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8.225286 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 10
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 10

 

[Track 1] Künstler-Ball-Tänze, Walzer op. 94

Am 17. Januar 1837 fand im Lokal “Zur goldenen Birne” in der Wiener Vorstadt Landstraße ein Künstlerball statt. Johann Strauß, der die Leitung der Ballmusik innehatte, präsentierte dabei seine neueste, eigens für dieses Fest komponierte Walzerpartie unter dem Titel Es lebe die Kunst! Der Kritiker Franz Wiest, der wenige Jahre später das Bonmot Gute Nacht Lanner! Guten Abend Strauß Vater! Guten Morgen Strauß Sohn! prägen sollte, ging kaum auf das neue Werk ein, sondern hielt ein flammendes Plädoyer für mehr Eintracht unter den Künstlern, so wie sie es auf dem Ball zu den Klängen der Strauß’schen Muse vorbildlich gezeigt hatten. Tatsächlich herrschte zwischen den formalistischen Forderungen der Akademie der bildenden Künste und den zu größter Naturtreue hinneigenden “Nazarenern” eine kaum zu überbrückende Kluft. Strauß hatte mit dem Titel Es lebe die Kunst! eine diplomatisch kluge Wahl getroffen; dennoch wurde das Werk in den Druckausgaben umbenannt und hieß fortan Künstler-Ball-Tänze. Bei der Widmung schlich sich ein kleiner Fehler ein: nicht dem Verein der bildenden Künste – einen solchen gab es nicht –, sondern dem Verein der bildenden Künstler sollten die Walzer dediziert sein.

[Track 2] Cotillons nach Motiven der Oper Die Hugenotten op. 92

Hatte eine neue Oper in Wien Premiere, gaben sich die Musikdirektoren der zahlreichen Tanzkapellen der Stadt alle erdenkliche Mühe, ihrem Publikum möglichst rasch mit Kompositionen aufwarten zu können, die aus Melodien der Novität zusammengestellt waren. Dabei hatte Strauß fast immer die Nase vorn, doch bisweilen schoss er auch über das Ziel, so geschehen etwa im Fall der Hugenotten von Giacomo Meyerbeer. Die Uraufführung der Strauß’schen Cotillons nach Motiven besagter Oper fand am 12. Januar 1837 in der Goldenen Birne statt, während es volle zweieinhalb Jahre dauern sollte, bis die Hugenotten in einer textlich wie musikalisch stark entstellten Version auf eine Wiener Bühne gelangten. Strauß hatte das Wirken der Zensur unterschätzt, die sich an dem die Handlung der Oper bestimmenden Konflikt zwischen den Katholiken und Protestanten im Frankreich des 16. Jahrhunderts stieß und mit der Forderung einer umfassenden Entschärfung für die erwähnte Hinauszögerung der Erstaufführung sorgte. So konnte er nicht von der Präsenz der Oper im Wiener Musikleben profitieren, doch bleibt ihm das Verdienst, als einer der ersten die Musikliebhaber der Stadt mit den Melodien dieses Werks vertraut gemacht zu haben.

[Track 3] Die Nachtwandler, Walzer op. 88

Der erste Walzer ist ein Tadolini’scher Seufzer, in 3/4 Tact gesetzt; bei dem dritten, wo die Violinen zur schwindelnden Höhe emporgehen, sieht man schon einen Nachtwandler die Dachapplicatur erklettern; die Coda ist das träumerische Erwachen, das allmählige Verhauchen geistigen Sonnambulismus; nach der Coda kehren die walzenden Nachtwandlerpaare aus den Salons in den Garten zu den Backhendltrümmern und dem Weidlinger zurück, da hört sich jedes Nachtwandeln auf; beim Kellnerbezahlen erwacht jeder aus jener Nachtwandlerei. So beschrieb ein zeitgenössischer Berichterstatter die musikalische Novität des am 23. März 1836 in Dommayers Casino stattgehabten Balls und deren Wirkung auf das Publikum. Mit dem Weidlinger ist ein Wein aus der Klosterneuburger Gegend gemeint; Eugenia Tadolini war eine gefeierte Darstellerin der Titelrolle in Bellinis Oper La sonnambula. Dieser und ähnliche Kommentare bewogen Strauß, öffentlich darauf hinzuweisen, dass seine Walzer nichts mit dem genannten Bühnenwerk zu tun haben. Vielmehr erhielten sie ihren Namen in Anlehnung an das Motto des obigen Balls: es lautete Ball im Monde, inspiriert von den neuesten Entdeckungen des britischen Astronomen Sir John Herschel.

[Track 4] Beliebte Sperl-Polka op. 133

Bereits Anfang der 1840er-Jahre setzte man in der Unterhaltungsbranche auf zugkräftige Titel von Veranstaltungsreihen: Im Sperl fanden an Donnerstagen während des Faschings sogenannte Fortuna-Bälle statt, für die Samstage waren die beliebten Roccoco-Bälle angekündigt. Mit einem solchen eröffnete das führende Lokal Wiens am 8. Januar 1842 die Saison. Zugleich wurde ein Zubau im ersten Stock eingeweiht, der den überaus zahlreichen Gästen erhöhtes Tanzvergnügen versprach. Strauß, der im Sperl seit Herbst 1829 seine Hochburg hatte, schrieb zu diesem Anlass eine neue, nach dem Lokal benannte Polka. Nach den Sperls Fest-Walzern op. 30, seiner Einstandskomposition, und dem Sperl-Galopp op. 42 von 1831 war dies nun schon das dritte Werk, das er nach jenem Etablissement benannte, dem er so viel verdankte. Als die Polka im Druck erschien, lautete ihr Titel Beliebte Sperl-Polka; das werbeträchtige Adjektiv hatten Strauß und sein Verleger Haslinger wohl von der eingangs zitierten Ballanzeige übernommen.

[Track 5] Erinnerung an Deutschland, Walzer op. 87

Am 10. Februar 1836 veranstaltete Strauß im Sperl einen Benefizball zu seinen eigenen Gunsten. Dessen Motto, Der Fasching zu ebener Erde und im ersten Stock, leitete sich von einem Bühnenwerk Johann Nestroys ab, das unter dem Titel Zu ebener Erde und erster Stock oder Die Launen des Glückes am 24. September 1835 im Theater an der Wien uraufgeführt worden war. Zwei Tage vor dem Benefiz erschien in der Strauß stets wohlgesonnenen “Theater-Zeitung” eine Ankündigung des Festes, in der auf die geschickte Titelwahl hingewiesen wurde: Nestroy’s Local-Gemälde hat solche Sensation erregt, daß die Novität als ein Cassestück für die meisten Bühnendirectionen zu betrachten ist. Die Localitäten beim Sperl sind gegenwärtig mit zwei Tanzsälen ausgestattet, von denen sich der eine zu ebener Erde, der andere im ersten Stock befindet! Mit der für den genannten Anlass komponierten Walzer-Novität Erinnerung an Deutschland betrieb Strauß Werbung in eigener Sache. In einer Zeit, in der Konzertreisen eines ganzen Orchesters noch längst nicht zum Alltag gehörten, wollte er das Publikum daran erinnern, dass er im Herbst 1835 mit seiner Kapelle eine erfolgreiche dreimonatige Tournee nach München, Wiesbaden, Frankfurt und Nürnberg unternommen hatte.

[Track 6] Jubel-Quadrille op. 130

Der Brauch, die jährliche Wiederkehr des Geburtstags festlich zu begehen, wurde in Österreich erst in neuester Zeit von den protestantischen Ländern übernommen. Im 19. Jahrhundert feierten die Katholiken stattdessen ihren Namenstag. War ein Name in der Bevölkerung besonders häufig vertreten, wie etwa Anna oder Katharina, so nahmen die entsprechenden Feiern Volksfestcharakter an. Während der Regierungszeit Kaiser Ferdinands gewann das Annenfest (26. Juli) wegen dessen Gemahlin Maria Anna noch zusätzlich an Bedeutung. 1841 ließ Strauß am Vorabend der Namensfeier der Kaiserin im Volksgarten vor dem Cortischen Kaffeehaus, wo sich ein gehobenes Publikum zu versammeln pflegte, die eigens für den genannten Anlass komponierte Jubel-Quadrille erstmals erklingen. Die Komposition, so der Strauß-Biograf Frank Miller, ist ein springlebendiger, hurtig dahineilender Klangbogen musikalischer Köstlichkeiten. Esprit und Lebensfreude vom ersten bis zum letzten Takt zeichnen dieses Werk aus und erheben es musikalisch weit über herkömmliche Gelegenheits-Quadrillen.

[Track 7] Heimath-Klänge, Walzer op. 84

Noch bevor Strauß mit der Walzerpartie Erinnerung an Deutschland auf seine Triumphe im Ausland hinwies, hielt er es für angebracht, gegenüber dem Wiener Publikum die Verbundenheit mit seinen Wurzeln zu beschwören. Heimath-Klänge lautete daher der Titel jener Walzer, die er am 26. Januar 1836 bei einem Gesellschaftsball zum Besten der Versorgungsanstalt für Blinde im Sperl erstmals vorstellte. Das Titelblatt der Erstausgabe für Klavier ziert gar ein Spruchband mit der Aufschrift: Es ist nur ein’ Kaiserstadt! Es ist nur ein Wien!, einem geflügelten Wort aus der Zauberoper Aline, oder Wien in einem anderen Welttheile von Adolf Bäuerle (Text) und Wenzel Müller (Musik). Damals hätte es dieses Hinweises gar nicht bedurft, um herauszuhören, dass Strauß die entsprechende Melodie kurz vor dem Ende der Coda in seine neue Walzerpartie eingearbeitet hat. Die Kritiker überschlugen sich förmlich vor Begeisterung, namentlich schön als Composition nennen wir die Introduction, den ersten und dritten Walzer, in dem das schöne Hornsolo wie ein klagender Ruf aus der Ferne an die geliebte Heimath tönt. Aus allen aber schlägt der Wiener durch, wie er sich, getrennt von seinen Lieben, zurücksehnt nach seinem Stephansthurm, seiner Liebe und seinem Sperl. Ja es kann diesen Walzern die tiefere elegische Pointe, im heiteren Tanzrahmen gefaßt, nicht abgesprochen werden.

[Track 8] Original Parade-Marsch op. 102

Die Fronleichnamsprozession stellt in Wien von alters her einen Höhepunkt unter den Festen des Kirchenjahres dar; zu Zeiten der Monarchie nahm auch das Kaiserhaus daran teil. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts begleiteten Musikkapellen den Umzug, der vom Stephansdom seinen Ausgang nahm. Im Biedermeier gehörte dies zu den Obliegenheiten der beiden Wiener Bürgerregimenter. Kapellmeister dieser nur noch zeremonielle Funktionen ausfüllenden Überbleibsel aus der napoleonischen Ära waren seit 1833 Johann Strauß und Joseph Lanner. Obwohl sich Strauß 1838 zu Fronleichnam, das auf den 14. Juni fiel, im Zuge seiner 14 Monate dauernden Westeuropa-Tournee gerade in England befand, vergaß er nicht seine Verpflichtungen in der Heimat. Die Wienbibliothek im Rathaus verwahrt eine auf kleinformatigem, dünnem Papier von Kopistenhand geschriebene und London, 28t May 1838 datierte Partitur eines nicht näher bezeichneten Marsches von Strauß; Knickspuren legen nahe, dass das Manuskript auf dem Postweg versandt wurde. Tatsächlich handelt es sich um den Original Parade-Marsch, der rechtzeitig in Wien ankam und bei der Fronleichnamsprozession vom ersten Wiener Bürgerregiment – allerdings ohne seinen angestammten Kapellmeister – aus der Taufe gehoben wurde.

[Track 9] Krönungs-Walzer op. 91

Die Deutschlandreise vom Herbst 1836 startete Strauß von Prag aus. Dorthin hatte er sich Anfang September mit seiner Kapelle begeben, um bei den am 4. und 9. des Monats stattfindenden Hofbällen anlässlich der Krönung Kaiser Ferdinands und seiner Gemahlin Maria Anna zum König und zur Königin von Böhmen die Musik auszurichten. Ferdinand war 1835 seinem verstorbenen Vater Franz auf den Thron gefolgt. Das Programm der erwähnten Hofbälle ist nicht überliefert; das lässt Raum für Spekulationen, Strauß könnte bei einer dieser Gelegenheiten seine Krönungswalzer erstmals zu Gehör gebracht haben. Die Wiener Erstaufführung fand jedenfalls unmittelbar nach der Rückkehr von Strauß aus Deutschland, am 8. Januar 1837, in der Goldenen Birne statt. Die “Theater-Zeitung” berichtete, nicht ohne patriotischen Unterton: Die neuen Krönungswalzer, welche Strauß heute zum ersten Male producirte, sind wieder pure Electricität im 3/4 Tact ausströmend, da ist von den Rheingegenden auch nicht Ein Tropfen schweren Rheinweins hineingekommen, jeder Tact ist eine Bouteille Jaqueson. Für die Beliebtheit dieses Werks spricht, dass Carl Czerny, der Schüler Beethovens, noch vor Erscheinen der Erstausgabe eine Paraphrase, betitelt Improvisation oder Fantasie und Variation über die Krönungs-Walzer von Johann Strauß, herausbrachte.

[Track 10] Wiener Carnevals-Quadrille op. 124

So groß war die Tanzlust im biedermeierlichen Wien, dass die Unterhaltungslokale den Ansturm der Jünger Terpsichorens trotz Zubauten und der Konkurrenz neuer Unternehmungen kaum bewältigen konnten. Um dem Gedränge auf der Tanzfläche Herr zu werden, entschloss sich der Betreiber des Sperl, Georg Scherzer, im Fasching des Jahres 1840 probeweise eine Art Exklusiv-Ball einzuführen, bei dem die Zahl der Gäste auf 500 beschränkt war. Zielpublikum war die gehobene Wiener Gesellschaft. Der für den 21. Januar angesetzte “Versuchsballon” unter dem Titel “Comité-Ball” sollte auf das Glänzendste ausgestattet sein, sogar die Einladungsbillette waren in goldenen Lettern gedruckt, und die Tanzmusik wurde selbstverständlich von Strauß besorgt. Auf dem Programm standen nicht weniger als sechs Quadrillen, dem neuen, durch Strauß von Paris nach Wien verpflanzten Modetanz. Den Höhepunkt bildete die einzige Novität des Abends, die Wiener Carnevals-Quadrille, welche durch ihre glänzende Instrumentierung sogar die französischen Vorbilder in den Schatten stellt. Strauß legte Wert auf die Feststellung, dass er darin ausschließlich “Original-Motive” und nicht, wie es damals sehr verbreitet war, Melodien einer populären Oper oder dergleichen verarbeitet hatte.

Thomas Aigner


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