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8.225338 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 18
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 18

 

[1] Rosen ohne Dornen, Walzer, op. 166
Rosen ohne Dornen—das war im Juli 1844 wohl mehr denn je ein Wunschtraum von Johann Strauß (Vater), dessen nach außen hin so glänzendes Leben keineswegs frei von Schattenseiten war. Seit gut zehn Jahren schon lebte er in einem außerehelichen Verhältnis mit der Modistin Emilie Trampusch, die ihm inzwischen sechs Kinder—ein siebentes war unterwegs—geboren hatte. Anna Strauß, die rechtmäßige Ehefrau Johanns, wollte den bürgerlichen Schein nun nicht mehr länger aufrecht erhalten und bereitete eine gerichtliche Scheidungsklage vor. Zugleich arbeitete Johann Strauß (Sohn) trotz ausdrücklichen väterlichen Verbots entschlossen auf sein Debüt als Musikdirektor hin. Von all dem schien das wie gewöhnlich sehr zahlreich versammelte Publikum nichts zu ahnen, als Strauß (Vater) am 16. Juli im Volksgarten unter freiem Himmel ein „Nächtliches Sonnenfest“ veranstaltete. Strauß stellte sich gleich mit zwei neuen Werken ein, einer Walzerpartie unter dem eingangs angesprochenen Titel Rosen ohne Dornen und einer Salon-Polka. „Daß beide Compositionen mit lärmendem Beifalle aufgenommen wurden“, vermerkte der Rezensent, „brauche ich wol nicht zu erwähnen, beide Compositionen, voll Lebensfrische und anmuthiger Zartheit, wurden drei Male unter endlosem Jubel- und Beifallsgeschrei wiederholt.“

[2] Wiener-Früchteln, Walzer, op. 167
Keine zwei Wochen nach der oben beschriebenen Produktion stand der Brigitta-Kirchtag auf dem Programm. Strauß pflegte auf diesem traditionsreichen Volksfest, das die vergnügungslustigen Wiener in Scharen in die nach der Heiligen benannten, zwischen dem Hauptarm der Donau und dem stadtnahen Donaukanal gelegenen Brigittenau zog, zwar nicht direkt aufzutreten. Er nützte jedoch die Gunst der Stunde, indem er auf eigene Rechnung in seinem fast direkt an der Ausfallsstraße in Richtung Brigittenau gelegenen Stammlokal, dem Sperl, ein eigenes Fest mit Ball veranstaltete. Am 29. Juli 1844 lautete die Losung „Geheimnisse aus Tausend und einer Nacht“. Suggerierten Dekoration und Beleuchtung der Räumlichkeiten und des Gartens orientalische Prachtentfaltung, so sorgte die obligate neue Walzerpartie für einen Kontrast. Wiener Früchteln, so der Titel der Komposition, bezeichnet ursprünglich eine Spezies unsolider Menschen: Tunichtgute zwar, aber mit einer gewissen Portion Charme ausgestattet. Und die Walzer? „Wahrhaftig! Das sind die echten Wiener Früchteln, die kreuzfidelen lockeren Zeisige, die von Blume zu Blume flattern und alle Herzen bezaubern. Welch ein Fond der sprudelndsten, lebensvollsten Melodien, welche kecke überschwengliche Laune, wie pikant und effectreich die Instrumentirung“ usw. usf.—noch mehrere Zeilen lang ergeht sich der Rezensent in begeisterten Lobeshymnen über das sechsmal zur Wiederholung verlangte Werk.

[3] Willkommen-Rufe, Walzer, op. 168
Am 1. Mai 1844 heiratete in München Erzherzog Albrecht von Österreich die bayrische Prinzessin Hildegarde. Der Vater des Bräutigams war niemand geringerer als Erzherzog Carl, jener Feldherr, der Napoleon zum ersten Mal in einer offenen Feldschlacht besiegt hatte. Die Mutter Albrechts, Henriette von Nassau-Weilburg, ging durch die Einführung des Christbaums in die Geschichtsbücher ein. Das jungvermählte Paar begab sich bald nach der Hochzeit per Dampfschiff donauabwärts nach Wien. Allein über die von einer pflichtschuldig jubelnden Menge begleitete Ankunft des Boots in dem Vorort Nussdorf am 11. Mai und die in Kutschen zurückgelegte Weiterfahrt in die Stadt berichtete die „Wiener Zeitung“ zwei Spalten lang. Eine Kostprobe: „Zu dem erlauchten und hoffnungsvollen Kranze Seines Hauses“ —damit war die Familie Erzherzog Carls gemeint—„flocht der segnende Himmel so eben eine neue, bewährt edlem Boden entsprossene Blume hinzu“. Zu der Volksfeststimmung, die ganz Wien in den darauffolgenden Tagen erfasste, trug auch Strauß sein Teil bei. Am 20. Mai veranstaltete er im Sperl ein Blumenfest samt Ball unter dem Titel „Hymens Jubelfeier“, als deren Höhepunkt er eine neue Walzerpartie namens Willkommen-Rufe aus der Taufe hob. Hymen, dem griechischen Hochzeitsgott, muss es am Olymp mächtig in den Füßen gezuckt haben …

[4] Quadrille über beliebte Motive aus der Oper: Die vier Haimonskinder, op. 169
Die Opern des heute nahezu völlig vergessenen irischen Komponisten Michael William Balfe erfreuten sich zu dessen Lebzeiten in weiten Teilen Europas größter Beliebtheit. Das erste dieser Werke, das Wien zu sehen bekam, waren Die vier Haimonskinder. Die Handlung dreht sich, einem altfranzösischen Gedicht folgend, um das Schicksal der vier Söhne eines Grafen von Dordogne. Die Premiere fand am 14. Dezember 1844 im Theater in der Josefstadt statt. Der Erfolg war so durchschlagend, dass die Oper im Folgejahr von den beiden führenden Musiktheater-Bühnen der Stadt, dem Kärntnertor-Theater und dem Theater an der Wien, nachgespielt wurde. Noch bevor es dazu kam, hatte Strauß die beliebtesten Melodien aus den Haimonskindern zu einer Quadrille zusammengestellt und diese am 19. Jänner 1845 bei einem Ball der Gesellschaft der Musikfreunde in den Redoutensälen der Hofburg uraufgeführt. Die Rezensenten überschlugen sich förmlich vor Begeisterung: „Er, der Meister im Wiener-Walzer componirt Quadrillen mit einer Zartheit und Pikanterie, daß sich der gerühmte Musard in Paris davor nicht zu schämen hätte. Und wie verstand er den Melodienschatz, den Balfè in seinen ,Haimonskindern‘ niedergelegt, bestens für seine Zwecke zu verwenden? Man wird bald nur mehr von Einer Quadrille in Wien reden, und es wird die Strauß’sche aus den, Vier Haimonskindern‘ seyn.“

[5] Maskenlieder, Walzer, op. 170
Mitte November 1844 gastierte Strauß in Mährisch-Schlesien, konkret in den Städten Troppau, Teschen und Neutitschein. Am 24. November hatte er jedoch allen Grund, wieder in seiner Heimatstadt anwesend zu sein, bildete doch das alljährlich an jenem Tag stattfindende Katharinenfest einen Fixpunkt im Wiener Ballkalender. Es stürmte und regnete in Strömen, „und dennoch versammelte sich in jener Nacht eine sehr zahlreiche, elegante Gesellschaft, ausgezeichnet durch die Anwesenheit der durchlauchtigsten Herren Erzherzöge Franz Carl, Stephan, und vieler hochgestellten Personen, bunt durch phantasiereiche Masken, elegante Toiletten, hübsche Frauen und Mädchen und viele, viele Herren und Herrleins in den wahrhaft kaiserlichen Sälen“—den Redoutensälen in der k. k. Hofburg. Der Reinertrag der Veranstaltung kam der Pensionsgesellschaft der bildenden Künstler zugute, was auch die zahlreiche Anwesenheit der hohen Herrschaften erklärt. Demgegenüber hatte die Mitwirkung selbst eines Strauß in der Berichterstattung in den Hintergrund zu treten; die von ihm eigens für das Fest komponierte Walzerpartie Maskenlieder wurden vom Rezensenten nicht einmal erwähnt.

[6] Eunomien-Tänze, Walzer, op. 171
Bei der Wahl der Titel für die „Den Hörern der Rechte an der Hochschule in Wien“ gewidmeten Walzerpartien strapazierte Strauß mit Vorliebe die antike Götterwelt. Vor allem bei dem umtriebigen Zeus wurde er immer wieder fündig. Drei Töchter hatte er mit Themis gezeugt, Eunomia, Dike und Eirene. Die erstere, die von Strauß zur Namensgeberin seines Opus 171 auserkoren wurde, lenkt mit göttlicher Weisheit den gesetzmäßigen Ablauf des menschlichen Lebens. Die Umstände der Uraufführung der Eunomien-Tänze liegen bislang im Dunkeln, doch liegt ein interessanter Bericht aus dem Jahr 1845 vor, in dem besagte Walzerpartie eine Rolle spielt: „Als ich neulich gegen Mitternacht auf den Technikerball zum Sperl kam, spielte Strauß gerade seine herrlichen Eunomien-Tänze unter stürmischem Beifall; nachdem ich das schöne Geschlecht, wovon wirklich eine große Anzahl zugegen war, gehörig bewundert, mich an Strauß’ Musik und Krieglers köstlichem Gefrorenen […] gesättigt hatte, sagte ich dem Sperl Lebewohl, und fuhr zum Blindenball in die k. k. Redoutensäle, in welchen gerade eine Quadrille […] getanzt wurde.—Wie groß war mein Erstaunen, als ich an der Spitze des Orchesters Strauß abermals erblickte. Im Verlauf des Balles erfuhr ich, daß er schon von 6–11 Uhr bei Hofe auf dem Kammerballe gespielt hatte. Ich weiß kein Jahr, obwohl ein Dutzend neue Musikdirectoren auftauchen, in welchem Strauß so beschäftigt gewesen wäre, als gerade in diesem.“

[7] Odeon-Tänze, Walzer, op. 172
Am 8. Jänner 1845 stand den Wienern eine Sensation ins Haus, nämlich die Eröffnung eines riesigen und opulent ausgestatteten neuen Tanzsaals unter dem Namen Odeon. Der 184 mal 34 Meter große, mehrere Tausend Menschen fassende Saal wurde von 5000 Kerzen erleuchtet, an den beiden Enden bildeten 8000 Pflanzen jeweils einen üppigen Wintergarten. In der Mitte befand sich das Tanzparkett; dort herrschte an jenem Tag Strauß über ein Orchester von 80 Mann. Das alles hatte nirgendwo in Europa seinesgleichen. Und doch hatte man einige wesentliche Punkte übersehen: „Über allen Ausdruck mangelhaft ist nämlich die Einrichtung der Garderobe. Die Localitäten, welche man dazu widmete, sind von einem Raume, welcher kaum den zehnten Theil der Gäste, für welche der Saal berechnet ist, die nöthige Bequemlichkeit bietet. […] Gleich unzulänglich zeigten sich die Veranstaltungen für Küche und Keller, ja selbst für die Credenz, denn es herrschte überall […] eine Unordnung, daß die Bewirthung in hohem Grade mangelhaft genannt werden muß“. Der Tanzlust tat dies jedoch keinen Abbruch: „Noch als Referent [den Saal] verließ (nach 3 Uhr Morgens), durchwandelten ihn zahlreiche Gruppen, und unseres Strauß’s ‚Odeon- Walzer,‘ eigens zu diesem Ballfeste componirt, fanden lauten Applaus, da capo Ruf, und setzten die Füße der Tanzlustigen in stets erneute Bewegung.“

[8] Marianka-Polka, op. 173
Während Strauß der Quadrille große Aufmerksamkeit schenkte und viel zu deren Verbreitung in Wien beitrug, zeigte er für die etwa gleichzeitig aufkommende Polka deutlich weniger Interesse. Nach der Sperl-, der Annen- und der Salon-Polka war die Marianka-Polka gerade einmal das vierte Werk dieser Gattung aus seiner Feder. Qualitativ lässt die Komposition allerdings nichts zu wünschen übrig, wie aus der Kritik der Uraufführung zu entnehmen ist: „Die ,Marianka-Polka,‘ welche Strauß bei diesem Feste zum ersten Male vortrug, gefiel außerordentlich, und man will behaupten, daß unter allen Polka’s diese die gelungenste sei. Zartheit der Idee, Charakteristik und sinnige, meisterhafte Instrumentirung zeichnen diese Composition vortheilhaft aus, wie denn Strauß in der Instrumentation überhaupt ein Meister ist.“ Das besagte Fest fand am 1. Juni 1845 in Ungers Casino in Hernals, einem westlichen, heute zum Stadtgebiet zählenden Vorort Wiens, statt und bildete den Auftakt zu einer Serie von sonntäglichen Sommerbällen in jenem Lokal. Was Strauß weniger gefallen haben dürfte, war der Zusatz „Vater“ in den Ankündigungen, der durch das Wirken seines gleichnamigen Sohnes notwendig geworden war.

[9] Musen-Quadrille, op. 174
Der Fasching des Jahres 1845 war kurz, versprach dafür aber umso intensiver zu werden. „Und dann die Straußfrage, diese wichtigste aller Zeitfragen, welche das europäische Publikum beschäftiget. Wird sie diesen Fasching schon von den Großmächten des Tanzes entschieden werden oder nicht? Wird Strauß Vater alleiniger Walzer- und Quadrillen-Regent bleiben? wird er die Herrschaft mit dem kühn aufstrebenden Sohne theilen müssen?“ Der Sperl, das tonangebende Lokal Wiens, verblieb jedenfalls fest in der Hand des Vaters. Am 13. Jänner leitete dieser dort die Musik beim Ball der bildenden Künstler. Als Novität hatte er eine Musen-Quadrille komponiert; wie immer hatte er den Titel passend zum Anlass ausgesucht. Was die Wahl des Tanzes betrifft, gab es aber auch kritische Stimmen: „Wir nehmen uns auch vor, diesen Fasching wieder auf gut wienerisch zu walzen und nur zu walzen, denn den Walzer müssen wir in Ehren halten, als unsere schönste und wichtigste Erfindung. Ich möchte wetten, die Dame auf dem Bilde [der Kommentator bezieht sich hier auf die Illustration, die seiner Glosse beigegeben war], die dem ihr nahenden Tänzer ein Körbchen gibt, weil sie keinen Walzer, nur Quadrille tanzt, ist keine Wienerin. Sie kennt nicht die magische Kraft des Dreivierteltaktes, nicht die sinnige Bedeutung eines Walzers. Der Walzer ist und bleibt der Tanz der Liebe, in ihm liegt mehr Poesie, als in allen anderen Nationaltänzen der Welt!“


Thomas Aigner


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