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8.225183 - GAROFALO: Romantic Symphony / Violin Concerto
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Carlo Giorgio Garofalo (1886-1962)

Romantische Sinfonie • Violinkonzert

Am 6. Juni 1994 fand im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums ein bemerkenswertes Ereignis statt. An diesem Tag — die Konzertsaison war bereits zuende — machte der amerikanische Komponist und Dirigent Joel Spiegelman, der in den letzten Jahren regelmäßig in Moskau zu Gast war — das Publikum mit der Romantischen Sinfonie eines heute gänzlich vergessenen italienischen Komponisten bekannt: Carlo Giorgio Garofalo. Sein Fall ist einzigartig. Bereits bei seinem Tode war sein Name in Vergessenheit geraten und selbst die führenden Musiklexika und Enzyklopädien erwähnen ihn nicht. Und so stellt sich die Frage, ob diese Vernachlässigung gerechtfertigt ist. Gewiß, Ungewöhnliches ereignet sich immer wieder, und es gibt genügend Fälschungen von Amateuren, die sich einen festen Platz in den Musikarchiven gesichert haben. Aber bei Garofalo ist das nicht der Fall. Seine Musik verdient es, beachtet und aufgeführt zu werden.

Carlo Giorgio Garofalo wurde am 5. August 1886 in Rom geboren, wo er Komposition, Orgel und weitere Fächer bei Stanislao Falchi, Cesare de Sanctis, Remigio Renzi und Salvatore Saija studierte; mit letzterem teilte er sich 22 Jahre lang die Organistenstelle an der Hauptsynagoge in Rom. Unmittelbar nach seinem Studienabschluß am Konservatorium ging er für einige Jahre in die Vereinigten Staaten, wo er einen Posten als Musikdirektor an einer Bostoner Kirche bekleidete.

Wie viele seiner italienischen Zeitgenossen richtete Garofalo sein Interesse vornehmlich auf die Komposition von geistlicher Chor- und Orgelmusik. Seine Messen gelangten an den großen Kirchen in Rom, Mailand, Bergamo, Monza und anderen italienischen Städten zur Aufführung. Darüber hinaus hinterließ er aber auch eine beträchtliche Anzahl von Kompositionen in allen weltlichen Gattungen. Seine Lebensumstände erlaubten es ihm jedoch nicht, die Aufmerksamkeit einer größeren Zuhörerschaft oder der einflußreichen Kritiker zu erregen.

Vor dieser Einspielung ist das größte seiner Orchesterwerke, die Romantische Sinfonie, nur ein einziges Mal vollständig aufgeführt worden, nämlich im Jahre 1915 vom St Louis Symphony Orchestra unter Max Zach. Aufgrund der politischen Wirren des 1. Weltkriegs konnte der Komponist nicht zur Uraufführung reisen und so hat er dieses Werk nie vollständig gehört. In Rom führte der berühmte Dirigent Tullio Serafin bei einem seiner Konzerte nur zwei Sätze auf, Andante und Scherzo. Berühmte Dirigenten wie Arturo Toscanini und Arthur Nikisch gehörten zu den Bewunderern von Garofalos Musik, aber sie wurden, aus unterschiedlichen Gründen, daran gehindert, seine Werke aufzuführen.

Seither ist Garofalos Musik, mit Ausnahme seiner geistlichen Kompositionen, dem Publikum gänzlich unbekannt. Bis zu seinem Tod im Jahre 1962 gab es nur vereinzelte Aufführungen, wenn auch teilweise mit renommierten Musikern. Zweimal, 1942 und 1948, dirigierte Carlo Zecchi in Wien das Andante aus der Romantischen Sinfonie, und der hervorragende italienische Geiger Remy Principe spielte Garofalos Violinkonzert unter Giuseppe Morelli, aber seine große komische Oper, Der Jongleur, ist, wie viele andere seiner Partituren, bis zum heutigen Tag nie aufgeführt worden. Es wurde gelegentlich behauptet, daß Ottorini Respighi nicht unschuldig gewesen sei an Garofalos Schicksal, da er in ihm einen gefährlichen Konkurrenten gesehen habe, der seinem eigenen Ruf als erstem Nicht-Opernkomponisten Italiens im Wege stand.

Die Moskauer Aufführung der Romantischen Sinfonie war die erste ernsthafte Beschäftigung mit Garofalos Musik seit Jahrzehnten. Zwei Jahre zuvor hatte Joel Spiegelman die Partitur in einem amerikanischen Archiv entdeckt und sich sofort mit Begeisterung für eine Aufführung eingesetzt. Diese Gelegenheit bot sich schließlich in Moskau.

Was wir hören, sind wahrhaft monumentale musikalische Strukturen. Schon aufgrund ihres Umfangs, der thematischen Entwicklung, der Instrumentierung und der musikalischen Architektur ist dieses Werk eher der Wiener Tradition zuzuordnen als der italienischen Schule. Vor allem gemahnt sie an die gewaltigen Sinfonien Anton Bruckners, und dennoch entsteht niemals der Eindruck von Nachahmung oder künstlerischer Abhängigkeit. Die melodische Erfindungskraft des Komponisten steht außer Zweifel, ebenso die Meisterschaft, mit der er eine homogene Form schafft, die sowohl dramatischen Ansprüchen als auch dem Ausdruck eines vorbehaltlon Romantizismus gerecht wird. Meisterhaft instrumentiert, hält dieses Werk echtes Spielmaterial für alle Orchestergruppen und für jedes Instrument bereit. An keiner Stelle deckt die Orchestermasse die Themen oder die musikalischen Ideen zu. Fazit: Hier begegnet uns eine echte, große postromantische Sinfonie, die es verdient, ins Repertoire der Orchester aufgenommen zu werden.

 

Lev Ginsburg

Übersetzung: Bernd Delfs


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