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8.225292-93 - GRANADOS, E.: María del Carmen [Opera] (Wexford Festival Opera, 2003)
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Enrique Granados (1867-1916)
María del Carmen

Ob man Granados als spanischen oder als katalanischen Komponisten bezeichnen sollte, ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen gewesen. Geboren wurde er in Lérida (katal. Lleida), der Hauptstadt der am wenigsten katalanischen der vier Provinzen, aus denen Katalonien besteht, und der Titel der hier eingespielten Oper, María del Carmen, ist zutiefst kastilianisch. Diese Tatsache – sowie die Handlung nach einem Libretto des aus Barcelona stammenden Dramatikers José Feliu i Codina – führte zu schweren Vorwürfen vonseiten der katalanischen Gesellschaft, in der Granados lebte und in der er in mehrfacher Hinsicht auch eine aktive Rolle spielte.

Die Handlung von Mariá del Carmen, Granados’ erstem großen Opernerfolg, spielt fernab der katalanischen Provinzen in Murcia im Südosten Spaniens. Bei der vom Komponisten dirigierten Uraufführung am 11. November 1898 im Teatro de Parish in Madrid wurde das Werk günstig aufgenommen. Die Kritik lobte die Orchesterbehandlung und den Lyrismus der Gesangsmelodien. Die Oper war so erfolgreich, dass sie es zu neunzehn Aufführungen brachte. Sie blieb im Madrider Repertoire bis zum 9. Januar 1899, als Königin Maria Cristina dem Komponisten in Anerkennung seiner künstlerischen Arbeit das Verdienstkreuz Karls III. verlieh.

Die katalanische Erstaufführung am 31. Mai 1899 im Teatro Tivoli zu Barcelona war weniger erfolgfreich: ein Pro-Catalanista-Teil des Publikums störte die Aufführung mit Pfiffen und wütenden Protestrufen. Man entrüstete sich, dass Granados sich von der Kultur seiner Heimat distanziert und weder eine typisch katalanische Handlung noch ein katalanisches Musikidiom gewählt hatte. Es überrascht daher kaum, dass ein Kritiker aus Barcelona schrieb, der einzige Beifall sei von einer eigens angeheuerten Claque gekommen. Objektivere Kritiker hingegen lobten den Orchestersatz und den dramatischen Duktus der Musik.

Trotz aller Proteste brachte es Mariá del Carmen im Tivoli auf elf Aufführungen; Ende 1899 kam es sogar zu einer kurzen Wiederaufnahme. Nach einigen Aufführungen in Valencia, die vermutlich dank des Schwiegervaters des Komponisten, des einflussreichen Impresarios Francesc Gal, zustande gekommen waren, erschien das Werk auf keiner weiteren Bühne, bis es im Dezember 1935 in Barcelona – mit der berühmten Sopranistin Conchita Badia und unter der Stabführung von Joan Lamote – erneut aufgeführt wurde. Doch seitdem ist die Oper, die Granados für seine beste hielt, weitgehend in Vergessenheit geraten.

María del Carmen entstand zu einem für die katalanische Kultur wichtigen Zeitpunkt. In der Mitte der 1880er Jahre war der Modernismus in Spanien eine lebendige kulturelle Strömung, aus der sich in Katalonien die Ideale der ‚Renaixença’ herauskristallisierte. Modernismus beherrschte das Kultur- und Musikleben in Katalonien und in Barcelona, das sich damals wesentlich avantgardistischer gab als in Madrid, wo Zarzuelas und Farcen das Theatergeschehen dominierten, und wo man vor lauter Dekadenz die Augen vor der Krise verschloss, die Spanien nach dem Verlust seiner 1898 unabhängig gewordenen letzten Kolonien, den Philippinen und Kuba, durchlebte. Architekten wie Domènech i Montaner und Gaudi, Maler wie Casas, Hugué, Nonell, Picasso und Rusiñol, Schriftsteller wie Maragall, Mastres und Miralles oder Musiker wie Albéniz, Morera, Pedrell und Granados (der sich auch als Maler betätigte) spielten alle eine wichtige Rolle in dieser einzigartigen Strömung der katalanischen Kultur. Federico de Onis definierte diese Bewegung als spanische Form der universalen Krise, die um 1885 das Ende des neunzehnten Jahrhunderts einläutete. Granados jedoch, aufgewachsen in Santa Cruz de Tenerife und verheiratet mit der Valenzianerin Amparo Gal Llobera, war einer der weniger radikalen Exponenten des Modernismus.

Katalonien und seine Hauptstadt Barcelona befanden sich in dieser Zeit in einem kulturellen Gärungsprozess. Es entstanden zahlreiche moderne Vereinigungen, deren Ziel es war, die katalanische Folkloremusik zu kultivieren und zu verbreiten. Werke wie die sinfonische Dichtung Catalonia (1899) von Albéniz oder die lyrische Trilogie Els Pirineus (1902) von Pedrell kennzeichneten diesen Trend. Auch Granados kultivierte die katalanische Musik in Bühnenwerken wie Blancaflor (auf ein Libretto des Dichters Adrià Gual), Petrarca, Picarol, Follet und Gaçiel (alle mit Texten von Apelles Mestres) und in Liedern wie Canço damor, Locell profeta, Elegia eterna und Cant de les estrelles; vor allem aber in dem dramatischen Gedicht Liliana, einer reifen Arbeit, die am 9. Juni 1911uraufgeführt wurde und die den Höhepunkt seiner wechselhaften Beziehung zur Strömung der Moderne darstellt.

Obwohl sich Granados von den politischen Elementen des katalanischen Nationalismus distanzierte, hatte er ein starkes ästhetisches und soziales Band mit seiner kulturellen Umgebung. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl war ein essentieller Bestandteil seines Denkens nicht nur als Musiker, sondern auch als Amateurmaler. Seine Wagner-Bewunderung brachte ihn nicht nur unweigerlich in nähere Berührung mit dem Modernismus, sondern führte auch zu seiner Zusammenarbeit mit der Wagner-Gesellschaft in Barcelona und inspirierte ihn sogar zu dem Klavierstück Eva y Walther. Wagners Musik übte auf Künstler und Gesellschaft Kataloniens eine starke Wirkung aus, und dieser Einfluss ist auch in einigen Werken Granados’ spürbar und führte bei María del Carmen zu kritischen Stimmen, vor allem wegen der Dominanz des Orchesters und dem Fehlen der traditionellen Trennungslinien zwischen Arien und Dialog, wie man sie von der traditionellen Zarzuela gewöhnt war.

Es war Granados’ Schicksal, in einer Zeit zu leben, in der avantgardistische Tendenzen in Barcelona außerordentlich stark waren – vermutlich zu stark, als dass er sie angesichts seiner eher konventionellen Herkunft hätte assimilieren können. Vielleicht war das, trotz seiner Bemühungen, die ästhetischen Stömungen in Barcelona mitzugestalten, der Grund dafür, dass seine Zeitgenossen in ihm einen Konservativen sahen, der nicht in der Lage war, den modernen kulturellen Zeitgeist zu erfassen.

Wie sein Lehrer Felipe Pedrell bemerkte, war Granados ein Komponist, der sich weigerte, vorgegebene Formschemata zu akzeptieren. Wie Albéniz komponierte auch er auf der Grundlage seines eigenen Urteils und ohne sich auf ästhetische Kompromisse einzulassen. Daher ist es nicht leicht, theoretische Koordinaten für seinen Kompositionsstil zu definieren. Zweifellos nahm er während seiner Pariser Zeit Anregungen auf, im Besondern von Musikern wie Vincent d’Indy und Camille Saint-Saëns. Diese Einflüsse verschmolzen in seinem Oeuvre mit der Begeisterung für die deutsche Romantik, deren Werke einen großen Teil seines pianistischen Repertoires bildeten.

Dennoch folgt Granados’ Musik nicht dem für die deutsche Musik charakteristischen Prozess der thematischen Entwicklung, sondern eher einer für die spanische Dichtung bezeichenden Formel, die stets aus unterschiedlichen Persektiven zur selben Idee zurückkehrt. So wiederholte er Melodien eher mit unterschiedlichen und zunehmend brillanteren Ausschmückungen, als sie einem Entwicklungsprozess zu unterwerfen. Wenngleich weniger chromatisch als César Franck oder Wagner, verleihen die ausgefeilten harmonischen Muster seinem Stil eine mit diesen von ihm so bewunderten Komponisten vergleichbare Qualität.

Ohne im eigentlichen Sinne mit einem Leitmotivsystem zu arbeiten, verbindet Granados Harmonien und melodische Motive mit bestimmten dramatischen Ereignissen und verleiht damit einigen seiner Werke eine wagnersche Note; zu diesen Werken gehört auch María del Carmen, die zusammen mit Goyescas zu den besten Opern eines Komponisten zählt, der sich zeitlebens zum Musiktheater hingezogen fühlte.

Bis heute leidet die Bedeutung des Komponisten Granados unter einer widersprüchlichen Einschätzung. Selbst seine katalanischen und spanischen Landsleute kommen zu keinem übereinstimmenden Urteil. Für einige ist er der letzte Romantiker, für andere der spanische Chopin, für wiederum andere ein spanischer Grieg. Unstrittig ist jedoch, dass er neben Isaac Albéniz und Manuel de Falla der bedeutendste spanische Komponist seiner Zeit ist. Ein anderer berühmter Katalane, der große Cellist Pablo Casals, hat einmal diese drei genialen spanischen Musiker miteinander verglichen: die größe poetische Inspiration erkannte er Granados zu, Falla hielt er für den besten Komponisten und Albéniz für den fortschrittlichsten. Vermutlich hatte er Recht.

Justo Romero
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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