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8.225289 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 13
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 13

 

[1] Cäcilien-Walzer, op. 120

1840 wählte die Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates für ihren alljährlichen Ball die Lokalitäten des Sperl, des angesagtesten Unterhaltungslokals Wiens—ihre heutige repräsentative Heimstätte, die für Bälle einen so blendenden Rahmen abgibt, sollte sie ja erst drei Jahrzehnte später erhalten. Mit der Wahl des Veranstaltungsorts hatte man sich zugleich für die Ausführung der Musik durch den „Hauskapellmeister“ des Sperl, Johann Strauß (Vater), entschieden. Der „Mädchenherzenbegeisterer“ und „Füßebeflügler“, wie er von der Presse bei dieser Gelegenheit genannt wurde, stellte sich mit einer neuen Komposition ein, den Cäcilien-Walzern. Der Bezug des Werks zum Auftraggeber erschöpft sich nicht in der Wahl des Titels, der von der Schutzpatronin der Musik abgeleitet ist, sondern ist auch inhaltlicher Natur. Strauß stellte nämlich den Eröffnungswalzer aus Themen aus der Kreutzer-Sonate für Violine und Klavier von Ludwig van Beethoven, einem der ersten Ehrenmitglieder der Gesellschaft der Musikfreunde, zusammen. Die Übertragung aus dem ursprünglichen 2/4-bzw. 6/8-Takt ins Walzerzeitmaß ist vorzüglich gelöst, stellt an das rhythmische Verständnis der Tänzer aber nicht eben geringe Ansprüche. Die Wiederholung des Kopfthemas, vom Hauptthema des zweiten Satzes aus Beethovens Sonate abgeleitet, lässt Strauß im Tremolo der Violinen erklingen. Mit diesem Kunstgriff hatte kurz zuvor der belgische Violinvirtuose Charles de Bériot in einer von ihm komponierten Solo-Caprice über das gleiche Thema die Wiener Musikliebhaber begeistert. Der Untertitel in der Erstausgabe der Walzerpartie—mit dem beliebten Tremolo—trägt diesem Umstand Rechnung; der Name Beethovens bleibt hingegen unerwähnt.

[2] Palm-Zweige, Walzer op. 122

Am vierten Sonntag nach Pfingsten lockte alljährlich ein zweitägiges Kirchweihfest zu Ehren der Patronin der Brigittakapelle die Wiener Bevölkerung in den nahe gelegenen Auwald. Die Kapelle stand bis zur Donauregulierung auf einer der zahlreichen Inseln, welche die verzweigten Nebenarme des Flusses gebildet hatten. In der Nähe befand sich ein Tanz- und Unterhaltungslokal namens „Colosseum“, dessen Besitzer zugleich Pächter der Lanner-Hochburg „Zur Goldenen Birne“ war. Strauß, der dort keine Auftrittsmöglichkeit hatte, aus der Feststimmung der Bevölkerung aber dennoch Kapital schlagen wollte, zog am zweiten Brigitta-Kirchtag im Sperl traditionellerweise eine Gegenveranstaltung auf. Am 13. Juli 1840 fand dort unter den genannten Vorzeichen eine außerordentliche Assemblée mit Ball unter der Benennung: „Der Spiegel des Frohsinns“ zu seinem Benefiz statt. Im prächtig erleuchteten Speisegarten gab eine Militärkapelle die neuesten Opernpiècen zum Besten, während im so genannten großen Wintersalon Strauß persönlich zum Tanz aufspielte. Höhepunkt war die als Mitternachtseinlage zum ersten Mal vorgetragene Walzerfolge Palm-Zweige: „Strauß mußte diese herrlich gelungenen Walzer, die wir kühn an die Seite der ,Berggeister‘ und ,Cäcilien-Walzer‘ setzen können, vier Mal unter dem lärmen[d]sten Applaus wiederholen.“ Der Titel des neuen Werks passt insofern zum Anlass des Festes, als mit ihm üblicherweise christlicherbauliche Literatur, insbesondere für die Jugend, bezeichnet wurde. Man mag die Straußsche Titelwahl als sichtbares Zeichen dafür werten, dass beim Brigitta-Kirchtag schon längst die weltlichen Freuden den geistlichen Ursprung in den Hintergrund gedrängt hatten.

[3] Amors-Pfeile, Walzer op. 123

Wer im Sommer des Jahres 1840 in Hietzing Straußschen Klängen lauschen und vielleicht dazu tanzen wollte, fand jeden Sonntag im Rahmen einer so genannten Nachmittags-Conversation in Dommayers Casino Gelegenheit dazu. Damit nicht genug, luden Strauß und Dommayer für Montag, den 10. August zu einer außerordentlichen Assemblée mit Ball unter dem Titel „Der Kirchtag im Olymp“. Das Wetter machte den Veranstaltern zunächst einen Strich durch die Rechnung, zeigte sich aber beim zweiten Versuch drei Tage später von seiner besten Seite. Glaubt man den zeitgenössischen Berichterstattern, so wurde selbst der schönste Sonnenuntergang noch von den Attraktionen des Festes und seinen Besuchern überstrahlt. Immerhin waren die Erzherzöge Franz Carl und Stephan aus der benachbarten kaiserlichen Sommerresidenz Schönbrunn gekommen. Was sie zu sehen bekamen, beschreibt ein freimütiger Journalist folgendermaßen: „Bacchus saß, nach Wein lechzend, auf einem Grinzinger Fässchen, Venus erschien als das getreue Abbild einer böhmischen Amme, die den nach Muttermilch seufzenden Amor im Steckkissen in den Armen trug. Merkur erhielt durch einen Schnurrbart ein echt magyarisches Aussehen, und um sie alle waren die Attribute ihrer Macht gelegt“ —ein Szenarium also, das gut zu Orpheus in der Unterwelt gepasst hätte. Zu hören bekamen die Gäste zwar nicht besagte Operette von Offenbach, die ja erst knapp zwei Jahrzehnte später geschaffen werden sollte, dafür aber eine neue Walzerpartie von Strauß, genannt Amors-Pfeile. Sie gefiel so sehr, dass sie vier Mal wiederholt werden musste, wobei bei der ersten Darbietung vor lauter Verzückung über die hinreißende Musik gar nicht getanzt wurde: „Es ist ein eigener Typus in diesen Walzern, so süß einschmeichelnd, sanft flötend, ja hingebend, im nächsten Augenblick aufbrausend, um sich wieder zu sänftigen, Liebe fordernd, und Liebe gewährend,—ein ganzer Roman!“

[4] Elektrische Funken, Walzer op. 125

„Das Katharinen-Ballfest ist eine althergebrachte Gewohnheit des freundlichen Sperls, und obwol man, vandalisch genug, so vieles Althergebrachte in den Staub zu treten gewohnt ist, so wird sich doch dieses Fest, besonders wenn es so glänzend arrangirt ist, wie heuer, gewiß noch lange erhalten“, orakelte 1840 die vielgelesene „Theaterzeitung“. Glänzend arrangiert war diese traditionelle Veranstaltung am 25. November zum Namenstag der heiligen Katharina in jenem Jahr tatsächlich. Strauß wusste recht wohl, dass selbst vielfach Bewährtes sich irgendwann einmal abnützt, und war daher stets bemüht, sein Publikum mit immer neuen Attraktionen zu überraschen. Diesmal hatte er ein Großaufgebot an Musikern bereitgestellt: zwei Tanzorchester sorgten dafür, dass die Füße der Tanzlustigen beflügelt wurden, und in den Ruhepausen vertrieb eine Militärkapelle den Ballgästen die Zeit. Natürlich durfte die obligate Novität aus seiner Feder nicht fehlen. Der Titel der neuen Walzerpartie, Elektrische Funken, spielte wohl auf die Fortschritte bei der Erforschung der Elektrizität und ihrer Nutzbarmachung für das tägliche Leben der Menschen an, die in dieser so technikbegeisterten Zeit gemacht wurden. Strauß stellt im ersten Teil des dritten Walzers den Funkenflug musikalisch dar. Dreimal musste das Werk gespielt werden, um das Begehren des Publikums zu befriedigen. Dennoch urteilte der eingangs zitierte Rezensent: „Es hätte auch gar nicht der ,elektrischen Funken‘ […] bedurft, um das Publikum zu elektrisiren“; ohnedies fühlten sich alle „magnetisch angezogen, durch die Zaubergewalt von Strauß und seiner Violine.“

[5] Erinnerung an Ernst oder Der Carneval in Venedig, op. 126

Die größte Neuerung des 1840 im Sperl veranstalteten Katharinenfestes war der konzertante Auftakt zum Ball. Strauß brachte gemeinsam mit seinem Orchester ein aus sechs Programmpunkten bestehendes „musikalisches Ständchen“ dar, in dem so anspruchsvolle Werke wie die Egmont-Ouvertüre von Beethoven erklangen. Die Ausführung soll begeisternd gewesen sein. Am meisten gespannt war man jedoch auf das neue Werk von Strauß, die Fantasie Erinnerung an Ernst oder Der Carneval in Venedig. Strauß spielt darin auf zwei Virtuosenstücke des 26-jährigen deutschen Wundergeigers Heinrich Wilhelm Ernst an, mit denen dieser kurz zuvor das Wiener Publikum in Staunen versetzt hatte. Von dessen Fantaisie brillante sur la marche et la romance d’Otello de Rossini übernimmt Strauß das Marschthema als Introduktion. Das darauf folgende Hauptthema samt 17 Variationen ist eine Umsetzung des Ernstschen Carnaval de Venise für Orchester. Der zu Grunde liegende Gassenhauer ist die sattsam bekannte Kanzonette auf die Worte „La bruna gondoletta“—im deutschen Sprachraum besser bekannt unter „Ein Hund kam in die Küche“. Die rhythmisch raffinierten Variationen gaben den Stimmführern der Strauß-Kapelle Gelegenheit, ihr Können zu zeigen: „Alles an Effecten war benützt, was ihm das fruchtbare Thema sowol, als das zahlreiche Orchester an die Hand geben konnte, und das echt humoristische Wesen, jene koboldartige Lustbarkeit, mit der jedes einzelne Instrument aus irgend einem Winkel des Orchesters hervortritt, jenes Versteckenspielen des Themas, welches sich gleichsam hinter einem Sessel des Orchesters verbirgt, und nachdem man wähnt, es jetzt und jetzt erreicht und erfaßt zu haben, husch! auf der entgegengesetzten Seite neckend das schelmische Köpfchen emporhebt, […] erregte einen solchen Beifallssturm, daß das ganze ziemlich lange Tonstück wiederholt werden mußte.“

[6] Deutsche Lust oder Donau-Lieder ohne Text, Walzer op. 127

Neben den gegen ein fixes Honorar des Lokalinhabers bestrittenen Auftritten konnten die Tanzkapellmeister eine vertraglich vereinbarte Zahl von sogenannten Benefizen veranstalten, dessen Reinerträgnis ihnen zufiel. Am 17. Februar 1841 arrangierte Strauß dergestalt einen „großen Fest-Ball“ im Sperl. Natürlich hatte er für diesen Anlass eine neue Walzerfolge komponiert. Sie trug den Titel Deutsche Lust oder Donau-Lieder ohne Text und begeisterte Publikum und Presse: „Was soll man von der wunderschönen Instrumentirung sprechen, was soll man von der weltberühmten Executirung erwähnen, was soll man von der Originalität der Themas, von dem echt Straußschen Rhythmus, der dieselben durchweht, sagen,—das ist das alte Lied, welches bei jeder Straußschen Walzer-Partie wiederkehrt, allein das muß man sagen, daß diese ,Donau-Lieder‘ wirkliche Lieder sind, Melodien, die, aus einem echten österreichischen Herzen stammend, und wahre deutsche Lust athmend, in jedem Herzen mit frohen Tönen wiederklingen, das muß man sagen, daß Walzer in dieser Gestalt noch nicht vorhanden sind.“ Das Werk, das bei der Premiere auf Verlangen des Publikums dreimal wiederholt wurde, entwickelte sich zu einem echten Zugstück. In einer Zeitungsanzeige einer Serie von „Nachmittags-Conversationen“ im Volksgarten wird eigens die Ausführung besagter Walzerfolge angekündigt. Josef Wanczura schrieb Leichte Variationen über den beliebten „Donaulieder-Walzer“ von Joh. Strauß, obwohl Variationen damals schon als abgeschmackt und höchstens für Übungszwecke auf dem Klavier geeignet galten. Strauß selbst dürfte die Deutsche Lust besonders geschätzt haben, denn er widmete das Werk einer aus fachkundigen Personen bestehenden Körperschaft, dem Philharmonischen Verein in Nürnberg. Daraufhin wurde er am 13. Oktober 1841 zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt.

[7] Apollo-Walzer, op. 128

Auch 1841 veranstaltete die Gesellschaft der Musikfreunde ihren alljährlichen Ball wieder im Sperl. Der Termin fiel auf den 27. Jänner, Mozarts Geburtstag. Die neue Widmungskomposition von Strauß, der selbstverständlich auch diesmal für die Musik sorgte, nahm jedoch weder auf besagten Gedenktag noch auf irgend ein anderes aktuelles Tagesereignis Bezug, wie dies noch im Jahr zuvor der Fall gewesen war. Sie trägt vielmehr den sinnigen Titel Apollo-Walzer. Namensgeber ist der griechische Gott Apollo, der Sohn des Zeus und der Leto. Sein Beiname „Phoibos“ bedeutet „der Lichte“, „der Reine“; als Gott des Heils und der Ordnung war er der Schirmer des Gesetzes, alles Guten und Schönen in der Natur und der Menschheit. In diesem Zusammenhang wurde er auch als Hüter der Wissenschaften und der Künste, insbesondere der Musik, und als Führer der Musen verehrt. Strauß griff in den letzten Takten der Coda seiner Apollo-Walzer auf den ersten Teil der Introduktion zurück. Damit erzielte er nicht nur eine außergewöhnliche Geschlossenheit der Komposition, sondern suggerierte dem Publikum zugleich den Wunsch nach einer Wiederholung des Werks. Das Kopfthema des Eröffnungswalzers wurde übrigens von Oscar Straus in seiner Operette Ein Walzertraum nachempfunden.

[8] Souvenir de Liszt, Fantasie o. op.

Bereits 1839 hatte Strauß mit seinem Furioso-Galopp nach Liszt’s Motiven auf die Faszination reagiert, die vom ungarischen Klaviervirtuosen ausging. Als nun Liszt im Sommer 1846 abermals Wien besuchte, gelang es Strauß, ihn zur Mitwirkung in einem Wohltätigkeitskonzert in der Brühl bei Mödling, einer beliebten Sommerfrische südlich der Hauptstadt, zu gewinnen. Strauß und sein Orchester hoben Liszts Ungarischen Sturmmarsch aus der Taufe; Liszt revanchierte sich mit dem Vortrag einiger Solostücke. Für Strauß, der damals bereits die Konkurrenz seines ältesten Sohnes zu spüren bekam, bedeutete diese Gemeinschaftsproduktion mit einem der gefeiertsten Musiker seiner Zeit eine höchst willkommene Aufwertung. Als genialer Werbestratege in eigener Sache versäumte er nicht, diesen Erfolg entsprechend zu verwerten. So komponierte er umgehend eine Orchesterfantasie unter dem Titel Souvenir de Liszt, die er am 30. August 1846 im Rahmen eines Kirchtagsfestes in Ungers Casino im damaligen Wiener Vorort Hernals erstmals vortrug. Das dreiteilige Werk ist aus Themen der Ungarischen Melodien (Magyar dállok) von Liszt zusammengestellt. Liszt hatte 1839/40 insgesamt elf dieser Klavierstücke komponiert und bis 1843 in vier Heften beim Strauß-Verleger Haslinger herausgebracht. Die Nummern 5, 4 und 11 erschienen in der Folge, vom Komponisten jeweils überarbeitet, als eigenes Heft mehrfach in Paris (B. Latte) und wiederum bei Haslinger, zuletzt im März 1846. Es ist gut möglich, dass Liszt sie auch bei seinem Auftritt in der Brühl vorgetragen hatte. Strauß wählte daraus für seine Fantasie die Nr. 1 (ursprünglich Nr. 5) und Nr. 3 (ursprünglich Nr. 11); seine kompositorische Eigenleistung besteht vor allem in der Lento-Fortspinnung der letztgenannten Nummer. Das Werk blieb übrigens zu Lebzeiten von Strauß ungedruckt; die handschriftlichen Quellen für die vorliegende Einspielung fand Christian Pollack in der Musiksammlung der Wienbibliothek im Rathaus.

Thomas Aigner


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