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8.225341 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 21
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 21

 

[1] Charivari-Quadrille, op. 196. Unger’s Casino im damaligen Wiener Vorort Hernals nahm Mitte der 1840er-Jahre einen bedeutenden Aufschwung, nicht zuletzt durch die regelmäßigen Auftritte von Johann Strauß Vater und seinem Orchester. 1846 veranstaltete Strauß dort während der Freiluft-Saison jeden Sonntag eine „Nachmittags-Unterhaltung“ und am 28. Juni sogar ein „Großes Gartenfest mit Ball“. Es war vermutlich an jenem Abend, dass er seine Charivari- Quadrille aus der Taufe hob. Charivari war damals noch ein völlig harmloser Begriff, der soviel wie buntes Allerlei bedeutete. Aber nur wenig später wandelte sich seine Bedeutung, indem man darunter ein mittels Trillerpfeifen, Ratschen, Geschirrdeckeln usw. verursachtes wildes Lärmen verstand. Solche „Katzenmusiken“ brachte man ursprünglich ältlichen Bräutigamen dar, die vor der Ehe mit einem jungen Mädchen standen. Bald jedoch wurden generell missliebige Personen auf diese Weise verspottet und spätestens in der Revolution des Jahres 1848 bekam „Charivari“ eine politische Konnotation.

[2] Bouquets, Walzer, op. 197. Zum Annentag, der während der Regierungszeit Kaiser Ferdinands I. zugleich auch das Namensfest der Kaiserin Maria Anna war, pflegte sich Strauß mit einer Produktion im noblen Volksgarten einzustellen, bei der auch ein anlassbezogenes neues Werk aus seiner Feder nicht fehlen durfte. Am 24. Juli 1846 war das Fest „von der herrlichsten Witterung begünstigt. […] Um ½ 10 Uhr spielte Strauß seine neuen Walzer: ,Anna-Bouquets,‘ zum ersten Male. Diese Walzer entsprachen vollkommen ihrem Titel, es sind melodienduftende Bouquets, voll der originellsten und lieblichsten harmonischen Wendungen, pikant instrumentirt. Sie erregten wahren Beifallssturm, und mußten, trotz Meister Straußs sichtlicher Ermüdung, unter jubelnden Acclamationen drei Mal nach einander producirt werden.“ Die Gründe, warum Strauß bei der Drucklegung der Walzer den Namen Anna eliminierte und zugleich die Worte „zur Erinnerung an Troppau“ hinzufügte, kennen wir nicht. Fest steht nur, dass er im Herbst des genannten Jahres eine Konzertreise nach Mähren und Schlesien unternahm, in deren Rahmen er auch Troppau berührte.

[3] Ländlich, sittlich! Walzer (im Ländlerstyle) op. 198. „Im Volksgarten“, befanden die Strauß-Forscher Max Schönherr und Karl Reinöhl, „benimmt man sich mehr sittlich als ländlich, und hier gilt es nicht für nobel, sich die Glaçe-Handschuhe zu zerknittern oder eine Heiserkeit an den Hals zu schreien. Beim Unger ist es wieder nicht nobel, wenn man Strauß nicht lebhaft applaudiert, und so wurden seine neuesten Walzer: ,Ländlich-sittlich‘ am 31. August mehrere Male ungestüm zur Wiederholung verlangt.“ In Unger’s Casino hatte Ende August 1846 ein zweitägiges Kirchweihfest stattgefunden, am Sonntag eine „außergewöhnliche Fest-Soirée“ und am Montag ein „brillantes Gartenfest mit Ball“. Bei letzterem produzierte sich zunächst im Freien eine Militärkapelle, ehe am Abend „in dem äußerst geschmackvoll decorirten Saale […] Straußs zauberische Melodien“ die Tanzlustigen beflügelten. Den Höhepunkt bildete natürlich die Premiere der neuen Walzer. Nicht einmal die „Südhitze“, die aufgrund des warmen Wetters und der großen Menschenmenge in den Räumlichkeiten herrschte, tat der allgemeinen Begeisterung Abbruch.

[4] Neujahrs-Polka, op. 199. Silvester- oder Neujahrskonzerte, die heute dank des Fernsehens zum Inbegriff der Aufführung Straußscher Musik geworden sind, waren zu Strauß’ Lebzeiten eher die Ausnahme als die Regel. Eine Veranstaltung dieser Art fand am 31. Dezember 1846 im Sperl statt, und es ist nicht uninteressant, sich anhand zeitgenössischer Schilderungen die Höhepunkte des damaligen Programms vor Augen zu führen: „Daß bei dieser Sperl-Soirée der Liebling, der Unentbehrliche, der Generalissimus der Musikdiretoren, Strauß Vater, nicht fehlte, versteht sich von selbst. Nebst seinen beliebtesten Kompositionen spielte er zum ersten Male: ,Neujahrs-Polka,‘ welche stürmischen Beifall erhielt. […] Punkt 12 Uhr spielte er die herrliche Melodie aus weil. Raimund’s trefflichem ,Alpenkönig und Menschenfeind‘: ,So leb’ denn wohl du stilles Haus‘“—„Mit Trompetengeschmetter und Paukenwirbel wurde sodann das neue Jahr empfangen, und mit mächtigen Tönen stimmte man das ,Gott erhalte,‘ unser schönes Volkslied an.—Und um ganz des Wieners lebenslustigen Sinn zu bezeichnen, erklang gleich im neuen Jahre als zweite Melodie: ,Es ist alles ein’s, es ist alles ein’s. Ob wir Geld haben oder kein’s!‘ Schöne Gedanken! Ganz wienerisch! Man muß nur gehört haben, mit welchem Jubel das aufgenommen wurde. Und nun folgten unseres Strauß alte und neue Walzer, die mit demselben Herzensjubel bewillkommt wurden.“ Auch die Neujahrs-Polka erklang nochmals. In einer erstaunlichen Parallele zur heutigen Zeit wurde das Werk innerhalb weniger Tage gedruckt und bei einem der ersten Bälle des neuen Jahres als Damenspende verteilt.

[5] Souvenir de Carneval 1847, Quadrille, op. 200. Im Jänner 1846 wurde der von den Architekten Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg, den Erbauern des heutigen Wiener Staatsoperngebäudes, umgestaltete Sophienbad-Saal eröffnet. Mittels Aufbringung eines Tanzbodens war er nun im Winter als Ballsaal verwendbar, und als solcher schickte er sich an, dem Sperl den Rang als angesagteste Vergnügungsstätte Wiens abzulaufen. Selbstverständlich trug Strauß das Seine dazu bei. Im Jänner 1847 stand in einer beliebten Zeitung zu lesen: „Unser Walzer-Proteus Strauß geizt nicht mit den Schätzen seiner tondichterischen Muse, sondern ist nach allen Seiten hin gefällig und aufmerksam. So schreibt er für den im Sophien-Bad abzuhaltenden Ball der Herren Nordbahn-Beamten, welcher am 18. d. M. stattfindet, und besonders elegant werden soll, eine neue Quadrille. Durch dieses glückliche Ereigniß sind die Nordbahn-Actien um 3/8 gestiegen!“ Die Auguren sollten Recht behalten, denn das derart bezeichnete Werk, Souvenir de Carneval 1847 betitelt, entwickelte sich zu einem Schlager der Saison!

[6] Themis-Klänge, Walzer, op. 201. „Der Wiener Fasching ist da und Vater Strauß ist hundertfach da! Ich sage hundertfach, denn der einfache und der zehnfache und der fünfzigfache Strauß—er reicht für den Wiener Fasching nicht aus! Strauß und der Wiener Fasching, sich einen ohne den andern zu denken, wäre das denkbar, möglich? Strauß ist ja der Wiener Fasching selber—der Körper, die Seele, Kopf, Hand und Fuß des Wiener Faschings!“ So enthusiastisch urteilte ein zeitgenössischer Chronist, und er war mit seiner Meinung keineswegs allein. Zu den zahlreichen Verpflichtungen, die Strauß für gewöhnlich in dieser tanzfreudigen Saison einging, waren seit dem Ende der 1830er-Jahre noch die Korporationsbälle hinzugekommen, namentlich jene der Juristen, Mediziner und Techniker. Fast immer waren sie mit einer Widmungskomposition verbunden. Für den Gesellschaftsball der Juristen, der am 13. Jänner 1847 in den Redoutensälen der Hofburg stattfand, schrieb Strauß eine Walzerpartie namens Themis-Klänge, benannt nach der griechischen Göttin der Gerechtigkeit. Acht Jahre zuvor hatte bereits Joseph Lanner seine Walzer Themis-Strahlen den Hörern der Rechte gewidmet.

[7] Eisele- und Beisele-Sprünge, Polka, op. 202. Eine Vorform unserer heutigen Comics-Figuren waren Baron Beisele und dessen Hofmeister Dr. Eisele, die 1846 von zwei Mitgliedern der Redaktion eines Münchner Witzblatts erdacht wurden. Rasch entwickelten sie sich im gesamten deutschen Sprachraum zu Kultfiguren. Im Februar 1847 verkündete eine Zeitungsannonce in großen Lettern: „Carnevals-Schwank!!! Am Faschings-Sonntag, Montag und Dinstag große Ballfestivitäten im Odeon zu Ehren der Herren Beisele und Eisele. Da die berühmten Reisenden Baron Beisele und dessen Hofmeister Dr. Eisele auf ihrer großen deutschen Rundreise in Wien angelangt sind, […] ist ihnen zu Ehren […] das gegenwärtige Ballfest mit bedeutendem Kostenaufwande veranstaltet und für die Erscheinung dieser außerordentlichen Gäste auf das passendste vorbereitet worden […]. Herr k. k. Hofball-Musikdirector Johann Strauß leitet persönlich sein Orchester und bringt seine neueste Polka ,Beisele und Eisele Sprünge‘ zuerst bey diesem Feste zur Aufführung.“ Als am 14. Februar die beiden mit Spannung erwarteten Gäste nicht in corpore erschienen, machte sich unter den Anwesenden Unmut breit und erst Strauß konnte mit seiner neuen Polka die Stimmung retten.

[8] Herz-Töne, Walzer, op. 203. Den „Herren Hörern der Medicin“ widmete Strauß im Fasching des Jahres 1847 eine Walzerpartie unter dem Titel Herz-Töne. Nach der Uraufführung auf dem Medizinerball am 29. Jänner im Sperl ließ sich der Rezensent vom Titel zu folgendem Wortspiel verleiten: „Herzige Walzer und Walzer fürs Herz hat Strauß schon viele geschrieben; diese werden ihrem Namen alle Ehre machen und zu den besten gehören.“ Der ernste Hintergrund für die Titelgebung könnte eine Bezugnahme auf die seit 1839 in mehreren Auflagen erschienene, zur Weltgeltung gelangte Abhandlung über die Percussion und Auscultation des Wiener Arztes Joseph Skoda gewesen sein. Eine andere Großleistung eines Vertreters der Wiener medizinischen Schule, nämlich das im Mai 1846 von Ignaz Semmelweis eingeführte Waschen der Hände vor Betreten des Kreißsaales, mit dem die Säuglingssterblichkeit drastisch gesenkt wurde, war damals noch nicht im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Den ersten der fünf Walzer der Herz-Töne verwendeten übrigens Franz Grothe und Alois Melichar 1933 im Tonfilm Der Walzerkrieg, indem sie den Text „An der Donau, wenn der Wein blüht“ unterlegten.

[9] Helenen-Walzer, op. 204. Im Herbst und Winter 1846 hielten sich die russische Großfürstin Helene, eine gebürtige württembergische Prinzessin, sowie deren Gatte, Großfürst Michael, und ihre Tochter Maria in Wien auf. Für Strauß war der hohe Besuch ein Anlass, für seinen am 1. Oktober 1846 stattfindenden letzten Auftritt des Jahres im sogenannten Paradiesgarten, einem heute nicht mehr existierenden Teil des Volksgartens, die Uraufführung einer der adeligen Dame gewidmeten Walzerpartie anzukündigen. Wie gewöhnlich hatte er sich nicht verrechnet. Sein Fest zog die gesellschaftliche Elite an; unter anderen „bemerkte man Se. Königl. Hoheit den Prinzen von Preußen mit seiner Suite, welcher Hrn. Strauß durch eine fünfminutenlange Unterredung auszeichnete.“ Die Helenen-Walzer gefielen; der Rezensent befand, dass sie „so originell, zart, melodiös, tanzeinladend und dabei effectvoll instrumentirt sind, daß selbe in keiner Hinsicht sogar den vorzüglichsten Schöpfungen Strauß’s nachstehen.“ Einziger Wermutstropfen war, dass die Großfürstin die Dedikation offenbar nicht angenommen hatte. Zumindest fehlt auf dem Titelblatt der Druckausgabe ein entsprechender Widmungstext.

[10] Triumph-Quadrille, op. 205. Der auf den 18. Oktober fallende Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, in der Napoleon entscheidend geschlagen wurde, war in der sich als militärische Großmacht verstehenden Habsburgermonarchie stets ein besonderer Ehrentag. 1846 wurde zu diesem Anlass auf der Freyung, einem der zentralen Plätze Wiens, der von dem bayrischen Bildhauer Ludwig Schwanthaler gestaltete Austria-Brunnen enthüllt. Zudem traf es sich gut, dass die neue Saison in den Musik- und Ballsälen unmittelbar vor der Tür stand: „Den Reigen eröffnete das berühmte Odeon mit einem großartigen Feste am 18. d. M. […] Strauß Vater schwang mit zahlreich verstärktem Orchester den magnetischen Bogen. Die für diesen Abend eigens verfaßte Triumph-Quadrille erregte wieder lebhaften Beifall.“ Um diesen riesigen Saal zu füllen, bedurfte es ungeachtet der Mitwirkung von Strauß eines enormen propagandistischen Aufwands. So hatte man Plakate von enormer Größe affichiert und sogar in Zeitungen, die für gewöhnlich keine Ballankündigungen brachten, mehrmals auf den „Triumphball“ hingewiesen.

[11] Najaden-Quadrille, op. 206. Ein Höhepunkt des Faschings 1847 war die „Carnevals-Festnacht der Najaden“, die am 2. Februar im Sophienbad-Saal „zu Ehren aller Freunde der edlen Schwimmkunst, insbesondere der verehrten Badegäste der Sofien-Bade-Anstalt, bei außerordentlicher Ausstattung“ stattfand. Strauß, der mit der Leitung der Ballmusik betraut war, stellte sich mit einer eigens für das Fest komponierten Najaden-Quadrille ein, die er der Gattin des Saal-Eigentümers, Caroline Morawetz, widmete. „Nixenhaft und duftig“ empfand sie der Rezensent, der sich auch sonst eingedenk der Balldevise in Wortspielen übte: „Der prächtige Saal schwamm in einem Lichtermeere feenhafter Beleuchtung,—die anwesenden Damen schwammen in einem Strahlen-Oceane von Diamanten des reinsten Wassers, die ganze Gesellschaft schwamm in einem La Plata-Strome der Lust und Freude, und um ein Uhr nach Mitternacht schwamm so manche heitere Gesellschaft in einem brausenden Niagara-Falle des Champagners.“

[12] Schwedische Lieder, Walzer, op. 207. Jenny Lind war unzweifelhaft die führende Operndiva ihrer Zeit. In Wien trat sie erstmals im Frühling des Jahres 1846 auf. Bei dieser Gelegenheit hatte Johann Strauß Sohn ihr zu Ehren eine Fest-Soirée gegeben, bei welcher er dem Publikum seine neuen Walzer Lind-Gesänge vorstellte. Vom Beginn des folgenden Jahres an war die „Schwedische Nachtigall“ erneut in der Hauptstadt des Habsburgerreichs zu Gast, wo sie in Opern von Bellini und Donizetti rauschende Erfolge feierte. Giacomo Meyerbeer arbeitete für einen ihrer Wiener Auftritte sogar eigens seine Oper Ein Feldlager in Schlesien um. Kurz vor der Premiere komponierte nun Strauß Vater zu Ehren der gefeierten Sängerin eine neue Walzerpartie, benannt Schwedische Lieder. Bei der Uraufführung am 9. Februar im Sophienbad-Saal waren einem Berichterstatter zufolge 3000 Besucher zugegen, nach einer anderen Quelle sogar 4500, und das trotz der infolge der sich verschärfenden Wirtschaftskrise allgemein schlechten Auslastung der Bälle. Die Kritiker sahen in dem neuen Werk „alle Vorzüge Strauß’scher Kompositionen“ vereint und konstatierten dementsprechend einen Beifallsjubel, „welchen die genialen Weisen dieses Meisters sich stets zu sichern wissen“.


Thomas Aigner


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