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8.225304 - KLEBE: Violin Sonatas / Capriccio for Solo Violin, Op. 128 / Fantasia Incisiana, Op. 137
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Giselher Klebe (geb. 1925)
Musik für Violine

Meine 1. Solo-Violinsonate komponierte ich im Sommer 1950 in Berlin-Frohnau. Ich widmete sie Hans Werner Henze (*1926) in Dankbarkeit, mein Orchesterstück “Die Zwitschermaschine” (nach dem gleichnamigen Bild von Paul Klee) dem damaligen Leiter der Donaueschinger Musiktage Heinrich Strobel empfohlen zu haben, der es dann auch im gleichen Jahr bei diesem Festival durch das Südwestfunk Symphonieorchester unter Hans Rosbaud uraufführen ließ und das, wie man sagt, meinen internationalen Durchbruch bedeutete. Die Sonate markiert die ersten Entwicklungsstufen, die meine Tonsprache durchlaufen hat. Rhythmisch-formale Strukturen gliedern die beiden Sätze. Entscheidend bleibt der bis in mein spätes Werk reichende Glaube an die Kraft der Melodie, der sich alle Teile einer Komposition unterzuordnen haben.

Meine erste Violinsonate entstand im Herbst 1952. Ich widmete sie dem elsässischen Dichter René Schickele (1883-1941), zu dessen Werken ich gerade in der Entstehungszeit dieser Sonate ein inniges Verhältnis hatte. Die drei kurzen Sätze der Sonate gehen ohne Pause ineinander über. Ausgehend von ostinat festgehaltenen Motiv-Gruppen und deren zögernder Entwicklung im 1. Satz gewinnt der 2. Satz aus einer fortlaufenden intensiven Verwandlung immer neue Gestalten, die im 3. Satz in mehrere Melodie-Bögen auslaufen.

Die 2. Solo-Violinsonate ist eine Auftragskomposition für die Stadt Darmstadt anlässlich der X. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik. Sie entstand von Januar bis März 1955 unter dem starken Eindruck, den Josef Haydns G-dur-Sinfonie (Nr. 92, “Oxford-Sinfonie” genannt) in mir hinterlassen hat. Die Sonate hat drei Sätze. Der erste Satz beginnt mit einem für die Struktur der Sonate grundlegenden Einfall. Seine erste Gestalt (Doppelgriffe im durchgehenden piano und Intervalle in enger Lage) und seine zweite Gestalt (einstimmig, crescendo und decrescendo, weite Intervall-Lage) treten in dauernde intensive Wechselbeziehung. Aus dieser Wechselbeziehung leitet sich das Proportionsgesetz ab, das für alle musikalischen Entstehungsformen der Sonate gültig ist. Auf dieser Basis ruhend, sind alle neu auftretenden Einfälle eng mit der Grundidee verwoben. Der 1. Satz steigert die intervallmäßigen, klanglichen, dynamischen und rhythmischen Elemente. Auf kleinem Raum wechseln rasch die Miniaturstrukturen und verbinden sich zu größeren Spannungsabläufen. Daraus gewinnt der 2. Satz einen ruhigeren Ausdruck; der rasche Wechsel und die intensive Entwicklung sind einem miteinander Kontrastieren mehrerer Ideengruppen gewichen. Der 3. Satz verstärkt die beruhigende Tendenz und schließt mit zusammenfassenden, immer einfacher werdenden melodischen Komplexen die Sonate ab.

Die zweite Violinsonate schrieb ich im Mai und Juni 1972. Ursprünglich nannte ich sie “Sonate über Boris Blacher”, denn die Buchstaben B-Es-B-A-C-H-E aus seinem Namen fanden als Töne Eingang in die Komposition. Für mich war Boris Blacher (1903-1975) in den Jahren 1946-1951 der für meine künstlerische Entwicklung bestimmende Lehrer. Bei der Gestaltung des Violinparts orientierte ich mich an den spieltechnischen Fähigkeiten des damals noch sehr jungen Sohnes von Boris Blacher. Die drei Sätze der Sonate folgen dem klassischen Ideal einer Sonate, ohne formale Ansätze zu übernehmen. Erster Satz: Exposition der Themengedanken. Zweiter Satz: Dunkle Aspekte dieser Gedanken. Dritter Satz: In vielfachen Anläufen formt sich endlich die Melodie, das Zentrum der gesamten Sonate.

Der Wunsch, für meinen Freund Eckhard Fischer ein virtuoses Violin-Solo-Capriccio zu komponieren, verband sich mit der Situation, in der dieses Capriccio entstand: Ich saß im Garten meiner Tochter Sonja, die im Voralpenland lebt, und während ein Gewitter aufzog, konzipierte ich die Hauptteile dieser Komposition. Die beiden Sätze charakterisieren das Erlebte: Ein Blitz zuckt in der Ferne – die Luft ist drückend – erste Windstöße fegen – es wird immer finsterer – Blitz und Donner noch von ferne – der Regen wird heftig – das Gewitter ist da.

Die Fantasie trägt ihren Namen “Incisiana” vom Ort des Weinguts (Incisa Scapaccino in Piemont, Italien) meines Freundes Eckhard Fischer. Dort fand die ganz interne Uraufführung des 4. Satzes, dem Ausgangspunkt der Komposition, statt. Und dort entstanden auch die ersten Entwürfe zum 1. Satz. Gewidmet ist die Fantasie allen Menschen, die mich aus dunkelster Bedrückung, in die ich 2001 durch den Tod meiner Frau Lore (mit der ich 60 Jahre eng verbunden gelebt hatte) geraten war, sanft herausgeführt haben. 1. Satz: Klare melodische Gestalt – Beruhigung; 2. Satz: Skurrile Gedanken, Erinnerungen; 3. Satz: Intensiver Gedankenaustausch; 4. Satz: Virtuose Huldigung an meine verstorbene Frau (sie war leidenschaftliche Violinspielerin); 5. Satz: Korrespondenz zum 3. Satz; 6. Satz: Korrespondenz zum 4. Satz.

© Giselher Klebe


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