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8.225308-09 - FOERSTER: Eva
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Josef Bohuslav Foerster (1859-1951): Eva
Eine tragende Säule der tschechischen Musikgeschichte

Als die Leitung des Prager Nationaltheaters 1896 einen Kompositionswettbewerb für eine neue Oper ausschrieb, war das Feld der Konkurrenten außerordentlich stark: neben Foersters Eva stritten auch Karel Kovafiovics Psohlavci (Die Hundsköpfe) und Zdenûk Fibichs ·árka um eine Auszeichnung. Die einstimmig gefällte Wahl der Jury von Kovafiovics Hundsköpfen sagt dabei vielleicht mehr über die Dominanz eines gewissen Romantizismus à la Smetana aus als über die eigentlichen Qualitäten des Werkes. Jedenfalls bleibt dabei im Dunkeln, wie modern Foersters Eva seinerzeit gewirkt haben muss. Gleichwohl gelangten alle drei Opern nach und nach auf die Bühne des Nationaltheaters – das zu jener Zeit über ein exzeptionelles Ensemble verfügte – wobei jedes der Werke das jeweils erfolgreichste seines Schöpfers werden sollte. In der Tat bildeten diese Opern neben denen von Smetana, Dvofiák und später auch Janáãek den Kern des tschechischen Opernrepertoires. Dabei erwies sich Eva als besonders langlebig: das Werk erfuhr unter jeder neuen Theaterleitung eine neue Produktion. 1929, anlässlich des 70. Geburtstages des Komponisten, initiierte der damalige Direktor OstrÇil einen Zyklus mit allen von Foerster bis dahin komponierten Opern. Und nach dem Krieg inszenierte Jaroslav Krombholc weitere Produktionen in den Jahren 1945, 1949 – im 90. Lebensjahr des Komponisten und mit 113 Aufführungen – und schließlich 1981.

Foersters leidenschaftliches Engagement für den Eva-Stoff hatte mit der Premiere von Gabriela Preissovás realistischem Drama Gazdina roba am Nationaltheater im Jahr 1889 begonnen, die er für die Národní listy rezensierte. Das Schauspiel war eine Sensation: Mit seiner Darstellung gesellschaftlicher Konflikte, wie sie bereits im Titel anklingen – wo das dialektale Wort gazdina sich auf die gesellschaftlich anerkannte Stellung der Frau des Farmers bezieht, während roba ein abschätziger Ausdruck ist, der in seiner Bedeutung etwa dem „Flittchen“ entspricht – hatte das Stück etwas Zwingendes, namentlich der skandalträchtige Charakter der Frau, die ihren Mann verlässt, um fortan unverheiratet mit einem anderen zu leben. Und so hatte Foerster keine Mühe, sich Preissovás Stück als Oper vorzustellen. Nachdem die Autorin sein Vorhaben abgesegnet hatte, wandte er sich also an Jaroslav Kvapil, der zuvor bereits die Libretti zu Foersters Debora und Dvofiáks Rusalka verfasst hatte. Foerster reiste sogar an die Mährisch- Slowakische Grenze, um „einen Blick in die Herzen der Menschen“ dieser Region zu werfen. Nachdem er bereits jahrelang vergeblich auf Kvapils Libretto gewartet hatte, fand er in einem obskuren Uhrmacherladen in Hamburg die Inspiration für den Charakter des Samko. Von nun an arbeitete er selbst am Libretto, das er dann zwischen September 1895 und Oktober 1896 zusammen mit dem Klavierauszug fertigstellen konnte. Die Orchestrierung schloss er im April des nächsten Jahres ab. In seiner Textdichtung bediente er sich dabei nicht jener rauhen Umgangssprache in kaum verständlichen Dialekten, an denen etwa Janáãek Gefallen gefunden hatte. Vielmehr war seinem Verständnis nach die Musik das, was die Menschen „bereits hier auf der Erde vom hellen Glanz des Paradieses wahrnehmen“ würden, weshalb es einer edleren Textkunst und literarischer Sensibilität bedürfe.

Obschon Foerster von den Bräuchen und Riten an der Mährisch-Slowakischen Grenze ebenso bezaubert wie tief berührt war, war er eben doch kein Ethnologe und schon gar nicht ein Musikethnologe. Und so nutzte er direkte volksmusikalische Zitate – wie auch Smetana und Dvofiák – lediglich als Ausgangsmaterial für die weitere künstlerische Verarbeitung. In dieser Hinsicht nahm sich Foerster auch einige Freiheiten gegenüber seiner literarischen Vorlage: So ließ er den größten Teil des Lokalkolorits weg, reduzierte den religiösen Aspekt und übernahm von den ursprünglich 20 Charakteren lediglich deren sechs. Darüber hinaus stirbt Evas Kind im Original Preissovás nicht und die Menschen sprechen erst ein Jahr später über das Ertrinken der roba. Im Vorwort zur Erstausgabe des Klavierauszugs von 1908 betont Foerster, dass es sein Ziel gewesen sei, „die lyrischen und dramatischen Momente zu betonen und die individuellen Charaktere sowie deren Handlungen in ihrer psychologischen Wahrheit lebendig festzuhalten.“ Ganz in diesem Sinne weitet Foerster die ursprünglich eher knappen Reflektionen der einzelnen Charaktere zu emotional ergiebigen musikalischen Perioden aus. Und obwohl er Nationalist war und seine Oper einen urtschechischen Stoff behandelt, ging es Foerster doch weniger um den Kontext, in dem seine Charaktere standen, als vielmehr um ihre Menschlichkeit, ihre Seele und ihre Erlösung. Darum auch konzentrierte er sich in seiner Handlung auf Eva, die bei ihm eben nicht ein Flittchen vom Lande, sondern eine Frau von Charakter und hymnischem Pathos ist, eine Frau, in der sich die Sehnsucht nach einem besseren Leben verkörpert. Eva, physisch attraktiv, aber missverstanden, die in ihren Wünschen und in ihrer Verzweiflung „anders“ ist, wird bei Foerster durch ihren unbedingten Glauben an die Liebe über die Menschen um sie herum erhoben.

Musikalisch findet Foersters Interesse am Innenleben seiner Charaktere Niederschlag in den unzähligen kurzen, ingeniös ausgearbeiteten Motiven, auf denen die gesamte Oper basiert und mit denen Foerster die Hauptfiguren sowohl treffend beschreibt als auch – im vielschichtigen Netzwerk der orchestralen Stimmen – aufdeckt, was jenseits der Worte verborgen liegt. Die grundlegende Keimzelle der gesamten Oper ist dabei ein ebenso kurzes wie denkbar prägnantes dreitaktiges Motiv, das für Eva steht und in dem Foerster nicht allein ihre Kraft, Standhaftigkeit, Unabhängigkeit, Entschlossenheit, Kompromisslosigkeit und ihren Trotz zum Ausdruck bringt, sondern eben auch ihre attraktiv-weibliche, sehnsüchtig-weiche Seite. Dieses Motiv bricht in die ausgelassene Musik des dörflichen Tanzes in der ersten Szene ein und erklingt im Orchestersatz als nächstes beim Auftritt von Samko, wodurch deutlich wird, dass es Eva ist, für die er so lange schon heimlich Liebe empfindet. Varianten dieses Motivs verstärken Samkos Verlangen bis hin zu jener Ekstase, die dann seine großen Arien prägt. In gleicher Weise verfährt Foerster mit dem kurzen synkopischen Motiv, das für Mánek steht (leidenschaftlich aber pragmatisch), und Samkos eigenem Thema (eine ausgedehnte, lyrische Phrase). Aus diesen kurzen Motiven, einer reichen Orchestrierung und einem fein gesponnenen polyphonen Gewebe wirkt Foerster den durchaus monumentalen Bau seiner tragischen Oper, in der der Tod keine Katastrophe ist, vielmehr ein Symbol metaphysischer Reinigung, Versöhnung und mystischer Erlösung.

So bemerkenswert Gazdina roba bei seiner Premiere auch gewesen sein mag: sobald der Modernismus das musikalische Leben Europas ganz erfasst hatte, schien Eva doch nur mehr integraler Bestandteil der von Smetana begründeten Tradition zu sein, jener spätromantischen Blüte, die den Kern des Repertoires der tschechischen Nationaloper für ein ganzes Jahrhundert ausmachen sollte. Freilich kann man durchaus überzeugend im Sinne ästhetischer Kontinuität argumentieren, und Eva neben die anderen fünf tschechischen Opern stellen, die in den gut 60 Jahren nach 1875 entstanden sind und die eine kraftvolle weibliche Hauptfigur vor einem ländlichen Hintergrund präsentieren: Smetanas Hubiãka (Der Kuss, 1876), Dvofiáks Jakobín (Der Jakobiner, 1899), Janáãeks Jenu°fa, Hábas Matka (Die Mutter, 1931) und Martinu°s Veselohra na mostû (Komödie auf der Brücke, 1937). In der Tat kommt man nicht umhin, Foerster in Zusammenhang mit eben dieser weiter gefassten tschechischen Tradition zu sehen: immerhin war er über viele Jahre hinweg der große alte Mann der tschechischen Musik, mit einwandfrei nationalem Leumund. Denn obwohl er intensiv reiste und in dauerhaftem Kontakt zu vielen seiner großen musikalischen Zeitgenossen stand, blieb Foerster mit seiner Musik doch stets in engem spirituellen Kontakt zu seiner Heimat. So war er denn auch ein mehr als angemessener Präsident der Tschechischen Akademie der Künste und der Wissenschaften, Empfänger zahlloser Ehrungen und 1945 überhaupt der erste Musiker, dem der Titel des Nationalkünstlers zuerkannt wurde. Er war der würdige Nachfolger Smetanas, der trotz aller Referenzen, die er seinem großen Vorgänger erwies, niemals zu dessen Nachahmer wurde: Dramaturgisch, wenn nicht auch musikalisch oder poetisch ist Eva Welten entfernt von der dem Werk zugrunde liegenden Tradition. Denn Foerster stellt das Landleben rauh dar, und die ökonomischen Unvereinbarkeiten stellen den menschlichen Gefühlen unüberwindbare Hindernisse in den Weg: Das tragische Ende ist unvermeidbar. Denn trotz all seiner gesellschaftlichen Referenzen behielt Foerster doch stets sein strenges Arbeitsethos und Bodenhaftung. Er blieb das, was er von jeher gewesen war: ein zutiefst frommer, ja nachgerade mystischer Gläubiger.

Helena Havlíková
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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