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8.225344 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 24
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Johann Strauß-Vater
Edition • Folge 24

 

[1] Brünner National-Garde-Marsch, op 231
Die Revolutionäre des Jahres 1848 sicherten ihre Macht durch die Nationalgarden, die sich in allen größeren Städten der Monarchie aus Bürgern, Arbeitern und Studenten gebildet hatten. Dabei kam es gelegentlich zur Verbrüderung lokaler Verbände, die betont feierlich begangen wurde. Am 2 Juni 1848 demonstrierten 130 Brünner Nationalgardisten in Wien. Zwei Tage später erfolgte ein Gegenbesuch der Wiener Nationalgarde, der bis zum 6 Juni dauerte. Am 30 Juli traf erneut eine Deputation der Brünner Nationalgarde zu einem viertägigen Aufenthalt in Wien ein. Am 1 August holten Gardisten der Wiener Vorstadt Leopoldstadt, ein Musikcorps an der Spitze, ihre Brünner Kameraden aus deren Quartier ab und geleiteten sie zum Sperl. Dort bereitete ihnen Karl Carl, Direktor des nach ihm benannten nahegelegenen Theaters, ein großes Fest, bei dem auch Johann Strauß (Vater) auftrat. Vermutlich bei dieser Gelegenheit erklang erstmals dessen Brünner National-Garde-Marsch.

[2] Landes-Farben (Schwarz-Roth-Gold), Walzer, op 232
Ja, ja, die Zeit ist eine andere, eine ernste geworden, und wir haben jetzt Wichtigeres zu thun, als über Walzer zu debattiren. Strauß muß den Druck der Zeit eben so fühlen, wie so viele Andere, und er ist noch der Einzige in seinem Fache, zu dem man sich flüchtet, wenn der Sorgenbecher überschäumt.“ Mit diesen Worten motivierte ein Zeitungsredakteur seine Besprechung eines großen Fests mit Gesang, Musik, Illumination und Feuerwerk, das Strauß am 26 Juli 1848 auf dem Wasser-Glacis, dem Gebiet des heutigen Wiener Stadtparks, gegeben hatte. Strauß hatte mit zwei Novitäten aufgewartet, deren Titel der neuen Ära Rechnung trugen: einem Marsch des einigen Deutschlands (s Vol 23 / 8.225343) und einer Walzerpartie Schwarz-Roth-Gold. Mit letzterer Bezeichnung waren die Farben der Flagge des geeinten Deutschland gemeint. Die Forderung nach einem solchen Staat war im Revolutionsjahr 1848 populär, wäre aber zur Zeit des Erscheinens der Druckausgabe, als die alte Ordnung wieder hergestellt war, als Hochverrat angesehen worden. Aus diesem Grund wählte der Verleger Haslinger den unverfänglichen Titel Landes-Farben.

[3] Huldigungs-Quadrille, op 233
Am 28. Mai 1847 spielte Strauß wie schon in den Jahren zuvor im k. k. Volksgarten zur Namensfeier Kaiser Ferdinands I. auf. Das Fest ging wie gewohnt „bey besonderer Illumination und Decorirung“ vonstatten und Strauß wartete mit der obligaten Novität auf. Ihr Titel wurde bereits in der Zeitungsanzeige, welche dieses Fest bewarb, verraten, wohl um eine größere Zahl an Besuchern anzulocken. Die Annonce versprach „eine eigends für diesen Abend von ihm neu componirte Quadrille, unter dem Titel: Huldigungs-Quadrille“, die Strauß persönlich aus der Taufe heben würde. Das Publikum ahnte wohl nicht, dass dies die letzte Namenstagshuldigung sein sollte, die es seinem Kaiser Ferdinand entgegenbringen würde. Ein Jahr später musste dieser von Innsbruck aus zusehen, wie in Wien die Revolutionäre das Kommando führten.

[4] Louisen-Quadrille, op 234
Die Umstände der Uraufführung dieses Werks sind unbekannt. Auch zu dessen Titelbezug können derzeit nur Mutmaßungen angestellt werden. Denkbar wäre etwa ein Zusammenhang mit Marie Louise, der Tochter Kaiser Franz’ I. und einstigen Gemahlin Napoleons. Sie wurde nach dessen Sturz als Herrscherin über das Herzogtum Parma eingesetzt. 1847 starb sie und ihre sterblichen Überreste wurden in die Kapuzinergruft in Wien überführt. Ebenso fragwürdig ist eine mögliche Bezugnahme auf den königlich preußischen Louisenorden, der nach der Gemahlin von König Friedrich Wilhelm III. benannt ist. Dieser höchste preußische Damenorden wurde u. a. an Frauen verliehen, die sich um die Pflege von Verwundeten während der Revolution von 1848/49 verdient gemacht haben – allerdings erst nach der Erneuerung des Ordens im Jahr 1850. Da aber war die Druckausgabe der Quadrille bereits erschienen.

[5] Piefke und Pufke-Polka, op 235
In der Literatur findet sich kein einziger Hinweis auf die zeitgenössische Aufführung eines Werks von Strauß unter obigem Titel. Allerdings könnte sich die folgende Rezension eines am 4. Februar 1849 im Sophienbad-Saal veranstalteten Balls zu Ehren der Schwimm-und Badegäste auf die Piefke und Pufke-Polka beziehen: „Getanzt wurde, wie immer, sehr viel; die neue Quadrille und Polka von Strauß, von denen besonders die erstere unter dem Titel: .Der Fasching ein Traum,‘ charakteristisch und melodiös componirt sind[!], wurde unter rauschendem Beifalle zur Wiederholung verlangt; die Unterhaltung war ungezwungen und heiter; die Zufriedenheit allgemein, und Jedermann verließ mit der Erinnerung an einen froh durchlebten Abend den Saal.“ Die genannte Quadrille muss als verschollen gelten. Piefke und Pufke aber waren die um den Jahreswechsel 1848/49 hoch im Kurs stehenden Nachfolger der beiden Witzblattfiguren Dr. Eisele und Baron Beisele, die zwei Jahre zuvor von München aus ihren Siegeszug angetreten hatten (s Vol 21 / 8.225341).

[6] Damen-Souvenir-Polka, op 236
Wie man Spannung aufbaut, wussten die Journalisten schon im 19 Jahrhundert. Am 6 Februar 1849 wurde in der „Wiener Zeitung“ angezeigt, dass Strauß in genau einer Woche einen großen Fest-Ball im Sophienbad-Saal veranstalten würde, versehen mit dem kryptischen Zusatz, „worüber das Nähere folgt“. Zwei Tage später wurde die Anzeige erneut geschaltet, diesmal bereits mit der Angabe, dass es sich um den „Abschied und Dank des k. k. Hofball-Musikdirectors Joh. Strauß bei seiner bevorstehenden Abreise“ handeln würde. Auch von einer Damenspende war die Rede. Am Veranstaltungstag selbst präzisierte schließlich der „Oesterreichische Courier“: „Um den Damen auch ein besonderes Zeichen von Hochachtung zu verehren, werden 400 Exemplare einer ganz neuen Polka, welche auch an diesem Abende zum ersten Male aufgeführt wird, unter dem Titel: ,Damen-Souvenir- Polka,‘ in eleganter Ausstattung für das Pianoforte ausgetheilt.

[7] Des Wanderers Lebewohl, Walzer, op 237
Bei dem Fest-Ball, den Strauß am 13. Februar 1849 im Sophienbad-Saal zum „Abschied und Dank“ gab, hob er nicht nur die Damen-Souvenir-Polka (s. o.) aus der Taufe, sondern auch eine Walzerpartie unter dem bezeichnenden Titel Des Wanderers Lebewohl. „Es ist nicht zu zweifeln“, orakelte der „Oesterreichische Courier“, „daß bei der allgemeinen Beliebtheit, deren sich Herr Strauß zu erfreuen hat, der Besuch dieses so viele Annehmlichkeiten versprechenden Balles überaus zahlreich sein werde, um so mehr, als die lebenslustigen Wiener dann längere Zeit das Vergnügen, Strauß zu hören, entbehren werden müssen, indem Strauß gleich nach beendetem Carneval mit seiner ganzen Gesellschaft eine große Reise in das Ausland antritt.“ Obwohl als Reiseziele die Niederlande und London genannt wurden, kam bald das irrige Gerücht auf, dass sich Strauß gar nach Amerika begeben würde. Was aber niemand ahnen konnte, war, dass diese Tournee die letzte seines Lebens sein würde.

[8] Alice-Polka, op 238
Am 22. April 1849 erreichten Strauß und sein Orchester London. Wie schon bei seinem ersten Englandaufenthalt widerfuhr ihnen auch diesmal die Ehre, sich vor Königin Victoria produzieren zu dürfen. Am 30. April waren sie zur Ausrichtung der Musik beim ersten großen Hofball der Saison geladen. Insgesamt 1600 Gäste nahmen teil, darunter alle Personen, die Rang und Namen hatten. Wegen des Balls wurde sogar die zweite Lesung eines Gesetzesvorschlags, demzufolge die Juden nicht länger vom Parlament ausgeschlossen sein sollten, um eine Woche verschoben. Strauß und die Seinen wussten einmal mehr die Berichterstatter durch die Präzision und die rhythmische Akzentuierung ihres Spiels zu überzeugen. In der neuen, eigens für den Anlass komponierten Alice-Polka sah man ein künftiges Zugstück: „Der Takt kommt in bewundernswerter Weise zum Ausdruck, und die Melodie ist prickelnd und graziös.“ Benannt ist das Werk nach Alice Maud Mary, der damals sechsjährigen Tochter Königin Victorias.

[9] Frederica-Polka, op 239
Die Londoner Presse hatte die Beweggründe von Strauß’ Gastspiel richtig erkannt: „Wenngleich Österreichs revolutionärer Wahn Deutschland erschüttert hat, so hat zumindest England keinen Grund, den politischen Schabernack zu beklagen; denn zweifellos verdanken wir diesem Umstand seine Anwesenheit bei uns.“ Am 23. April 1849 hatte Strauß seine Konzerttätigkeit in den Queen’s Concert Rooms, besser bekannt nach ihrer geographischen Lage als Hanover Square Rooms, aufgenommen. Im vorletzten Konzert der Serie, am 12 Juni 1849, brachte er seine Frederica-Polka zur Uraufführung. Einzige Namensträgerin in der königlichen Familie, auf die sich der Titel beziehen könnte, war die im Jahr zuvor geborene Prinzessin Friederike von Hannover, die älteste Tochter des Kronprinzen und der Prinzessin von Hannover. Der Londoner Verlag Cocks & Co veröffentlichte die Polka im Juli 1849 und kam damit Strauß’ Wiener Stammverleger Haslinger um einen Monat zuvor.

Zwei Märsche der königlichen spanischen Nobelgarde, op 240

[10] Triumph-Marsch, op 240a
[11] Manövir Marsch, op 240b

Der große Fest-Ball, den Strauß am 13 Februar im Sophienbad-Saal ausdrücklich als Scheidegruß vor seiner bevorstehenden Englandreise gegeben hatte, war in Wahrheit noch nicht sein endgültiger Abschied. Dieser erfolgte erst knapp drei Wochen später: „Sonntags den 4. März veranstaltete der k. k. Hofball-Musikdirector Herr Joh. Strauß, in den Localitäten des k. k. Volksgartens seine Abschiedssoirée, welche von seinen Verehrern so zahlreich besucht wurde, daß man sich glücklich schätzen konnte, nur ein Plätzchen zum Stehen zu bekommen; dies mag Herrn Strauß der entschiedene Beleg sein, wie sehr man ihn hier schätzt und liebt. Strauß führte an diesem Abende seine gediegensten Compositionen auf, worunter sich auch die beiden, von der Königin von Spanien bestellten Märsche befanden: der Triumphmarsch und Gardemarsch. Beide wurden oftmals wiederholt. Am Schluße wurde dem scheidenden Liebling ein Lorberkranz geworfen, den Strauß sichtbar gerührt, empfing.“ Am folgenden Abend staunte die Wiener Bevölkerung über die außerordentlich hell am Firmament leuchtende Venus. Ob dies ein gutes Zeichen für die Unternehmung ihres Lieblings Strauß war?

Die Einzelheiten betreffend die in England uraufgeführten Kompositionen von Johann Strauß sind dem höchst verdienstvollen Artikel von Peter Kemp, Reflections from Albion, Teil 2, veröffentlicht in Vienna Music, Journal of The Johann Strauss Society of Great Britain, Nr 89 (Frühjahr 2005), entnommen.


Thomas Aigner


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