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8.225285 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 9
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Johann Strauß-Vater Edition, Folge 9

 [Track 1] Gedanken-Striche. Walzer op. 79
Den edlen Bewohnern Leipzigs geweiht

Auf der Rückreise von Berlin konzertierte Johann Strauß mit seinen Musikern in Leipzig, Dresden und Prag. Erst am 14. Dezember 1834 erfolgte die Ankunft in Wien. In Leipzig wurde Strauß und seinen Musikern das berühmte Gewandhaus zur Verfügung gestellt. Weil das in diesem kostbaren Rahmen am 28. November 1834 veranstaltete Konzert überaus erfolgreich war, wurde Strauß am 29. November von der Gesellschaft „Tunnel“ zu einem zusätzlichen Konzert eingeladen. Die Aufnahme der Wiener Musiker in Leipzig und vor allem durch die Mitglieder der Gesellschaft „Tunnel“ war so herzlich, dass Johann Strauß seine nächste Komposition den edlen Bewohnern Leipzigs widmete. In Wien wurde der Walzer am 24. Februar 1835 aufgeführt, und zwar beim Strauß-Ball im „Sperl“. Bei diesem Ball wiederholte Strauß das Experiment, das er bereits am 13. Februar 1833 ebenfalls im „Sperl“ gemacht hatte. Er forderte das sehr zahlreich erschienene Publikum auf, einen Titel für das neue Werk zu finden. Er hatte deshalb seinem Benefizball im Sperl das Motto „Die Titelwahl“ geben lassen.

Diesmal hatte Strauß mehr Glück. Im Februar des Jahres 1833 hatte er die Bezeichnung „Tausendsapperment- Walzer“ akzeptieren müssen. Diesmal wurde der Titel „Gedanken-Striche“ gewählt, der immerhin etwas geeigneter für einen Walzer war, wenn er auch nichts mit ihm zu tun hatte. Aber das konnte Strauß durch seine Widmung ausgleichen.

Die kurze Introduktion im Zeitmaß Moderato beginnt festlich. Der erste Walzer startet fröhlich mit einer keckhüpfenden Melodie, die in Nr. 2 von einem weitausgreifenden Motiv (legato) abgelöst wird. Ein ähnlicher Kontrast scheint auch bei den Nummern 4 und 5 beabsichtigt gewesen zu sein, wenn auch zwischen diesen beiden Walzerteilen der Gegensatz nicht so ausgeprägt ist. Die umfangreiche Coda endet mit einem sehr effektvollen Schluss. Dass der Walzer „Gedanken-Striche“ beim „Sperl“ mit stürmischem Beifall aufgenommen wurde und wiederholt werden musste, war damals bereits eine Selbstverständlichkeit.

Weil zu dem Walzer „Erinnerung an Berlin“ op. 78 in der Hauptstadt des Königreichs Preußen ein Gegenstück mit demselben Titel erschienen war, ließ der Verleger Tobias Haslinger auf der ersten Seite der am 2. Mai 1835 erschienenen Ausgabe des Walzers „Gedanken-Striche“ die mit den Daten 15. Januar und 10. Februar 1835 versehene Erklärung abdrucken, mit der Haslinger bescheinigt wurde, dass er das alleinige Recht hat, Kompositionen von Johann Strauß herauszugeben. Es ging ums Geschäft – und da beharrte Tobias Haslinger gerade bei den für ihn wichtigen Kompositionen von Johann Strauß auf seinem Recht.

[2] Galopp nach Motiven aus der Oper „Die Hugenotten“ von Meyerbeer, op. 93

Nach der Pariser Uraufführung der Oper „Die Hugenotten“ wartete das Wiener Publikum darauf, das Werk auch im k. k. Hof-Operntheater nächst dem Kärntnertor zu hören. Aber das ging nicht so schnell. Die damals sehr strengen Beamten der Zensur verlangten eine Umarbeitung des Librettos. Das gelang nach drei Jahren. Erst am 6. September 1839 konnte das Werk unter dem geänderten Titel: „Die Ghibellinen in Pisa“ im Theater in der Josefstadt zum ersten Male aufgeführt werden.

Da die Musik des Komponisten Giaccomo Meyerbeer nicht verändert worden war, konnte sie Johann Strauß sofort mehrere Male verwenden. Er schrieb im Jahre 1836 seinen sofort erfolgreichen „Hugenotten-Cottilon“ und brillierte anlässlich der Wiener Erstaufführung mit dem „Hugenotten-Galopp“. Dieser wurde nach Motiven der Ballette im 3. und 5. Akt der Oper „Die Hugenotten“ sowie im Trio mit dem Moll-Teil des „Zigeunertanzes“ gestaltet.

Der aufmerksame und tüchtige Verleger Tobias Haslinger sorgte für die prompte Veröffentlichung. Er ließ sie am 7. Februar 1837 in der „Wiener Zeitung“ ankündigen.

[3] Huldigungs-Walzer op. 80

Am 2. März 1835 wurde überall im Kaisertum Österreich die Nachricht kundgemacht, dass der am 12. Februar 1768 geborene Kaiser Franz I. in der Nacht um etwa 0.45 Uhr gestorben war. Die Bekanntgabe kam nicht unerwartet. Schon Ende Februar war auf die Nachricht von der Erkrankung des Kaisers hin in den Kirchen für ihn gebetet worden. Nach seinem Tod stand das kulturelle Leben in der Donaumonarchie zunächst einmal still. Die Theater blieben geschlossen, alle Konzerte wurden sofort verboten. Erst im April 1835 wurden diese Veranstaltungen wieder erlaubt.

Das offizielle Leben aber musste ohne Unterbrechung weitergehen. Auch in diesem Falle hieß es: „Der Kaiser ist tot, es lebe der Kaiser!“ Der älteste Sohn von Kaiser Franz, der im Jahre 1793 geborene Ferdinand, trat die Nachfolge an. Obwohl Ferdinand Epileptiker und daher zunächst nur beschränkt regierungsfähig war, hatte Kaiser Franz darauf bestanden, dass sein ältester Sohn sein Erbe antritt. Er war der Ansicht, Staatskanzler Fürst Metternich werde zusammen mit mehreren Räten für eine ordnungsgemäße Führung der Staatsgeschäfte sorgen.

Nach der feierlichen Beisetzung des Verstorbenen in der Kapuzinergruft erfolgte die Amtsübernahme durch den neuen Herrscher, Kaiser Ferdinand I. Am 14. Juni 1835 wurde ein alter, fast in Vergessenheit geratener Brauch neu belebt. Aus Klosterneuburg wurde das „Herzoghütel“ in feierlichem Zug nach Wien gebracht. Es sollte bei der Erbhuldigung des Erzherzogtums Österreichs unter der Enns als Symbol dienen.

Johann Strauß huldigte dem neuen Herrscher mit einem „Huldigungs-Walzer“, der am 15. Juni 1835 – also ganz prompt – in der „Goldenen Birn“ auf der Landstrasse bei der Eröffnung eines neuen Prunksaales zum ersten Male aufgeführt wurde. Wie es der Anlass nahe legte, beginnt der „Huldigungs-Walzer“ mit Paukentremolo und Trompetenfanfaren. Nach feierlichen elf Takten leitet ein kurzes Intermezzo (Moderato) zum Beginn des Walzers über. Dieser beginnt fröhlich, als wollte er ausdrücken, man könne und müsse mit Optimismus in die Zukunft schauen. In einer für Wien und die Monarchie wichtigen Einzelheit war dieser Optimismus auch berechtigt. Ferdinand hatte von seinen Vorfahren die Musikalität geerbt und sorgte dafür, dass am Kaiserhof wieder öfter musiziert wurde. Ferdinand war es auch, der Johann Strauß im Jahre 1846 den eigens für ihn geschaffenen Titel „Hofball-Musikdirektor“ verlieh.

Das lag im Jahre 1835 freilich noch in weiter Ferne. Aktuell war, dass der „Huldigungs-Walzer“ von Johann Strauß bei dem Fest in der „Goldenen Birn“ mit Begeisterung aufgenommen wurde und dass der Optimismus, den das Werk verbreitete, auf das Publikum überging. Als der Walzer am 7. August 1835 als 80. Werk von Johann Strauß im Verlag Haslinger erschien, zweifelte niemand in der Monarchie, dass eine gute Zukunft bevorstand – eine Zukunft, in der auch „Walzerseligkeit“ ihre Berechtigung hatte.

[4] Indianer-Galopp op. 111

Im „Kaiserthum Österreich“ war es auch nach dem großen Völkerkongress der Jahre 1814/1815 in der Reichs Hauptund Residenzstadt an der Donau, dem später wegen seiner prunkvollen Feste, aber auch wegen der dabei erreichten dauerhaften Friedensordnung legendären „Wiener Kongress“, um die Kenntnis ferner Länder und ihrer Bewohner nicht allzu gut bestellt. Natürlich wusste man sehr viel über die Erzfeinde, zum Beispiel über die Osmanen und über deren Nachbarn, die Perser. Aber nur selten erreichte Wien eine Kunde aus Indien oder gar aus Japan. Da war man eher über die Vorgänge in Nordamerika unterrichtet und las die ersten Bücher und Schriften über das Schicksal der Indianer.

Im Sommer 1839 erschien zum ersten Male ein Ensemble indischer Tänzerinnen und Tänzer im Reich des Kaisers Ferdinand. Man arrangierte ein Gastspiel im Theater an der Wien und stellte sie dem Publikum als „Bajaderen und ihre Partner“ vor. Das war eigentlich ein sehr erfolgversprechendes Unternehmen, denn die Truppe hatte bereits in England und in Frankreich sehr gut gefallen und war in London und in Paris von einem zahlreichen Publikum bestaunt worden.

Doch in Wien ging die Sache schief. Schon auf die Kunde: „Inder kommen ins Theater an der Wien“, reagierten die Wiener mit der Bemerkung: „Schön, dass zu uns auch einmal die Indianer kommen!“ Eiligst wurden „Indianer- Feste“ arrangiert, um die Sensation auf wienerische Art möglichst auszukosten. Johann Strauß-Vater schrieb in aller Eile, aber mit großer Sorgfalt einen „Indianer-Galopp“. Doch ihm erging es wie allen seinen Zeitgenossen. Was wusste man damals in Wien schon von Indern und Indianern! Daher war auch sein Galopp weder „indisch“ noch „indianisch“; das Werk bot dem Publikum lediglich eine aparte Exotik, wie man sie damals von zeitgenössischen Balletten her kannte. Rasant war er natürlich auch, der „Indianer-Galopp“ des etwa 35-jährigen Musikdirektors Strauß. Das verschaffte dem Tanz jenen Erfolg, der den indischen Bajaderen und ihren Partnern im Theater an der Wien versagt blieb. Denn als sich herausgestellt hatte, dass eben keine Indianer, sondern Inder ihre Nationaltänze vorführten, war das Publikum enttäuscht und wollte von diesen Produktionen nichts mehr wissen. Die Zeitungen machten sich über die Gäste lustig, und die Leute, die sich im Grunde selbst in die Irre geführt hatten, schimpften. Strauß erging es also besser als den „indischen Indianern“. Sein Werk, das am 12. August 1839 beim „Sperl“ zum ersten Male gespielt wurde, setzte sich durch und wurde in der Folge vor allem bei Maskenbällen auf die Pulte der Musiker gelegt: In der heiteren Maskerade war es gleichgültig, ob kostümierte Inder oder Indianer dazu durch den Saal tanzten. Lustig war es jedenfalls!

[5]

Grazien-Tänze op. 81
Ihrer Durchlaucht der Frau Melanie Fürstinn Metternich-Winneburg gebornen Gräfinn Zichy-Ferraris in tiefster Ehrfurcht gewidmet

Wie bei vielen anderen Gelegenheiten bewies Johann Strauß sein Geschick darin, sich auf die jeweilige politische, wirtschaftliche und künstlerische Situation einzustellen. Im Jahre 1835 erkannte er sofort, welche Bedeutung der mächtige Staatskanzler Clemens Fürst Metternich-Winneburg für die Monarchie hatte. Zwar wagte er nicht, dem Staatskanzler selbst eine Komposition zu widmen, aber er nahm das „Grazien-Fest“, das er am 7. Juli 1835 im Casino Dommayer zu seinem Vorteil veranstaltete, zum Anlass, seinen neuen Walzer „Grazien-Tänze“ der Gattin Metternichs, Melanie, einer geborenen Gräfin Zichy-Ferraris, zu widmen. Nun war die füllige Fürstin keine Grazie mehr wie die Gräfin Zichy zur Zeit des Wiener Kongresses. Aber so genau musste man es auch nicht nehmen. Immerhin war die Fürstin hübsch, klug und charmant. Mit ihren lustigen und zumeist auch geistreichen Scherzen vermehrte sie die Sympathie, die man ihr gern entgegenbrachte.

Johann Strauß freilich gab vor, der Walzer feiere nur die Grazien. In der Einladung zu seinem Fest bei Dommayer schrieb er daher: Die Grazien sind nach der alten Mythologie als Repräsentantinnen und Beschützerinnen alles Schönen, Lieblichen und Angenehmen bekannt. Vermöge dieser Eigenschaften fand der Gefertigte sie am geeignetsten, ihnen sowie ihren schönen Schwestern der damaligen Zeit ein eigenes Fest zu widmen.

Auch in seinem Walzer bemüht Johann Strauß sich, den Grazien mit Grazie zu huldigen. Einer kurzen Introduktion folgt ein graziöser Walzer Nr. 1 im seltenen E-Dur, der gleichsam die Stimmung für das ganze fünfteilige Werk vorgibt. Nur der auftrumpfende Walzer Nr. 5 mit seinem energischen zweiten Teil fällt ein wenig aus diesem Rahmen. Eine ausführliche Coda, in der – wie nun schon üblich – Walzer Nr. 1 zitiert wird, schließt das Werk ab.

[6] Furioso-Galopp nach Motiven Liszts op. 114

Am 15. November 1839 kam der in Raiding (Burgenland, damals Doborjan, Königreich Ungarn) geborene Franz Liszt (1811–1886) wieder nach Wien. Er hatte in der Donaumetropole in den Jahren 1823–25 seine Ausbildung erhalten und im Jahre 1838 – nach kurzen Auftritten in den Jahren 1822 und 1823 – bereits einmal gastiert. Nun kam er als gefeierter Virtuose aus Italien wieder an die Donau, gab fünf Konzerte in der Gesellschaft der Musikfreunde und wirkte bei einem „Concert spirituel“ im k. k. Redoutensaal mit. Sein beispielloses Können auf dem Klavier erregte ebenso Aufsehen und Begeisterung wie seine frühen Kompositionen, vor allem seine Transkriptionen, die u.a. verdienstvoll das Andenken an Franz Schubert aufrecht erhielten.

Die Tage zwischen seinen bejubelten Auftritten benützte Liszt auch dazu, die Musik Strauß-Vaters kennen zu lernen. Gleichzeitig beschäftigte sich Strauß mit der bei ihm zur Selbstverständlichkeit gewordenen Gründlichkeit mit den Kompositionen des Virtuosen. Als Franz Liszt am 8. Dezember 1839 wieder einmal im „Sperl“ in der Leopoldstadt einkehrte, spielte ihm die Strauß-Kapelle den „Furioso-Galopp“ vor, dessen erster Teil eine sehr wirkungsvolle Orchester-Bearbeitung der im Jahre 1838 entstandenen Komposition „Grand Galop Chromatique für Klavier“ darstellt. Das zweite Trio benutzt ebenfalls Motive von Franz Liszt.

Die Uraufführung des Werkes, mit dem Liszt überrascht wurde, hatte bereits am 25. November 1839 beim Katharinen- Ball im „Sperl“ stattgefunden. Ein ungeheurer Beifall setzte ein, der zu einem Teil dem Erfinder dieser Melodien, Liszt, galt, zum anderen Teil Strauß, der diese so geschickt und geschmackvoll zu variieren wusste.

Das Werk blieb im Repertoire der Strauß-Kapelle und wurde auch von den Söhnen wiederholt aufgeführt.

[7] Philomelen-Walzer op. 82
Ihrer königlichen Hoheit der durchlauchtigsten Frau Louise Prinzessin von Wasa gebornen Prinzessin von Baden in tiefster Ehrfurcht gewidmet

Der „Philomelen-Walzer“ von Johann Strauß-Vater wurde im Sommer 1835 komponiert und bei einem Fest in dem damals vielbesuchten Gasthaus „Zur goldenen Birn“ in Wien-Landstrasse am 10. August zum ersten Mal vom Komponisten an der Spitze seiner Kapelle vorgetragen. Seltsamerweise gefiel einem Teil der Gäste das für das Wiener Biedermeier typische Werk nicht sofort. Es gab einigen Widerspruch, der allerdings von der Mehrheit der Zuhörer sofort erregt bekämpft wurde. Erst bei der dritten aufeinander folgenden Aufführung gab es den gewohnten einhelligen Beifall des Publikums.

Den Titel des neuen Walzers verstanden die Wiener sofort. Das Wort „Philomele“ stammt aus der griechischen Mythologie, in der von der Verwandlung einer Philomele in einen Vogel berichtet wird. Schließlich einigte man sich darauf, es habe sich um eine Nachtigall gehandelt. So wurde „Philomele“ zu einer poetischen Bezeichnung für den scheuen Singvogel, der damals auch in den Gärten Wiens und in der Umgebung der Kaiserstadt zu hören war.

Vogelrufe wurden in der Hochblüte der biedermeierlichen Romantik in vielen Kompositionen nachgeahmt. Auch im Walzer von Johann Strauß erklingt bereits in der Introduktion der von der Flöte nachgeahmte Ruf der Nachtigall. Wiederholungen gibt es mehrfach im Verlauf des Walzers, und zuletzt ertönt er, von zwei Klarinetten – vielleicht vorlauten Spatzen? – begleitet, in der Coda.

Die Widmung an Louise Prinzessin von Wasa war wohl kein Zufall. Die in der Wiener Adelsgesellschaft sehr beliebte Prinzessin war eine vorzügliche Sängerin mit heller, klangvoller Stimme, die gelegentlich als Nachtigall aus Baden bezeichnet wurde. Später galt die Opernsängerin Anna Zerr, ebenfalls eine Badenserin, als Nachtigall. Aber das lag damals noch in ferner Zukunft. Für Johann Strauß war Louise von Wasa Philomele, die Nachtigall. Ihr ist sein Walzer gewidmet.

[8] Gibellinen-Galopp op. 117

Im Jahre 1840 ging die Zeit der rasanten Galoppaden in den Wiener Tanzsälen zu Ende. Johann Strauß folgte zum letzten Male der Gewohnheit, Motive aus beliebten aktuellen Bühnenwerken in Tänzen zu verwenden. Die melodienreiche Oper „Die Hugenotten“ von Giacomo Meyerbeer bot solche Motive im Überfluss. Schon nach der Uraufführung des Werkes in Paris am 29. Februar 1836 hatte Strauß aus den Ballettszenen des sofort sehr erfolgreichen Stückes einen „Hugenotten-Galopp“ verfasst und als op. 93 herausgeben lassen. Er arrangierte überdies einen „Hugenotten-Cotillon“ op. 92. Nun war aber die Aufführung der Oper im Original in Wien durch die Zensur zunächst einmal verhindert worden. Erst in einer Neufassung des Textbuches und unter einem anderen Titel konnten die Wiener Bühnen das Werk ihrem Publikum präsentieren. Das geschah im Theater in der Josefstadt am 6. September 1839 unter der Bezeichnung „Die Gibellinen in Pisa“ (!) und im k. k. Hof-Operntheater nächst dem Kärtnerthor am 12. Dezember 1839 mit dem Titel „Die Welfen und Gibellinen“. Nun benützte Strauß die Chance dieser Erstaufführungen in der Kaiserstadt an der Donau abermals und komponierte den mit zwei Trios versehenen „Gibellinen-Galopp“. Das erste Trio verwendet den „Rosenchor“ aus dem Hochzeitszug in der Art, wie später Jacques Offenbach seinen „Cancan“ in „Orpheus in der Unterwelt“ instrumentierte, und das zweite abermals einen Teil des „Zigeunertanzes“ in einer eigenen Instrumentation. Dadurch war neuerlich ein effektvolles Werk für die Tanzsäle entstanden. Aber die Uraufführung zu Beginn des Faschings im „Sperl“ war nicht mehr die Sensation des Abends, weil der Zauberkünstler Theodor Döbler jeder Dame ein Hyazithensträußchen scheinbar aus dem Nichts überreichte. Döbler hatte nach dem Publikum des Theaters an der Josefstadt, dem er wochenlang bei seinen Produktionen „Sträusschen“ überreichte, auch das Publikum im „Sperl“ verblüfft. Das war wichtiger als der „Gibellinen-Galopp“, dessen Zeit sehr bald zu Ende ging. Auf die rasanten Galoppaden folgte im Tanzrepertoire der Wiener die ruhigere Polka.

[9]Merkurs Flügel. Walzer op. 83

Nach Merkur, dem geflügelten Götterboten, dem Gott der Händler, aber auch der Diebe, hat Johann Strauß seinen Walzer benannt, den er am 30. August 1835 beim Sommerfest „Der Kirchtag im Olymp“ beim „Sperl“ zum ersten Male vortrug. Das Fest erreichte eine Dimension, wie sie damals nur Johann Strauß zu bieten vermochte. Als die Gäste den Garten des Etablissements „Sperl“ betraten, sahen sie sich mitten unter Göttern des Altertums. In Nischen und kleinen Tempeln saßen Apollo und Athene, Zeus und Hera. Palmen, Zitronenbäume und Oleandersträucher zauberten eine südliche Landschaft in den „Sperl“. Als Hintergrund hatten geschickte Maler das weite Meer mit Inseln und Felsenriffen dargestellt. Inmitten der Pracht stand ein Maibaum, wie er in den Dörfern üblich war und ist.

Um 10 Uhr abends erkletterte ein Bauer mit Merkusflügeln die Spitze des Maibaums, leerte dort eine Flasche Wein, entzündete ein Feuerwerk und segelte fröhlich zur Erde nieder. Dem Verfasser der damals sehr populären Hansjörgel- Briefe gefiel der Himmelsbote am Besten. Er schrieb in seinem Bericht über das Fest am 30. August 1835: Der Merkur ist ein kurioser Kerl gewesen. Er hat Flügel am Kopf und an den Füssen gehabt und ließ erkennen, dass er wegen seiner Schnelligkeit Briefträger im Olymp war. Manchmal wünscht man, unsere Briefträger hätten auch MerkursFlügel.

Es muss für Johann Strauß nicht leicht gewesen sein, diese Attraktionen mit seinem neuen Walzer zu überbieten. Aber alle Berichte über das Sommerfest im „Sperl“ lassen erkennen, dass ihm das gelungen ist. Einer feierlichen Introduktion (Maestoso) lässt er einen Walzer folgen, in dessen Melodien mit zahlreichen Trillern die gute Laune der Zuhörer ebenso erweckt wird wie die Freude der Tänzerinnen und Tänzer. Die Teile des neuen Werkes bezaubern mit prickelndem Rhythmus, mit reizvollen Kontrasten und tänzerischer Musizierlust. Das wurde damals nur in Wien geboten. Einige Monate später begeisterte diese Musik die Menschen in vielen Städten Deutschlands – von München bis Wiesbaden und Frankfurt am Main, und dann vor der Rückkehr nach Wien am 22. Dezember 1835 auch in Regensburg und Passau.

Die Weltgeltung der wienerischen Musik hatte begonnen.

[10] Musikalischer Telegraph. 5. Potpourri op. 106

Es war der Ehrgeiz jedes Musikdirektors, seinem Publikum einerseits die Virtuosität seiner Musiker und andererseits seine Kenntnis der aktuellen Musikliteratur zu präsentieren. Das ging am Besten durch die Gestaltung eines Potpourris. Dabei konnte er eigene Weisen mit Motiven aus ernsten oder heiteren Opern zu einem faszinierenden Ganzen vereinen.

So verfuhr Johann Strauß auch bei dem Potpourri „Musikalischer Telegraph“, das er am 1. Juni 1837 in Ferdinand Dommayers elegantem Casino in Hietzing einem kundigen Publikum zum erstenmal präsentierte. Sein Verleger Tobias Haslinger ließ die Druckausgabe am 6. März 1839 in der „Wiener Zeitung“ ankündigen. In der Folge hat Strauß seine Potpourris auch bei seinen Auslandsreisen immer wieder aufgeführt, weil er seines Erfolges sicher war.

Das Potpourri „Musikalischer Telegraph“ beginnt Strauß mit einem Zitat aus der Ouvertüre zu „Die diebische Elster“ von Rossini, mit einem Zitat der Ballade aus „Robert der Teufel“ von Meyerbeer, mit der Romanze aus „La Straniera“ von Bellini und der Tarantella aus „Die Stumme von Portici“ von Auber. Weiter verwendet Strauß Motive aus Werken von Hérold, Donizetti und Mozart. Dazwischen lässt er Passagen aus eigenen Kompositionen erklingen, u.a. aus seinem „Zampa-Galopp“, dem „Alexandra-Walzer“, dem „Elisabethen-Walzer“, dem „Ballnacht-Galopp“ und dem Walzer „Mein schönster Tag in Baden“. Nach einer Bassmelodie aus „Robert der Teufel“ schließt Strauß mit der Stretta aus der Ouvertüre zu Ludwig van Beethovens Oper „Fidelio“ aus dem Jahre 1814 und huldigt damit dem größten Meister dieser Epoche.

Presseberichten zufolge war die Uraufführung des Potpourris im Casino Dommayer in Hietzing ein großer Erfolg. Und so blieb es längere Zeit hindurch. Johann Strauß konnte stolz und zufrieden sein.

Franz Mailer


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