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8.225184 - REYNOLDS, A.: Alice Through the Looking Glass Suite
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Alfred Reynolds (1884-1969)

Orchesterwerke

Wie viele andere britische Komponisten, die sich der Leichten Musik verschrieben hatten, war Alfred Reynolds ein Mann des Theaters. Außer einigen Orchesterzwischenspielen, einigen Dutzend Liedern und einigen Instrumental-Miniaturen bezog sich sein gesamtes Schaffen ausschließlich in der einen oder anderen Weise auf das Theater. Obwohl seine Blütezeit vom Ersten Weltkrieg bis in die 1950er Jahre reichte und er zu seiner Zeit großes Ansehen genoss, ist er heute weit weniger bekannt als viele seiner Zeitgenossen. Er war freundlich und gesellig, beherrschte acht Sprachen und besaß Sinn für Humor; alles in allem scheint er ein hinreißender Mensch gewesen zu sein.

Reynolds wurde am 15. August 1884 in Liverpool geboren und erhielt seine Ausbildung an der Merchant Taylor’s School. Später ging er mit seiner Familie, die Reynolds’ Exhibition, eine nördliche Version von Madame Tussaud’s Wachsfigurenkabinett, betrieb, nach Frankreich. Zunächst studierte er Musik bei J.C. Walker in Liverpool und besuchte einige Monate das Konservatorium in Heidelberg, bevor er sechs Jahre lang bei Engelbert Humperdinck in Berlin lernte. Aus dieser Zeit stammen Reynolds erste bekannte Kompositionen: einige sind Übungsstücke für Humperdinck, andere sind Kirchenmusikwerke für die Anglikanische Kirche von Berlin, an der er von 1908 bis 1910 Organist und Chorleiter war. Sein leichter Walzer Le Désir erklang allerdings bereits 1906 in Liverpool im Rahmen eines Varieté-Programms. In Berlin sammelte er Erfahrung auf dem Gebiet der Oper, und 1910 schloss er sich einer deutschen Operntruppe an, um eine Sommer-Saison lang in Estland mit einem Strauss-, Lehar- und Sullivan-Programm aufzutreten.

Im Frühjahr des Jahres 1911 kehrte Reynolds nach England zurück und wurde von Philip Faraday als Dirigent für eine Tour durch die Provinz mit Oscar Straus’ The Chocolate Soldier (Der Schokoladensoldat, Originaltitel: Der tapfere Soldat) engagiert. Mit 26 Jahren war er damit angeblich der jüngste Operndirigent des Landes. Durch die Arbeit an der Oper The Chocolate Soldier lernte er die Sängerin Barbara Florac kennen, eine begabte Musikerin, die die zweite Besetzung der Rolle der Nadine sang. Sie heirateten im Juli 1913, die Ehe verlief jedoch nicht glücklich. Nachdem im Juni 1914 eine Tochter geboren wurde, lebte das Paar nur noch selten zusammen, auch wenn sie sich offiziell nicht scheiden ließen.

Nach weiterer Arbeit für Faraday, besuchte Reynolds 1914 die Vereinigten Staaten und verpasste knapp seine geplante Rückreise auf der Lusitania. Wegen einer schwachen Gesundheit wurde er während des Kriegs nur eingeschränkt zum Militärdienst eingezogen; er brauchte nicht an der Westfront zu dienen und wurde 1917 schließlich ausgemustert. Daher war es ihm möglich, an Wohltätigkeitskonzerten teilzunehmen und zu komponieren. Zu den Werken dieser Zeit gehörten in erster Linie Lieder und Zwischenaktmusiken für das Theater; besonders erwähnenswert ist The Toy Cart (Vasantasena), das in der Konzertversion große Popularität erlangte.

Im Winter 1920-21 begab sich Reynolds als Musikalischer Direktor der so genannten Royal Opera Company mit einem aus Opern und Operetten bestehenden Programm auf eine Tournee in den Fernen Osten. Die Tournee war schlecht organisiert und musste auf eher mittelmäßige lokale Orchester für die Begleitung zurückgreifen. In Verbindung mit einem altmodischen Repertoire wurde die Tournee ein völliges Desaster, und als in Java das Geld ausging, musste Reynolds auf eigene Ersparnisse zurückgreifen, um über Japan und Kanada nah Hause zurück zukehren. Wieder in England nahm er seine Arbeit als Dirigent und Komponist wieder auf und entwickelte nach dem großen Erfolg von Frederic Austins Version von The Beggar’s Opera am Lyric Theatre, Hammersmith, ein besonderes Interesse für die Rekonstruktion von Balladen-Opern des 18. Jahrhunderts. Der Eigentümer des Theaters, Nigel Playfair, hörte die Adaption von Arnes Love in a Village, die Reynolds für den Mayfair Dramatic Club bearbeitet hat, und engagierte ihn als Musikalischen Direktor des Lyric Theatre. Diese Position hatte er von 1923 bis 1932 inne. Obwohl das Theater nur über 500 Plätze und einen winzigen Orchestergraben verfügte, waren diese Jahre für Reynolds äußerst erfüllend und eine glänzende Episode in der angesehenen Geschichte des Lyric Theatre.

Darüber hinaus schrieb Reynolds für Playfair Zwischenaktmusiken für Schauspiele von Shakespeare, Molière, Dryden, Sheridan, Goldsmith und Farquhar, eine anspruchsvolle Revue Riverside Nights (1926), deren Herzstück Arnes Thomas and Sally war, die aber auch viel von Reynolds beinhaltete, eine Ouvertüre, die Begleitung zu Wordsworths The Power of Music (rezitativ) und eine reizende fünfzehn-minütige burlesque Operette The Policeman’s Serenade, zwei komische Opern, den Einakter The Fountain of Youth (1931) und den Dreiakter Derby Day (1932) sowie weitere Wiederauflagen von Opern des 18. Jahrhunderts. Bei diesen letzteren Opern beließ es Reynolds nicht nur dabei, die Begleitung neu zu instrumentieren, sondern er komponierte auch einige eigene Nummern hinzu und weckte so, allen Puristen zum Trotz, das Interesse an der älteren britischen Musik.

Zudem widmete sich Reynolds in diesen Jahren auch anderen Projekten. Seit 1927 wurde nicht nur seine Orchestermusik von der BBC gesendet, sondern auch seine musikalischen Schauspiele (häufig geschrieben nach Texten seiner Schwester Edith G. Reynolds), seine Lieder, vor allem seine Kaberett-artigen She-Shanties und seine Neufassungen der Opern des 18. Jahrhunderts. Er komponierte Zwischenaktmusiken für andere Theater, bemerkenswert sind vor allem einige Walzer für The Lady of the Camellias am Garrick Theatre 1931, ein Schauspiel, das von seiner Schwester übersetzt wurde. Er dirigierte Thomas Dunhills komische Oper Tantivy Towers am Lyric Theatre und Mozarts Così fan tutte am Royal Court Theatre.

Reynolds hätte seine spätere Karriere keineswegs als Enttäuschung bezeichnet. Tatsächlich war 1066 and All That (1066 und all’ das) sogar sein bekanntestes Werk, vor allem bei Schulkindern. Ausschnitte daraus werden hier vorgestellt, ebenso wie zwei Reynolds-Hits aus der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, Swiss Family Robinson und Alice. Reynolds fuhr mit seinem Komponieren fort: Lieder, wie der Zyklus Five Centuries for Love (1946) nach Texten von Clifford Bax, belegen die Vorliebe des Komponisten für historische Pasticcios; dazu kamen weitere Zwischenaktmusiken und 1958 eine zweiaktige komische Oper The Limpet in the Castle, uraufgeführt, ungewöhnlicher Weise, in einem Bergarbeiter-Dorf in Yorkshire. Reynolds starb am 18. Oktober 1969 in Bognor Regis, wo er schon seit vielen Jahren gelebt hatte. Zu dieser Zeit litt seine Musik, die zwar handwerklich immer gut gemacht und angenehm melodisch war, wenn auch nicht ganz so individuell wie die einiger seiner Zeitgenossen, bereits zunehmend unter dem Schattendasein, das die Britische Leichte Musik früher oft führte, aus dem sie heute aber langsam heraus tritt.

Der Festival March oder March of the Spears, der aus einer in Portsmouth aufgeführten Bühnenfassung von Baroness Orczys Roman Leatherface stammt, ist ein mitreißendes Stück. Eine Fanfare für Trompeten führt zu einem sehr prägnanten Marsch-Thema, einer breiter angelegten Idee und einer expressiven Trio-Passage.

In der Stratford Weihnachts-Show des Jahres 1947 kamen die beiden Bücher von Lewis Carroll zur Aufführung: Alice in Wonderland und Alice Through the Looking-Glass. Zu beiden Stücken gab es Orchester-Suiten, und die zweite wird hier vorgestellt. Auf Jabberwocky, eingeführt von den Holzbläsern und dem dreimaligen Ertönen der Sirenen-Pfeife, folgt The Ballet of the Talking Flowers, ein reizvoller Walzer, der von einer kurzen Klavierkadenz eingeleitet wird und ein Solo für Violoncello enthält. Die Instrumentation von The Parade of the Hobby Horses, das auf Humpty Dumpty zurück greift, verlangt in der Schlagwerkgruppe nach „cocoa-nuts" (!), „Klöppel (wie eine Peitsche)", Holzblock und Rassel. Die Pauke erhält eine sechs Takte dauernde Solopassage, um den March of the Drums einzuleiten. Er mündet nach einer erneuten Unterbrechung durch die Sirenen-Pfeife in das Finale, das ebenfalls ein Marsch mit einem eigenen kleinen Trio-Abschnitt ist.

The Toy Cart, dessen Geschichte im Indien des 2. Jahrhunderts angesiedelt ist, war eine Produktion des Dubliner Abbey Theatre des Jahres 1918. Die siebensätzige Suite, die manchmal den Titel Vasantasena trägt, wurde nach der Zwischenaktmusik zusammengestellt und war vielleicht Reynolds erstes Orchesterwerk, das einige Anerkennung fand. Die drei Sätze, die hier eingespielt sind, beginnen mit dem Prelude, das durch reizvolle Holzbläser-Solos besticht. Darauf folgen eine hübsche Romanza mit einem Violin-Solo, das ein Cello-Solo einrahmt sowie als Finale ein Marsch, der kurz die Melodie aus der Romanza zitiert und orientalische Farben einführt, die ansonsten in dem Stück fehlen.

Die Ouvertüre zu The Taming of the Shrew wurde ursprünglich 1927 für eine Produktion am Lyric Theatre komponiert. Die langsame Einleitung führt zu einem reizvollen barockartig klingendem Thema, das Allegro non troppo überschrieben ist, und Katherines gütiges Wesen repräsentiert. Ihre schlechte Laune kommt schon bald in einem Più animato Abschnitt zum Ausdruck. Auf eine kurze lyrische Passage mit prägnanten Holzbläsern folgt ein weiterer Ausbruch, in dem Petruchio die Regeln festlegt und Katherines Schreie in den Klarinetten erklingen. Dann kehrt das „Barock"-Thema zurück, und das Ganze endet in einem siegreichen Triumph.

Die Bühnenfassung von Sellar und Yeatmans 1066 and All That nach einem Libretto und Gedichten von Reginald Arkell, kam zunächst 1934 als Weihnachtsstück am Birmingham Repertory Theatre heraus, und lief Ostern 1935 erfolgreich im Londoner West End. Die Suite, die 1935 veröffentlicht wurde, verwendet sechs der bekanntesten Melodien der Show, drei im Walzer-Rhythmus. Der einleitende Marsch wird am Ende wiederholt. Das Ballet of the Roses, das hier gesondert eingespielt wurde, ist ein Potpourri aus bekannten Liedern über Rosen: She Wore a Wreath of Roses, ein Walzer, The Last Rose of Summer mit einem Solo für Klarinette, Rose Softly Blooming, ursprünglich von Louis Spohr, My Love is Like the Red Red Rose und ein abschließender Galopp Ring a Ring of Roses.

Reynolds Bemühungen auf dem Gebiet der Wiederbelebung der frühen Oper wird durch fünf Tänze aus Sheridans The Duenna repräsentiert, deren Musik ursprünglich von Thomas Linley Vater (1733-95) und Sohn (1756-78) und anderen stammte, die jedoch von Reynolds selbst ergänzt wurde. The Duenna kam am 23. Oktober 1924 am Lyric Theatre auf die Bühne und erlebte 1925 eine Bearbeitung für großes Orchester von Sydney Baynes. Die Gavotte ist nur für Streicher gesetzt, während die Serenade ein reizvolles Oboen-Solo enthält. Nach den einleitenden Takten entwickelt sich The Duenna’s dance von einer Seguidilla zu einer Habanera und schließlich zu einem Bolero.

Die Ouverture for a Comedy trug ursprünglich den Titel Humoresque und war gedacht als Zwischenspiel in einer Produktion des Lyric Theatre. Eine hübsche staccato „Freiluft"-Melodie rahmt einen langsameren, eher leidenschaftlichen Mittelteil ein.

The Sirens of Southend ist ein typischer Tanz im beliebten Stil der Zeit und wurde für Midnight Follies geschrieben, eine Kabarett-Unterhaltung, die 1926 von Nigel Playfair am Metropole Theatre ausgedacht wurde.

The Swiss Family Robinson erlebte seine Bühnenaufführung 1938 am Repertory Theatre in Birmingham. Es hat eine kurze Einleitung mit Celesta und Vibraphon, die zu einem zarten Schweizer Wiegenlied Schlaf, Kindlein, schlaf überleitet, das als Cello-Solo gespielt wird. Zudem gibt es einen schnellen Walzer, in dem die ursprünglich vokalen Parts instrumental ausgeführt werden.

Drydens Marriage à la Mode war 1930 eine Produktion des Lyric Theatre, in der Alicia Markova als Tänzerin mitwirkte. Die drei Tänze, die hier vorgestellt werden, beginnen mit einer spannenden, wenn auch sehr englischen Tarantella. Die Gavotte und das Finale (ein Menuett) zeigen erneut Reynolds Talent für barocke Pasticcios. The Three Pieces for Theatre waren zu Reynolds Zeit eine beliebte Konzert-zusammenstellung und ergeben eine nette, abwechslungsreiche Suite. Die Ouvertüre zu der 1927er Produktion des Lyric Theatre Much Ado beginnt lebhaft im Stil einer typischen britischen Komödien-Ouvertüre. Ein lyrischer Mittelteil spielt vermutlich auf die amourösen Beziehungen von Beatrice und Benedikt an. Das Entr’acte aus Sheridans The Critic (Lyric Theatre, 1929) ist ein Menuett und ein weiters nachgemachtes Barockstück. Die Mascarade (eine Tarantella) aus Der Kaufmann von Venedig (Lyric Theatre, 1927) beendet diese Folge mit lebhaften Schwung.

Philip L. Scowcroft

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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