About this Recording
8.225187 - GODOWSKY, L.: Piano Music, Vol. 6 (Scherbakov) - Schubert Transcriptions
English  German 

Leopold Godowsky (1870-1938)

Leopold Godowsky (1870-1938)

Klaviermusik, Folge 6: Schubert-Transkriptionen

 

Der große polnisch-amerikanische Pianist Leopold Godowsky wurde 1870 in Soschli, einem nahe der litauischen Stadt Vilnius (Wilna) gelegenen Dorf als Sohn eines Arzts geeboren. Bereits als dreijähriges Kind machte er mit seiner großen Musikalität auf sich aufmerksam und vier Jahre später komponierte er bereits seine ersten Stücke. 1879 trat er erstmals öffentlich als Pianist auf. Es folgte eine Reihe von Konzertauftritten in Deutschland und Polen und ein kurzes Studium bei Ernst Rudorff, einem Schüler von Clara Schumann und Ignaz Moscheles, an der Berliner Musikhochschule. Bereits nach vier Monaten hatte er so große Fortschritte gemacht, dass er nach Amerika gehen konnte, um dort in Boston sein Debüt zu geben. 1885 trat er, wöchentlich abwechselnd mit der venezolanischen Pianistin Teresa Carreño, im New Yorker Casino auf, und im darauf folgenden Jahr unternahm er eine Kanada-Tournee mit dem belgischen Geiger Ovide Musin, für den Camille Saint-Saëns sein Morceau de Concert geschrieben hatte. Mit dem Vorhaben, sich bei Franz Liszt fortzubilden, kehrte Godowsky nach Europa zurück; dort erfuhr er jedoch aus der Zeitung, dass der große Pianist und Komponist gestorben war, und so ging Godowsky stattdessen nach Paris, um dort ein Studium bei Saint-Saëns, dem ebenso berühmten Pianisten und Komponisten, zu beginnen. Saint-Saëns war von den Fähigkeiten seines jungen Schülers so beeindruckt, dass er ihn adoptieren wollte, allerdings unter der Bedingung, dass er seinen Namen annehmen müsse, was Godowsky jedoch ablehnte. Dennoch entwickelte sich eine mehr als dreijährige Zusammenarbeit; vor allem verbrachte man die Sonntage zusammen, an denen man sich gegenseitig vorzuspielen pflegte. Über seine Verbindung zu Saint-Saëns kam Godowsky mit den führenden Persönlichkeiten des Pariser Musiklebens in Kontakt; so lernte er auch Tschaikowski kennen, dessen Klaviermusik er in Gegenwart des Komponisten in der Pariser Kammermusikgesellschaft La Trompette aufführte. 1927, sechs Jahre nach Saint-Saëns’ Tod, transkribierte Godowsky den Schwan aus dessen Karneval der Tiere, ein Stück, das von  einem Freund auch 1938 an seinem eigenen Sterbebett gespielt wurde.

 

1890 kehrte Godowsky in die Vereinigten Staaten zurück, wo er am New Yorker College of Music unterrichtete, heiratete und amerikanischer Staatsbürger wurde. Während er seine Auftrittstätigkeit als Pianist fortsetzte, übernahm er 1894 und 1895 in  Philadelphia die Leitung der von Gilbert Raynold Combs gegründeten Musikschule in Philadelphia und von 1895 bis 1900 die Klavierabteilung des Chicagoer Konservatoriums. Ein überaus erfolgreicher Auftritt in Berlin veranlasste ihn 1900, sich dort niederzulassen und von dort die europäischen Länder und den Nahen Osten zu  bereisen. 1909 verlegte er seinen Wohnsitz nach Wien, wo er die Klavier-Meisterklasse an der Akademie der Tonkunst übernahm.

 

1912 und 1914 ging Godowsky erneut auf Amerika-Tournee, um sich dort beim Ausbruch des 1. Weltkriegs permanent niederzulassen. Er nahm seine Konzerttätigkeit wieder auf und erklärte in einer Reihe von Publikationen und Vorlesungen seine innovativen Theorien der Klaviertechnik. Daneben komponierte er Werke für das Klavier. 1922 gab er sein letztes Konzert in den USA, trat aber weiterhin als einer der führenden Virtuosen in anderen Teilen der Welt auf. Ein Schlaganfall setzte 1930 seiner pianistischen Karriere ein abruptes Ende. Die letzten acht Jahre seines Lebens verbrachte er damit, seinen Platz in der Musikgeschichte mit eigenen Kompositionen und Transkriptionen zu sichern.

 

Godowskys Passacaglia wurde 1928 veröffentlicht. In ihr dienen die ersten acht Takte von Schuberts Unvollendeter Sinfonie als Ausgangspunkt für 44 Variationen in der traditionellen barocken Form, zu denen u.a. auch eine gelungene Anspielung auf den Erlkönig zählt. Die Variationen, in denen das Thema in unterschiedlichen Gestalten und Registern zurückkehrt, führen zu einer virtuosen Kadenz und einer abschließenden Fuge, in der das Thema weitgehende Transformationen erfährt. Godowsky schrieb dieses Bravourwerk zum einhundertsten Todestag Schuberts.

 

Zwei der Transkriptionen von Schubert-Liedern, Am Meer (aus Schwanengesang) und Trockne Blumen (aus Die Schöne Müllerin) stammen aus Godowskys 1937 veröffentlichten Vier Klaviertranskriptionen deutscher Lieder. Das Lied Trockne Blumen ist die Nr. 18 in Schuberts Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller. Der junge Müller, der seine Gesellenzeit beendet hat, betrachtet die Blumen, die er von der Müllerstochter erhalten hat und die er sich nun in seiner Verzweiflung auf sein Grab gepflanzt wünscht, damit sie sie sieht, wenn sie vorbeigeht. Am Meer ist die Vertonung eines Gedichts von Heinrich Heine, in dem der Dichter mit seiner Liebsten am Meeresufer sitzt und ihre Tränen fallen sieht. Die im Wesentlichen einfache Transkription hält sich an das tiefe Register des Originals und schildert die kurzen dramatischen Augenblicke, als die Seele des Dichters, vergiftet von den Tränen der Geliebten, vor Liebe stirbt.

 

Die Zwölf Schubert-Lieder, frei bearbeitet für Klavier wurden1927 veröffentlicht und sind in der Gestaltung wesentlich komplexer. Ungeduld, Gertrude Huntley gewidmet, ist eine Paraphrase des siebten Lieds aus dem Müllerin-Zyklus. Hier besingt der Protagonist seine Liebe zu der Müllerstochter, wobei die vier Strophen unterschiedlich arrangiert sind und jede mit dem Ausruf „Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben“ endet.

 

Gute Nacht, Berthold Neuer gewidmet, ist die Transkription des ersten Lieds aus Schuberts Winterreise. Der Sänger wünscht seiner Geliebten eine gute Nacht, während er zu seiner einsamen Reise durch die Winterlandschaft aufbricht. Auch hier variiert Godowsky jede Strophe des Original-Lieds.

 

Das Wandern ist das erste Lied des Zyklus Die schöne Müllerin, in dem der junge Müllersbursche seine Wanderung beginnt. In seiner Transkription, Isidore Philipp gewidmet, fängt Godowsky die sich entwickelnde poetische Stimmung der fünf Strophen ein.

 

Heidenröslein, das Godowsky dem Prinzen Mohammed Mohiuddin widmete, ist Schuberts Vertonung des bekannten Goethe-Gedichts. Wiederum variiert Godowsky in seiner Bearbeitung die einzelnen Strophen, hält sich aber an die so essentielle Schlichtheit des Originals.

 

Liebesbotschaft, Hans Heniot gewidmet, bearbeitet das erste Lied des posthum kompilierten Zyklus Schwanengesang, die Vertonung eines Gedichts von Ludwig Rellstab. Godowsky bewahrt das Tempo und den Geist des Liedes, hebt aber Elemente hervor, die in der Struktur des Originals verborgen sind.

 

An Mignon, Herman Wasserman gewidmet, basiert auf der Vertonung eines 1796 entstandenen und im darauf folgenden Jahr in Schillers Musenalmanach erschienenen Goethe-Gedichts. Die geheimnisvolle Mignon aus Goethes Roman Wilhelm Meister, ein von Zigeunern entführtes und von Wilhelm Meister befreites Mädchen, scheint für Goethe von symbolischer Bedeutung gewesen zu sein.

 

In Morgengruss, Joseph Gahm gewidmet, dem achten Lied der Schönen Müllerin, wünscht der Bursche der Müllerstochter aus der Ferne einen guten Morgen. In der letzten der vier Strophen hört man den fröhlichen Gesang der Lerche, während die Liebe nur Sorgen und Leid bereithält.

 

Die Forelle, Cora Neuer gewidmet, basiert auf Schuberts bekannter Vertonung eines Gedichts von Christian Friedrich Daniel Schubart – drei Strophen, in denen der Angler zum Mitleid des Betrachters schließlich doch die flüchtige Forelle fängt.

 

Wiegenlied, Dr. A.I. Ringer gewidmet, bewahrt die schlichte Schönheit des Originals, eines Matthias Claudius zugeschriebenen Gedichts.

 

In Wohin?, dessen Widmungsträger Sergej Rachmaninow ist, bearbeitet Godowsky das zweite Lied der Schönen Müllerin, in dem der junge Müllersbursche den Bach hört, dessen sanftes Rauschen, in der Klavierfassung eingefangen, ihn aufzufordern scheint, seine Reise fortzusetzen, doch wohin?

 

Die junge Nonne, David Saperton gewidmet, basiert auf der Vertonung eines Gedichts von Jacob Nicolaus Craigher. Die junge Nonne kontrastiert den in der Natur brausenden Sturm mit dem Frieden und ewigen Lohn des religiösen Lebens.

 

Litanei, Robert Braun gewidmet, nach der Vertonung eines Gedichts von Johann Georg Jacobi, ist ein Gebet für den Seelenfrieden der Verstorbenen. Das Originallied und die Transkription sind von einer Stimmung inneren Friedens durchzogen.

 

Godowskys Schubert-Transkriptionen enden mit einem Konzertarrangement der Ballettmusik zu Rosamunde aus dem Jahr 1923 und der Bearbeitung des dritten Moment musical op. 94 von 1922.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window