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8.225274 - GODOWSKY, L.: Piano Music, Vol. 8 (Scherbakov) - Java Suite / Wine, Women and Song
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Leopold Godowsky (1870–1938)
Klaviermusik Folge 8 – Java Suite

 

Der große polnisch-amerikanische Pianist Leopold Godowsky wurde 1870 als Sohn eines Arztes in Soshly bei Wilna (heute Vilnius/Litauen) geboren. Die ersten Zeichen eines außergewöhnlichen musikalischen Talents zeigten sich bereits bei dem Dreijährigen, und mit sieben Jahren begann der Knabe zu komponieren. Wieder zwei Jahre später trat er erstmals als Pianist an die Öffentlichkeit. Nach Konzertreisen durch Deutschland und Polen studierte er 1884 kurze Zeit bei dem Clara Schumann- und Moscheles-Schüler Ernst Rudorff an der Berliner Musikhochschule. Vier Monate waren offenbar genug, denn schon im selben Jahr kam es in Boston zu Godowskys erstem US-Auftritt, wobei ihn die Konzertgesellschaft der amerikanischen Sopranistin Clara Louise Kellogg unter ihre Fittiche nahm. Mit ihr und ihrer Kollegin Emma Thursby ging der junge Musiker anschließend auf Konzertreise. 1885 ließ er sich im wöchentlichen Wechsel mit der venezolanischen Pianistin Teresa Carreño im New Yorker Casino hören, und im folgenden Jahr unternahm er eine Kanada-Tournee mit dem belgischen Geiger Ovide Musin, für den Saint-Saëns sein Morceau de Concert geschrieben hatte.

Anschließend kehrte Leopold Godowsky nach Europa zurück, da er hoffte, bei Franz Liszt studieren zu können. Als er aus den Zeitungen von dessen Tod erfuhr, reiste er nach Paris, um sich von Camille Saint-Saëns ausbilden zu lassen, der ein ebenso vorzüglicher Pianist wie Komponist war. Dieser zeigte sich beeindruckt von Godowskys Klavierspiel und schlug vor, ihn zu adoptieren, wenn er seinen Namen änderte. Dieser Vorschlag stieß zwar auf Ablehnung, der Kontakt zwischen den beiden Künstlern währte aber dennoch drei Jahre: Jeden Sonntag spielte Godowsky Saint-Saëns vor, der seinen Schüler im Gegenzug seine eigenen Werke hören ließ. Die Beziehung erwies sich als wertvoll und brachte Godowsky mit führenden Persönlichkeiten des Musiklebens zusammen – unter anderem mit Peter Tschaikowsky, der anwesend war, als der junge Mann einige seiner Werke in der Pariser Kammermusikgesellschaft La Trompette aufführte. Sechs Jahre nach dem Tod seines Mentors transkribierte Godowsky 1927 den Schwan aus Saint-Saëns' Karneval der Tiere. Diese Bearbeitung ließ er sich von einem Freund vorspielen, als er 1938 selbst auf dem Sterbebett lag.

1890 ging Godowsky wieder nach Amerika, um am New Yorker College of Music zu unterrichten. Er heiratete und wurde amerikanischer Staatsbürger. Während er seine pianistische Karriere fortsetzte, war er 1894 und 1895 an der von Gilbert Raynold Combs gegründeten Musikschule von Philadelphia als Leiter der Klavierabteilung tätig, worauf er von 1895 bis 1900 in derselben Eigenschaft am Konservatorium von Chicago wirkte. Am 6. Dezember 1900 gab er in Berlin ein derart erfolgreiches Konzert, dass er beschloss, die deutsche Hauptstadt zu seinem Wohnsitz und zur Ausgangsbasis für seine Europa- und Nahost-Reisen zu machen. 1909 übernahm er die Meisterklasse für Klavier an der Wiener Akademie der Tonkunst.

Von 1912 bis 1914 reiste Leopold Godowsky mehrfach in die USA, wo er sich nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wieder niederließ. Neben seiner konzertanten Tätigkeit stellte er in einer Reihe von Editionen und Veröffentlichungen seine innovativen Theorien zur Klaviertechnik vor. Überdies komponierte er weiter für sein Instrument. 1922 gab er sein letztes Konzert in den USA. Allerdings reiste er auch weiterhin als einer der führenden Virtuosen seiner Zeit durch die Welt. 1930 machte ein Schlaganfall seiner Karriere ein abruptes Ende, worauf er seine Bemühungen um einen dauerhaften Platz in der Musikgeschichte während der letzten acht Jahre seines Lebens hauptsächlich auf seine Kompositionen und Transkriptionen für Klavier stützte. Diese Anerkennung stellte sich allerdings nur langsam ein.

Seine Java Suite veröffentlichte Leopold Godowsky 1925 in New York unter dem Titel Phonoramas: Tonal Journeys for the Pianoforte mit einer Widmung an den Freund J. Campbell Phillips. In der Einleitung spricht der Komponist von seiner großen Bewunderung für die alte Kultur Javas und die dortige Musik, die sich – wie er betont – ausschließlich im Zweier- oder Vierertakt bewegt. Dasselbe gilt für seine Klaviersuite, die damit das Gegenstück zu den Walzermasken und dem Triakontameron bildet, die ausschließlich im Dreiertakt komponiert sind.

Godowsky stellt jedem Stück eine umfassende Einführung zur Seite. Der erste Satz mit dem Titel Gamelan bedarf heute freilich keiner Erklärung mehr. Godowsky wollte hier etwas von der Klangwelt des Gamelan einfangen, indem er jegliche Chromatik vermied. Beim Wayang-Purwa: Schattentheater mit Puppen werden hinduistische Epen durch Dalang dargestellt – durch Marionetten, die mit Bambusstangen bedient werden und ihre Schatten auf eine weiße Leinwand werfen. Hari Besaar: Der große Tag stellt einen Jahrmarkt auf dem Lande dar, zu dem die Menschen von den Plantagen und Dörfern zusammenströmen, um die Darbietungen der Schauspieler, Musiker, Tänzer und Fakire anzuschauen.

Der zweite Teil der Suite beginnt mit den Schwätzenden Affen am heiligen See Wendit. In seinem Vorwort schreibt Godowsky, dass dieser See ein paar Kilometer von der Kleinstadt Malang entfernt liegt. Die kreischenden Affen, die von Baum zu Baum hüpfen und von den Besuchern Bananen ergattern, bieten hier eine spaßhafte, lebendige Szene, die in einem Allegro scherzando ausgeführt ist. Borobudur im Mondenschein schildert das großartige Heiligtum mit seinen vielen Buddha-Skulpturen, das hier im melancholischen, unheimlichen Mondlicht zu sehen ist und an die vergängliche Natur aller menschlichen Unternehmungen denken läßt. In Der Vulkan Bromo und das Sandmeer bei Tagesanbruch berichtet Godowsky, wie man das Sandmeer im Osten Javas überquerte, um den großen Vulkan sehen zu können. Der aufsteigende Dunst und die dichten Wolken des Berges hätten ihn, so Godowsky, an Szenen in Dantes Inferno erinnert – wobei das Gefühl der menschlichen Unzulänglichkeit sich im Triumph der Sonnenstrahlen auflöste.

Der dritte Teil beginnt mit Drei Tänzen. Der erste ist müde und melancholisch, der zweite graziös und der dritte poetisch zart. Die Gärten von Bultenzorg beschwören die nach exotischen Blumen duftende Luft und erzeugen ein Gefühl unstillbarer Sehnsucht. Buitenzorg liegt etwa sechzig Kilometer südlich von Jakarta (früher: Batavia ) und ist die Distrikthauptstadt, in der früher der Generalgouverneur von Niederländisch-Ostindien residierte. In den Straßen des alten Batavia erlebt der Besucher eine exotische Menschenmenge: Er gelangt ins Chinesenviertel, in den arabischen Teil zu den Einheimischen und erlebt endlich die ganze bunte Vielfalt des Bazars.

Im Kraton führt in einen der Palastbezirke, in denen die Sultane residierten. Godowsky beschreibt die Wohnsitze des Hauptsultans (Susuhunan) von Surakarta (volkstümlich: Solo) und des nächst bedeutenden Herrschers von Djokja (umgangssprachlich für Djokjakarta ). Der ferne Klang des Gamelan erfüllt die Szene. In der Nähe des Kraton von Djokjakarta bröckeln die Überreste des Wasserschlosses mit seinen Brunnen und Kaskaden. Die alten Feste sind Geschichte, und die Ruinen des Wasserschlosses von Djokja wirken wie die Sehnsucht nach der Vergangenheit und die Klage um eine verlorene Liebe. Godowsky beendet seine Phonoramas mit Ein höfischer Aufzug in Solo, der nach seinen eigenen Worten den Prunk, den Glanz und die Pracht einer königlichen Festprozession darstellt. Erneut gibt es ein vorübergehendes Gefühl der Melancholie, das von einem Fugato und der abschließenden Wiederholung der Prozessionsmusik zerstreut wird.

Im Jahre 1912 veröffentlichte Godowsky unter dem Titel Symphonische Metamorphosen Johann Strauss'scher Themen drei Kompositionen nach Walzern von Johann Strauß Sohn. Das dritte dieser Stücke ist eine Walzerparaphrase über Wein, Weib und Gesang, eine glänzend ausgedachte, virtuose Transformation des bekannten Originalmaterials.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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