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8.225288 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 12
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 12

 

[1] Taglioni-Walzer, op. 110
Der April 1839 bescherte den Wiener Ballettfreunden das Gastspiel einer der größten Ballerinen des 19. Jahrhunderts, Marie Taglioni d. Ä. Im Kärntnertor-Theater trat sie in Balletten ihres Vaters auf und erregte insbesondere mit ihrer Darbietung des spanischen Tanzes La Gitana (Die Zigeunerin) am Ende des Balletts La Sylphide Sensation. Die Wiener Tanzkapellmeister wussten die Begeisterung des Publikums weidlich auszunützen. Allein Joseph Lanner komponierte drei Werke zu Ehren der Tänzerin. Johann Strauß (Vater) wäre demgegenüber beinahe ins Hintertreffen geraten. Kaum von seiner schweren Erkrankung genesen, die ihn als Folge der Strapazen der vorangegangenen vierzehnmonatigen Westeuropa-Tournee heimgesucht hatte, musste er gegen Ende des Faschings aufgrund von Nierengeschwüren erneut seiner beruflichen Tätigkeit entsagen. Die für 14. April angekündigte Eröffnung der umgestalteten Sperl-Säle wurde deshalb auf 1. Mai verschoben; das Programm war dafür umso opulenter. Von 13 bis 16 Uhr spielte Strauß in einer „außergewöhnlichen musikalischen Mittags- Unterhaltung“; um 18 Uhr traten im Garten die „Hoch- und Deutschmeister“ auf. Schließlich fand um 21.30 Uhr im Fortuna-Saal ein Ball unter der musikalischen Leitung von Strauss statt. Bei welcher dieser Teilveranstaltungen die Taglioni-Walzer, noch unter dem Titel Hommage à Terpsichore, aus der Taufe gehoben wurden, verschweigen die zeitgenössischen Kommentatoren. Das neue Werk wird mit den gewohnten Elogen bedacht; im Vordergrund steht jedoch die Freude über die Genesung ihres Schöpfers.

[2] Londoner-Saison-Walzer, op. 112
Von Southampton aus berichtete Strauss am 27. September 1838 seinem Wiener Verleger Tobias Haslinger: „Von [Edinburgh] als den[!] weitesten Punct meiner Entfernung von Wien, werde ich Ihnen wieder schreiben, begleitet mit neuen Walzern, da ich bey einen[!] Aufenthalt gegen 8 Tage […] Gelegenheit finden kann zu componiren […]. Zu der versprochenen Sendung dürfte es allerdings nie gekommen sein, denn nach seiner Ankunft in Edinburgh am 1. November brachte Strauß auf britischem Boden kein einziges neues Werk mehr zu Gehör. Die Londoner-Saison- Walzer, uraufgeführt am 12. Juni 1839 im Zuge eines Blumenfestes im Sperl, könnten aber, so man die Titelgebung als Indiz für ihre Entstehung deutet, zumindest teilweise in England komponiert worden und folglich mit der brieflich in Aussicht gestellten Walzerpartie identisch sein. Haslinger verwendete für die Ausstattung der Klavierausgabe besondere Sorgfalt. Der Stecher des Titelblatts ließ nämlich durch die Verwendung von „englischen Lettern in einem gewässerten Dessin“ den Eindruck entstehen, der Titel sei mit Seide hinterlegt. Kunstvoll waren auch die Lobpreisungen, mit denen die Kritiker den Komponisten bedachten: „Seine neuen Walzer sind sprühende Funken, die in begeisterten Tänzen [gemeint ist wohl: im begeisterten Tänzer] zur Flamme werden, und ihn dann, gleich einem Dampf-Locomotiv, in den Wirbel treiben.“

[3] Die Berggeister, Walzer, op. 113
Der alljährlich im Wiener Augarten abgehaltene Brigitta-Kirchtag zählte in früheren Jahrhunderten zu den zugkräftigsten Volksfesten der Kaiserstadt – nachzulesen etwa in Der arme Spielmann von Franz Grillparzer. In scharfem Kontrast zur Titelfigur dieser Novelle verstand es Strauß glänzend, aus der Feierlaune der Bevölkerung Kapital zu schlagen. 1839 hatte er allerdings zunächst Pech, da sein für 29. Juni, den zweiten Brigitta-Kirchtag, angesetztes Musikfest im Sperl unter dem Titel „Rübezahl’s Zauber-Gefilde im Festschmucke“ witterungsbedingt auf 5. August verschoben werden musste. Weder der Wegfall des ursprünglichen Anlasses noch das abermalige Walten von Sturm und Regen, das den Beleuchtungseffekt störte und nicht wenige Kartenbesitzer vom Besuch der Veranstaltung abhielt, schmälerte die Begeisterung der Anwesenden. Aufwändig gestaltete Kulissen mit künstlichen Felsen und der Nachbildung von Rübezahls Geisterburg, die hoch oben in den Wolken schwebte, vermittelten die Illusion wildromantischer Natur. Auch die neue Walzerfolge unter dem Titel Die Berggeister war mit ihrer düsteren Introduktion ganz auf das Thema abgestimmt. Sie erzielte einen „Applaus-Enthusiasmus, der in seiner Art einzig dasteht. Es genüge nur der dürre, trockene Bericht, daß die neuen Walzer […] fünf Male unter den rauschenden Beifallsacclamationen wiederholt werden mußten, eine Thatsache, welche selbst in unserem walzerwüthenden Jahrhundert unerhört ist.“ Strauß nützte die Gunst der Stunde und wiederholte das Fest – unter Aufbietung zusätzlicher Attraktionen –eine Woche später.

[4] Rosenblätter, Walzer, op. 115
Die vierzehnmonatige Abwesenheit von Strauß und seine längeren Unpässlichkeiten im darauffolgenden halben Jahr hatten die konkurrierenden Wiener Musikdirektoren, allen voran Joseph Lanner, zu nützen gewusst. Nun galt es für Strauß verlorenes Terrain zurückzuerobern, und man kann sich ausmalen, dass dies nicht ohne Reibereien abging. In dieser heiklen Situation schlossen Strauß und Lanner ein Abkommen, das am 22. und 24. Juni 1839 in zwei Wiener Blättern veröffentlicht wurde. Es sah vor, dass die beiden Publikumslieblinge in den führenden vier Lokalen der Stadt alternierend auftreten würden. In dem unweit der kaiserlichen Sommerresidenz, dem Schloss Schönbrunn, liegenden Casino Dommayer hatten sich Strauß und Lanner schon zuvor abgewechselt. Am 25. Juni war Strauß an der Reihe; er lud zu einem Fest mit Ball unter dem Titel „Die Ueberraschung auf dem Lande, oder: Bilder schöner Erinnerungen“: „In einem großen Pavillon, dessen Vorderseite durch Lampenflimmer eine imposante Augenweide bildete, standen zwei Bilder, vorne mit einem magischen Lichtexperiment mattschimmernd beleuchtet. In dem ersten Bilde schwebte uns Dlle. Taglioni als Sylphide durch den reinen Aether der gemalten Lust vor die Augen, und verlebte Genüsse stiegen unseren Gefühlen vor; in dem zweiten Bilde sahen wir Dlle. Fanny Elssler, die Cachucha tanzend.“ Die in diesem Rahmen uraufgeführten Walzer Rosenblätter sind einer dritten namhaften Bühnendarstellerin gewidmet, der Altistin Caroline Unger, die am Beginn ihrer Karriere in der Uraufführung der Neunten Symphonie Beethovens als Solistin aufgetreten war.

[5] Wiener Gemüths-Walzer, op. 116
Das erwähnte Kooperationsabkommen zwischen Strauß und Lanner wurde nur teilweise umgesetzt und war auch in dieser Form bloß von kurzer Dauer. Für Strauß schien indessen ein neues Projekt Gestalt anzunehmen. In Russland hatte 1837 die erste Eisenbahnlinie ihren Betrieb auf einer dreißig Kilometer langen Strecke aufgenommen, welche die damalige Hauptstadt St. Petersburg mit den kaiserlichen Sommerresidenzen Zarskoje Selo und Pawlowsk verband. Um die Rentabilität des privat finanzierten Unternehmens sicherzustellen hatte man im Jahr darauf an der Endstation einen großen Vergnügungspavillon errichtet, dessen Attraktionen die „bessere Gesellschaft“ St. Petersburgs zur Benützung des neuen Verkehrsmittels animieren sollte. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Musik, und niemand anders als Johann Strauß und sein Orchester waren für deren Ausführung vorgesehen. Die erste Einladung erging zu einer Zeit, als sich die Musiker gerade auf ihrer großen Westeuropa-Tournee befanden. Das Angebot wurde am 9. Juli 1839 erneuert und weckte nun das Interesse von Strauß. In einem undatierten Antwortentwurf stellte er Bedingungen, deren Erfullung dem Veranstalter erhebliche Probleme bereiten musste. Ob das Schreiben tatsächlich in dieser Form abgeschickt wurde, ist allerdings nicht gesichert. Jedenfalls könnten sich die Verhandlungen noch eine Weile hingezogen haben, insbesondere unter der Voraussetzung, dass die Widmung der auf dem Katharinenball am 25. November 1839 im Sperl uraufgeführten Wiener Gemüths-Walzer an Nikolaus Esterházy de Galantha, den österreichischen Gesandten in St. Petersburg, mit dieser Angelegenheit in Zusammenhang steht. Das Engagement scheiterte schließlich; erst Johann Strauß (Sohn) sollte in Pawlowsk auftreten.

[6] Myrthen, Walzer, op. 118
Am 10. Februar 1840 fand um zwölf Uhr mittags in der Kapelle des St.-James-Palastes die feierliche Vermählung der britischen Königin Victoria mit dem Prinzen Albert von Sachsen-Coburg statt. Strauß, der 1838 in London beim Eröffnungs-Staatsball anlässlich der Thronbesteigung Victorias die Musik ausgerichtet hatte, war sehr daran gelegen, diesen Kontakt weiter zu pflegen. Folgerichtig wartete er bei der ersten sich bietenden Gelegenheit mit einer Komposition zu Ehren des hohen Festes auf. Diese bot sich am darauffolgenden Tag im Sperl bei einem Ball zum Vorteil des Vereins zur Unterstützung der armen erwachsenen Blinden. Den Ehrenschutz hatte Erzherzog Franz Carl, der Vater des späteren Kaisers Franz Joseph, übernommen. Strauß nannte seine neue Walzerpartie Myrthen, nach der immergrünen Symbolpflanze für unsterbliche Liebe. Der Rezensent der „Theaterzeitung“ sprach von „vortrefflichen“ neuen Walzern. „Es weiß sie aber auch keiner mit solcher Präcision vorzutragen als der Walzerheros, der da steht, unerschütterlich, als wäre er aus Eisen und seine Nerven unzerreißbare Drahtsaiten.“ Die Partitur des Werks erschien fast ein Jahrhundert später sogar in der angesehenen Reihe „Denkmäler der Tonkunst in Österreich“.

[7] Tanz-Recepte, Walzer, op. 119
Im Jahr 1840 war der Fasching wegen des späten Ostertermins besonders lang, sehr zur Freude der Besitzer und Pächter der Wiener Tanzlokale. Allein in der Goldenen Birne, der Lanner-Hochburg, fanden 41 Bälle statt. Den Rekord stellte jedoch wieder einmal das von Strauß bespielte Sperl auf, wo sogar an 43 Abenden das Tanzbein geschwungen wurde. Traditionsgemäß fanden dort sonntags öffentliche Bälle und donnerstags die sogenannten Fortuna-Bälle statt. Eine Neuerung stellten die Hyazinthen-Bälle dar, die an den Samstagen angesetzt waren und auf gehobene Publikumsschichten abzielten. Dazu kamen noch zahlreiche Privat- und Korporationsbälle. Unter den Letzteren genossen die Mediziner-Bälle ein überdurchschnittlich hohes Ansehen, was sich nicht zuletzt dadurch ausdrückte, dass man sich alljährlich eine Widmungskompositionen von Strauß leistete. 1840 stellte sich dieser mit einer Walzerfolge unter dem Titel Tanz-Recepte ein. Die Kritik sprach davon, dass bei solchen Rezepten die Pulse höher schlagen müssten, ja dass sie imstande wären, jede Lebenstätigkeit zu potenzieren und auch den ärgsten Hypochonder zu heilen.

[8] Mode-Quadrille, op. 138
„Eine große, gewaltige Reaction wird sich heuer in der Tanzwelt begeben, ein entscheidender Kampf des Galop gegen die französische Quadrille! Ohne Zweifel wird jedoch letztere siegen, denn sie zählt ein starkes Heer Anhänger und Verehrer.“ Dies prophezeite 1840 die „Theaterzeitung“ und lobte an der Quadrille „das graciöse Schweben des Tanzes, die harmonischen Pas, die anmuthigen Verschlingungen der Figuren, unwiderstehliche Reize, welche Form, Gestalt und Bewegung der Tanzenden weit vortheilhafter und ästhetischer ans Licht treten lassen, als das einförmige Drehen im Walzer.“ Strauß hatte die authentische Interpretation der Quadrille 1838 in Paris durch ihren wohl berufensten Interpreten, Philippe Musard, aus erster Hand kennen gelernt. Nach seiner Rückkehr hatte er maßgeblich dazu beigetragen, diesen Tanz auch in Wien populär zu machen. Dies war ihm offenbar so überzeugend gelungen, dass er mit dem Komponieren von neuen Quadrillen gar nicht nachkam und bei den von ihm bespielten Bällen auf fremde Werke zurückgreifen musste, so etwa im Fasching 1840 auf eine Quadrille de mode eines ungenannten Verfassers. Eine eigene Mode-Quadrille hob er zwei Jahre später, am 17. Jänner 1842, bei dem bereits zur Tradition gewordenen Blindenball im Sperl aus der Taufe. Von dem Werk erschienen—für damalige Verhältnisse keineswegs ungewöhnlich—sieben verschiedene Arrangements; die Fassung für Klavier zweihändig wurde auch in einer Prachtausgabe aufgelegt.

Thomas Aigner


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