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8.225345 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 25
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 25

 

[1] Die Friedensboten, Walzer, op. 241

Nach der Niederschlagung der Revolution des Jahres 1848 wurde über Wien der Belagerungszustand verhängt. Das Leben in der Stadt war wie gelähmt, und es ist wenig verwunderlich, dass im darauffolgenden Fasching keine fröhliche Laune aufkam. Die privaten Tanzkapellen waren aber auf die Einnahmen aus diesem Saisongeschäft angewiesen und boten daher unverdrossen ihre Dienste an. Johann Strauß (Vater) veranstaltete am 28. Jänner 1849 im Sophienbad-Saal einen Festball, für den er eine neue Walzerpartie, betitelt Die Friedensboten, ankündigen ließ. Mit allen publizistischen Kniffen wurde im Vorfeld die Stimmung anzuheizen versucht: „[…] wir sind im Vorhinein überzeugt, diese Friedensboten werden eine so angenehme, süß tönende Friedensbotschaft bringen, daß Alles vor Freude darüber tanzen, und nichts sehnlicher gewünscht werden wird, als—die Verlängerung dieses Friedensgeschäftes.“ Der wenige Tage später erschienene Bericht über die Veranstaltung klang dann allerdings, gemessen an den überschwänglichen Rezensionen aus früherer Zeit, eher dürr: „Vergangenen Sonntag hatte sich zum zweiten Ballfeste in diesem Saale eine heitere und zahlreiche Gesellschaft versammelt, welche sich in fröhlicher Lust den Freuden des Carnevals hingab. Strauß hatte neue Walzer geliefert, welche, wie stets die Compositionen dieses unerschöpflichen Meisters, ihr Recht behaupteten, mit allgemeinem Beifalle gehört, und ausgezeichnet wurden.“

[2] Soldaten-Lieder, Walzer, op. 242

Von Kaiser Franz Joseph I. weiß man, dass er bis ins höchste Alter seine Nachtruhe nicht anders als auf einem Feldbett zuzubringen pflegte. Seine Neigung zum Militär dürfte sich schon kurz nach seinem Regierungsantritt herumgesprochen haben, sonst hätte Strauß wohl kaum den Titel Soldaten-Lieder für seine neue Walzerpartie gewählt, die er am 18. August 1849 im Volksgarten bei einer musikalischen Geburtstagsfeier für den jungen Monarchen aus der Taufe hob. Bemerkenswert ist, dass kaum zwei Wochen später eine Sammlung von Liedern verschiedener Komponisten nach Gedichten Johann Nepomuk Vogls erschien, die ebenfalls den Titel Soldatenlieder trug. Könnte es sein, dass Strauß der Inhalt dieses Bandes noch vor dessen Erscheinen bekannt war? Immerhin lassen sich mit einiger Fantasie in den Walzerthemen 1a, 2a und 2b Anklänge an Melodien aus der Voglschen Sammlung herauslesen, nämlich Soldatenmanier von Jacob Dont und Vom deutschen Kameraden von Gottfried Preyer.

[3] Almacks-Quadrille, op. 243

Almack’s war eine exklusive gesellschaftliche Vereinigung in London, die in den Jahrzehnten nach dem Wiener Kongress von einem Konsortium von Patronessen aus den höchsten gesellschaftlichen Kreisen der britischen Hauptstadt geleitet wurde. Wer zugelassen werden wollte, musste nicht unbedingt über eine noble Herkunft oder viel Geld verfügen, dafür aber mit einer vorzüglichen Erziehung und untadeligen Manieren aufwarten können. Einzige Vereinsaktivität war die Abhaltung von Bällen, die stets an Mittwochabenden stattfanden. Zu diesem Zweck wurde gemäß den obigen Kriterien eine begrenzte Anzahl von Saisonkarten ausgegeben, die nicht übertragbar waren. 1849, als die Patronessen den in London anwesenden Strauß für ihre Bälle verpflichten konnten, waren die Regeln allerdings nicht mehr so streng. Für den Eröffnungsball am 10. Mai erwartete der Verein die für seine Verhältnisse außerordentlich hohe Zahl von 600 Gästen. Strauß stellte sich mit einem neuen, eigens für den Anlass komponierten Werk, der Almacks-Quadrille, vor. Wie bei englischen Quadrillen üblich, fehlt darin die Tour Trénis. Die von Cocks im August 1849 veröffentlichte Klavierausgabe trägt eine Widmung an die Gräfin von Jersey, eine der Patronessen. Der Wiener Verleger Haslinger brachte das Werk erst im September 1850, ein Jahr nach dem Tod von Strauß, heraus.

[4] Jellacic-Marsch, op. 244

Josip Jelačić, Ban von Kroatien, war mit seinen Truppen maßgeblich an der Niederschlagung der Wiener Revolution des Jahres 1848 beteiligt. Sodann kämpfte er mit wechselndem Schlachtenglück gegen die aufständischen Ungarn, stets in Diensten der habsburgischen Zentralmacht. Nach dem endgültigen Sieg der kaiserlichen Armee, der allerdings nur mit russischer Hilfe erfochten werden konnte, wurde er, ähnlich Radetzky, von offizieller Seite als Held gefeiert. Der erste Strauß-Biograph, Ludwig Scheyrer, berichtet, dass Strauß den „neu komponirten“ Jellacic-Marsch bei seinem letzten Auftritt in Unger’s Casino am 16. September 1849 gespielt und dabei bereits den Keim seiner Todeskrankheit gespürt hätte. Tatsächlich dürfte der Jellacic-Marsch die letzte vollständige Komposition aus der Feder von Strauß sein. Die Uraufführung ist in der zeitgenössischen Presse nirgends vermerkt, dürfte aber einige Tage oder Wochen vor der von Scheyrer beschriebenen Wiedergabe stattgefunden haben. Aufgrund ihrer Wertigkeit kommen dafür zwei Veranstaltungen in Frage: entweder die „Große Fest-Soirée“ im Volksgarten am 3. August, deren Reinertrag den verwundeten Soldaten der kaiserlichen Armee zugutekam, oder das ebendort am 11. September stattgehabte Fest unter der Bezeichnung „Oesterreichs Triumph, oder Helden-Glorie“. Strauß nimmt auf die Herkunft von Jelačić Bezug, indem er im Trio ein kroatisches Lied verwendet und am Ende sogar acht Takte eines Kolos, des kroatischen Nationaltanzes.

[5] Wiener Jubel-Marsch, op. 245

Über die Aufführung eines Wiener Jubel-Marsches von Strauß ist in den damaligen Zeitungen nichts zu finden. Geht man davon aus, daß Strauß das Werk tatsächlich vor Publikum gespielt hat, dann hätte das am 16. August 1849 auf dem Wasserglacis veranstaltete „patriotische Fest“ eine gute Gelegenheit dazu abgegeben. Es galt der „Vorfeier des allerh. Geburtstages unsers vielgeliebten Kaisers Franz Joseph I.“ und stand unter dem von ihm für seine Regierungszeit gewählten Motto „Viribus unitis“ [mit vereinten Kräften]. Die Einnahmen aus dieser Veranstaltung kamen einmal mehr den Verwundeten der kaiserlichen Armee zugute.

[6] Wiener Stadt-Garde-Marsch, op. 246

Hinter dem Wiener Stadt-Garde-Marsch verbirgt sich ein Werk, das aus dem letzten Aufenthalt von Strauß in London datiert. Es handelt sich nämlich um den March of the Royal Horse Guards, den Strauß am 6. Juli 1849 in einem öffentlichen Konzert in den Knightsbridge Barracks erstmals zu Gehör brachte. Allerdings waren Marsch und Trio gegenüber der Wiener Version vertauscht, und in dieser Form wurde das Werk auch im August 1849 vom Londoner Verlag Cocks & Co. veröffentlicht. Ist die Titeländerung, die der Wiener Verleger Haslinger für seine erst im September 1850 erschienene Ausgabe vornahm, immerhin nachvollziehbar, so bleibt unklar, warum er die musikalische Abfolge des Werks veränderte bzw. ob diese nicht etwa noch von Strauß veranlasst worden wäre. In diesem Zusammenhang muss auch offen bleiben, ob Strauß den Marsch je in Österreich aufgeführt hat, und wenn ja, unter welchem Titel.

[7] Deutsche Jubellaute, Walzer, op. 247

Walzer unter dem Titel Deutsche Jubellaute sind zu Lebzeiten von Strauß nirgendwo erwähnt. Andererseits ist verbürgt, dass dieser bei einem „Carnevals-Volksfest mit Ball unter dem Titel: ,Californiens Goldminen in Wien‘“, das am 11. Februar 1849 im Sophienbad-Saal stattfand, eine Walzerpartie namens Die Brieftaube ankündigen ließ, die unter dieser Bezeichnung nie veröffentlicht wurde. Wenn nun die beiden genannten Werke identisch sind, dann wäre zu erklären, warum der Titel geändert wurde. Ein völlig anderer Lösungsansatz wäre, dass die in Frage stehende Walzerpartie mit der letzten Reise von Strauß zu tun hat, die ihn auf dem Weg nach London durch zahlreiche deutsche Städte führte. Strauß wurde in den deutschen Fürstentümern, die sich damals noch in revolutionärer Gärung befanden, als Reaktionär diffamiert und könnte versucht haben, dem vorherrschenden Streben nach einem deutschen Gesamtstaat durch ein Werk obigen Titels zu begegnen.

[8] Quadrille ohne Titel, op. 248

Die Bezeichnung Quadrille ohne Titel und die postume Veröffentlichung legen nahe, dass sich im Nachlass von Strauß ein solches Werk gefunden hat und der Verleger Haslinger, in Unkenntnis der Umstände der Entstehung und etwaigen ersten Aufführung desselben, sich für diese zwar fantasielose, aber immerhin ehrliche Lösung der Titelfrage entschieden hat. Das Werk weist anstelle der in Österreich gebräuchlichen sechs Touren nur fünf auf; es fehlt die standardmäßig an vierter Stelle stehende Tour Trénis. Diese Form der Quadrille ist typisch für die englische Spielart dieses Tanzes und könnte ein Indiz sein, dass das gegenständliche Werk 1849 während des letzten Aufenthalts von Strauß in London entstanden wäre. Allerdings ist in den zeitgenössischen englischen Berichten nirgendwo von einer zweiten neuen Quadrille neben der Almacks-Quadrille (s. o.) die Rede. Denkbar wäre immerhin auch, dass die Quadrille ohne Titel mit der am 4. Februar 1849 im Sophienbad-Saal uraufgeführten Quadrille Der Fasching ein Traum identisch ist. Für eine Komposition dieses Titels fehlt nämlich jeder Hinweis auf eine Veröffentlichung, was für ein Reifewerk von Strauß fraglos ungewöhnlich ist. Das Fehlen der vierten Tour wäre dann so zu erklären, dass Strauß selbige für den Gebrauch in London eliminiert hat und das Manuskript erst in dieser Form den Weg zum Verleger gefunden hat.

[9] Exeter-Polka, op. 249

Neben seinen Darbietungen in den Hanover Square Rooms und den Almack’s Assembly Rooms trat Strauß 1849 in London auch in zwei „Grand Vocal and Instrumental Concerts“ in der riesigen Exeter Hall im Stadtteil Strand auf. Die erste dieser beiden Veranstaltungen, bei der auch seine Exeter-Polka ihre Premiere hatte, fand am 14. Mai statt und war sehr gut besucht. Neben Strauß wirkten auch der unter dem Künstlernamen Giorgio Stigelli auftretende deutsche Tenor Georg Stiegele, der tschechische Pianist Wilhelm Kuhe und die erst kurze Zeit in der Stadt anwesende Sängerin Jetty Treffz aus Wien mit. Letztere hatte das Londoner Publikum schon zuvor mit der Wiedergabe von englischen Volksliedern, insbesondere Home, sweet home, begeistert. Gewiss kam es Strauß nicht in den Sinn, dass diese Frau einmal die Gattin seines ältesten Sohnes sein würde! Die Exeter-Polka wurde von Cocks & Co. noch im Monat der Uraufführung veröffentlicht, während Haslinger das Werk mit gewaltiger Verspätung, nämlich erst im Februar 1851, herausbrachte.

[10] Radetzky-Bankett-Marsch (Fragment)

Nachdem die Revolution in Wien und Prag niedergeschlagen und auch die abtrünnigen Italiener und Ungarn die Waffen gestreckt hatten, wurde von den neuen, alten Machthabern für die Feldherren der kaiserlichen Armee eine Reihe groß angelegter Siegesfeiern organisiert. Zu Ehren von Feldmarschall Radetzky, der den Abfall der Kronländer Lombardei und Venetien vom Habsburgerreich noch einmal verhindern konnte, veranstaltete der Gemeinderat der Stadt Wien am 22. September 1849 im Großen Redoutensaal der k. k. Hofburg ein Festbankett. Strauß war dazu ausersehen die Tafelmusik zu besorgen und bei dieser Gelegenheit eine von ihm verfasste Novität zu präsentieren. Doch Strauß erschien nicht und von der neuen Komposition lagen nur zwanzig voll und vier mangelhaft instrumentierte Takte vor und darüber hinaus einige skizzenhafte Andeutungen. Die Ursache für die nicht erfolgte Fertigstellung notierte der Verleger Carl Haslinger auf das Autograph: „Während der Instrumentation ist Vater Strauß vom Scharlach befallen worden und nach drei Tagen gestorben.“ Haslinger veröffentlichte eine Klavierfassung des Werks binnen zweier Monate unter der Bezeichnung Letzter Gedanke von Johann Strauß. Unvollendete Skizze des Radetzky-Bankett-Marsches.


Thomas Aigner


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