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8.225254 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 4
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 4

Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 4

 

[1]  Schwarz’sche Ball-Tänze.  Cotillons, op. 32

im Saale zum Sperl, nach beliebten Motiven aus der Oper: Die Stumme von Portici.

 

Der noble Schauspieler des k. k. Hof-Burgtheaters Carl Schwarz (1768 - 1838) veranstaltete in den Dreissiger-Jahren des 19. Jahrhunderts in jedem Fasching mindestens zwei Gesellschaftsbälle für seine Kollegen von den Wiener Bühnen, seine Freunde und Bekannten. Schwarz wählte stets die besten Säle in korrektem Wechsel und damit auch die Musikdirektoren aus. Bei seinem Ball im „Sperl“ war daher Johann Strauss an der Reihe. Er hat dem Veranstalter eine neue Komposition zugedacht, führte diese aber schon bei seinem eigenen Benefizball am 25. November 1829 im „Sperl“ neben seinem Charmant-Walzer „Des Verfassers beste Laune“ auf. Das Werk war sorgfältig ausgewählt worden. Gerade bei den Gesellschaftsbällen legte man Wert auf Figurentänze, die von den Tanzmeistern vorbereitet und am Ballabend arrangiert wurden.

 

Contretänze kamen in Wien im 18. Jahrhundert in Mode. Auch Wolfgang Amadeus Mozart verschmähte es nicht, für die Bälle in den k. k. Redoutensälen, bei denen er selbst eifrig tanzte, solche Kompositionen zu schreiben. Johann Strauss hat bei seinen Ball-Tänzen für Carl Schwarz 5 Teile im Dreivierteltakt, jeweils mit einem Trio, bzw. nach dem 5. Teil mit einer langen Coda, aneinandergereiht. Die Motive seines Werkes entnahm er der Musik, die Daniel Francois Esprit Auber für seine Oper „La muette de Portici“ geschrieben hat. Das Werk ist in der Grand opéra Paris am 2. Februar 1828 zum ersten Male aufgeführt worden. Ehe die Oper unter dem Titel „Die Stumme von Portici“ im Wiener Theater in der Josephstadt am 9. April 1829 zum ersten Male gespielt wurde, präsentierte Johann Strauss, wieder einmal den Theatern voraus, bereits wichtige Motive der Oper in seinem Cotillon. Er war der Mann der aktuellen Musik.

 

[2]  Charmant-Polka, ohne op.

 

Die Charmant-Polka von Johann Strauss-Vater, gehört als Nr.1  zu den fünf Polkas, deren Noten von der Wiener Stadt- und Landesbibliothek aufbewahrt werden. Sie ist wohl im Zusammenhang mit dem Charmant-Walzer „Des Verfassers beste Laune“, op. 31, im Jahre 1829 entstanden. Es ist sogar denkbar, dass die Polka etwa gleichzeitig mit dem Walzer am 25. November 1829 beim „Katharinen-Ball“ im „Sperl“ zum ersten Male aufgeführt worden ist. Der Ball wurde ja zum Vorteile von Strauss gegeben.

 

Der Komponist hatte ja grosses Interesse daran, sich dem Publikum im „Sperl“ als vielseitiger Musiker vorzustellen. Bedeutend ist die Polka freilich nicht. Die frühen Polkatänze von Strauss sind zu einer Zeit entstanden, in der die böhmische Polka in Wien noch nicht bekannt war. Die Original-Polkas aus Prag wurden erst im Jahre 1839 vom Prager Kapellmeister Perger in der Residenzstadt Wien  vorgestellt. Von da an hat Strauss nur noch Polkatänze nach Prager Vorbild komponiert. Das erste Werk in dieser Serie, die bis ins Jahr 1849 weitergeführt worden ist („Alice-Polka“ , „Frederica-Polka“), war die „Sperl-Polka“,op. 133 aus dem Jahre 1842.

 

Von der Perfektion dieser Kompositionen war die „Charmant-Polka“ noch weit entfernt. Es ist verständlich, dass sie nicht veröffentlicht worden ist.

 

[3] Vive la Danse! Walzer, op. 47

 

In der Mitte des Katastrophenjahres 1831 veranstaltete Johann Strauss bei Dommayer in Hietzing ein Sommerfest zu seinem Benefice. Noch lebten die Wiener fröhlich und unbekümmert. Es drohte zwar der Ausbruch einer Cholera-Epidemie, die sich von Polen her der Reichshaupt- und Residenzstadt an der Donau unaufhaltsam näherte, aber noch gab es keine Kranken. Also nützten die Freunde der Strauss-Musik jede Gelegenheit, die neuen Kompositionen des Walzerkönigs zu hören oder zu tanzen.  Daher bot ihnen das für den 19. Juli 1831 bei Dommayer angekündigte Fest eine willkommene Gelegenheit, Strauss zu feiern und seinen neuen Walzer zu bejubeln.

 

Die Novität wurde ihrem Titel „Vive la Danse!“ vollauf gerecht. Strauss hatte einen anmutigen Walzer geschrieben, der aus einer kurzen Introduction,  fünf Nummern und einer eindrucksvollen, fast übermütigen Coda bestand. Die hüpfenden Motive des ersten Teiles zogen die Zuhörer sogleich in ihren Bann und verbreiteten gute Laune. Die kunstvollen, aus sechzehn- und achttaktigen Perioden bestehenden weiteren Walzer erhöhten noch den Erfolg der neuen Komposition. Dementsprechend begeistert wurde Strauss vom Publikum bejubelt. Das Sommerfest bei Dommayer brachte dem Komponisten, der sein Werk mit unnachahmlichem Schwung und Elan vorführte, einen vollen Erfolg.

 

Diesen Triumph errang der Walzer „Vive  la Danse!“ auch sechs Jahre später, als Johann Strauss das Werk im „Gymnase musical“ in Paris einem Publikum vorstellte, in dem sich die damaligen Grossmeister der französichen Musik – Adam, Auber, Cherubini, Halévy, Meyerbeer und Tanzmeister Philppe Musard – befanden. Strauss erreichte auch in diesem Kreise einmütigen Beifall und volle Anerkennung .

 

[4] Fortuna-Galopp, op. 69

 

Seit Johann Strauss im Oktober des Jahres 1829 die Musik im  „Sperl“ übernommen hatte, erlebte das von Johann Georg Scherzer geführte Etablissement in der Leopoldstadt den Gipfel seiner Beliebtheit. Eine der Folgen war, dass Scherzer den „Sperl“ durch den am 9. Januar 1834 eröffneten „Fortuna-Saal“ erweitern musste. Es entstand ein geräumiger Saal, der prächtig ausgestattet wurde. Selbstverständlich spielte am Eröffnungsabend Johann Strauss auf. Die Veranstaltung war überfüllt. Strauss hatte auch, wie man es wohl von ihm erwartet hatte, eine neue Komposition mitgebracht, die er auf die Pulte seiner Musiker legte. Es war ein flotter Galopp, der  den Titel  „Fortuna-Galopp“ erhielt.

 

Das neue Werk hatte sofort Erfolg und wurde begeistert getanzt, soweit das im überfüllten Lokal möglich war. Strauss hatte sich einen rasanten Galopp einfallen lassen. Auf vier Einleitungstakte, die energisch das Signal zum Tanzen gaben, folgten je zwei sechzehntaktige Teile mit zündenden Motiven. Nach dem üblichen da capo erklang, und das war neu, eine Coda im Umfang von zweiundzwanzig Takten, die wohl wenig geübte Tänzerinnen und Tänzer zu einer besonderen Ausdauer zwangen.

 

Es versteht sich von selbst, dass die neue „Fortuna-Polka“ sofort populär wurde und bei allen folgenden Bällen im „Fortuna-Saal“ gespielt werden musste. Der Verleger Tobias Haslinger konnte bereits am 5. Februar 1834 die Klavierausgabe des Werkes anbieten. Man kann annehmen, dass er mit der „Fortuna-Polka“ ein gutes Geschäft gemacht hat. Vor einigen Jahren konnte der Verlag Krenn eine von Max Schönherr bearbeitete Neuausgabe herausbringen. Auch diese Version wurde sofort beliebt.

 

[5] Heiter auch in ernster Zeit. Walzer, op. 48

 

In den Jahren 1830 und 1831 wurde die Bevölkerung der Reichs Haupt- und Residenzstadt Wien von mehreren Katastrophen heimgesucht. Im Februar 1830 trat die damals noch in einigen Armen an Wien vorüber fliessende Donau über die Ufer und setzte die angrenzenden Regionen meterhoch unter Wasser. Auch die Familie des Musikdirektors Johann Strauss musste in ein Notquartier ausweichen.

 

Im Sommer 1831 griff eine vielfach tötlich verlaufende Cholera-Epidemie aus dem polnisch-russischen Kriegsgebiet auf das Territorium des „Kaiserthums Österreich“ über und näherte sich von Krakau her unaufhaltsam den dicht besiedelten Gebieten an der Donau. Im August wusste man in Wien schon, dass es auch in der Kaiserstadt zu Cholera-Erkrankungen kommen werde. Vergeblich waren die primitiven Abhilfen, mit denen man die Epidemie fernzuhalten versuchte, auch die Gebetsübungen und Trostbücher, die in der „Wiener Zeitung“ in grosser Zahl empfohlen wurden, nützten nichts. Viel  zu spät ordnete  Kaiser Franz  I. Kanalbauten an, um Seuchenherde möglichst nicht entstehen zu lassen.

 

In dieser Situation veranstaltete Johann Strauss im „Sperl“ eine musikalische Abendunterhaltung „zu Gunsten der durch die Zeitumstände Bedrängten und Hilfsbedürftigen“ und wiederholte dabei die Walzerpartie, die er am 24.  August 1831, als die Katastrophe angekündigt wurde, beim Sommerfest zu seinem Benefize im „Sperl“ (Titel: „Wien, wie es ist“) zum ersten Male vorgetragen und der er den Titel gegeben hatte: „Heiter auch in  ernster Zeit.“

 

Nun musste das anmutige, auf selbstverständliche Art und Weise fröhlich wirkende Werk, das im Sommer mit grosser Begeisterung vom Publikum begrüsst worden war, seinen Zauber bewähren. Es gab tatsächlich abermals entschiedene Zustimmung. Gerade in einer wahrhaft ernsten Zeit, in der die „Wiener Zeitung“

 

regelmässig Berichte über die Opfer der Epidemie (Erkrankte und Tote) berichtete, wurden der mitreissende Schwung und die positive Grundstimmung dieser Musik geradezu eine Notwendigkeit.

 

Dieselbe Wirkung stellte sich auch ein, als Johann Strauss seinen Walzer im Jahre 1846, in dem sich eine Wirtschaftskrise in der Donaumonarchie ankündigte und die Nachricht in Wien eintraf, es seien in den Provinzen Menschen verhungert, aus dem Archiv holte und wieder auf die Pulte seiner Musiker legen liess. Da gab es abermals Zustimmung, Trost und Begeisterung. Und die Strauss-Devise gilt immer noch. „Heiter auch in ernster Zeit.“

 

[6] Original Parademarsch (Wiener Bürger-Marsch Nr.1)

 

Johann Strauss wurde im Jahre 1832 Kapellmeister beim „löbl. Ersten Bürger-Regiment“. Das war eine grosse Auszeichnung. Dieses Regiment zählte 6600 Mann und bot einen imposanten Anblick, wenn es zu einer Parade oder Fronleichnamsprozession mit klingendem Spiel ausrückte.

 

Im Jahre 1832 erhielt Johann Strauss vom Regiment nur eine Gage ausbezahlt und zwar für die Teilnahme an den „Fronleichnamsfeyerlichkeiten.“ Bei dieser Gelegenheit wurde allerdings der „Original-Parade-Marsch“ ohne Opuszahl erhalten, dessen Noten vom Kopisten Franz Flatscher mit der Jahreszahl 1833 versehen wurden. In diesem Jahr hat Johann Strauss Honorare für „drey Paraden mit der Musickbande“ erhalten.

 

Bei welcher dieser Paraden Strauss diesen Marsch hat aufführen lassen, ist nicht feststellbar. Jedenfalls handelt es sich bei diesem Marsch um ein fröhliches heiteres Werk, das – in flottem Tempo vorgetragen – wohl erst nach der feierlichen Parade erklungen ist.

 

Wie dem auch gewesen ist, jedenfalls war und ist dieser „Original-Parade-Marsch“ ein interessantes, echt „Straussl’sches“ Stück, das mit Sicherheit entschiedene Anerkennung erhalten hat.

 

7 Das Leben ein Tanz oder Der Tanz ein Leben! Walzer, op.49

 

Im Frühherbst 1831 brach die gefürchtete Cholera in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien und in ihren Vororten mit voller Wucht aus. Die amtliche „Wiener Zeitung“ veröffentlichte regelmässig die Zahl der Erkrankten und der Toten. Erst mit Beginn der kalten Jahreszeit erlosch allmählich die Seuche.

 

Prompt veranstaltete Johann Strauss am 23. November 1831 im „Sperl“ den traditionellen „Katharinen-Ball“, der zugleich das Ende der Tanzvergnügungen dieses Jahres bedeutete. Da diese Bälle erfahrungsgemäss gut besucht waren, wählte Johann Strauss diesen Abend zu seinem Benefice. Für diesen Anlass komponierte Strauss einen besonders kostbaren Walzer, dem er den Titel „Das Leben ein Tanz oder Der Tanz ein Leben!“ gab. Nach einer Introduction von dreiundzwanzig Takten legte er mit einem in gleichbleibendem Rhythmus dahinfliessenden Walzer los. Er sollte signalisieren: Nun geht das Leben in Wien heiter tändelnd weiter.

 

Das fünfteilige Werk, das mit einer  wirkungsvollen Coda abgeschlossen  wurde, war einer der Meisterwalzer des Komponisten. Der ganze Zauber des Biedermeier kommt in seinen Motiven zum Ausdruck. Das Werk wurde bei der Uraufführung mit vollem Recht bejubelt und oftmals wiederholt. Sein Sohn Johann hat das erste Walzermotiv aus „Das Leben ein Tanz“ in sein kleines Potpourri „Klänge aus der Raimundzeit“ aufgenommen, das er im „Deutschen Volkstheater“ anlässlich der Enthüllung des Raimund-Denkmals dirigierte. Er wusste sehr gut, dass sein Vater mit seinem Opus 49 den ganzen Zauber des Biedermeier zum Ausdruck gebracht hatte.

 

[8] Launen-Polka, ohne op.

 

Es ist anzunehmen, dass die frühe „Launen-Polka“, die als Nr. 3 der fünf Polkas in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek verwahrt wird, im Zusammenhang mit dem „Wiener Launen-Walzer“, op. 6, im Jahre 1827 entstanden ist. Die noch sehr einfache Struktur der Komposition lässt vermuten, dass sie zu den frühesten Arbeiten des jungen Komponisten gehört. Das hat das Werk mit der „Charmant-Polka“ gemein, die wohl im Jahre 1829 zusammen mit dem Charmant-Walzer „Des Verfassers beste Laune“, op. 31, komponiert und aufgeführt worden ist.

 

Immerhin ist die „Launen-Polka“ ein gefälliges Werk, das sich freilich ganz deutlich von den „böhmischen Polkatänzen“ unterscheidet, die Johann Strauss-Vater nach Prager Vorbild  ab dem Jahre 1842 (etwa die „Sperl-Polka“ op. 133) komponiert hat. Die Polka als paarweiser Rundtanz hat ja Vorläufer, die bereits in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts nachgewiesen werden können. An diese Tradition konnte Johann Strauss anschliessen, ehe die böhmische Polka ab dem Jahre 1839 in  Wien bekannt geworden ist. In dieser Hinsicht ist die „Launen-Polka“ ein interessanter Beitrag zur Geschichte der Tanzmusik in der k. K. Donaumonarchie Österreich.

 

[9] Cotillons nach beliebten Motiven aus der Oper: Die Unbekannte (La Straniera), op.50

 

Kaum hatte das  k. k. Hof-Operntheater nächst dem Kärntnerthor am  24. November 1831 die Oper „Die Unbekannte“ („La Straniera“) dem Wiener Publikum vorgeführt (Die Uraufführung des Werkes mit der Musik von Vincenzo Bellini hatte am 14. Februar 1829 in der Scala in Mailand  stattgefunden), war Johann Strauss auch schon mit seinen Cotillons  in den Ballsälen. Die erste Aufführung dieser Cotillons muss noch vor der Premiére im k.k. Hof-Operntheater erfolgt sein, denn der Verleger Tobias Haslinger konnte die Herausgabe des Werkes schon am 25. November 1831 ankündigen.

 

Die Musik von Johann Strauss legte ohne Introduktion gleich mit der ersten der fünf Nummern im 3/4 Takt los, von denen vier mit einem Trio ausgestattett sind. Johann Strauss wusste wohl ganz genau, warum er sich mit der Aufführung und der Herausgabe seiner Cotillons so sehr beeilte. Sein Freund Joseph Lanner brachte, ebenfalls im Spätherbst 1831 (die Herausgabe der Klavierausgabe wurde am 3. Februar 1832 annonciert) seine Cotillons unter dem Titel „Bekannte Töne einer Unbekannten“ heraus, die in den Opernmelodien schwelgten.

 

Da die Oper Bellinis in Wien bald wieder von der Bühne verschwand, dürften auch die Cotlllons der beiden Komponisten kein langes Leben gehabt haben. Aber für die Ballsaison des Jahres 1832 waren sie gewiss wilkommen. Auch im Walzergeschäft war Aktualität wichtig. Und darauf verstanden sich Strauss und Lanner beide ganz selbstverständlich.

 

[10] Venetianer-Galopp, op. 74

 

Johann Strauss hat seinen „Venetianer-Galopp“ am 21. Juli 1834 bei der Wiederholung seines im Jahre 1833 erfolgreichen Festes „Eine Nacht in Venedig“ im k. k. Augarten aufgeführt. Es war ein Wagnis, ein Fest zu wiederholen, das einen Massenbesuch gefunden hatte. Aber Strauss und sein Helfer „Lamperl-Hirsch“ wurden nicht enttäuscht. Es gab noch einmal ein sehr zahlreiches und zufriedenes Publikum.

 

Auch der „Venetianer-Galopp“ fand bei dieser Nacht in den Kulissen von Venedig grossen und verdienten Beifall und lebhafte Zustimmung. Das Werk, das mit vier kraftvollen Takten und leisem Kastagnettengeklapper einsetzt, ehe der eigentliche Galopp beginnt, hatte Strauss’schen Schwung und animierte daher sowohl die Tänzer als auch die Zuhörer. Der Erfolg veranlasste den Verleger Tobias Haslinger, den Galopp am 18. November 1834 sowohl in den Fassungen für Klavier als auch für Orchester herauszugeben. Später wurde das Werk allerdings nur noch selten aufgeführt.

 

[11] Hof-Ball-Tänze. Walzer, op. 51

Ihrer Majestät Anna Maria Carolina, der jüngeren Königin von Ungarn gewidmet

 

Im Jahre 1831 wurde Anna Maria von Sardinien mit dem Kronprinzen der Donaumonarchie, dem Epileptiker Ferdinand, der bereits zum „Jüngeren König von Ungarn“ gekrönt worden war, vermählt. Es war gewiss keine Liebesheirat. Allen Beteiligten und auch der  Bevölkerung Wiens war klar, dass Anna Maria von Sardinien, die bereits achtundzwanzig Jahre alt geworden war, mit dieser Heirat eigentlich ein Opfer brachte. Aber sie hatte es nicht zu bereuen. Wenn Ferdinand auch nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war, machte er diesen Makel durch Gutmütigkeit weg. Überdies hatte er ein ausgeprägtes Verständnis für Musik.

 

Im Jahre 1832 nahm Königin Anna Maria am Hofball in der Kaiserstadt Wien teil. Johann Strauss, der zum ersten Male mit der Leitung der Ballmusik betraut worden war, nahm die Gelegenheit wahr, ihr seinen Walzer „Hof-Ball-Tänze“ zu widmen. Es ist anzunehmen, dass dieser Walzer bereits beim Hofball erklungen ist. Die erste öffentliche Aufführung war allerdings erst am 29. Februar des Schaltjahres 1832 beim „Sperl.“

 

Der erste Teil des Walzers, der in der selten verwendeten Tonart E-Dur steht, bietet ein fröhliches Motiv von jeweils drei Achtel und einem Viertel im Abstand von etwa einer Oktave und gehört zu den originellsten Einfällen des Komponisten. Da auch die weiteren fünf Walzerteile und die Coda amüsante und sorgfältig instrumentierte Melodien enthalten, gehören die „Hof-Ball-Tänze“ zu den interessantesten, immer noch gern gehörten Werken von Johann Strauss. Sie haben bereits im Jahre 1832 zu seinem späteren Ruf als „Walzerkönig“ beigetragen.

 

[12] & [14] Galopp Nr. 1 und Nr. 2 aus „Die Stumme von Portici“, ohne op.

 

Die Oper „Die Stumme von Portici“ wurde am 9. November 1829 im Theater in der Josephstadt zum ersten Male aufgeführt. Sie folgte also der Uraufführung des Werkes, die am 29. Februar 1828 in der Pariser „Grand Opéra“ stattgefunden hat, mit einer Verzögerung von  mehr als einem Jahr. Da das Werk des Komponisten Daniel Esprit Auber gleich bei der Premiére durchaus erfolgreich gewesen ist, kann man über den Grund dieser Verzögerung mancherlei Vermutungen anstellen. Vielleicht hat die strenge Zensur des „Systems“ des Staatskanzlers Fürst Metternich eine prompte Übersiedlung des Werkes verhindert.

 

Die beiden Galoppe (Nr.1 in D-Dur, Nr. 2 in G-Dur, beide ohne Introduktion und Coda, in sehr einfacher Orchesterbesetzung mit III. Violine statt Viola) sind wohl sehr bald nach der Erstaufführung der Oper im Wiener Theater in der Josephstadt komponiert und aufgeführt worden. Eine genaue Datierung der ersten Aufführung ist allerdings nicht möglich, da im Jahre 1829 über die Uraufführung der neuesten Kompositionen des noch zu wenig bekannten Kapellmeisters Strauss in den Zeitungen nicht berichtet worden ist. Das sollte sich bald ändern.

 

Bei den Galoppen aus „Die Stumme von Portici“ aber war es noch nicht so weit. Man darf allerdings annehmen, dass die Galoppe spätestens im Fasching des Jahres 1830 sehr eifrig getanzt worden sind. Sie haben ja genügend Schwung und Schmiss.

 

[12] Bajaderen-Walzer, op. 53

Sr. königlichen Hoheit dem durchlauchtigsten Herrn Carl Ludwig,

Herzoge von Lucca, Infant von Spanien ec.ec. in tiefster Ehrfurcht gewidmet

 

Die Oper „Brahma und die Bajadere“ mit Musik von Daniel Francois Esprit Auber, erreichte das Wiener k. k. Hofoperntheater nächst dem Kärntnerthor am 3. Februar 1832. Die interessante Figur der indischen Tempeltänzerin, die in der Überlieferung zumeist auch als Prostituierte bezeichnet wurde, erregte auch das Interesse der Opernbesucher. Da es für die Hofoper schwierig war, eine Bajadere in den prüden Jahren des Kaisers Franz I. auf die Bühne zu bringen, hatte Aubers Oper in Wien keinen anhaltenden Erfolg. Die Musik Aubers setzte sich trotzdem durch. Johann Strauss liess sich daher die Gelegenheit nicht entgehen, einen „Bajaderen-Walzer“ zu komponieren. Das Werk wurde im Fasching 1832 bei vielen Bällen gespielt, also wohl auch beim Ball der Gesellschaft der Musikfreunde am 15. Februar, bei dem Johann Strauss mit seinen Musikern die Tanzmusik ausführte.

 

Der „Bajaderen-Walzer“ von Johann Strauss, der aus einer zwölftaktigen Einleitung, vier Walzerteilen mit je einem Trio und einer interessanten Coda, die das Motiv des ersten Walzers wiederholt, ist den Melodien Aubers zumindest angenähert. Schon den Zeitgenossen ist die Verwandtschaft der Motive des „Bajaderen-Walzers“ von Johann Strauss mit den Melodien Aubers aufgefallen.  Bereits im Jahr 1832, wurde diese Tatsache diskutiert,  nachdem am 19. Mai das Erscheinen des Walzers im Verlag Tobias Haslinger in der „Wiener Zeitung“ angekündigt worden war. Der tüchtige Verleger hatte bereits im März 1832 die „Bajaderen-Galoppe“ von Johann Strauss, op. 52, den Musikfreunden präsentiert. Man muss anerkennen, dass Tobias Haslinger zum Ruhm seines Autors Johann Strauss beigetragen hat, weil er dessen Kompositionen in viele Länder verschickte.

 

Später verschwand der „Bajaderen-Walzer“ aus dem Tanzrepertoire und aus den Programmen der Strauss-Konzerte. Das war und ist schade, denn allein schon das originelle Motiv des ersten Walzers hätte gewiss auch späteren Generationen von Musikfreunden gefallen.

 

Franz Mailer


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