen Heimatkämpfer zu bezeichnen, dessen Lieder nur von den rauhen Traditionen der östrobottnischen Region handeln, denn neben lokalpatriotischen Elementen besitzen seine Lieder auch eine feinfühlige, nuancierte Sensualität, die dem Impressionismus nahe kommt. Beispiele hierfür sind Sinipiika (Blaues Mädchen), Purjein kuutamolla (Segeln im Mondlicht) oder Jääkukkia (Eisblumen).

 

In Kuulas Liedern ist die Klavierstimme oft lediglich Begleitung; sie hat im Gegensatz zur deutschen Liedtradition keine selbständige Funktion. Sein Klaviersatz ist vollgriffig mit teilweise an Brahms erinnernden dichten Akkorden. Ein weiteres Merkmal, das an den deutschen Komponisten denken lässt, ist Kuulas Vorliebe für Volksliedbearbeitungen. In seiner Textwahl zeigt er sich als glühender Patriot: über die Hälfte seiner Lieder sind Vertonungen von Texten der großen zeitgenössischen finnischen Dichter Eino Leino oder V.A. Koskenniemi. Viele seiner Lieder wurden von seiner Frau Alma uraufgeführt, die für ihn nicht nur Sängerin, sondern auch Inspirationsquelle war.

 

Leevi Madetoja, vier Jahre jünger als Kuula, stammte ebenfalls aus Östrobottnien, wo er 1887 in Oulu geboren wurde. Dort beendete er 1906 seine Schulausbildung und studierte danach an der Universität Helsinki und als Schüler von Jean Sibelius am dortigen Musikinstitut. Seine Ausbildung vervollkommnete er 1910 bei Vincent d’Indy in Paris, 1911 bei Robert Fuchs in Wien sowie in Berlin. 1912 wurde er Dirigent des Orchesters der Philharmonischen Gesellschaft Helsinki; von 1914 bis 1916 wirkte er als Dirigent des Orchesters in Viipuri, wo er auch an der Orchesterakademie unterrichtete. 1916 begann er eine 23-jährige Lehrtätigkeit am Musikinstitut Helsinki und arbeitete während vieler Jahre als Musikkritiker des Helsingin sanomat. Als Komponist war ein bedeutender Vertreter der national-romantischen Schule. Wie Kuula schöpfte auch er aus der östrobottnischen Volksmusik; andererseits ließ er sich aber stärker als jener von der zeitgenössischen französischen Musik inspirieren.

 

Madetojas ca. 60 Lieder stellen einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des finnischen Sololieds dar. Ihm fehlen jedoch die kraftvollen, bodenständigen Qualitäten, die Kuulas Musik so populär gemacht haben, obwohl seine Lieder vielleicht mehr Überraschungen für den Hörer bereit halten. Seine Phrasenbildung ist im Vergleich zu Kuula komplizierter, während die Struktur weniger unzweideutig ist.

 

Syksy (Herbst) ist der Titel von Madetojas letztem bedeutenden Liederzyklus. Er wurde 1930 vollendet und besteht aus Vertonungen von Texten der Lyrikerin L. Onerva, der Frau des Komponisten. Das Titellied, Syksy, verbreitet Abschiedsstimmung. Lähtö (Die Abreise) beginnt mit Klavierakkorden, die an die Ouvertüren zur den Opern Pohjalaisia (Die Östrobottnier) und Juha erinnert. Luulit ma katselin sua (Du dachtest, dass ich dich beobachtete) besitzt eine chromatische, rastlose Melodie. Lintu sininen (Blauer Vogel) ist von strenger Melodik, aber ausdrucksmäßig von packender Intensität. Ijät hyrskyjä päin (Immer den Wellen entgegen) beendet den Zyklus mit seinen rezitativartigen Phrasen auf einer einzigen Note.

 

Risto Nordell

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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