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8.225335 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 15
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 15

 

[1] Minnesänger, Walzer, op. 141

Zweimal musste wegen des ungünstigen Wetters 1842 das traditionelle Blumenfest samt Ball im Sperl verschoben werden. Am 13. Juni war es dann endlich soweit: „Aladins Zauberlampe“ lautete das Motto, das Anlass für reizvolle Beleuchtungseffekte im Garten des Etablissements gab. Im Saal leitete wie gewöhnlich Johann Strauß (Vater) die Ballmusik, der sich wieder mit einer neuen Walzerpartie eingestellt hatte. Minnesänger lautete der Titel, doch spielte Strauß damit nicht etwa auf die mittelalterlichen Barden an, sondern erinnerte vielmehr an einen der führenden Instrumentalvirtuosen seiner Zeit, den belgischen Cellisten Adrien-François Servais (1807–1866), der in der abgelaufenen Saison das Wiener Publikum begeistert hatte. „A. F. Servais war der erklärte Liebling u. Held des Concertjahrs 1842 in Wien. In Servais verband sich eine bewunderungswürdige kühne und elegante Technik mit jenem Maß an Koketterie, studirter Nonchalance und effectvollen Äußerlichkeiten, welche zu jener Zeit einen schönen und liebenswürdigen Virtuosen nur noch ,interessanter’ erscheinen ließen. Obwohl er einen rein künstlerischen Eindruck nicht machte (oder vielleicht gerade deshalb), war sein Erfolg bei dem eleganten Publikum ein ungewöhnlicher.“ So lautete rückblickend das Urteil des führenden Wiener Musikkritikers, Eduard Hanslick. Strauß hatte in den Minnesängern mehrere Kompositionen von Servais verarbeitet: im ersten, überaus langen Walzer dessen wohl größtes Zugstück, Souvenir de Spa, op. 2, im zweiten Walzer Fantaisie burlesque ou le Carneval de Venise, op. 9, und im dritten La Romanesca, berühmter Tanz aus dem 16. Jahrhundert. „Er hat damit den vollständigsten Triumph gefeiert“, konstatierte ein zeitgenössischer Berichterstatter.

[2] Haute Volée Quadrille, op. 142

Die Haute Volée Quadrille ist in gewissem Sinn das Gegenstück zur Beliebten Annen Polka – beide verdanken ihre Entstehung den 1842 im Volksgarten stattgehabten Namenstagsfesten zu Ehren des österreichischen Herrscherpaares. Während die Polka der Kaiserin Maria Anna galt, ist die Quadrille mit ihrem Gemahl Kaiser Ferdinand I. verbunden, ohne dass jedoch eine explizite Widmung ausgesprochen gewesen wäre. Die „Allerhöchste Nahmensfeyer Seiner Majestät“ fand am 31. Mai statt, und das neue Werk erzielte selbst vor dem Hintergrund der allgemeinen Quadrillebegeisterung der damaligen Zeit einen außerordentlichen Erfolg. „Höchst originelle Motive, die pikanteste echt französische Instrumentation, und die bei Strauß stets vorherrschende Frische der Gedanken stempeln diese Quadrille zu dem Ausgezeichnetsten, was Strauß in diesem Genre geschrieben. Daß das ganze Publikum, welches mit der gespanntesten Aufmerksamkeit lauschte, derselben Meinung war, dafür ist wol der beste Beweis, daß nach jeder einzelnen Figur der Applaus losbrach, die Quadrille drei Male nacheinander gespielt werden mußte, und Strauß bei jedesmaligem Erscheinen mit Beifall, Bravos und Forarufen von allen Seiten begrüßt wurde.“ Nach anderen Quellen musste Strauß das Werk gar fünfmal wiederholen. Die Begeisterung hielt auch die folgenden Monate hindurch an; selbst das Erscheinen der Klavierausgabe im Jänner 1843 wurde als Ereignis gefeiert: „Endlich ist sie erschienen, die Auserkorene, Vielgepriesene, heiß Ersehnte. Sie meinen, holde Leserin, eine berühmte Tänzerin, eine Sängerin, nein!— die Haute Volée Quadrille von Strauß ist in der Musikalienhandlung des Herrn Haslinger erschienen! In dieser tätigen Kunsthandlung ist eine Erscheinung nichts Seltenes, diese Quadrille aber ist eine seltene Erscheinung.“

[3] Latonen-Walzer, op. 143

Bei der Ausrichtung der Sommerfeste war Strauß gleichsam sein eigener Konkurrent. Sein Publikum hatte noch die vergangenen Veranstaltungen im Kopf, und so musste er mit immer prächtigerer Ausstattung, originellerer Beleuchtung und zugkräftigeren Kompositionen aufwarten. Glaubt man dem Rezensenten, übertraf das Gartenfest, das am 18. Juli 1842 im Sperl unter der Bezeichnung „Sternen-Mosaik im Tempel der Nacht“ stattfand, „an Großartigkeit und Splenditität [sic] alles bisher Gesehene“. Der Tempel stand mit milde leuchtender Kuppel inmitten des Sperl-Gartens, die Rückwand zeigte eine mondüberglänzte Gebirgslandschaft, und wer sie betrachtete, vermeinte weit hinaus in eine geheimnisvolle Ferne zu blicken. „Die Sterne, die sonst von den Lämpchen des Gartens verdunkelt wurden, kamen heute schimmernd zu ihrem Recht und alles war wieder einmal originell, anders als sonst, überströmend von echt Strauß’schen Einfällen. […] Der Garten stand durch die Terrasse, die zum ersten Male geöffnet wurde, mit dem neuen Wintersaale in Verbindung, worin der Walzerkönig Strauß thronte, und unter enthusiastischen Beifalle dreimal seine neuen ‚Latonentänze‘ producirte.“ Wer in der antiken Mythologie bewandert war, dem eröffnete sich die Sinnhaftigkeit der Titelwahl: Latona ist die römische Göttin der Nacht und alles Verborgenen; sie wurde der griechischen Leto gleichgesetzt, der Mutter von Apollon und Artemis. Fazit: Das Fest war so erfolgreich, dass Strauss es eine Woche später wiederholen ließ.

[4] Parade-Marsch, op. 144

Die Wiener Bürger-Garde, ein Überbleibsel aus der Zeit der Napoleonkämpfe, hatte im biedermeierlichen Wien nur noch zeremonielle Funktion. Sie bestand aus sieben Abteilungen, der Bürgerlichen Grenadier-Division, Artillerie und Kavallerie, dem Ritterlichen Scharfschützen-Corps, dem Akademischen Corps sowie dem Ersten und Zweiten Bürger- Regiment. Kapellmeister der letzteren beiden waren Johann Strauß und Joseph Lanner. Den Parade-Marsch schrieb Strauß allerdings nicht für „sein“ Regiment, sondern für einen Ball des Bürger-Artillerie-Bombardier-Corps, der am 21. Februar 1843 im Sperl abgehalten wurde. Die Zeitungen berichteten über diese Veranstaltung nichts; vermutlich handelte es sich um einen geschlossenen Ball. Die Umstände der Uraufführung erfahren wir von einer entsprechenden Notiz auf dem Titelblatt der Erstausgabe für Klavier, die bereits am 7. März, also nur zwei Wochen später, im Handel erhältlich war. Ob Strauß den Marsch später von der Kapelle des Ersten Wiener Bürger-Regiments aufführen ließ, ist nicht bekannt.

[5] Minos-Klänge, Walzer, op. 145

Über die Uraufführung der Minos-Klänge, einer den Hörern der Rechte an der Hochschule in Wien gewidmeten Walzerpartie, liegen seltsamerweise keinerlei Aufzeichnungen in den zeitgenössischen Blättern vor. Andererseits berichten die Zeitungen über die am 9. Oktober 1842 stattgehabte Premiere einer Wiener-Echo’s benannten Walzerfolge, unter welchem Titel sich wiederum keine Druckausgabe nachweisen lässt. Da zwischen diesem Aufführungstermin und dem Erscheinen der Druckausgaben der Minos-Klänge grob gesprochen gerade jenes halbe Jahr lag, das üblicherweise für die Edition einer neuen Walzerpartie veranschlagt werden musste, ist der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, dass es sich hier um ein und dasselbe Werk handelt. Diese Theorie wird dadurch gestärkt, dass bereits 1841 die Widmungskomposition für die Jus-Studenten ursprünglich für einen Blindenball komponiert worden war und ihren Titel, Egerien-Tänze, erst nachträglich erhalten hatte. Das Saisonschlussfest im Wiener Volksgarten, bei dem die Wiener-Echo’s zum ersten Mal erklangen (und auf Verlangen des Publikums drei Mal wiederholt wurden), hatte wieder einmal wegen Schlechtwetters verschoben werden müssen und fand schließlich nicht im Garten selbst, sondern im Salon statt. „Diese ,Wiener-Echo’s‘“, bemerkte ein Kritiker, „enthalten so viele electrisch wirkende Vibrirungen und blitzgleiche Chantagirungen, so viel Schimmer und Abwechslung in den einzelnen Nummern, daß man ansteht, welcher man den Preis zuerkennen soll.“ Lassen sich diese Zeilen wirklich auf die Minos-Klänge übertragen, über die der Strauß-Forscher Max Schönherr schrieb: „Das Schauerliche des Minos-Reiches ist in der Introduktion und mit der tiefen Lage der 1A-Melodie charakterisiert“? —Minos, mythischer König von Kreta, war Urheber der altkretischen Verfassung und einer späteren Legende zufolge einer der Totenrichter in der Unterwelt.

[6] Die Lustwandler, Walzer, op. 146

Drei Monate vor den Wiener-Echo’s wurde im Volksgarten die Walzerpartie Die Lustwandler aus der Taufe gehoben. Dieser Park war 1821–1823 im Zuge der wegen der Sprengung der Burgbastei durch die abziehenden napoleonischen Truppen notwendig gewordenen Neuerrichtung des Äußeren Burgtors angelegt worden und hatte sich rasch zu einer beliebten Promenade der Wiener entwickelt. Die Lustwandler war daher eine nahe liegende, für den Anlass der am 1. Juli 1842 zum Benefiz von Strauß veranstalteten „außerordentlichen Sommer-Assemblée“ sehr passende Titelwahl für die neue Komposition. Die Presse war dem Benefizianten und seinem jüngsten Musenkind wie gewöhnlich sehr gewogen: „Tausende strömten ehevorgestern durch die Hallen des Burgthores, und es schien, als wäre die Menschheit auf der Wanderung. Außer den bereits producirten ,Minnesängern‘ spielte Hr. Capellmeister Strauß seine neu componirten Walzer: ,Die Lustwandler.‘ Das ist wahre Musik der Bewegungen.—Hier kann sich das Ohr des Hörers an diesen Ocean von Geschmeidigkeit erlaben, an dieser überströmenden Fülle von Weichheit nicht satt trinken. Bei Strauß ist die Musik der beredteste, feurigste Ausdruck, Ausdruck Sprache, Sprache Gefühl, Gefühl Poesie—wie wohlthuend, wie erhebend wirken die kosmetischen Reize einer solchen Tanzmusik auf uns ein!“

[7] Walhalla-Toaste, Walzer, op. 147

Für den 15. Februar 1843 lud Strauß zu einem großen Festball im Sperl unter der Bezeichnung „Erfüllter Carnevals- Traum“, für welchen er die Uraufführung seiner Walzer Walhalla-Toaste ankündigte. Mit dem Werktitel nahm er Bezug auf die vom Architekten Leo Klenze bei Regensburg errichtete, nach dem mythischen germanischen Totenreich benannten Ruhmeshalle für alle Deutschen, die Großes geleistet haben. Die Walhalla war am 17. und 18. Oktober des vorangegangenen Jahres unter Anwesenheit des bayrischen Königs Ludwig I., des preußischen Kronprinzen Wilhelm und des Erbgroßherzogs von Hessen-Darmstadt eingeweiht worden, konnte ihrer Bestimmung aber niemals wirklich gerecht werden. Anders verhielt es sich da schon mit der erwähnten musikalischen Novität: „Strauß hat abermals seinen guten Geschmack zu erkennen gegeben und gezeigt, wie sehr ihm an der Gunst und Liebe des Publikums gelegen ist. Seine neuen Walzer ,Walhalla-Toaste’ sind höchst originell und melodiös; da sie übrigens fünf Mal zur Aufführung gebracht wurden, und der Beifall noch nicht enden wollte, so ist es überflüssig, die Gediegenheit der letzten Composition unseres Strauß noch ferner anpreisen zu wollen.“ Anzumerken ist allerdings, dass einem anderen Berichterstatter zufolge die Temperatur im Tanzsaal 30 Grad Réaumur betragen haben soll, das sind sagenhafte 37,5 Grad Celsius! Der Journalist schloss mit der Bemerkung, „die Verehrer des Strauß bewiesen […], daß Strauß immer mehr in der Gunst seiner Wiener steigt, und diesen unter jedem Verhältnisse unersetzlich bleiben dürfte.“

[8] Saison-Quadrille nach Motiven der berühmten Virtuosen Vieuxtemps, Evers und Kullak, op. 148

„Ball!—Musikvereins-Ball!—Was will man mehr? Ein Ball, dessen höchste Protektorin die Kunst ist, die Göttinn, die alle Menschen mit bezaubernder Kraft aneinander bindet, die nicht auf Rang und Schätze achtet, und Bettler wie Millionäre mit Gleichem beglücken kann. Im bunten Gedränge schreitet da der Vornehme, der Reiche und der Künstler, ohne daß einer dem andern die Vorrechte seines Standes fühlen läßt. Welche Harmonie! Dazu kömmt noch ein glänzend beleuchteter Saal und die fußbegeisternden Weisen des Walzerpoeten Strauß, der wieder in seiner eigends für die Gesellschaft componirten Quadrille sehr liebliche Motive aufwies und zeigte, welch’ glänzendes Talent ihm innewohne.“ Das Werk, das hier so lobend erwähnt wird, trägt den Titel Saison-Quadrille – in Anspielung auf die angebrochene, bereits an Höhepunkten reiche Konzertsaison. Es war die Zeit der Virtuosen, und drei von ihnen, alle damals erst knapp über zwanzig Jahre alt, leben in der besagten Quadrille nach. Der belgische Geiger Henri Vieuxtemps (1820–1881) ist in der 2. Tour, Été, mit dem Finale seiner Fantaisie-Caprice, op. 11, und in der 5. Tour, Pastourelle, mit dem Rondo aus seinem 1. Violinkonzert, op. 10, vertreten. Von den zwölf Chansons d’amour, op. 13, verschiedene Nationen charakterisierenden Liedern ohne Worte des Klaviervirtuosen Karl Evers (1819–1875), wählte Strauss Provence für die 1. Tour, Pantalon, Italie für die 3. Tour, Poule, und Allemagne für die 4. Tour, Trénis. Dem Finale legte er schließlich Melodien von Theodor Kullak (1818–1882), ebenfalls einem Pianisten, zugrunde. Die Zeitungen hatten noch zu berichten, dass Seine königliche Hoheit der Prinz Wasa den Ball, der am 17. Jänner 1843 im Sperl stattfand, mit seiner Gegenwart beehrte.


Thomas Aigner


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