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8.225339 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 19
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 19

 

[1] Faschings-Possen, Walzer (im Ländler-Style), op. 175

Am 29. Jänner 1845 veranstaltete Johann Strauß (Vater) im Sperl einen großen Fest-Ball unter dem Titel „Carnevals-Gewitter“. Um ganz sicher zu gehen, dass niemand dieses Motto falsch auffassen würde, ließ er in der Zeitungsankündigung die Bemerkung hinzusetzen, „daß oben bezeichnetes Carnevals Gewitter wohl keineswegs furchterregend, sondern nur einen kleinen überraschenden Scherz insbesondere für die anwesenden Damen biethen dürfte.“ Damit war ein Regen von Blumensträußchen und Zetteln mit Sinnsprüchen gemeint, der zu einem vorbestimmten Zeitpunkt inszeniert wurde. „Zur Erhöhung des Vergnügens“, berichtete ein Rezensent, „hat Capellmeister Strauß auch zu diesem Feste neue Walzer, und zwar im Ländler Style geschrieben unter dem Titel ,Faschings-Possen‘, die, wie voraus zu sehen war, seinen besten Compositionen an die Seite gestellt werden dürften; sie bildeten ein herrliches Seitenstück zu den ,Brüdern Lustig‘ [siehe CD 16 / 8.225336], man könnte sie füglich die Schwestern Lustig nennen.“ Bemerkenswert ist, dass der Journalist vom Konkurrenzblatt in seinem langen Bericht über das Fest diese Novität mit keinem Wort erwähnte, dafür aber den Erfolg der „neuesten Quadrille“ von Strauß hervorstrich. Sowohl der heimische Walzer als auch die aus Frankreich eingeführte Quadrille hatten eben ihre eingefleischten Liebhaber!

[2] Geheimnisse aus der Wiener Tanzwelt, Walzer, op. 176

Die Ehe von Strauß war 1844 so zerrüttet, dass seine Gattin Anna im August die Scheidung einreichte. Eng damit in Zusammenhang standen die Vorbereitungen des ältesten Sohnes Johann auf sein Debüt als Tanzkapellmeister, das der Vater mit allen Mitteln zu verhindern trachtete. Am 5. September entschied der Magistrat, dass das Einverständnis von Strauß Vater nicht notwendig sei. Trotz dieser familiären Turbulenzen stand dieser vier Tage später beim Saisonschluss-Fest im Sperl, dem angesagtesten Tanzlokal Wiens, scheinbar unbeeindruckt an der Spitze seines Orchesters. „Alles nur Rebus“ lautete der Titel der Veranstaltung, an die damals herrschende Vorliebe für diese Bilderrätsel anknüpfend. Schon der Anschlagzettel hatte in Rebusform den Titel der neuen Walzer enthalten und bewirkt, dass sich an den Straßenecken Scharen sinnierender Leute sammelten. Welch bessere Werbung konnte es geben? Doch damit nicht genug: Während des Balls wurden zwei weitere Rebusse verteilt, deren Lösung mit den Ausgaben der gesammelten Walzer bzw. Quadrillen von Strauß belohnt wurde. Die Enträtselung erfolgte in Form des musikalischen Vortrags durch Strauß: Geheimnisse aus der Wiener Tanzwelt betitelten sich seine enthusiastisch aufgenommenen neuen Walzer; die englische Nationalhymne und die Nixen-Tänze von Joseph Lanner waren die anderen Lösungen.

[3] Flora-Quadrille, op. 177

Mit den beliebten Flora-Bällen, die während des Faschings jeden Samstag im Sperl stattfanden, hat die Flora-Quadrille nichts zu tun. Sie entstand vielmehr im Frühsommer des Jahres 1845; bei der „Zweyten außerordentlichen Industrie- Feyer“ am 9. Juni im Odeon bildeten sie und die gleichfalls als eine der „neuesten Compositionen“ angekündigte Walzerpartie Österreichische Jubelklänge (siehe unten) die Zugstücke. Die Quadrille ist Constanze Geiger gewidmet, die kurz zuvor, knapp zehnjährig, als Pianistin und Komponistin hervorgetreten war und als Wunderkind gefeiert wurde. Mit der Familie Strauß blieb Constanze Geiger über Jahrzehnte verbunden, auch nach ihrer morganatischen Vermählung mit Leopold Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha und der nachfolgenden Erhebung zur „Freifrau von Ruttenstein“. Bei der Flora-Quadrille fehlt die übliche vierte Tour‚ Trénis (benannt nach einem Tanzmeister namens Trenitz, der sie um 1800 eingeführt haben soll); das Werk entspricht damit einer älteren, 1845 offenbar aber noch immer getanzten Quadrillenform.

[4] Österreichische Jubelklänge, Walzer, op. 179

Am 15. Mai wurde die dritte Wiener Gewerbe- und Industrieausstellung eröffnete, die ein zahlreiches internationales Publikum anzog. Der geschäftstüchtige Strauß nahm dies zum Anlass, eine Serie von fünf Bällen im Odeon, dem größten Tanzsaal Europas, zu veranstalten. Das erste dieser Feste sollte am 19. Mai stattfinden, „bey verstärkter Beleuchtung des Saales mit mehr als 6000 Kerzen, dann Eröffnung des Speisegartens in Verbindung einer imposanten Illumination im Freyen“. Allein das Wetter spielte nicht mit, sodass die Veranstaltung um sechs Tage verschoben werden musste. Dann aber lief, von der Bedienung durch die Kellner abgesehen, alles zur vollen Zufriedenheit der Gäste ab. Im Garten sorgte Philipp Fahrbach an der Spitze der Kapelle des Infanterieregiments „Hoch- und Deutschmeister“ für die musikalische Unterhaltung, während im Saal Strauß mit einem verstärkten Orchester zum Tanz aufspielte. Die von Letzterem für dieses Fest komponierte Walzerpartie Österreichische Jubelklänge fand die gewohnt positive Aufnahme. „Wenn die guten Gedanken mit Gold honorirt würden,“ äußerte ein Rezensent, „so müßte Strauß für seine musikalischen Ideen schon ein complettes Goldbergwerk sein nennen.“ Tantiemen für Musikwerke waren damals etwas noch gänzlich Unbekanntes!

[5] Stradella-Quadrille, op. 178

Mit seiner Oper Alessandro Stradella konnte Friedrich von Flotow den bis dahin größten Erfolg seiner Karriere verbuchen. Nachdem das Werk in Hamburg und Berlin höchst erfolgreich über die Bühne gegangen war, lieferten sich das Kärntnertor-Theater und das Theater an der Wien einen regelrechten Wettlauf um die Wiener Erstaufführung. Dabei ging die letztere Bühne als Siegerin hervor; ihr neuer Direktor eröffnete am 30. August 1845 mit Alessandro Stradella das frisch renovierte Haus. Die weibliche Hauptrolle sang übrigens Henriette von Treffz, die spätere Gattin von Johann Strauß Sohn, der damals gewiss noch nichts von einer solchen Wendung des Schicksals ahnte. Sein Vater präsentierte indessen bereits am 3. September auf dem Wasser-Glacis, dem Areal des heutigen Stadtparks, im Rahmen eines Benefizkonzerts zugunsten eines Wiener Kinderspitals seine aus Themen der Oper zusammengestellte Stradella- Quadrille. „Die Aufführung derselben wurde von dem zahlreich versammelten Publikum mit stürmischem Applaus aufgenommen und mußte wiederholt werden“, vermeldete ein Zeitungsberichterstatter. Andere Komponisten, unter ihnen Carl Czerny, Anton Diabelli und Tobias Haslinger, versuchten danach ebenfalls aus dem Erfolg der Opernnovität Kapital zu schlagen, indem sie deren beliebteste Melodien zu Potpourris verarbeiteten.

[6] Sommernachts-Träume, Walzer, op. 180

War es die durch das Debüt von Johann Strauß Sohn geschaffene neue Konkurrenzsituation, die den auch zuvor schon bienenfleißigen Strauß Vater in puncto Produktivität zu neuen Höhen trieb? Am 17. Juni 1845 präsentierte er dem Publikum im Rahmen einer „außerordentlichen Fest-Soirée“ im k. k. Volksgarten mit der Walzerpartie Sommernachts- Träume bereits seine fünfte Novität innerhalb weniger Wochen. Dass die Quantität der Straußschen Schöpfungen dabei nicht zu Lasten der Qualität ging, bestätigten sowohl das Publikum als auch die Presse: „Strauß’s neue, zum ersten Male producirten Walzer, ,Sommernachts-Träume‘ betitelt, fanden eine enthusiastische, aber verdiente Aufnahme und mußten dreimal gespielt werden. Die Walzer sind echt Straußisch—ein größeres Lob gibt es nicht. Der letzte ist so gesangreich und populär, daß er uns selbst im Traume ein Echo gewähren muß.“ Sogar Robert Schumann zeigte sich von diesem Walzer höchst beeindruckt; in seinen charakteristischen ausdrucksvollen Metaphern sprach er von „As- Dur-Schwärmern, den Abendblumen und Dämmerungsgestalten und den Erinnerungen an die verflogene Jugend“. Ob Strauß von diesem von unerwarteter Seite geäußerten Lob je Kenntnis erlangt hat, ist nicht bekannt.

[7] Heitere Lebensbilder, Walzer, op. 181

Im Frühjahr 1845 richtete das größte je gemessene Elbehochwasser, die „Sächsische Sintflut“, verheerende Schäden entlang des Flusslaufs an. Auch der Norden Böhmens war schwer betroffen. Zu den zahlreichen Hilfsaktionen zugunsten der Flutopfer zählte auch ein von Strauß veranstaltetes Benefizkonzert, das am 10. Juli am Wasser-Glacis vonstatten ging. Der Rezensent konnte sich nicht erinnern, jemals „einen so orkanischen Beifall, einen so zügellosen Enthusiasmus gehört zu haben, als da Strauß seine neuen Walzer: ,Heitere Lebensbilder‘ betitelt, producirte, deren melodische Üppigkeit, deren überraschende Originalität und deren rythmischer Schwung abermals bewiesen, daß Strauß die Alleinherrschaft des Walzers besitzt, daß er in seinem Genre groß, abgeschlossen, unerreicht dasteht. Es ist in der That unläugbar, daß man bei jeder neuen Parthie dieses Walzer-Crösus in Versuchung kommt, sie für seine beste zu halten. Das entzückte Publicum, welches sich an diesen humorreichen Walzer-Liedern nicht satt hören konnte und ihren genialen Schöpfer so umringte, daß beinahe Alleen versperrt wurden, ging in seinem Jubel so weit, daß Strauß dieselben fünfmal in continuo wiederholen mußte und sich vor der sechsten Wiederholung nur mit der „Marianka- Polka“ retten konnte.“

[8] Die Landjunker, Walzer (im Ländler-Stil), op. 182

Als Strauß auf dem Höhepunkt seines Ruhmes stand, kam es selten vor, dass über die Premiere einer seiner Novitäten nicht ausführlich in den Zeitungen berichtet wurde. Die Walzerpartie Die Landjunker war gerade so ein Fall, und das mag daran gelegen sein, dass der Uraufführungsort, Unger’s Casino in Hernals, nicht zur ersten Reihe der in und um die Hauptstadt gelegenen Unterhaltungslokale zählte. Dabei verfügte das Etablissement über den größten Wirtshausgarten Wiens und wurde selbst von berühmten ausländischen Gästen wie Giacomo Meyerbeer, Hector Berlioz und Franz Liszt besucht. Für die Familie Strauß sollte Unger’s Casino eine schicksalhafte Rolle spielen: Johann Strauß Vater trat dort zum letzten Mal in seinem Leben auf, sein Sohn Josef begann am selben Ort seine musikalische Karriere. Während der Sommersaison 1845 trat Strauß Vater jeden Sonntag in besagtem Lokal auf. Am 31. August fand „ein großes Fest mit Ball bey imposanter Illumination des Gartens und festlicher Decorirung des Saales“ statt, bei welchem Die Landjunker aus der Taufe gehoben wurden. Das Werk erschien, wie damals alle Walzer von Strauß, in nicht weniger als elf verschiedenen Arrangements.

[9] Amoretten-Quadrille, op. 183

Maria Anna hieß die Gemahlin Kaiser Ferdinands von Österreich, und dieser Umstand verlieh dem Annentag, der seit jeher ein besonderes Ereignis im Wiener Festkalender bildete, noch zusätzliche Bedeutung. Wie in den Jahren zuvor spielte Strauß auch 1845, am 25. Juli, zu dieser Gelegenheit im noblen Volksgarten in unmittelbarer Nähe der Hofburg auf: „Sehr zahlreiches, höchst gewähltes Publicum, Strauß’sche Walzer, prachtvolles Arrangement, delicates Corti’sches Eis,—dies sind die Ingredienzien der so beliebten en vogue gekommenen Volksgarten Feste, die sich auch diesmal glänzend bewährten. Strauß producirte eine neue Quadrille, die keinen Namen hat, und doch sehr viel heißt. Alle Strauß’schen Vorzüge, als: Melodienfülle, musikalische Picanterien, glänzende Instrumentation, Originalität der Erfindung, unwiderstehlicher Schwung und Characteristik concentriren sich in dieser herrlichen Quadrille, deren Eté, Pantalon und Finale von electrischer Wirksamkeit sind, und den so berühmten Musard-Quadrillen nichts nachgeben. Die Volksgarten-Völker jubelten Beifall, und ließen sich diese prächtige Composition zweimal wiederholen.“ Den Werktitel—Amoretten-Quadrille – reichte Strauß später nach; über die Gründe für diese Verzögerung kann nur spekuliert werden.

[10] Concordia-Tänze, Walzer, op. 184

Die neue Walzerpartie, die Strauß auf dem Juristenball am 12. Jänner 1846 in den Redoutensälen aus der Taufe hob, trug den beziehungsvollen Titel Concordia-Tänze, benannt nach der altrömischen Göttin der Eintracht. Im Leben der Familie Strauß herrschte indessen alles andere als Eintracht. Die gerichtliche Scheidungsverhandlung zwischen Johann und Anna artete immer mehr zu einem Rosenkrieg aus, und in beruflicher Hinsicht bekam Ersterer die Konkurrenz seines Sohnes zu spüren. Obwohl dieser die väterliche Stellung nicht ernsthaft erschüttern konnte, griffen die Zeitungen, für die das Privatleben selbst der größten Stars damals aus Pietätsgründen tabu war, die künstlerische Rivalität innerhalb der Familie dankbar auf. Der Vater, der in der Gesellschaft gewiss nicht mit ebendiesem Namenszusatz tituliert sein wollte und die öffentliche Wahrnehmung seiner Einzigartigkeit in Gefahr sah, wusste eine Lösung. Fünf Tage vor der Premiere seiner Concordia-Tänze hatte er um Verleihung des eigens für ihn erfundenen Titels „k. k. Hofball-Musikdirektor“ angesucht. Von dem neuen Werk, das wie damals alle Strauß-Walzer in elf Arrangements erschien, zeigte sich übrigens erneut Robert Schumann begeistert; poetisch nannte er sie richtige „Fuß-Walzer, an denen alles wogt und springt—Locke, Auge, Lippe, Arm und Fuß“.


Thomas Aigner


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