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8.225287 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 11
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 11

 

[1] Eisenbahn-Lust-Walzer, op. 89

Am 13. November 1837 nahm die Kaiser-Ferdinands-Nordbahn als erste kontinentale Dampfeisenbahn den Probebetrieb auf der Strecke von Wien nach Deutsch-Wagram auf; zu einem fahrplanmäßigen Verkehr kam es knapp zwei Monate später. Doch große Ereignisse werfen bekanntlich ihre Schatten voraus. Bereits am 18. Juli 1836 veranstaltete Johann Strauß-Vater im Lokal „Zur goldenen Birne“ in der damaligen Wiener Vorstadt Landstraße ein Sommerfest unter dem Titel „Buntes aus der Zeit“, bei dem er seine Eisenbahn-Lust-Walzer aus der Taufe hob. In der Introduktion und Coda des Werks, vereinzelt auch in den fünf Walzern, hatte er seine Vorstellung von den Fahrgeräuschen des neuen Verkehrsmittels musikalisch umgesetzt. Dazu hatte der Bühnenbildner des Leopoldstädter Theaters, Michael Mayr, für das Fest eine mehr als dreißig Meter breite Dekoration angefertigt, auf der die Vision einer Eisenbahnfahrt dargestellt war. Die neue Walzerpartie, die als Mitternachtseinlage präsentiert wurde, gefiel so sehr, dass sie viermal wiederholt werden musste.

[2] Brüssler Spitzen, Walzer, op. 95

Im Zuge seiner dritten großen Tournee bereiste Strauß mit seinem Orchester im Herbst des Jahres 1836 Prag sowie verschiedene Städte Deutschlands, der Niederlande und Belgiens. Pünktlich zu Faschingsbeginn am 7. Jänner des Folgejahres gab es ein Wiedersehen mit seinem Wiener Publikum in der „Goldenen Birn’“. Das „offizielle“ Rückkehr-Fest feierte Strauß erst am letzten Tag desselben Monats, wiederum im genannten Lokal. Es trug den Titel „Heimkehr aus der Fremde“, gefolgt vom etwas holprigen Sinnspruch „Kehrt einer aus der Fremde heim, So komm er nicht mit leeren Händen, Vor allem bedenk’ er die Damen fein Mit freundlichen Erinnerungsspenden.“ Passend dazu stellte sich Strauß mit einer Brüssler Spitzen benannten Walzerfolge ein. Der Werktitel legt nahe, dass der Komponist diese Walzer bereits im Dezember 1836 in einem seiner Konzerte in der belgischen Hauptstadt als Ehrerbietung gegenüber dem dortigen Publikum aus der Taufe gehoben hätte. In den Brüsseler Zeitungen, welche die Programmfolge der Strauß-Konzerte für gewöhnlich detailliert wiedergaben, fehlt jedoch ein entsprechender Hinweis.

[3] Ball-Racketen, Walzer, op. 96

Am 26. Juni 1837 veranstaltete Strauß in dem neben dem Schönbrunner Schlosspark gelegenen „Casino“ des Ferdinand Dommayer ein Sommerfest unter dem Titel „Das Stell’ Dich ein im Tempel der Nacht“, dessen Höhepunkt die Uraufführung seiner Walzerpartie Walzerfeuerwerk oder Ballraketen darstellte. Die fünf Einzelwalzer sind überschrieben: Stelldichein, Ländliche Freuden, Liebes-Sternchen, Sprühende Tanzlust und Vergiss mein nicht; die Coda steht unter der Devise Der Ball im Feuer und endet nach einer Wiederholung der wichtigsten vorangegangenen Themen in der musikalischen Andeutung eines Feuerwerks. Die fünf Walzertitel sind auf dem Titelblatt der Erstausgabe für Klavier, die im August erschien, bildlich dargestellt. Der Gesamttitel des Werks lautete nunmehr einfach Ball-Racketen. Dazu kam eine Widmung an Achmed Fethi Pascha, den Botschafter des Osmanischen Reichs in Wien. Bei einem seiner Bälle hatte Strauß im Jänner 1837, kurz nach seiner Rückkehr von seiner Tournee durch Deutschland, die Niederlande und Belgien, die Musik ausgeführt.

[4] Pilger am Rhein, Walzer, op. 98

Um die erheblichen Reise- und Unterhaltskosten seines Orchesters zu decken, nützte Strauß während seiner Tourneen jede Gelegenheit mit seinen Musikern aufzutreten. Als er sich im Dezember 1836 auf der Rückreise von Belgien nach Wien befand, machte er in Bonn Station und bestritt dort am 19. jenes Monats bei einem Ball des preußischen Kammerherrn Franz Egon Freiherr von Fürstenberg-Stammheim die Musik. Trotz der Reisestrapazen fand er noch Zeit, sich beim Ballgeber mit einer Widmungskomposition einzustellen, den speziell für den Anlass geschriebenen Walzern Pilger am Rhein. Das Werk beginnt mit einem von den Bläsern getragenen Zitat des Volkslieds Wenn ich ein Vöglein wär’, das gleichsam als Pilgerlied erscheint. Die Rhein-Vedute auf dem Titelblatt der Erstausgabe der Klavierfassung, die übrigens erst im Oktober des folgenden Jahres erschien, vereint Altes mit Neuem. Auf dem linken Ufer sind eine Burgruine, Wohnhäuser und eine musikalische Pilgerschar dargestellt, während auf dem rechten Ufer ein Fabriksgebäude und in der Flussmitte ein Dampfschiff zu sehen sind.

[5] Bankett-Tänze, Walzer, op. 99

Zum Abschluss der Sommersaison veranstaltete Strauß am 21. August 1837 in den „Localitäten zur goldenen Birn“ ein Fest unter dem Titel „Das Bankett im Paradiese“, dessen Dekoration an das Mittelalter gemahnte. Diesen Umstand griff der Rezensent in seiner Beurteilung der im Zuge des Festes uraufgeführten Strauß’schen Bankett-Tänze auf: „Der erste Walzer ist ein hingeworfener Fehdehandschuh, kühn herausfordernd die ganze Wiener Tanzwelt; die übrigen, obwohl schwungreich und lebenskräftig, wie Alles, was Strauß schafft, haben wir dennoch trotz des herabgelassenen Visirs, als befreundete Kämpen wieder erkannt.“ Die neuen, in der Haupttonart A-Dur gehaltenen Walzer wurden ein Mal zur Wiederholung verlangt – für den an Besseres gewöhnten Strauß nicht eben ein rauschender Erfolg. Vielleicht trug dieser Umstand dazu bei, dass der Komponist A-Dur später als seine „Durchfall-Tonart“ bezeichnete und selbige fortan weitgehend mied. Das Fest als Ganzes erfreute sich immerhin eines solchen Zuspruchs, dass es eine Woche später wiederholt wurde.

[6] Paris, Walzer, op. 101

Am 1. November 1837 gab Strauß vor den versammelten Größen der französischen Musik sein umjubeltes Pariser Debüt. Der Erfolg öffnete ihm in der Seine-Metropole alle Tore. Geschickt vereinigte sich Strauß mit den führenden lokalen Tanzmusikern wie Musard und Dufresne, um deren Publikum für sich zu gewinnen und die spezifische Pariser Musizierweise aus erster Hand kennen zu lernen. Im neuen Jahr trat Strauß gemeinsam mit Dufresne in einer Serie von achtzehn Maskenbällen in der Salle St. Honoré auf; die am 14. Jänner bei einer dieser Gelegenheiten uraufgeführte Walzerpartie Paris stellt eine Verbeugung vor dem Publikum dar, das ihn so enthusiastisch aufgenommen hatte. In der Coda des der Herzogin von Orléans gewidmeten Werks zitiert er – dem Walzerrhythmus angepasst, aber dennoch unüberhörbar – die Marseillaise, die während der Bourbonen-Restauration verboten war, unter dem damals herrschenden „Bürgerkönig“ Louis-Philippe jedoch geduldet wurde. Obwohl dieses Revolutionslied in Strauß’ Heimat nach wie vor nicht erklingen durfte, gelang es dessen Verleger Haslinger dennoch, die neue Walzerpartie ohne Eingriffe der Zensur zu veröffentlichen.

[7] Huldigung der Königin Victoria von Großbritannien, Walzer, op. 103

Strauß hätte seine in Frankreich errungenen Erfolge ohne Weiteres länger auskosten können, doch lockte ihn die bevorstehende Krönung der Prinzessin Victoria zur Königin von England im April 1837 über den Ärmelkanal. Sein Einstandskonzert in London war infolge der hohen Eintrittspreise schlecht besucht, doch sorgten die überaus günstigen Kritiken in der Folge für volle Häuser. Strauß fand auch Eingang in die Adelspaläste und wurde schließlich eingeladen am 10. Mai 1838 beim Eröffnungs-Staatsball anlässlich der Thronbesteigung Königin Victorias die Musik auszurichten. Dieses Hoffest war zugleich die erste größere Unterhaltungsveranstaltung im frisch renovierten Buckingham-Palast. Selbstverständlich hatte Strauß für den Anlass ein neues Werk parat: die Walzerfolge Hommage à la Reine de la Grande Bretagne. Die Introduktion eröffnet mit einer Fanfare, der sich die Worte „Cheer to the Queen – Victoria!“ unterlegen lassen; es folgt Thomas Arnes Rule, Britannia. Als krönender Abschluss erklingt in der Coda God save the Queen – im Walzerrhythmus. Strauß sandte eine Partitur des Werks nach Wien, wo es einen Monat nach der englischen Erstausgabe unter dem Titel Huldigung der Königin Victoria von Grossbritannien veröffentlicht wurde.

[8] Freuden-Grüsse, Walzer, op. 105

Kurz vor Weihnachten 1838 kehrten Strauß und sein Orchester von ihrer mehr als vierzehn Monate dauernden Westeuropa-Tournee zurück. Die Strapazen waren vor allem an der Person des Musikdirektors nicht spurlos vorbeigegangen; man brachte ihn als Schwerkranken nach Hause und bangte sogar um sein Leben. Um so größer war die Freude, als er am 13. Jänner 1839 erstmals wieder vor sein angestammtes Publikum trat. „Ueberall gut, – in der Heimath am besten“, lautete das Motto des von ihm veranstalteten Balls im „Sperl“, bei dem er neben einigen der während der Reise komponierten Novitäten auch eine gänzlich neue Walzerpartie unter dem Titel Freuden-Grüsse präsentierte. Das enthusiasmierte Publikum, das Strauß schon mit einem minutenlangen Auftrittsapplaus bedacht hatte, verlangte das neue Werk dreimal zur Wiederholung. „Herr Strauß hat einen Triumph gefeiert, den wohl schwerlich ein Tonkünstler seiner Gattung vor ihm noch erlebte“, resümierte einer der Berichterstatter.

[9] Exotische Pflanzen, Walzer, op. 109

Strauß war fest entschlossen, das infolge seiner vierzehnmonatigen Abwesenheit von Wien verloren gegangene Terrain von seinen Konkurrenten, allen voran Joseph Lanner, zurückzuerobern. Seine Bemühungen zielten dabei in erster Linie auf seine einstige Hochburg, zugleich das prestigeträchtigste Vergnügungslokal Wiens, den „Sperl“. Dort veranstaltete er die erlesensten seiner Feste, jene, bei denen er auch seine neuesten Kreationen aus der Taufe hob. Drei Wochen nach seinem triumphalen Comeback, am 5. Februar 1839, gab Strauß, angeregt durch die Ergebnisse der großen Entdeckungsreisen seiner Zeit, im „Sperl“ einen Ball unter dem Titel „Die geographische Blütenlese oder: Seine Lieblings-Blüthe“. „Seine neuen Walzer, betitelt ,Exotische Pflanzen‘ sind“, so die Kritik der Uraufführung, „auf jeden Fall perennirend, und werden auch jenen Theilen Europas, wohin sie verpflanzt werden, denselben Duft verbreiten, den sie hier entwickelten.“ Das tropische Pflanzen darstellende Titelblatt der Erstausgabe für Klavier wurde sogar zweifarbig gestaltet, in Schwarz und Grün.

Thomas Aigner


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