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8.225223 - LUMBYE: Orchestral Works, Vol. 6
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Hans Christian Lumbye (1810-74)

Hans Christian Lumbye (1810-74)

Der Däne Hans Christian Lumbye, 1810 in Kopenhagen geboren, hatte seine musikalische Ausbildung als Trompeter in verschiedenen Militärkapellen in der dänischen Provinz erhalten und diente von 1829 bis 1839 im Elitekorps der berittenen Garde in Kopenhagen. Als er jedoch 1839 in Kopenhagen das Konzert einer österreichischen Kapelle mit Werken von Johann Strauß und Josef Lanner hörte, war er Feuer und Flamme für die Polkas, Walzer und Galoppe der Donau-Monarchie. Lumbye beschloß, die Trompete mit der Geige zu vertauschen, ein eigenes Ensemble zu gründen und seinen Kompositionsstil der Wienerischen Schreibweise anzugleichen. In den folgenden Jahren trat er als Leiter seiner eigenen Kapelle in den Theatern und Ballsälen Kopenhagens auf und wurde als Dirigent und Komponist leichter Musik immer beliebter. Er begann eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem dänisch-französischen Ballett-Meister August Bournonville und komponierte über 25 Ballettmusiken für seine Ballette am Königlichen Theater und anderswo. Als 1843 der Kopenhagener Vergnügungspark Tivoli seine Pforten öffnete, wurde Lumbye mit seinem Orchester eine der Hauptattraktionen. Bis 1872 war Lumbye musikalischer Direktor und begründete die Musiktradition, die bis heute im Tivoli lebendig ist.

Aber Lumbye spielte nicht nur leichte Musik — er selbst komponierte über 700 Polkas, Walzer, Galoppe und zahlreiche Orchester-Fantasien —, sondern er brachte auch sinfonische Werke dänischer und ausländischer Komponisten zur Aufführung. Mitte der vierziger Jahre begann er, zwischen den Spielzeiten im Tivoli mit seinem Orchester in der dänischen Provinz zu gastieren. Darüber hinaus unternahm er Konzert-Tourneen nach Paris, Wien, Hamburg, Berlin, St. Petersburg und Stockholm und wurde überall als würdiger Konkurrent der großen Wiener Tanz-Komponisten gefeiert. Trotz der großen internationalen Erfolge blieb Lumbye seiner Heimat Kopenhagen und dem Tivoli treu. Er starb am 20. März 1874.

In seinen Orchesterwerken entwickelte Lumbye einen eigenständigen lyrischen Ton, der sich deutlich von dem eher temperamentvollen Orchesterklang der Wiener Komponisten unterscheidet. Lumbye verwendet zur Begleitung der Streicher meist den transparenten Klang der Flöten, während z.B. Johann Strauß es vorzog, die Streicher mit dem volleren Klang der Oboen oder Klarinetten zu kombinieren. Durch den Gebrauch von Glockenspiel, Triangel und Blasinstrumenten erzielte er einen deutlich helleren und leichteren Orchesterklang. Hat Lumbye auch unschätzbares für die Entwicklung der skandinavischen Musikkultur geleistet, so liegt sein eigentliches Verdienst doch darin, Musik komponiert zu haben, die sich ihre unvergleichliche Frische und ihre künstlerische Integrität bis heute bewahrt hat.

Die Hans Christian Lumbye Edition bedeutet ein Meilenstein in der Aufnahme der populären Musik des 19. Jahrhunderts, da sie erstmals sämtliche Orchesterwerke dieses "Nordischen Strauß" vorstellt. Verglichen mit dem riesigen Schaffen Lumbyes wurde bisher nur ein Bruchteil seiner Werke für die Schallplatte eingespielt. Diese Serie beruht auf sorgfältigen Studien und trägt musikalisches Material zusammen, das in den Musikarchiven und Nationalbibliotheken von fünf europäischen Ländern lagert. Sämtliche Aufnahmen dieser Serie sind vollständig und stimmen so weit wie möglich mit der eleganten Art der Instrumentation überein, für die dieser brillante Tanz-Komponist berühmt war.

Knud Arne Jürgensen

Übersetzung: Peter Noelke

Sämtliche Orchesterwerke, Folge 6

[1] Fünfter Juni, Marsch (Einzugsmarsch) (1853)

Am 5. Juni 1853 wurde endlich die neue dänische Verfassung in Kraft gesetzt. Zur Feier dieses nationalen Ereignisses schrieb Lumbye im Laufe der Jahre eine ganze Reihe festlicher Tänze. Am 3. Juni 1853 entstand der Festliche Marsch zum 5. Juni, der auch als Einzugsmarsch bezeichnet wird und am Verfassungstag in einem Tivoli-Konzert uraufgeführt wurde. Ein Jahr später erklang dasselbe Stück in Eremitagesletten als Marsch der Bürger; August Bournonville choreographierte die Musik zum fünften Jahrestag des Grundgesetz-Entwurfs. Weitere Verfassungstänze schrieb Lumbye in den Jahren 1859, 1861 und 1865. Sie zeigen, welche Rolle er bei der Feier nationaler Ereignisse spielte.

[2] Walzer des kleinen Prinzen Christian Carl (1871)

Als musikalischen Tribut an den beinahe ein Jahr alten Prinzen Christian Carl, der viele Jahre später als Christian X. zum König gekrönt wurde, verfasste Lumbye 1871 diese kurze, schlichte Walzerfolge. Der Walzer des kleinen Prinzen Christian Carl beginnt mit einem so genannten Einzug, an den sich vier Walzer anschließen. Das Stück endet mit der Wiederholung des ersten Walzers. Wie in vielen anderen Tänzen aus Lumbyes Feder spielt auch hier das Glockenspiel eine prominente Rolle. Die Walzerfolge wurde am 14. Mai 1871 in einem öffentlichen Konzert im Tivoli uraufgeführt und ist eines von vielen Beispielen für die Position des Komponisten, der immer wieder neue, frische Stücke für die Festtage des Königshauses lieferte.

[3] Der Traum des Soldaten, Fantasie (1856)

Das Programm der Orchesterfantasie Der Traum des Soldaten besteht in einem anonymen vierstrophigen Gedicht. Darin geht es um einen Soldaten, der nach erfolgreichen Gefechten zu seiner Braut zurückkehrt. Bei der Rast in einem Wald hat er eine Vision, in der er sieht, dass das Leben der Geliebten in Gefahr ist. Er umgeht die Gefahren des Krieges und eilt mit neuer Energie nach Hause, um ihr beizustehen. In diesem "Tongemälde", wie Lumbye seine Orchesterfantasien gern nannte, wird die Vision des Soldaten mit äußerst raffinierten orchestralen Mitteln dargestellt. Die Partitur ist voll eigenartiger Effekte - vom Amboss und Donnerblech bis zum Nachtigallenruf. Das Werk entspricht formal weitgehend der Anlage, die Lumbye 1846 in seinen Traumbildern entwickelt hatte. Der Traum des Soldaten wurde am 1. Juli 1856 im Tivoli uraufgeführt. Die Klavierfassung erschien im September desselben Jahres. In dieser Ausgabe wurde auch das Gedicht abgedruckt, das das programmatische Werk inspiriert hatte.

[4] Grüße an die Friederizianer, Galopp (1861)

Der Galopp Grüße an die Friederizianer entstand für die vielen Besucher aus der Provinz, die im Sommer 1861 in die Hauptstadt kamen, wo sie unter anderem auch den Tivoli besuchten. Am 7. August dieses Jahres konnte hier eine große Abordnung aus der jütländischen Festungsstadt Fredericia (Friedericia) die Uraufführung eines Galopps hören, den Lumbye eigens zu ihren Ehren geschrieben hatte. Das Stück beginnt mit einem Pianissimo-Zitat des ungeheuer populären patriotischen Liedes Dengang jeg drog af sted von Peter Faber und J.O E. Hornemann aus dem Jahre 1848. Dieser bekannten Weise folgt ein vergnügter, optimistischer Galopp, der in jeder Hinsicht ein echter Lumbye ist.

[5] Kornblume, Polka, Op. 208 (1856)

Kornblume ist eine kurze, sehr feminine Polka und gehört in Lumbyes Schaffen zu einer ausgesprochenen Minderheit, denn nur sehr wenige seiner Tänze sind mit einer Opuszahl versehen. Die bezaubernde, leuchtende Polka ist ein typisches Beispiel für Lumbyes leichte, beinahe keusche Tanzmusik, die sich hier in einer schlichten, mehrfach im Verlauf des Stückes wiederholten Polkamelodie artikuliert. Das Stück entstand am 7. März 1856 für eines der ersten Konzerte der Saison im Tivoli. Die Uraufführung fand am 12. Mai desselben Jahres statt, und schon einen Monat später konnte man die Klavierfassung der Polka kaufen.

[6] Traurigkeits-Walzer (La résignation) (1844)

Die Walzerfolge Traurigkeit zeigt, über welch ein instrumentatorisches Geschick Lumbye verfügte. Nachdem er in frühen Jahren seine Werke (zum Beispiel den hier vorliegenden Walzer) selbst orchestriert hatte, überließ er später diese Arbeit einigen Musikern, denen er besonderes Vertrauen entgegenbrachte. Die Walzerfolge beginnt mit einer raffinierten Pizzikato-Einleitung, an die sich eine lange, eigentümliche Kadenz der Klarinette anschließt. Dann folgen fünf Walzersätze, bevor die Suite mit einem ungewöhnlich langen Finale endet, in dem sowohl der erste Walzer als auch Teile des dritten Walzers wiederholt werden. La résignation wurde am 3. Juni 1844 im Tivoli mit großem Erfolg uraufgeführt und erfreute sich bald auch im Ausland, namentlich in Schweden und Deutschland, großer Beliebtheit. Hier erschienen 1845 bzw. 1846 mehrere Klavierfassungen des Werkes.

[7] Echo der Alten Götter auf der Tivoli-Insel,

Galopp (1844)

Echo der Alten Götter auf der Tivoli-Insel ist einer der Galopps, in denen Lumbye verschiedene Bereiche des berühmten Vergnügungsparks beschrieben hat. Es ist eines der ungewöhnlichsten Werke dieser Art. Es schildert, wie die von Musen und Grazien umringten Götter des Gesangs und des Weines auf der Tivoli-Insel Hof halten, wo ihre Gegenwart eine immer größere Freude und Begeisterung entstehen lässt. Selbst der mürrische Vulkan spielt mit und schlägt auf seinem Amboss den Takt des bacchantischen Galopps. Mit diesem Stück wollte Lumbye das Publikum dazu bringen, Eintrittskarten für die Insel zu erstehen. Und das gelang ihm mit dieser Komposition, die am 9. Juni 1844 in einem eintrittsfreien Tivoli-Konzert mit dem Titel Musikalische Unterhaltung uraufgeführt wurde.

[8] Polka der Prinzessin Thyra (1871)

Die Polka der Prinzessin Thyra schrieb Lumbye für die 1853 geborene, mithin inzwischen 18jährige Tochter des Königs Christian IX., die später den deutschen Herzog Ernst August von Cumberland heiratete. Die Klavierfassung des Werkes kam im März 1871 heraus, wurde unmittelbar danach orchestriert und am 5. Mai 1871 in einem öffentlichen Tivoli-Konzert uraufgeführt. Das lebhafte, beinahe derbe Stück ist ein schönes Beispiel dafür, daß Lumbye auch in seinen späten Jahren wunderbare, persönliche musikalische Komplimente für die Mitglieder des Königshauses zu schreiben verstand.

 

 

[9] Ein festlicher Abend im Tivoli, Musikalische Unterhaltung (1861)

Im Spätsommer des Jahres 1861 kamen verschiedene bürgerliche Delegationen aus den Provinzen nach Kopenhagen, wo sie auch den Tivoli besuchten. Zu einem in diesem Zusammenhang veranstalteten Galakonzert schrieb Lumbye die musikalische Unterhaltung Ein festlicher Abend im Tivoli, in dem er das Leben dieses Ortes Klang werden ließ. Das Werk wurde in einem Konzert am 21. September uraufgeführt und nimmt eine Sonderstellung ein, was die Einbeziehung von Zitaten angeht. Einerseits finden sich viele musikalische Hinweise auf das Repertoire des pantomimischen Theaters, andererseits aber auch eine Reihe dänischer Kinderlieder wie Tanze, tanze, meine Puppe und Ausschnitte aus den populärsten Ballettmusiken der damaligen Zeit - beispielsweise der Galopp aus dem ersten Akt von Giselle. Von den lyrisch-pastoralen Evokationen des Solocellos und der Klarinette bis zu den unwiderstehlichen Tanzsätzen hat Lumbye hier die ganze atmosphärische Bandbreite der Tivoli-Gärten anzubieten. Nach vielen farbigen Stimmungswechseln endet die musikalische Unterhaltung mit einem wilden Schlussgalopp von beinahe offenbachischem Zuschnitt. Das Werk war schon bald ein Publikumsliebling und stand am 29. Januar 1862 auch zum erstenmal auf dem Programm der Winterkonzerte, die im Casino-Theater veranstaltet wurden.

[10] Señora Ysabel Cubas Polka (1861)

Zu den vielen spanischen Gasttänzern, die in den 1850er und 1860er Jahren in den privaten Theatern von Kopenhagen auftraten, gehörten unter anderem Señora Ysabel Cuba und Señor Ximenes. In der Wintersaison 1861 präsentierten sich die beiden im Casino-Theater mit zahlreichen spanischen pas de deux und Soli, zu denen Lumbye die Musik geschrieben hatte. Aufgrund des großen Erfolgs, den Ysabel Cuba beim Publikum von Kopenhagen erringen konnte, entstand am 23. Januar 1861 als musikalische Würdigung ihrer Leistungen die hier aufgenommene, wunderbar lebendige Polka. Die Uraufführung des Tanzes, den Ysabel Cuba nie auf die Bühne gebracht hat, fand am 2. Februar 1861 statt. Das Werk ist eines der schönsten Beispiele für die brillante Instrumentation, in die Lumbye seine Tanzmusik zu kleiden wusste.

[11] Pomona-Walzer (1853)

Pomona ist die römische Göttin der Gärten, der man Blumen- und Fruchtopfer darbrachte. Ovid spricht von ihr in seinen Metamorphosen, wo sie als Nymphe im Blumengewand ihre geliebten Blumen und Bäume beschützt. Ohne Frage wurde Lumbyes farbenfrohe, prächtig orchestrierte Komposition zu Ehren der Göttin von der überwältigenden Blumenpracht der Tivoli-Gärten inspiriert - ungeachtet der Tatsache, dass die Musik ursprünglich für eine Abendunterhaltung des Hoftheaters entstanden war, wo man sie am 4. Oktober 1853 erstmals aufgeführt hat.

[12] Tivoli-Gondel-Galopp (1843)

Das Publikum konnte im Tivoli Karten für eine Gondelfahrt auf dem See des Vergnügungsparks kaufen. Diese beliebte Unterhaltung hat Lumbye in einem Galopp beschrieben, der mit einem Maestoso beginnt und dann zunächst zu einer lyrischen Introduktion für Solovioline und Orchester führt, bevor der eigentliche Galopp erklingt, der seinem Wesen nach einem Konzertsatz ähnelt, denn es gibt hier je einen Abschnitt für die Solovioline und die Soloklarinette, wobei der letztere ursprünglich für einen Czakan gedacht war, eine Stockflöte, die sich damals großer Beliebtheit erfreute. Das Werk wurde am 1. September 1843 in einem Tivoli-Konzert uraufgeführt und kurz danach zusammen mit anderen Tivoli-Galopps von Lumbye für Klavier veröffentlicht.

[13] Pepita-Polka (1858)

Die Pepita-Polka war eine persönliche Würdigung der berühmten spanischen Tänzerin Pepita de Oliva, die sich im Sommer 1858 mit großem Erfolg am Kopenhagener Casino-Theater präsentiert und mit ihren sinnlichen Tänzen für Furore gesorgt hatte. Schließlich war das Publikum in der dänischen Hauptstadt die eher gemäßigten Choreographien des großen Ballettmeisters August Bournonville gewöhnt. Lumbye bedankte sich für Pepitas Tanzkunst und den kolossalen Erfolg, den sie dem Casino-Theater brachte, mit dieser schönen, raffinierten Polka, die er dem Partitureintrag zufolge am 19. August 1858 um halb drei Uhr nachts vollendete. Nur zwei Tage später, am 21. August, war die Polka in einem öffentlichen Tivoli-Konzert erstmals zu hören.

[14] Galopp der Nordischen Bruderschaft (1862)

Unter dem Einfluss der damaligen Bemühungen, eine skandinavische Union zu schaffen, und anlässlich der Zusammenkunft nordischer Studenten in Kopenhagen im Sommer 1862 schrieb Lumbye seinen Galopp der Nordischen Bruderschaft, der am 16. Juni desselben Jahres in einem öffentlichen Konzert im Tivoli uraufgeführt wurde. Dieser Galopp, in dem die skandinavischen Nationalhymnen zitiert werden, ist ein typisches Beispiel für Lumbyes Musik zu nationalen Festivitäten. Der Galopp erfreute sich schon bald großer Beliebtheit und wurde in verschiedenen Klavier-fassungen in allen skandinavischen Ländern veröffentlicht.

Knud Arne Jürgensen

Übersetzung: Cris Posslac nach

Henrik Rørdam


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