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8.225185 - LANE: Sleighbell Serenade / Prestbury Park / Three Christmas Pictures
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Philip Lane (geb

Philip Lane (geb. 1950)

Orchesterwerke

 

Philip Lane wurde in Cheltenham geboren, dem englischen Kurort am Fuße der Cotswold Hills, dessen berühmte Heilbäder schon König Georg III. besucht hatte. Heute ein Ort der Festivals, der Musik, der Literatur, der Pferderennen und Kricketmeisterschaften, war die Stadt Cheltenham in den fünfziger Jahren, in denen Lane groß geworden ist, noch tiefe Provinz, etwa 150 Kilometer nordwestlich von London gelegen. Lanes Eltern besaßen ein altes Harmonium, auf dem er schon als kleines Kind zu spielen versuchte. Da sie sahen, daß er sich für die Musik interessierte, wurde es bald durch ein Klavier ersetzt, das seine Improvisationen, oder, wie sie es nannten, sein „Spiel nach Gehör" sichtlich beflügelte. Jegliche Art Melodie, die er hörte, ob volkstümlich, kirchlich oder gelegentlich auch klassisch, eignete sich als „Fall zur Bearbeitung".

Mit sechs Jahren erhielt Philip Lane seinen ersten „richtigen" Klavierunterricht. Sein Lehrer war allerdings sehr konservativ; als man ihm erzählte, daß das Kind nach Gehör spielt, antwortete er: „Keine Sorge, da wird er schon noch herauswachsen". Die Grundschule schloß Lane mit eher bescheidenen Ergebnissen ab, konnte aber doch auf die Grammar School wechseln (etwa vergleichbar mit dem deutschen Gymnasium). Auf die Grammar School in Cheltenham waren immerhin zwei Größen der internationalen Musikszene gegangen: Gustav Holst und Brian Jones von den Rolling Stones. Als Teenager begann Lane auch Orgel zu spielen, vor allem zu dem Zweck, sein Taschengeld aufzubessern. Lapidar ausgedrückt: eine halbe Stunde Trauerfeier brachte mehr ein als einige Stunden Zeitungaustragen oder Regaleinräumen im Supermarkt, womit es seine Mitschüler versuchten. Außerdem begleitete er den hiesigen Chorverein, am Wochenende und in den Ferien arbeitete er in der Schallplattenabteilung von W.H. Smith (ein Kaufhaus für Unterhaltungselektronik und Bücher). Es war das Goldene Zeitalter der Rockmusik - die Beatles, die Stones, Bob Dylan … Vielleicht hatte er damals, als er so viele Platten verkaufte, zum ersten Mal die Idee gehabt, eines Tages selbst welche zu produzieren. Während dieser Zeit begann er zu komponieren, wenn auch, im Vergleich zu später, nicht allzu viel; ein paar Lieder, Klavierstücke, ein Streichquartett und, ein erstes Achtungszeichen, eine Sinfonietta für Orchester. Diese läßt er heute nicht mehr gelten; dennoch, das Orchester sollte von da an sein bevorzugtes Ausdrucksmedium bleiben.

Im Jahre 1969 ging Lane an die Universität Birmingham, um Musik zu studieren. Seine Aufnahmeprüfung bestand mehr oder weniger darin, daß er seine Suite Badinages für Klavier zu vier Händen (später seine erste Komposition auf Schallplatte) mit Professor Ivor Keys, seinem Prüfer, durchspielte, und daraufhin gesagt bekam, er werde „wahrscheinlich genommen". Zu Lanes Lehrern an der Universität gehörten zwei nicht unbedeutende Komponisten, John Joubert und Peter Dickinson, einen Kompositionsunterricht als solchen hat es aber nie gegeben, und vom Fach Instrumentation war er freigestellt worden, sobald bekannt wurde, daß das BBC Midland Light Orchestra Stücke von ihm spielte, in den BBC Studios in Pebble Mill, kaum einen Kilometer von der Universität entfernt. Lane bezeichnet sich selbst also nicht ganz zu Unrecht als Autodidakten auf dem Gebiet der Komposition und Instrumentation, obwohl er später von dem Hollywood-Komponisten Bernard Herrmann, als dieser in London arbeitete, so manche Anregung erhalten hat.

Im seinem letzten Jahr an der Universität, da er an seine Abschlußarbeit denken mußte, begann er sich für einen englischen Komponisten besonders zu interessieren und wählte ihn als Thema: Lord Berners (1883-1950), Komponist, Romancier, Maler und Exzentriker. Lane hielt damals mehrere Radiovorträge über ihn; Jahre später, ab 1987, sollte er die Produktion einer CD-Reihe mit sämtlichen Werken des Komponisten betreuen, die vom Berners Trust herausgegeben wurde. Nach seinem Studium arbeitete Lane freischaffend für Londoner Verlage und unterrichtete. Von 1975 an war er 23 Jahre lang Musiklehrer am Ladies’ College in Cheltenham. Die musikalische Frucht dieser Jahre war eine große Anzahl von Werken für hohe Stimmen, die sich inzwischen im Repertoire unzähliger Chöre in der ganzen Welt etabliert haben.

Im Jahre 1993 wurde Lane mit der Aufgabe betraut, den musikalischen Nachlaß von Richard Addinsell (1904-77) aufzuarbeiten, dem Komponisten des berühmten Warschauer Konzerts. Lanes erstes Projekt war eine Radiodokumentation über ihn, die mit der Produktion einer CD (Marco Polo 8.223732) verbunden war, auf der unter anderem Addinsells berühmteste Filmmusik, Goodbye, Mr. Chips (1939), erscheinen sollte. An Notenmaterial war jedoch nur der School Song in einer Fassung für Gesang und Klavier vorhanden; so begann Lane, die wichtigsten Musiktitel vom Video abzuhören und aufzuschreiben. Seine Leistung war phänomenal, die CD wurde ein großer Erfolg; Lane wurde gebeten, gleiches auch mit der Musik zu den frühen, in England gedrehten Filmen von Sir Alfred Hitchcock zu versuchen (39 Stufen, Eine Dame verschwindet u.a.). Von da an hat Lane die Rekonstruktion zahlreicher Filmmusiken überwacht, unter seiner Leitung erschienen in jüngster Zeit Alben mit Werken von Arnold, Alwyn, Auric, Bliss, zwei weitere von Addinsell, und eine fast vollständige Partitur, diejenige Victor Youngs zum Film The Quiet Man (in Deutschland unter dem Titel Der Sieger bekannt).

In den letzten Jahren hat Lane vorrangig auf kommerziellem Gebiet gearbeitet, er komponierte Musik für Klangbibliotheken (das heißt Sammlungen fertig produzierter, nach Ausdrucksbereichen geordneter Musik, die je nach Bedarf in Filmen, Hörspielen, Werbespots usw. verwendet werden kann), Musik für Hörspiele der BBC, darunter The Merchant of Venice (Der Kaufmann von Venedig) und Sir Thomas More, und für Filme, wie zum Beispiel Captain Pugwash. Er hat aber auch die Welt des Live-Musizierens nicht verlassen; er erhielt Kompositionsaufträge für Chorwerke zum Gedenken an den 100. Todestag von Lewis Carroll (ein Auftrag stammte vom Gewinner des Wettbewerbs Sainsbury Choir of the Year) und schrieb die Ballettmusik zu Hänsel und Gretel für das National Youth Ballet.

Ich habe Philip Lane Ende 1997 kennengelernt, als ich dabei war, Musikstücke für ein Album britischer Filmmusik zusammenzustellen. Seine Ruhe und Gelassenheit, sowohl mit der Feder als auch hinter der Scheibe zum Aufnahmeraum, hat mich sofort für ihn eingenommen. Später habe ich noch oft auf vielen Gebieten seiner Tätigkeit mit ihm zusammengearbeitet. Philip ist ein Perfektionist, mit der Ausstrahlung eines Schulmeisters, der seine Klasse ruhigen und festen Blickes mustert. Er hat großen Anteil daran, daß die britische Unterhaltungsmusik nicht gänzlich verloren gegangen ist, wie gemeinhin zu befürchten stand. Schon in seiner Jugendzeit hat er viele Uraufführungen mitgeschnitten, die im Radio übertragen worden sind, und somit die Werke erhalten; Werke, die leider allzu oft nur dieses eine Mal zu hören waren, da das allgemeine Interesse an Orchestermusik unterhaltenden Charakters stark nachließ.

London Salute entstand zum 60. Jahrestag der Gründung der BBC und wurde im Rahmen einer Rundfunksendung uraufgeführt (eine von vielen in den folgenden Jahren), durch das BBC Concert Orchestra unter Ashley Lawrence. Lawrence hat mit diesem Orchester nahezu alle Orchesterwerke Lanes aus den siebziger und achtziger im Rundfunk aufgeführt. Lane beschwört in seinem marschartigen Salut die englische Hauptstadt herauf, wie sie wohl vor allem ein Außenstehender sieht; überall geschäftiges Treiben, aber auch Zeremonie und Tradition.

Die Diversions on a theme of Paganini wurden zunächst für Blechbläserquintett komponiert, im Auftrag des Three Choir Festivals im Jahre 1989, und wurden im gleichen Jahr durch das Londoner Gabrieli Ensemble uraufgeführt. Die vorliegende Fassung für kleines Orchester, mit kleineren Ergänzungen im zweiten Satz, entstand im Jahre 2000. Der Titel bedeutet soviel wie Unterhaltung, Ablenkung; die Stücke sind also eher freie Gedanken als Variationen über das berühmte Thema. Die Introduction steht ein wenig für sich, ähnlich wie der Beginn von Dohnanyis Variationen über ein Kinderlied. Die folgenden Sätze spielen mit dem Thema oder mit Abschnitten des Themas, zuweilen lyrisch, zuweilen bombastisch oder frivol: In Pieces (In Stücken), Toccata, Chaconne, Cortege (Umzug, Prozession), Popular Song (Volkstümliches Lied, Schlager), Five-a-side (Zu je Fünf; gemeint sind im ursprünglichen Sinne fünf Spieler pro Mannschaft) und Epilogue. Aus irgendeinem Grund erinnert der letzte Satz den Komponisten immer an einen Nachspann, wie er am Ende von Filmen über die Leinwand bzw. den Bildschirm läuft.

Die Cotswold Dances sind das früheste Orchesterwerk, das der Komponist selbst als vollwertig anerkannte. Es wurde 1973 vollendet, manches stammt aber noch aus seiner Studentenzeit. In diesem Werk reflektiert Lane seinen Teil des Landes, Gloucestershire und die Hügelkette der Cotswold Hills. Der erste Satz Seven Springs bezieht sich auf die sieben Quellen der Themse, Badminton House ist ein Bild der weltbekannten Pferderennen. Der Pittville Park ist die größte Freifläche in Cheltenham, mit Holsts Geburtshaus an dem einen Ende und mit dem berühmten Brunnenhaus am anderen. In Pittville Promenade erinnert sich der Komponist an Kindheitsspaziergänge im Park und an den wechselnden Erfolg beim Fangen von Molchen und dergleichen im zentral gelegenen See. Das Cleeve Idyll bezieht sich auf den Cleeve Hill, die höchste Erhebung der Cotswold Hills. Sie erreichen zwar nur etwas mehr als 300 Meter über dem Meeresspiegel an dieser einen Stelle, aber genau sie macht die Cotswolds offiziell zu einem Gebirge, wenn auch zu einem sanften. Dennoch, die Witterungsverhältnisse ändern sich hier von Jahreszeit zu Jahreszeit sehr stark, die Extreme werden in diesem Satz widergespiegelt. Mitunter hat die Musik auch etwas Beklemmendes; in der Nähe des Cleeve Hill liegt Belas Knap, eine historische Begräbnisstätte. Im letzten Satz verarbeitet Lane ein traditionelles Sternsingerlied (Wassail Song), das in der Region Gloucestershire um die Weihnachtszeit gesungen wird. In seinen Wassail Dances wird der Komponist dieses und ähnliche Lieder aus Herefordshire und Yorkshire noch einmal verwenden. (Die vorliegende Suite ist nicht mit den Cotswold Folkdances zu verwechseln, letztere basieren auf Melodien traditioneller Moriskentänze.)

Das Divertissement für Klarinette wurde 1994 von Verity Butler in Auftrag gegeben, die das Werk im gleichen Jahr in der Stadthalle von Cheltenham aus der Taufe hob, und die auch auf der vorliegende Aufnahme als Solistin zu hören ist. Die vorliegende Fassung, mit hinzugefügter Begleitung der Streicher und der Harfe, entstand im Jahre 2000. Das Werk nimmt innerhalb des Schaffens Philip Lanes eine ähnliche Stellung ein wie The Music Makers und das Achte Streichquartett in demjenigen Elgars beziehungsweise Schostakowitschs: Der Komponist verwendet reichlich Zitate aus seinen früheren Werken, im letzten Satz verarbeitet er das gleiche thematische Material wie im ersten Satz.

Die Three Christmas Pictures entstanden zu verschiedenen Zeiten in den achtziger Jahren. Das erste der drei Weihnachtsbilder, die Sleighbell Serenade (Schlittenglocken-Serenade) ist das am weitesten verbreitete Werk Lanes. Es wird in ganz Großbritannien, ja in der ganzen Welt gespielt; die erste Schallplattenaufnahme der Serenade wurde 1986 in Australien veröffentlicht. Die Uraufführung fand Weihnachten 1981 statt, gespielt vom Bournemouth Symphony Orchestra unter Ron Goodwin. Einige Jahre später wurde die Serenade mit einem Text versehen und in eine Fassung für Chor gebracht. Gleiches geschah auch mit dem Starlight Lullaby (Wiegenlied bei Sternenschein), das 1990 uraufgeführt wurde, während der Christmas Eve Waltz (Heiligabend-Walzer) aus dem Jahr 1989 ein reines Orchesterstück geblieben ist.

A Maritime Overture war ein Auftragswerk für das Dawlish Festival 1982. Hier versucht Lane, verschiedene Aspekte des Meeres musikalisch darzustellen, vom sanften Plätschern der Wellen bis hin zu den Stürmen und Kämpfen im späteren Verlauf des Werkes. Die Ouvertüre existiert auch in einer Fassung für Holzbläser.

Das Meer wird in den Three Nautical Miniatures für Streicher offensichtlich mehr vom Standpunkt der Seefahrt aus gesehen. Die beiden Ecksätze, When the boat comes in (Wenn das Schiff einläuft) und Portsmouth (die bedeutende Hafenstadt an der englischen Kanalküste), waren im Jahre 1980 ursprünglich für Blechbläser entstanden. Der kontrastierende Mittelsatz Spanish Ladies (Spanische Damen) wurde im Jahre 2000 hinzukomponiert, um das Werk in eine formal befriedigendere dreisätzige Form zu bringen.

Auch Prestbury Park war ursprünglich für Blechbläser komponiert worden, im Jahre 1975; wenig später folgte eine Bearbeitung für Holzbläser. Prestbury Park ist der etwas poetischere Name der Pferderennbahn in Cheltenham, der Heimstatt des Cheltenham Gold Cup. Wenn der Gegenstand dieses Stücks nicht unmittelbar deutlich wird, dann spätestens mit der letzten Seite der Partitur.

Gavin Sutherland

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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